Kreativität"Chaos aushalten"

Die Psychotherapeutin Meike Parussel hilft Menschen, die ihre Kreativität verloren haben. Im Interview erklärt sie, wie man Schreibblockaden überwindet und auf neue Ideen kommt. von Marisa Schulz

ZEIT CAMPUS: Frau Parussel, was ist Kreativität?

Meike Parussel: Kreativität bedeutet, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen als sonst und bewusst den Ritualen im Alltag entgegenzusteuern. Das erfordert Mut.

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ZEIT CAMPUS: Geben Sie mal ein Beispiel.

Parussel: Ordnungsfanatiker können sich vornehmen, das Geschirr einfach mal stehen zu lassen und das Chaos auszuhalten.

ZEIT CAMPUS: Richtig kreativ klingt das aber nicht.

Parussel: Stimmt. Aber es ist ein erster Schritt in Richtung Kreativität, weil man probiert, sich in einer gewohnten Situation anders zu verhalten als sonst. Sie müssen nicht gleich Bilder malen, Romane schreiben oder Saxofonsoli improvisieren, um kreativ zu sein. Bei Kreativität geht es auch darum, ganz gewöhnliche Aufgaben zu bewältigen, etwa eine Hausarbeit zu schreiben oder ein Team zu leiten.

Meike Parussel

Meike Parussel, 50, gründete 2006 die Drama-Klinik in Hamburg, an der sie kreativen Menschen hilft, die unter Denk- und Schreibblockaden leiden.

ZEIT CAMPUS: Stimmt es denn, dass nur chaotische Menschen kreativ sind?

Parussel: Ich bin eine Verfechterin der Chaostheorie: Das Kreative wächst und gedeiht im Chaos besser als in starren Mustern und Regelwerken, weil uns diese einschränken. Prinzipiell ist aber jeder Mensch kreativ. Manche haben bloß die Verbindung dazu verloren.

ZEIT CAMPUS: Man kann Kreativität also lernen?

Parussel: Aber selbstverständlich. Sie müssen Ihre Kreativität trainieren, wie einen Muskel.

ZEIT CAMPUS: Wie sieht das Training aus?

Parussel: Zuerst ist es wichtig, dass Sie Ihre Aufgaben nicht als erdrückende Probleme betrachten und sich von ihnen herunterziehen lassen. Wenn Sie demotiviert sind, haben Sie schlechte Karten, überhaupt noch kreativ zu werden. Stattdessen sollten Sie trainieren, Aufgaben als Herausforderungen zu sehen. Dieser Perspektivwechsel ist der Anfang eines kreativen Prozesses. Als zweiten Schritt könnten Sie Ihre Aufgaben visualisieren, zum Beispiel mit Mind-Maps. Wenn Sie die Herausforderungen erst klar vor Augen haben, verlieren sie oft ihren Schrecken.

ZEIT CAMPUS: Was raten Sie Studenten, die unter einer Schreibblockade leiden?

Parussel: Das kommt auf den Einzelfall an: Es gibt Schreibblockaden, die psychisch bedingt sind. Etwa weil man Angst hat, dass die eigenen Ideen nicht gut genug sind, und sich deshalb nichts mehr zutraut. In dem Fall sollte man nicht alleine probieren, sich mit irgendwelchen Methoden zur Kreativität zu zwingen, sondern sich professionelle Hilfe suchen. Wenn Sie hingegen bloß keine Lust haben, Ihre Arbeit zu tun, dann haben Sie zwei Möglichkeiten: Entweder Sie zwingen sich weiterzuarbeiten. Das klappt manchmal, ist aber anstrengend. Oder Sie nehmen sich eine kurze Auszeit und versuchen herauszufinden, warum Sie sich gerade so sträuben.

ZEIT CAMPUS: Wie geht das?

Parussel: Es hilft, wenn Sie den Schreibtisch oder die Bibliothek verlassen und sich bewegen. Dann geraten auch die geistigen Prozesse in Bewegung. Sie können eine Radtour machen oder klettern gehen. Wichtig ist, dass Sie Loslassen nicht mit Ablenkung verwechseln. Wenn Sie sich nur ablenken, vermeiden Sie es, sich mit sich selbst und mit Ihren Herausforderungen auseinanderzusetzen, und schieben diese auf die lange Bank. Das macht Sie nicht kreativer.

ZEIT CAMPUS: Viele Menschen behaupten, sie brauchten Druck, um kreativ zu sein.

Parussel: Mag sein, aber ich gehöre nicht dazu. Warum sollte ich immer nur dann arbeiten, wenn jemand anderes mich dazu zwingt? Das stresst doch bloß und kann Panik auslösen. Manche Menschen werden durch Druck vielleicht effizienter, aber in der Regel nur für kurze Zeit.

ZEIT CAMPUS: Wenn Druck nicht hilft – was ist dann eine bessere Motivation, um einen kreativen Prozess anzustoßen?

Parussel: Der Wunsch, etwas zu leisten und das anderen Menschen zu zeigen, ist für die meisten von uns die größte Motivation kreativ zu sein. Deshalb ist es langfristig besser und auch gesünder, wenn Sie sich eine Respektsperson suchen, etwa einen Chef, einen Professor oder ein anderes Publikum, dem Sie Ihre Ergebnisse präsentieren können.

ZEIT CAMPUS: Kann man sich nicht auch selbstständig und ohne fremde Hilfe motivieren?

ZEIT Campus 6/2012
ZEIT Campus 6/2012

Parussel: Auch das kann man lernen. Dafür dürfen Sie nicht zu streng mit sich sein. Wenn Sie immer nur denken: »Die Idee ist nicht gut genug«, dann bleibt irgendwann keine Idee mehr übrig. Sie dürfen Ihre Ziele nicht zu hoch stecken, sonst geraten Sie vor lauter Perfektionismus vielleicht in eine Schockstarre und machen gar nichts mehr. Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen interessierten, wohlwollenden Professor bei sich, der Sie motiviert und lobt – und nicht bemängelt, was noch fehlt.

ZEIT CAMPUS: Was empfehlen Sie, wenn man nur noch ein paar Stunden bis zur Abgabe hat, aber noch völlig ohne Ideen ist ?

Parussel: In solchen Notfällen hilft leider nur Schadensbegrenzung und Mut zur Lücke. Dinge der Unmöglichkeit kann man auch kreativ nicht lösen, schon gar nicht unter Druck. Da muss man einfach durch und sagen: »Es tut mir leid, ich weiß, wir hatten etwas anderes vereinbart, aber ich habe es nicht besser geschafft. Ich brauche mehr Zeit.«

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Leserkommentare
    • Akanda
    • 29. Oktober 2012 11:48 Uhr

    Zu diesem Thema kann ich ein lohnendes Buch von David Lynch empfehlen, in dem er die Mechanismen beschreibt, wie er mit Hilfe der Transzendentalen Meditation Ideen aus der allem zu Grunde liegenden Ebene der kreativen Intelligenz schöpfen kann.
    Es heißt "Catching the Big Fish" und bezieht sich auf eine Analogie, in der die Ideen wie Fische im unbegrenzten Ozean des Bewußtseins schwimmen.

  1. Entspannt hinsetzen, Augen zu und und dann vorstellen, wie man spazieren geht, kocht oder jongliert. Was ist egal, hauptsache man kennt es gut und kann es sich gut vorstellen. Wichtig ist, die Vorstellung mus so ablaufen wie sie normal ablaeuft. Bewegungen mit Haenden und Beinen stellt man sich dabei genauso vor. Ziel ist eine Echtzeitsimulation, nur eben im Kopf. Der Koerper bleibt ruhig und entspannt.

    Wer ungeuebt ist muss sich konzentrieren, dann kommen entsprechende Bilder hoch. Mit etwas Uebung kann man dann von der Vorstellung 'den Fuessen beim gehen zusehen' kurz weg und sich die Umgebung anschauen. Das Gehirn ist da ziemlich gut und liefert eine gute Show darum herum. Auch Gespraeche sind moeglich, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

    Im Idealfall faellt man in eine Hypnose, in der man nur noch in seinem Inneren unterwegs ist. Das ist Wachtraeumen sehr aehnlich und macht recht viel Spass. In meiner eigenen Phantasiewelt kann ich zb. fliegen (und es fuehlt sich auch so an;p). Ein geniales Element dabei: So ein Ausflug dauert nicht laenger als ein ueblicher Traum, je nachdem also zwischen 2 und 15 Minuten, kann aber gefuehlt laenger dauern.

    Systematisch angewandt nennt sich das 'Autogenes Training'. Das gibts als VHS Kurs und hat nix mit Esoterik zu tun - befluegelt aber die Phantasie ungemein!

    Zuletzt noch, wenn man die Simulation beenden will geht man in Gedanken einfach zurueck zum Stuhl auf dem man sitzt, macht die Augen auf und atmet 1x tief durch.

  2. persönlich nicht zu 100% inhaltlich mit Übereinstimmung dienen kann, grundsätzlich geht Frau Parussel einen guten und nachvollziehbaren Weg mit ihrer Inspiration zur Kreativität.

  3. „Sei kreativ!“ heißt der unumgängliche Imperativ unseres Zeitgeists. Vom Kindergarten bis zum Altersheim: Kein Einkaufszentrum ohne Mitmachbühne; keine Mediekampagne ohne Einsendemöglichkeit für gestaltungswütige Interaktive; kein Waldspaziergang ohne kreativ gestaltete Holz- oder Steinblöcke am Wegesrand. Jeder darf inzwischen nicht nur Künstler sein, er soll es, will es und muss es... Ohne ein Mindestmaß an Kreativität gibt’s inzwischen keinen Job und keine Anerkennung mehr; unser ganzes Leben soll mittlerweile eine von uns hochkreativ gestaltete, einzigartige Selbstschöpfung sein. Gelingendes Leben heißt Kreativität, wie uns die flüsternden Stimmen aus Beurteilungsbögen, Werbetrailern und Bestsellerlisten unermüdlich bestätigen. Da möchte man rufen: SEID DOCH ENDLICH MAL UNKREATIV! Nicht jeder Mensch ist ein Künstler! Und schon gar nicht jeden Tag... Schluss mit dem überflüssigen Kreativitätsgebot. Einfach nur da sein ist auch schon ganz gut. (Siehe auch: http://weltanfall.blogspo...)

    • Jastrau
    • 30. Oktober 2012 8:49 Uhr

    Heute bereits zum zweiten Male ein Artikel, der besser unter Anzeige stehen sollte....schlimm!!!

    Frau Parussel ist ihrem eigenen Umfeld so verhaftet, sie kann offenbar nicht anders, aber zu behaupten das Kreativät einem Muskel gleicht, ist wohl das lächerlichste, was ich seit langem gehört habe...
    Diese Dame kann nur dem mittelmässigen und absolut gewöhnlichen Kunstgeschmack zu, was auch immer, verhelfen.
    Kunst ist oftmals Leiden, erlebtes leiden verbunden mit einem Talent, gewiss nicht mit einem "Muskel", meistens nicht einmal gewollt.
    Lebenserfahrung und eine eigene Sicht des "Künstlers" auf die "Dinge", aber ganz gewiss keine erlernbare "Tätigkeit", das ist noch immer das erste "Gütesiegel", obwohl heutzutage mehr als verpönt, da nicht kalkulierbar, welch Horror...

    Wie niederträchtig die schreibende Ausdrucksweise so herabzuwürdigen, es sei denn, man ist angestellt, bei einem Verlag oder ähnlichem, welche diese Tätigkeit nur unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit sieht, nicht unter dem des Schreibenden.

    Literatur ist kein Schwanz, der nach Bedarf abspritzt.
    Training, ...wers mag.
    Hinter dem Wort ist immer ein Mensch mit Geschichte, kein trainierter Muskel...zumindest sollte es so sein, sonst ist es nur noch ein Business.

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    • Oyamat
    • 01. November 2012 17:30 Uhr

    Für die Wahrnehmung durch andere geeignete Kreativität ist zwingend mit Übung, Übung und Übung verbunden, mit schweißtreibenden und sogar langweiligen Trainingseinheiten. Auf andere annehmbar wirkende Kreativität braucht eine gute Fundierung in Kenntnissen, im Wissen um Zusammenhänge, Voraussetzungen und Wirkungsweisen.

    Eine Pfütze ist nicht schöpferisch, auch wenn man brilliante Farben und edle Speisen hineingießt. Das ist nur Vergeudung. Aber um mehr aus den Farben und den Speisen zu machen, braucht es zunächst Wissen (aus Theorie und Erfahrung) und Übung. Manche gewinnen die notwendigen Vorgaben rasch und leicht, andere mühsam - aber um etwas zu schaffen, das auch für andere geeignet ist, muß man erst einmal lernen und üben.

    Insofern ist der Vergleich mit den Muskeln gar nicht so schlecht.

    OGv Oyamat

    • Oyamat
    • 01. November 2012 17:30 Uhr

    Für die Wahrnehmung durch andere geeignete Kreativität ist zwingend mit Übung, Übung und Übung verbunden, mit schweißtreibenden und sogar langweiligen Trainingseinheiten. Auf andere annehmbar wirkende Kreativität braucht eine gute Fundierung in Kenntnissen, im Wissen um Zusammenhänge, Voraussetzungen und Wirkungsweisen.

    Eine Pfütze ist nicht schöpferisch, auch wenn man brilliante Farben und edle Speisen hineingießt. Das ist nur Vergeudung. Aber um mehr aus den Farben und den Speisen zu machen, braucht es zunächst Wissen (aus Theorie und Erfahrung) und Übung. Manche gewinnen die notwendigen Vorgaben rasch und leicht, andere mühsam - aber um etwas zu schaffen, das auch für andere geeignet ist, muß man erst einmal lernen und üben.

    Insofern ist der Vergleich mit den Muskeln gar nicht so schlecht.

    OGv Oyamat

    Antwort auf ",,,,,.."

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