FreiwilligendienstIm Slum auf Selbstsuche

Aus aller Welt reisen Freiwillige in arme Regionen, um dort zu helfen. Welche Erfahrungen machen sie? Und wer hilft eigentlich wem? von Simon Hurtz

Waisenkinder betreuen, Schmetterlinge retten oder Bäume pflanzen: Freiwilligenarbeit im Ausland klingt nach selbstloser Hilfe. Man tut viel Gutes, gratis, voll engagiert und von ganzem Herzen. Das bescheidene Ziel: die Welt verbessern. Dafür und für das reine Gewissen hinterher reichen ein paar Wochen oder Monate in Afrika, Südostasien oder Südamerika, so sehen das viele.

Kaum ein Freiwilliger handelt aus purem Altruismus. Auch ich war nach dem Abi neugierig auf ein komplett anderes Leben. Also ging ich für ein freiwilliges soziales Jahr nach Afrika, nach Ruanda. Ich dachte, wirklich etwas bewirken zu können. Und ich hatte dabei auch meinen Lebenslauf im Kopf. Niemand geht nur deshalb ins Ausland, aber ich glaube, alle wissen, dass die Berufsaussichten dadurch nicht unbedingt schlechter werden.

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Man meldet sich für ein Entwicklungsprojekt, weil man etwas für sich tun möchte: Es geht darum, möglichst beeindruckende Erlebnisse zu sammeln. Und natürlich möchte man auch helfen. Aber wer glaubt, er könne Gutes tun, vor Ort etwas verändern und so die Welt verbessern, betrügt sich selbst.

Unzählige Organisationen auf der ganzen Welt bieten Projekte in Entwicklungsländern an. Wie viele es sind, kann niemand genau sagen. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Beliebt ist vor allem die Arbeit mit Kindern. »Du magst Kinder? Dann engagiere dich in einem Waisenhaus oder einer Kindertagesstätte und zaubere den süßen Kids ein Lächeln ins Gesicht!«, schreibt der deutsche Reiseveranstalter Praktikawelten auf seiner Website. Wer drei Wochen in einem Waisenhaus in Argentinien arbeitet, zahlt 890 Euro, die Kosten für Flug, Verpflegung und Versicherungen nicht mitgerechnet. Aber immerhin verspricht der Veranstalter »100 Prozent Spaßgarantie«.

Laut der Zeitschrift Kulturaustausch sollen es im vergangenen Jahr etwa zehn Millionen Menschen weltweit gewesen sein, die klassischen Urlaub mit freiwilliger Arbeit verbunden und dafür mehrere Milliarden Dollar gezahlt haben. Es gibt aber auch staatlich geförderte Freiwilligendienste, etwa von den deutschen Organisationen »weltwärts« und »kulturweit«. Sie sind für die Teilnehmer oft kostenlos und dauern in der Regel zwischen 6 und 24 Monate.

Natürlich ist es ein Unterschied, ob man ein Jahr in einem Projekt verbringt oder zwischen Strand und Bar noch eben ein paar Kinderlieder singt. Doch der Grundgedanke ist überall der gleiche: Tu was Gutes und hab Spaß dabei! Aber was tut man eigentlich, und was ist daran gut? Hilft man tatsächlich den Menschen vor Ort oder dem Land?

Eher nicht. Man könnte auch sagen, dass viele Freiwillige wie die neuen Kolonialherren auftreten. So ähnlich sehen das manche Kritiker, wie etwa die Organisation Voluntary Service Overseas (VSO). Wir helfen jetzt mal den armen Wilden, so lässt sich die Haltung vieler volunteers und die von einigen Projektveranstaltern nämlich auch interpretieren.

Das klingt hart, doch schaut man sich den orphan tourism an, kann einem ebenfalls sehr schnell unwohl werden: Reiche Westler wollen unvergessliche Urlaubserlebnisse, also pflegen sie Waisenkinder in Entwicklungsländern. Damit die in Massen anreisenden Feriengäste auch auf ihre Kosten kommen, braucht es eine Menge Kinder ohne Eltern. Während laut Unicef die Zahl der Waisen in Kambodscha zwischen 2005 und 2010 sank, stieg die Zahl der Waisenhäuser um 75 Prozent – und etliche Kinder in den Häusern hätten noch Angehörige. Viele voluntourists wollen Menschen helfen, denen es wirklich schlecht geht. Besonders begehrt ist deshalb die Arbeit mit Aids-Waisen: keine Eltern und auch noch schwer krank. Freiwillige schreiben im Internet von »erfüllenden Erlebnissen« und zahlen bereitwillig Tausende Dollar. Spenden an Waisenhäuser unterstützen aber auch ein System, das Familien auseinanderreiße, heißt es bei Unicef, das werde dabei nicht bedacht.

Leserkommentare
    • Ben92
    • 04. August 2012 16:49 Uhr

    ...In einigen Projekten sitzen Freiwillige bestimmt nur rum, langweilen sich und glänzen eigentlich nur auf den eindruckschindenen Bildern mit armen schwarzen Kindern. Aber es gibt auch solche Projekte, in denen Freiwillige unersetzbar sind. In unserem Kinderdorf durften wir für ein Jahr ein Lachen auf die Gesichter der Kinder zaubern. Aus Mangel an Geld und Personal hätte es dieses Lachen sonst nicht gegeben. Für ein Jahr waren wir echte Mitarbeiter und ein Teil in der Kinderdorffamilie. Ein solcher Freiwilligendienst erfüllt seinen Sinn vollkommen und bedarf keiner weiteren Debatten. Es liegt an den Versendeorganisationen zu garantieren, dass alle Freiwilligen als echte Hilfen für mindestens ein Jahr in ihre Projekte verschickt werden.

  1. Liebe Nahla,

    du hast recht: Ich war selbst nur ein knappes Vierteljahr in Ruanda - das reicht natürlich nicht, um auf dieser Grundlage ein Urteil über den Sinn und Unsinn von Freiwilligenarbeit abgeben zu können.

    Aber das mache ich in meinem Text auch nicht. Die allgemein gehaltenen Passagen stützen sich nicht auf meine persönlichen Erfahrungen. Dafür habe ich mit mehreren (insgesamt sechs) Freiwilligen gesprochen, die ein komplettes Jahr in ihren jeweiligen Gastländern verbracht haben. Außerdem habe ich Entsendeorganisationen nach ihren Erfahrungen gefragt und versucht, die unterschiedlichen Stimmen zusammenzufassen.

    Rein subjektiv sind lediglich der zweite und der vorletzte Absatz. Dort schreibe ich über meine persönliche Motivation und mein persönliches Fazit. Ich denke, dass Freiwilligenarbeit durchaus sinnvoll sein kann. Nur glaube ich, dass die Motivation "Gutes tun" in dem meisten Fällen eine Illusion ist.

    Natürlich gibt es Fälle, in denen die Freiwilligen den Menschen vor Ort tatsächlich helfen. Aber soweit ich das beurteilen kann, sind das Ausnahmen. Trotzdem können beide Seiten von einem Freiwilligendienst profitieren. Vorurteile abbauen, Stereotype beerdigen, die jeweils andere Kultur kennenlernen - das ist ja auch jede Menge wert.

  2. Ich hätte mir gewünscht, in meinem Artikel noch deutlicher zwischen dem äußerst fragwürdigen "Freiwilligentourismus" (wie er vor allem in angelsächsischen Ländern boomt) und Projekten wie "weltwärts" differenzieren zu können. Denn selbstverständlich ist es ein großer Unterschied, ob ich zwei Monate betreuten Erlebnisurlaub in einem Waisenhaus verbringe oder ein Jahr in einem Land verbringe. Leider hat dafür der Platz in der Printausgabe nicht mehr gereicht. Deshalb sind einige Sätze vielleicht missverständlich.

    Ansonsten schließe ich mich dem Kommentar von Ben92 an. Ich finde es völlig legitim, dass auch egoistische Motive eine Rolle spielen. Und ja, es gibt Projekte, in denen die Freiwilligen vor Ort etwas bewirken. Aber wie schon gesagt: Ich glaube, dass das eher Ausnahmen sind.

    An alle: Danke für euer Feedback. Es freut mich, wenn der Text einigen von euch gefällt. Ich möchte jungen Menschen nicht davon abraten, einen Freiwilligendienst im Ausland zu machen, ganz im Gegenteil. Nur halte ich es für sinnvoll, sich bereits vorab von einigen Illusionen zu verabschieden.

    Eine Leserempfehlung
  3. Guter Ansatz, aber leider, wie all zu oft, zu undifferenziert geschrieben. Und ich verstehe es nicht, warum es automatisch schlecht sein soll wenn man auch seinen persönlichen Nutzen davon hat. Ich glaube man sollte auch viel mehr darauf eingehen,dass durch den Austausch sehr oft Stereotypen verschwinden, die Menschen vor Ort viel von der deutschen/westlichen Kultur lernen sowie umgekehrt und so auch allgemein ein anderes Bild von Deutschland entsteht als nur immer Hitler, Nazis und dergleichen von Einheimischen zu hören. Zudem muss ich sagen habe ich kaum schlechtes von Einheimischen gehört im Bezug auf die Freiwilligen Arbeit, sondern sehr oft dass sie es sehr bewundernswertes finden.

    • Liwona
    • 06. August 2012 20:08 Uhr

    oder Gutes tun will, muss nicht unbedingt nach Ruanda oder Indien. Auch in Deutschland gibt es mehr als genug Vereine und Organisationen, die dringend freiwillige Helfer brauchen.

    Aber es klingt halt cooler, wenn man 3 Monate in einem Land war, von denen die meisten nicht mal was im Fernsehen gehört haben. Das sind dann tatsächlich Selbstfindungstrips und haben weniger mit Helfen, mehr mit Erweiterung des eigenen Horizontes zu tun. Was ja auch nicht schlecht ist, wie im Artikel angesprochen (Ankurbelung der Wirtschaft, Völkerverständigung ...) Nur dann bitte nicht als Weltenretter aufspielen, davon kenne ich auch genug.

    Und sogenannte Reiseveranstalter, die zur Unterkunft und Flug noch extra Geld verlangen, so eine Art Zwangsspende - davon halte ich auch nicht viel. Wer weiß denn schon, wie viel davon tatsächlich da ankommt, wo es hinsoll?

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