Jedes Mal, wenn Toshi Gogami seinen Professor besucht, muss er über einen Riss im Fußboden hüpfen, der sich einen halben Meter breit durch den Flur seiner Hochschule zieht und notdürftig mit Spanplatten abgedeckt ist. Vor knapp anderthalb Jahren hat sich dieser Spalt aufgetan: Das war am 11. März 2011, als in Japan die Erde bebte, anschließend im Atomkraftwerk von Fukushima die Brennstäbe schmolzen und drei Reaktorblöcke explodierten. Jeder Sprung über den Riss erinnert Toshi daran, dass die Zeiten sich geändert haben. Dass er, der bisher fast nur am Schreibtisch saß, jetzt im Rampenlicht steht. Dass er seine Arbeit rechtfertigen muss. »Früher hat sich niemand für Atomkraftwerke interessiert«, sagt Toshi. »Plötzlich fragen alle danach.«

Toshi, 27, ist Kernphysiker an der Tohoku-Universität in Sendai, eine Autostunde nördlich von Fukushima. Er ist einer jener Wissenschaftler, die sagen, dass es in Japan ohne Kernenergie nicht geht. Nicht im Sommer, wenn die Japaner mit Millionen von Klimaanlagen die Hitze aus ihren Häusern drängen. Nicht in Tokio, dieser Megacity mit ihren rund 35 Millionen Einwohnern, in der es nie dunkel wird und in der an jeder Straßenecke ein Kühlautomat für Getränke steht.

Wissenschaftler wie Toshi waren es, die vor weniger als hundert Jahren zum ersten Mal einen Atomkern spalteten und damit die Grundlage der Kernenergie schufen. Die Entdeckung war ein physikalisches Wunder, das seitdem die Menschheit entzweit. Die einen sehen darin eine saubere und niemals versiegende Energiequelle, die anderen eine zerstörerische Kraft: Super-GAU, Kontamination, Krebs. Die Japaner gehörten bislang fast alle zur ersten Fraktion. Sie glaubten an das Gute im Atomstrom. Die wenigen, die dagegen waren, hörte man nicht. Seit Fukushima, dem größten Atomunfall nach Tschernobyl, zieht sich ein Riss auch durch die japanische Gesellschaft. Die Atomgegner sind mehr geworden und ihre Stimmen lauter.

Hungerstreik gegen Atomkraft

Auch Shiori Sekiguchi, 19, will, dass man ihr jetzt zuhört. Sie hat Demonstrationen organisiert und war im Hungerstreik, zehn Tage saß sie, ohne etwas zu essen, auf dem Betonboden vor dem Wirtschaftsplanungsamt im Regierungsviertel. Ihr Studium der Kunstgeschichte hat sie unterbrochen, um sich ganz dem Kampf gegen die Atomkraft zu widmen. Der Riss, den Shiori überwinden muss, verläuft direkt durch ihre Familie. Ihr Vater wünscht sich einen guten Job für seine Tochter, ein solides Leben. In Japan ist Arbeit fast alles und Arbeitslosigkeit ein verbreiteter Suizidgrund. Shiori riskiert ihre Karriere für die Proteste, so sieht es der Vater. In der kleinen Wohnung, in der die beiden in Tokio leben, ist Shiori jetzt nur noch selten, nachts nimmt sie die letzte U-Bahn nach Hause. Ihre Eltern haben ihr nach der Geburt ein Konto eingerichtet, auf das sie jährlich etwas einzahlen. Das Geld ist für den Notfall gedacht. »Dieser Notfall ist jetzt«, sagt Shiori. Ihr Vater versteht auch das nicht.

Shiori hastet eine Straße entlang, vorbei an flachen Häusern, die fast alle aus Kunststoff sind, denn der ist flexibel und hält kleinen Erdbeben stand. Es ist ein warmer Tag, sie trägt Jeans und eine dünne Bluse, sie rennt, die Tasche unter den Arm geklemmt, und verschwindet in einem Hauseingang.

Drinnen, in einem kleinen Raum mit braunen Sitzkissen und Tatami-Matten, den Teppichen aus Reisstroh, die hier in fast jedem Wohnzimmer liegen, sitzen zehn oder zwölf Gleichaltrige auf dem Boden. Sie sind Studenten der Politik, Medizin, Agrarwissenschaft. Jeder hat einen Klebebandstreifen mit seinem Namen auf die Brust geklebt, in der Mitte stehen Chips und Limonade. Shiori und die anderen sind hier, um Fragen zu beantworten: Wie funktioniert ein Atomkraftwerk? Was ist Radioaktivität?