Offene Beziehung : Ich gehöre dir nicht

Pia und Julian sind ein Paar. Sex mit anderen ist für sie trotzdem okay. Szenen einer offenen Beziehung.

Pia*, 25, und Julian*, 25, lieben sich, aber treu sind sie sich nicht. Sex mit Fremden ist in ihrer Beziehung erlaubt. Ein bisschen in andere verliebt sein auch.

Mit ZEIT CAMPUS haben die beiden unabhängig voneinander über ihre offene Beziehung gesprochen – und von Eifersucht, Einsamkeit und One-Night-Stands erzählt.

Sie
Als das mit Julian und mir vor fast zwei Jahren anfing, wollte ich auf keinen Fall eine offene Beziehung. Wir haben uns beim Theaterspielen kennengelernt, irgendwann lief dann was. Julians Exfreundin hatte erst vor Kurzem mit ihm Schluss gemacht, deshalb wollte er nichts Festes. Wenn überhaupt, dann eine offene Beziehung. Aber das ging für mich gar nicht. Ich war mir ja nicht mal sicher, ob er mich wirklich mochte. Doch als Julian nach einem halben Jahr dann doch richtig mit mir zusammen sein wollte, hat sich was gedreht. Ich zweifelte: Will ich überhaupt eine monogame Beziehung? Ich bekam Lust, was anderes auszuprobieren.

Er
Ich würde mich nie auf ein Podium setzen und für offene Beziehungen werben. Aber ich habe mich total gefreut, als Pia unsere Beziehung auch öffnen wollte. Weil ich dadurch frei bin, anderen Frauen nah zu sein, ohne Pia zu betrügen. Die meisten Menschen haben doch heimliche Affären. Trotzdem habe ich erst mal vorgeschlagen, keinen Sex mit anderen zu haben. Sex ist halt noch mal intimer als Knutschen oder Fummeln. Aber an Karneval bin ich dann doch mit einem Mädel im Bett gelandet. Ich hatte ein ziemlich schlechtes Gewissen.

Sie
Ich war so wütend und verletzt. Nicht weil er mit ihr geschlafen hatte, sondern weil er die Abmachung gebrochen hat. Warum schlägt er etwas vor, wenn er sich nicht daran hält? Ich fand die Kein-Sex-Regel gut, weil ich nicht einschätzen konnte, was Sex emotional mit mir macht. Ich dachte, nachher verliebe ich mich sofort, wenn ich mit einem anderen schlafe. Irgendwann habe ich Julian verziehen, aber seitdem sind solche Regeln vom Tisch. Es ist komisch, eine künstliche Grenze zu ziehen, schließlich geht es bei einer offenen Beziehung ja auch um Sex.

Er
Ich bin neugierig auf andere Menschen, neugierig auf ihre Körper. Zum Beispiel Nadine*: Ich war auf einer Party, und auf einmal stand sie vor mir, total verschwitzt vom Tanzen. Wir haben stundenlang geflirtet und irgendwann heftig rumgemacht. Ein paar Tage später haben wir uns noch mal getroffen, erst ein bisschen Small Talk, dann sind wir im Bett gelandet. Sie ist richtig über mich hergefallen. Das hat mich total angemacht. Aber als ich am nächsten Morgen bei ihr aufgewacht bin, war alles ziemlich verkrampft. Wir haben kurz gefrühstückt und noch irgendwas geredet. Zum Abschied habe ich sie umarmt, aber eher so, als ob ich jemandem an der Uni Tschüss sage.

Sie
Julian sagt, er kann Sex und Gefühle trennen. Ich weiß das von mir nicht so genau. Vor ein paar Monaten fing das mit David* an. Ich kenne ihn aus meinem Auslandsstudium. Jetzt macht er einen Master in Deutschland. Als ich ihn hier wiedergetroffen habe, lag sofort wieder etwas in der Luft. David wollte dann für zehn Tage in den Urlaub fahren, und ich dachte: »Och, vielleicht komm ich einfach mit.« Ich habe Julian von meinem Plan erzählt, und er hat mich ermutigt mitzufahren. Als ich dann mit David unterwegs war, hatten wir natürlich was miteinander. In manchen Momenten habe ich mich richtig verliebt gefühlt. Danach war ich dann total verwirrt und habe mich gefragt, ob ich mich für David von Julian trennen würde. Mir wurde aber ziemlich schnell klar, dass mir meine Beziehung zu Julian wichtiger ist.

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Kommentare

209 Kommentare Seite 1 von 23 Kommentieren

Treue hat wohl mit Sex zu tun.

Untreue ist immer destruktiv, ob man sie nun dem Partner mitteilt oder nicht. Selbst wenn sie verschwiegen wird. Und es sind so gut wie immer die Männer, die es härter trifft, wenn sie betrogen werden, und für die das auch oft das Ende der Liebe ist. Das mag gesellschaftlich bedingt sein.
(In Tibet durfte eine Frau die Brüder ihres Mannes mitheiraten. Fremde -- das war Untreue.)
Ich glaube, Menschen, die meinen, sie könnten in solchen Verhältnissen wirklich glücklich sein, haben schon resigniert, was das Finden einer guten Partnerschaft betrifft. Und um eine solche finden zu können, muss man andere Maßstäbe anlegen als die optische Wahl. Ich bin ziemlich sicher, dass sich eine Menge Leute in die Tasche lügen, die behaupten, sie würden sich in einem Geflecht von "freien" Beziehungen wohlfühlen.

@76 - Können Sie sich noch an Ihre "Jugend" erinnern ?

Sie schreiben:
"Ich glaube, Menschen, die meinen, sie könnten in solchen Verhältnissen wirklich glücklich sein, haben schon resigniert, was das Finden einer guten Partnerschaft betrifft."

Ich habe so die Erinnerung (nicht nur die persönliche) dass dies der Beginn der sexuellen Selbsterfahrung ist.
Mithin hätte man, bevor man quasi anfängt, resigniert - das kann doch nicht Ihr Ernst sein ?

Die meisten Leute,

die ich unter den Polys kenne, wissen ganz gut, wie es ist, eine Beziehung mit der Option einer festen Partnerschaft zu beginnen. Der Wunsch nach Liebe ist doch oft noch vor der sexuellen Reife da, vor allem bei Mädchen. Wenn dann einige Male die Träume in Scherben liegen, dann kommt die Resignation und die Suche nach einfach nur Spaß ohne feste Bindung. Es ist doch ein wenig traurig, wenn man so illusionslos in die Promiskuität eintaucht, oder?

und wieder das gleiche vorurteil....

als sei eine offene beziehung eine schwächere bindung. falsch... sie ist einfach ehrlicher. monogame beziehungen gehen kaputt, weil es im bett nicht mehr klappt. das finde ich oberflächlich. familien gehen kaputt, weil die eltern keinen spass im bett mehr haben. das ist doch grässlich.
und es ist nicht resignation, die zu einer offenen beziehung führt, es ist befreiung.
ihre annahme ist grundfalsch.

Jeder wie er mag

Wenn sich zwei Menschen auf eine offene Beziehung einigen, ist das ihre Sache. Ich wünsche ihnen dafür viel Glück. Meine Sache ist das nicht und ich finde die hier geschilderte Beziehung auch in keinsterweise verlockend. An mehreren Stellen wird betont, wie die Beteiligten in einzelnen Situationen eifersüchtig sind, sich verletzt fühlen, an der Beziehung zweifeln. "Pia" drückt in ihrem vorletzten Abschnitt aus, dass die Offenheit der Beziehung auch Zeichen dafür sein kann, dass man sich nicht richtig auf die Beziehung einlässt. Wozu dann das ganze?

Wer eine offene Beziehung führen kann und sich trotzdem ganz auf den Partner einlassen kann, dem sei das vergönnt. In diesem und in vielen anderen Fällen scheint mir aber eine latente Unsicherheit und eine Überschätzung des Reizes, auch mal Sex mit anderen haben zu können, die tatsächlichen Gründe zu sein. Gerade so ein One-Night-Stand endet oft ja mit einem Kater, einem schlechten Gefühl und einer unangenehmen Situation am nächsten Morgen.

Da finde ich das klassische Beziehungsmodell doch wesentlich erfüllender. Auf einen oberflächlichen Reiz kann man auch mal verzichten.

Aber da tickt jeder Mensch sicher anders.