Wenn Luna sich jeden Mittwoch mit Freunden auf einen Tee auf dem Campus trifft, spricht sie nicht über Klausurstress oder Alltagskrisen in der WG, sondern über Sex und Schmerz, Unterwerfung und Dominanz. Luna, 22, studiert Volkswirtschaftslehre – und ist Sadomasochistin. Sie leitet das SM-Café an der Universität Hamburg. In einem Raum gegenüber dem Audimax sitzt sie an einem Couchtisch, auf dem sich Mensatabletts stapeln, Astra und Club Mate gibt es gegen Vertrauenskasse, selbst das obligatorische Che-Guevara-Poster hängt an der Wand – hier allerdings zeigt es den Revolutionär als Dragqueen, mit Lidschatten und Lippenstift. »Eine revolutionäre Sexualität ist nötig«, steht darunter.

Bis zu zwölf Gäste empfängt Luna jede Woche. »Unerfahrene und Neugierige sind ausdrücklich willkommen«, sagt sie. »Wenn jemand überfordert ist, helfen wir gerne weiter.« Wie viele Sadomasochisten es gibt, weiß niemand so genau. Schätzungen gehen von fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung aus. Markus Kempen vom Verein BDSM Berlin vergleicht ihre Situation mit der von Schwulen und Lesben – vereinzelt komme es noch zu Diskriminierung und Kündigungen.

In Hamburg wird das SM-Café vom Queer-Referat angeboten, einem von zehn Gremien des Allgemeinen Studierendenausschusses. Es ist aus dem Schwulenreferat hervorgegangen und beschreibt sich etwas umständlich als Angebot für alle Studenten, »die sich nicht innerhalb heteronormativer Strukturen bewegen wollen bzw. können«. Für sie betreibt das Queer-Referat eine Fachbibliothek, unterstützt eine Ringvorlesung zur Gendertheorie und bietet Rat und Hilfe an – seit vier Jahren auch im SM-Café. »Queer ist alles, was nicht heteronormativ ist«, erklärt Luna. »Und heteronormativ ist Blümchensex zwischen einem Mann und einer Frau, die am besten noch zwei Kinder und einen Golden Retriever haben.« Ob die Gäste ihres Cafés homo- oder heterosexuell sind, spiele keine Rolle, sagt Luna: »Im SM werden solche Grenzen aufgehoben.«

Ihren bürgerlichen Namen will Luna nicht verraten, sie befürchtet Scherereien mit ihrer Krankenkasse. Dort sei »noch nicht ganz raus«, dass Sadomasochismus keine sexuelle Störung sei. Vielleicht sollten die Sachbearbeiter mittwochnachmittags mal bei ihr im Café vorbeischauen.