Studenten von früherLudwig Wittgenstein

Als Student fürchtet der Philosoph, das ewige Nachdenken könne ihn in den Wahnsinn treiben. Deshalb ist er ein Leben lang auf der Flucht vor der Uni. von Jan Greve

Die Verteidigung einer Doktorarbeit an der Universität in Cambridge: »Das ist das Albernste, was mir je in meinem Leben vorgekommen ist«, sagt der Doktorand, noch bevor ihm die Professoren Bertrand Russell und George Edward Moore ihre ersten Fragen stellen können. Die Diskussion bleibt kurz und der Prüfling stur, viel hat er nicht zu sagen. Zum Abschluss klopft er den beiden Prüfern auf die Schulter und sagt: »Ich weiß, ihr werdet es nie verstehen.« Damit ist Ludwig Wittgenstein Doktor der Philosophie.

ZEIT Campus 6/2012
ZEIT Campus 6/2012

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Ludwig Josef Johann Wittgenstein wird 1889 in Wien geboren. Sein Vater ist ein wohlhabender Großindustrieller, seine Mutter Musikerin. Ihr Anwesen, das Palais Wittgenstein, ist ein Zentrum des kulturellen Lebens in Wien. Der ältere Bruder Paul wird Pianist, die anderen Geschwister malen oder dichten, nur Ludwig, der Jüngste, gilt als untalentiert. Erst mit vier Jahren lernt er zu sprechen. Um seinem Vater zu gefallen, studiert er Maschinenbau, zunächst an der heutigen TU Berlin, dann in Manchester. Er forscht zur Aerodynamik, baut Drachen und Propeller. Dann liest er ein Buch, das sein Leben verändert: The Principles of Mathematics. Darin argumentiert der Philosoph Bertrand Russell, dass sich die gesamte Mathematik aus wenigen logischen Prinzipien ableiten lasse. Für Wittgenstein eröffnet das eine neue Welt.

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Er reist zu der 250 Kilometer entfernten Universität in Cambridge und läuft geradewegs in Russells Vorlesung. Dieser notierte dazu im Jahr 1911: »Nach der Vorlesung kam ein hitziger Deutscher, um mit mir zu streiten.« Wittgenstein lässt nicht locker. »Er folgte mir und redete bis zum Abendessen«, schreibt Russell. Der »hitzige Deutsche« gibt den Maschinenbau auf und schreibt sich in Philosophie ein. Er arbeitet wie besessen. Wenn er nachts mit Problemen nicht weiterkommt, hämmert er beim Professor an die Wohnungstür. Seminardiskussionen reißt er an sich. Bei George E. Moore beschwert er sich, weil ihn dessen Vorlesungen nicht ausreichend fordern. Der Student hat kaum Freunde, Frauen interessieren ihn nicht, sein Lebensinhalt ist das Philosophieren.

Der Steckbrief

Lebenszeit:
1889 bis 1951

Studium:
Maschinenbau und Philosophie

Besondere Vorkommnisse:
verschenkt sein Vermögen, unter anderem an Rainer Maria Rilke

Wichtigste Ehrung:
der bedeutendste Forscherpreis Österreichs trägt seit 1996 den Namen Ludwig Wittgensteins

Leserkommentare
    • ralvear
    • 17. November 2012 13:26 Uhr

    »Ich weiß, ihr werdet es nie verstehen.« Geil! jajaja

  1. "Er reist zu der 250 Kilometer entfernten Universität in Cambridge"

    "Er reist nach Cambridge" hätte auch genügt.

  2. aber die ZEIT setzt die deutsche Tradition der Gottlob-Frege-Verdrängung fort: zu dessen Vorlesung war Wittgenstein nach Jena gepilgert und hatte dieser als der dritte Zuhörer (neben einem pensionierten Offizier und einem weiteren Kommilitonen, dessen Spur sich verloren hat)gelauscht.
    Frege, der eigentliche Begründer der analytischen Philosophie (sagt zumindest Russell!) wurde von seiner Universität nicht verstanden - der damalige Kurator erwarb sich Weltruhm durch einen Brief, in dem er explicit einen Vorschlag zur Ehrung Freges aus Anlass von dessen 50jährigem Jubiläum zurückwies, da dessen Arbeiten "irrelevant" seien

    2 Leserempfehlungen
    • guntha
    • 17. November 2012 14:58 Uhr

    "Heute würde sich Wittgenstein wohl für Programmiersprachen interessieren – wegen ihrer logischen Präzision."

    Ich glaube, genau das Gegenteil wäre der Fall: Wittgenstein wäre heute (wie auch in seiner späten Schaffensphase) ein sehr genauer Beobachter des alltäglichen, nicht zu formalisierenden Sprachgebrauchs. Wie man einen Übersichtsartikel zu Wittenstein schreiben und dabei die Zeit, in der das entstanden ist, was nach seinem Tod unter dem Titel "Philosophische Untersuchungen" veröffentlicht wurde, vollständig ausblenden kann, ist mir ein Rätsel. Der "Tractatus" war doch nicht das Ende seiner Überlegungen, sondern der Anfang.

  3. Ich weiss ja nicht, was die Campus Redaktion sich bei diesem "Steckbrief" denkt, bzw. was Ihnen der Nutzen davon erscheint.

    Da Wittgensteins Leben doch wirklich relativ interessant und facettenreich sind erscheint mir der Steckbrief relativ verloren und geistlos mit seinen Punkten und "besonderen" Ereignissen, wie er da verloren in der Mitte des Texts eingeschoben ist.

    Vielleicht kann man sowas mal ueberdenken, ob er wirklich von Noeten ist, da die Leute ja doch noch lesen koennten (und sollten).

    Gruesse

  4. 6. [...]

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Danke, die Redaktion/au.

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