Professorenkolumne Warum Profs Extremsport treiben

Die Formel des Extremsports war immer schon: Aufgeben kommt nicht infrage. Beim wissenschaftlichen Arbeiten ist das nicht anders, meint Fritz Breithaupt.

Im Juli bin ich bei einer öffentlichen Etappe der Tour de France mitgefahren, 200 Kilometer durch die Pyrenäen. Viele meiner Kollegen machen sogar Extremsport. Gletscherklettern, Hanggliding, Triathlon. Unsere Studenten glauben, dass wir etwas kompensieren wollen.

Professor Fritz Breithaupt

 44, erklärt an dieser Stelle regelmäßig das Innenleben der Profs. Er lehrt an der Indiana University, USA

Dabei folgen wir nur den gleichen Mustern wie an der Uni. Die Formel des Extremsports war immer schon: Aufgeben kommt nicht infrage. Das ist auch die Formel des akademischen Betriebs: Gelobt sei, wem nicht die Puste ausgeht. Viele saßen, bevor sie Prof wurden, für Jahre als unterbezahlte Privatgelehrte auf der Ersatzbank. Jeder vernünftige Mensch hätte das Handtuch geschmissen. Nicht so der Professor.

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ZEIT Campus 5/2012

Die Eigenschaft, die einen zum Prof macht, ist der Unwille, aufzugeben. Wenn eine Labormaus in einem Labyrinth in eine Sackgasse gerät, dreht sie um. Stößt der Prof auf eine Wand, holt er Anlauf und rennt dagegen. Nicht einmal, sondern immer wieder. Wissenschaft entsteht, wenn die Wand umstürzt. Bleibt die Wand stehen, gibt es nur Kopfschmerzen. Beim Sport werden wir für diesen Hang zum Irrationalen belohnt: Anders als an der Uni dürfen wir für Schweiß und Leid umgehend mit Applaus von den Zuschauern rechnen.

 
Leser-Kommentare
  1. "Alle wollen die Professur und alle denken sie seien superspitzenklasse. Sind sie aber nicht."

    Als bekämen die besten die Professur. Diese Vorstellung ist hoffnungslos naiv, wie eigentlich jeder wissen sollte, der einmal ein Berufungsverfahren kritisch begleitet hat.

    "ist das wissenschaftliche Arbeiten ein Riesenspass, wesentlich selbstbestimmter, frei und der zeit"

    Frei? Naja, nach der Wahl des Doktorvaters kann die Promotion schnell zum Gefängnis werden. Denn wer in dieser Phase 'kündigt', begräbt de facto seine wissenschaftliche Karriere. Oder ist gezwungen, sich ein gänzlich anderes Gebiet zu suchen. Jeder, der mit dem Gedanken an eine wissenschaftliche Karriere spielt, sollte wissen, dass die Möglichkeit einer 'Kündigung' in diesem System nicht vorgesehen ist. Im Grunde verhält sich der Wissenschaftsbetrieb in dieser Hinsicht wie eine einzige riesige Firma. Aufgrund der Dimension kann nicht jeder jeden kennen. Aber innerhalb der Abteilungen kennt man sich sehr gut. Wer nicht nach den Regeln spielt und brav buckelt, wird aussortiert und kann die Wissenschaft an den Nagel hängen. Wissenschaft - das ist für mich ein System persönlicher Abhängigkeiten, vielleicht ebenso ausgeprägt wie in der Politik. Klingt das nicht so ziemlich wie die Antithese von Freiheit?

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