Fast jeder macht es, und fast keiner wird dabei erwischt: Eine neue Studie zeigt, wie an der Uni geschummelt, gespickt und kopiert wird – und warum es so schwer ist, das zu ändern.

Die letzte Hausarbeit, die Lisa*, 29, in ihrem Politikstudium abgab, hatte sie nicht mal gelesen – geschweige denn selbst geschrieben. Statt tagelang Literatur zu wälzen und an ihren Thesen zu feilen, hat Lisa ihren Laptop aufgeklappt, eine Internetseite aufgerufen und dort eine fertige Hausarbeit heruntergeladen. In der ging es zwar nicht, wie vorher mit ihrer Dozentin besprochen, um die deutsch-irischen, sondern stattdessen um die deutsch-britischen Beziehungen, aber egal: dicht genug.

"Ich war spät dran", sagt Lisa, "und es war klar, dass meine Dozentin die Arbeit nicht lesen würde. Jeder, der etwas bei ihr abgab, bekam am nächsten Tag eine 1,0. Ich dachte: easy!" In der Straßenbahn blätterte Lisa im Ausdruck. Und entdeckte, dass die Arbeit schon vor der Einführung des Euro geschrieben und damit hoffnungslos veraltet war. Abgegeben hat Lisa sie trotzdem. "Aber ich habe mich nicht getraut, am nächsten Tag nach dem Ergebnis zu fragen", sagt sie. "Es wäre zu peinlich gewesen, wenn ich erwischt worden wäre."

Heute studiert Lisa ein anderes Fach. Gerade wurde sie in einer Klausur beim Abschreiben erwischt, weil der Seminarordner auf ihrem Schoß etwas zu laut raschelte. "Ich wurde verwarnt und stehe jetzt auf einer schwarzen Liste", sagt Lisa. Bei der nächsten Klausur muss sie in der ersten Reihe sitzen, das ist ihre Strafe.

Gehört das Schummeln zum Studium dazu? Diese Frage lässt sich jetzt zum ersten Mal beantworten. Drei Jahre lang haben Bielefelder Soziologen im Auftrag des Bundesbildungsministeriums erforscht, wie ehrlich an Unis in Deutschland studiert wird. Für die Fairuse- Studie haben sie mehrere Tausend Studenten anonym befragt: Haben Sie im letzten halben Jahr bewusst fremde Gedanken oder Textstellen als die eigenen ausgegeben? Wurden Sie erwischt? Die Wissenschaftler fragten nicht nur nach Plagiaten, sondern auch nach spicken, abschreiben und danach, wie oft bei Experimenten die Messergebnisse gefälscht wurden.

ZEIT CAMPUS hat die wichtigsten Zahlen vorab bekommen. Sie zeigen: Das Schummeln gehört an der Uni zum Alltag. Wer ganz brav studiert, ist in der Minderheit. Vier von fünf Befragten haben sich im Laufe eines Semesters zumindest eine Kleinigkeit zuschulden kommen lassen. Nicht gleich wie Lisa eine ganze Hausarbeit übernommen, aber doch gegen die Prüfungsordnung verstoßen. Die Hausarbeit aus dem Internet ist jedoch auch kein Einzelfall: Fast jeder fünfte der Befragten hat innerhalb eines Semesters mindestens einmal bewusst eine Arbeit abgegeben, die teilweise oder vollständig von anderen geschrieben worden war. Entdeckt wird fast niemand: Die Bielefelder Studie zeigt, dass 94 Prozent derjenigen, die ein Plagiat abgeben, nicht erwischt werden. Und rechtliche Konsequenzen gibt es ohnehin fast nie.

Etwas zu erschaffen, das noch nie da war, ist nahezu unmöglich. Deshalb ist es in meinem Studium ganz normal, dass man Vorbilder sucht und sich an einem bestimmten Stil orientiert. Ich schaue bei jeder neuen Aufgabe, was es zu dem Thema schon gab und was ich aufgreifen kann. Bestehendes nachzuarbeiten ist Teil des Lernprozesses.
Annika*, 24, Grafikdesign

Darf man das? Ist ein bisschen Schummeln in Ordnung? Oder ist jeder Spickzettel knallharter Betrug? Darüber wird angesichts dieser Studie wohl wieder gestritten werden. Aber anders als während der Guttenberg-Debatte und der Aufregung um weitere Promiplagiate gibt es diesmal detaillierte Zahlen darüber, wie es wirklich an den Unis aussieht. Zahlen, die Anlass geben, nach den Ursachen für das Schummeln zu fragen – Zahlen, mit denen sich einige gängige Behauptungen überprüfen lassen: Copy and Paste ist der neue Zeitgeist! In Karrierefächern wird am meisten geschummelt! Ein Plagiat kann jedem passieren! – Stimmt das wirklich?