Entlassung : Die wahren Kündigungsgründe werden selten genannt

Wie wird man einen unfähigen Mitarbeiter los? Man muss Gründe suchen! Im Notfall tut es ein geklauter Bleistift. Jens Jessen schreibt über erfundene Kündigungsgründe.

Wegen mangelnder Tüchtigkeit ist noch niemand entlassen worden; es sei denn in der Probezeit. Wie sollte der Arbeitgeber auch Untüchtigkeit nachweisen?

Es müsste sich schon herausstellen, dass der Betriebswirt nicht rechnen oder der Jurist weder lesen noch schreiben kann. Aber selbst dann ließe sich vor Gericht argumentieren, dass der Jurist seine Schriftsätze schließlich auch diktieren und die Gesetzeskommentare als MP3-Datei anhören könne.

Offizielle Kündigungsgründe sind darum niemals die wahren.

Um einen unfähigen Mitarbeiter loszuwerden, muss der Arbeitgeber behaupten, er habe Bleistifte gestohlen oder irgendetwas anderes angestellt, was in Wahrheit niemanden stört, aber sich vor Gericht verwenden lässt.

Jens Jessen

Jens Jessen ist Feuilletonchef bei der ZEIT. Für ZEIT CAMPUS schreibt er über die Phänome der Arbeitswelt.

Nur selten sind diese Verfehlungen ein zwingendes Entlassungsmotiv – wie etwa Parteienverrat in einer Anwaltskanzlei. Nehmen wir einmal an, die Kanzlei lebt heimlich davon, dass sie immer beide Seiten berät, und ein frisch eingestellter Kollege empört sich darüber – wie wird man den Störenfried los?

Das Recht ist auf seiner Seite, untüchtig wird man ihn auch nicht nennen dürfen, also hilft nur, ihm Bleistiftdiebstahl zu unterstellen. Kündigungen, kurzum, sind oft ungerecht, aber manchmal auch ehrenvoll.

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