Studenten von früher : Ludwig Wittgenstein

Als Student fürchtet der Philosoph, das ewige Nachdenken könne ihn in den Wahnsinn treiben. Deshalb ist er ein Leben lang auf der Flucht vor der Uni.

Die Verteidigung einer Doktorarbeit an der Universität in Cambridge: »Das ist das Albernste, was mir je in meinem Leben vorgekommen ist«, sagt der Doktorand, noch bevor ihm die Professoren Bertrand Russell und George Edward Moore ihre ersten Fragen stellen können. Die Diskussion bleibt kurz und der Prüfling stur, viel hat er nicht zu sagen. Zum Abschluss klopft er den beiden Prüfern auf die Schulter und sagt: »Ich weiß, ihr werdet es nie verstehen.« Damit ist Ludwig Wittgenstein Doktor der Philosophie.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Ludwig Josef Johann Wittgenstein wird 1889 in Wien geboren. Sein Vater ist ein wohlhabender Großindustrieller, seine Mutter Musikerin. Ihr Anwesen, das Palais Wittgenstein, ist ein Zentrum des kulturellen Lebens in Wien. Der ältere Bruder Paul wird Pianist, die anderen Geschwister malen oder dichten, nur Ludwig, der Jüngste, gilt als untalentiert. Erst mit vier Jahren lernt er zu sprechen. Um seinem Vater zu gefallen, studiert er Maschinenbau, zunächst an der heutigen TU Berlin, dann in Manchester. Er forscht zur Aerodynamik, baut Drachen und Propeller. Dann liest er ein Buch, das sein Leben verändert: The Principles of Mathematics. Darin argumentiert der Philosoph Bertrand Russell, dass sich die gesamte Mathematik aus wenigen logischen Prinzipien ableiten lasse. Für Wittgenstein eröffnet das eine neue Welt.

Er reist zu der 250 Kilometer entfernten Universität in Cambridge und läuft geradewegs in Russells Vorlesung. Dieser notierte dazu im Jahr 1911: »Nach der Vorlesung kam ein hitziger Deutscher, um mit mir zu streiten.« Wittgenstein lässt nicht locker. »Er folgte mir und redete bis zum Abendessen«, schreibt Russell. Der »hitzige Deutsche« gibt den Maschinenbau auf und schreibt sich in Philosophie ein. Er arbeitet wie besessen. Wenn er nachts mit Problemen nicht weiterkommt, hämmert er beim Professor an die Wohnungstür. Seminardiskussionen reißt er an sich. Bei George E. Moore beschwert er sich, weil ihn dessen Vorlesungen nicht ausreichend fordern. Der Student hat kaum Freunde, Frauen interessieren ihn nicht, sein Lebensinhalt ist das Philosophieren.

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Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Philosophische Untersuchungen?

"Heute würde sich Wittgenstein wohl für Programmiersprachen interessieren – wegen ihrer logischen Präzision."

Ich glaube, genau das Gegenteil wäre der Fall: Wittgenstein wäre heute (wie auch in seiner späten Schaffensphase) ein sehr genauer Beobachter des alltäglichen, nicht zu formalisierenden Sprachgebrauchs. Wie man einen Übersichtsartikel zu Wittenstein schreiben und dabei die Zeit, in der das entstanden ist, was nach seinem Tod unter dem Titel "Philosophische Untersuchungen" veröffentlicht wurde, vollständig ausblenden kann, ist mir ein Rätsel. Der "Tractatus" war doch nicht das Ende seiner Überlegungen, sondern der Anfang.