Freiwilligendienst : Im Slum auf Selbstsuche

Aus aller Welt reisen Freiwillige in arme Regionen, um dort zu helfen. Welche Erfahrungen machen sie? Und wer hilft eigentlich wem?

Waisenkinder betreuen, Schmetterlinge retten oder Bäume pflanzen: Freiwilligenarbeit im Ausland klingt nach selbstloser Hilfe. Man tut viel Gutes, gratis, voll engagiert und von ganzem Herzen. Das bescheidene Ziel: die Welt verbessern. Dafür und für das reine Gewissen hinterher reichen ein paar Wochen oder Monate in Afrika, Südostasien oder Südamerika, so sehen das viele.

Kaum ein Freiwilliger handelt aus purem Altruismus. Auch ich war nach dem Abi neugierig auf ein komplett anderes Leben. Also ging ich für ein freiwilliges soziales Jahr nach Afrika, nach Ruanda. Ich dachte, wirklich etwas bewirken zu können. Und ich hatte dabei auch meinen Lebenslauf im Kopf. Niemand geht nur deshalb ins Ausland, aber ich glaube, alle wissen, dass die Berufsaussichten dadurch nicht unbedingt schlechter werden.

Man meldet sich für ein Entwicklungsprojekt, weil man etwas für sich tun möchte: Es geht darum, möglichst beeindruckende Erlebnisse zu sammeln. Und natürlich möchte man auch helfen. Aber wer glaubt, er könne Gutes tun, vor Ort etwas verändern und so die Welt verbessern, betrügt sich selbst.

Unzählige Organisationen auf der ganzen Welt bieten Projekte in Entwicklungsländern an. Wie viele es sind, kann niemand genau sagen. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Beliebt ist vor allem die Arbeit mit Kindern. »Du magst Kinder? Dann engagiere dich in einem Waisenhaus oder einer Kindertagesstätte und zaubere den süßen Kids ein Lächeln ins Gesicht!«, schreibt der deutsche Reiseveranstalter Praktikawelten auf seiner Website. Wer drei Wochen in einem Waisenhaus in Argentinien arbeitet, zahlt 890 Euro, die Kosten für Flug, Verpflegung und Versicherungen nicht mitgerechnet. Aber immerhin verspricht der Veranstalter »100 Prozent Spaßgarantie«.

Laut der Zeitschrift Kulturaustausch sollen es im vergangenen Jahr etwa zehn Millionen Menschen weltweit gewesen sein, die klassischen Urlaub mit freiwilliger Arbeit verbunden und dafür mehrere Milliarden Dollar gezahlt haben. Es gibt aber auch staatlich geförderte Freiwilligendienste, etwa von den deutschen Organisationen »weltwärts« und »kulturweit«. Sie sind für die Teilnehmer oft kostenlos und dauern in der Regel zwischen 6 und 24 Monate.

Natürlich ist es ein Unterschied, ob man ein Jahr in einem Projekt verbringt oder zwischen Strand und Bar noch eben ein paar Kinderlieder singt. Doch der Grundgedanke ist überall der gleiche: Tu was Gutes und hab Spaß dabei! Aber was tut man eigentlich, und was ist daran gut? Hilft man tatsächlich den Menschen vor Ort oder dem Land?

Eher nicht. Man könnte auch sagen, dass viele Freiwillige wie die neuen Kolonialherren auftreten. So ähnlich sehen das manche Kritiker, wie etwa die Organisation Voluntary Service Overseas (VSO). Wir helfen jetzt mal den armen Wilden, so lässt sich die Haltung vieler volunteers und die von einigen Projektveranstaltern nämlich auch interpretieren.

Das klingt hart, doch schaut man sich den orphan tourism an, kann einem ebenfalls sehr schnell unwohl werden: Reiche Westler wollen unvergessliche Urlaubserlebnisse, also pflegen sie Waisenkinder in Entwicklungsländern. Damit die in Massen anreisenden Feriengäste auch auf ihre Kosten kommen, braucht es eine Menge Kinder ohne Eltern. Während laut Unicef die Zahl der Waisen in Kambodscha zwischen 2005 und 2010 sank, stieg die Zahl der Waisenhäuser um 75 Prozent – und etliche Kinder in den Häusern hätten noch Angehörige. Viele voluntourists wollen Menschen helfen, denen es wirklich schlecht geht. Besonders begehrt ist deshalb die Arbeit mit Aids-Waisen: keine Eltern und auch noch schwer krank. Freiwillige schreiben im Internet von »erfüllenden Erlebnissen« und zahlen bereitwillig Tausende Dollar. Spenden an Waisenhäuser unterstützen aber auch ein System, das Familien auseinanderreiße, heißt es bei Unicef, das werde dabei nicht bedacht.

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Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Nicht Mutter Theresa, aber dennoch sinnvoll

Vielen Dank für diesen Kommentar. Es ist immer interessant über dieses Thema zu lesen.
Leider kann ich aus eigener Erfahrung einige der hier geäußerten Bedenken - vor allem zum Thema Kinderbespaßung in Waisenhäusern - bestätigen. Ich habe selbst damals meinen Zivildienst in Tansania geleistet. Dort habe ich für einen Sansibarischen Verein gearbeitet, zusammen mit einheimischen Kollegen, mit denen ich nach kurzer Eingewöhnung auch Kiswahili gesprochen habe. Mit der Sprachbarriere nahm auch das Gefühl ab immer nur der "Mzungu" zu sein. (übrigens: ein Mzungu, viele Wazungu; vielleicht unterscheidet sich das Rwanda-Kiswahili in diesem Punkt vom Standard-Kisahili)
Nach einem ganzen Jahr vor Ort (359 Tage), hatte ich persönlich insgesamt das Gefühl durchaus etwas sinnvolles getan zu haben: ich habe dabei geholfen in Dörfern wo es vorher keinen Strom gab, den Zugang zu Ebendiesem zu ermöglichen. Natürlich war die Arbeit nicht immer von Erfolg gekrönt und manchmal hatte ich auch Momente in denen ich den gesamten Freiwilligendienst hinterfragt habe. Dennoch würde ich ein positiveres Fazit als der Autor ziehen. Natürlich sind viele sog. Freiwillige (ich verstand mich immer Dienstpflichtiger) nicht wie Mutter Theresa, das erwartet aber auch niemand. Dennoch ist es sinnvoll wenn einige Menschen wenigstens einiges richtig machen. Es muss nicht immer alles Perfekt sein, das wäre auch generell unmöglich.
Mit freundlichen Grüßen,
Julian Fitz
Zanzibar Solar Energy Association 2008-2009

Man muss differenzieren

Auch wenn es im Artikel im Ansatz erkennbar ist: man muss mehr differenzieren. Auch ich (ein Jahr weltwärts in Ghana mit dem Roten Kreuz) habe die Schwärme von Kurzzeitvolontären erlebt, die für zwei Wochen bis drei Monate hereinschneien, sich Rastas pflechten lassen und mit bunten Hosen und tausend Fotos wieder nach Hause düsen. Es geht aber auch anders.

Ich habe als Freiwilliger an einer lokalen Schule ICT unterrichtet. Ich war der einzige und erste Freiwillige, war ins Kollegium eingebunden und habe daher gelernt, wie es an der Schule läuft, man hat von mir (im Gegensatz zu anderen Freiwilligen in anderen Projekten) nie Geld oder Spenden gefordert. Die Schule hatte drei Computer (bei Klassen von 50 Schülern) und mit der Hilfe der Lehrer und Spenden aus Deutschland haben wir den Computerraum renoviert, mehr Computer angeschafft, ein Netzwerk aufgebaut ... Da mich auch das nicht vollständig auslastete habe ich mich noch in einer lokalen NGO engagiert, die Waisen in ihren eigenen Familien (bei Verwandten) hilft und Waisenhäuser ablehnt.

Natürlich habe ich die Welt nicht im großen Stil verändert, aber die Schule steht heute besser da als vorher, die Lehrer haben etwas über meine Sichtweisen gelernt, ich etwas über ihre.

Statt in bewachten Häusern (wie beim ehem. DED oft üblich) haben wir vom DRK in ghanaischen Familien gelebt und damit ein deutlich besseres Verständnis vom Alltag gewonnen. Das hat nicht nur uns geholfen, sondern auch unsere Arbeit deutlich erleichtert.

Man muss es so machen wie die Amerikaner

Man muss es eben so machen wie die Amerikaner mit ihrem IdEA ( International diaspora Engagement Alliance ).

Wenn man gute Ergebnisse erzielen will, dann muss man den grössten Geldgeber ansprechen bei

* Katastrophenhilfe
* Kapitalmobilisierung & Mikrokrediten
* Bildungsinvestition
* Technologietransfer
* Infrastruktur
* Handel ( Aid for Trade )

Source: http://diasporaalliance.org/

Die Betonung auf den Nexus Migration und Entwicklungszusammenarbeit ist das neue Mantra der internationalen Finanzinstitutionen - allem voran die Weltbank.

Im Übrigen glaube ich nicht, dass jemals jemand vor hatte mit Freiwilligen, etwas anderes als Bewusstseinsveränderung zu erreichen. Wir leben in einer globalen Netzwerkgesellschaft. In der Gesellschaft ist das nicht angekommen.

meine Erfahrungen

Ich war auch mal für 3 Monate in Subsahara-Afrika, allerdings mit dem Ziel, Französisch zu sprechen und eine fremde Kultur kennenzulernen. Auf dem Vorbereitungsseminar kristallisierte sich folgende Motivation bei den meisten anderen Teilnehmern heraus:

- den Einheimischen helfen (was letztlich Unmündigkeit und Hilfsbedürftigkeit gegenüber einer handvoll ausländischer 19-jähriger ohne Berufserfahrung impliziert)
- sich als "intellektuelle Elite" fühlen und anders sein als die anderen (die alle materialistisch, oberflächlich und egoistisch sind)
- Klischees vom "guten Wilden", der noch total glücklich und unverdorben ist, während die Deutschen ja ständig so schlecht drauf sind, obwohl sie alles haben (ich fragte mich dann, ob sie also ins Ausland fahren, um die Einheimischen unglücklich zu machen)
- endlich mal allen zeigen, dass man kein verzogenes Gör reicher Eltern ist (die den Trip in der Regel bezahlen), weil man auch mal 3 Monate ohne Badezusatz leben kann

Was soll ein Abiturient ohne Kultur- Sprach- oder handwerklich-technische Kenntnisse schon erreichen können? Letztlich fütterten wir alle nur eine Industrie (vielleicht noch das einzig gute daran!) und ersetzten in einigen Fällen sogar reguläre, qualifizierte Beschäftigte (z.B. Lehrer oder Erzieher).