ZEIT CAMPUS: Frau Parussel, was ist Kreativität?

Meike Parussel: Kreativität bedeutet, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen als sonst und bewusst den Ritualen im Alltag entgegenzusteuern. Das erfordert Mut.

ZEIT CAMPUS: Geben Sie mal ein Beispiel.

Parussel: Ordnungsfanatiker können sich vornehmen, das Geschirr einfach mal stehen zu lassen und das Chaos auszuhalten.

ZEIT CAMPUS: Richtig kreativ klingt das aber nicht.

Parussel: Stimmt. Aber es ist ein erster Schritt in Richtung Kreativität, weil man probiert, sich in einer gewohnten Situation anders zu verhalten als sonst. Sie müssen nicht gleich Bilder malen, Romane schreiben oder Saxofonsoli improvisieren, um kreativ zu sein. Bei Kreativität geht es auch darum, ganz gewöhnliche Aufgaben zu bewältigen, etwa eine Hausarbeit zu schreiben oder ein Team zu leiten.

ZEIT CAMPUS: Stimmt es denn, dass nur chaotische Menschen kreativ sind?

Parussel: Ich bin eine Verfechterin der Chaostheorie: Das Kreative wächst und gedeiht im Chaos besser als in starren Mustern und Regelwerken, weil uns diese einschränken. Prinzipiell ist aber jeder Mensch kreativ. Manche haben bloß die Verbindung dazu verloren.

ZEIT CAMPUS: Man kann Kreativität also lernen?

Parussel: Aber selbstverständlich. Sie müssen Ihre Kreativität trainieren, wie einen Muskel.

ZEIT CAMPUS: Wie sieht das Training aus?

Parussel: Zuerst ist es wichtig, dass Sie Ihre Aufgaben nicht als erdrückende Probleme betrachten und sich von ihnen herunterziehen lassen. Wenn Sie demotiviert sind, haben Sie schlechte Karten, überhaupt noch kreativ zu werden. Stattdessen sollten Sie trainieren, Aufgaben als Herausforderungen zu sehen. Dieser Perspektivwechsel ist der Anfang eines kreativen Prozesses. Als zweiten Schritt könnten Sie Ihre Aufgaben visualisieren, zum Beispiel mit Mind-Maps. Wenn Sie die Herausforderungen erst klar vor Augen haben, verlieren sie oft ihren Schrecken.

ZEIT CAMPUS: Was raten Sie Studenten, die unter einer Schreibblockade leiden?

Parussel: Das kommt auf den Einzelfall an: Es gibt Schreibblockaden, die psychisch bedingt sind. Etwa weil man Angst hat, dass die eigenen Ideen nicht gut genug sind, und sich deshalb nichts mehr zutraut. In dem Fall sollte man nicht alleine probieren, sich mit irgendwelchen Methoden zur Kreativität zu zwingen, sondern sich professionelle Hilfe suchen. Wenn Sie hingegen bloß keine Lust haben, Ihre Arbeit zu tun, dann haben Sie zwei Möglichkeiten: Entweder Sie zwingen sich weiterzuarbeiten. Das klappt manchmal, ist aber anstrengend. Oder Sie nehmen sich eine kurze Auszeit und versuchen herauszufinden, warum Sie sich gerade so sträuben.

ZEIT CAMPUS: Wie geht das?

Parussel: Es hilft, wenn Sie den Schreibtisch oder die Bibliothek verlassen und sich bewegen. Dann geraten auch die geistigen Prozesse in Bewegung. Sie können eine Radtour machen oder klettern gehen. Wichtig ist, dass Sie Loslassen nicht mit Ablenkung verwechseln. Wenn Sie sich nur ablenken, vermeiden Sie es, sich mit sich selbst und mit Ihren Herausforderungen auseinanderzusetzen, und schieben diese auf die lange Bank. Das macht Sie nicht kreativer.

ZEIT CAMPUS: Viele Menschen behaupten, sie brauchten Druck, um kreativ zu sein.

Parussel: Mag sein, aber ich gehöre nicht dazu. Warum sollte ich immer nur dann arbeiten, wenn jemand anderes mich dazu zwingt? Das stresst doch bloß und kann Panik auslösen. Manche Menschen werden durch Druck vielleicht effizienter, aber in der Regel nur für kurze Zeit.

ZEIT CAMPUS: Wenn Druck nicht hilft – was ist dann eine bessere Motivation, um einen kreativen Prozess anzustoßen?

Parussel: Der Wunsch, etwas zu leisten und das anderen Menschen zu zeigen, ist für die meisten von uns die größte Motivation kreativ zu sein. Deshalb ist es langfristig besser und auch gesünder, wenn Sie sich eine Respektsperson suchen, etwa einen Chef, einen Professor oder ein anderes Publikum, dem Sie Ihre Ergebnisse präsentieren können.

ZEIT CAMPUS: Kann man sich nicht auch selbstständig und ohne fremde Hilfe motivieren?

Parussel: Auch das kann man lernen. Dafür dürfen Sie nicht zu streng mit sich sein. Wenn Sie immer nur denken: »Die Idee ist nicht gut genug«, dann bleibt irgendwann keine Idee mehr übrig. Sie dürfen Ihre Ziele nicht zu hoch stecken, sonst geraten Sie vor lauter Perfektionismus vielleicht in eine Schockstarre und machen gar nichts mehr. Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen interessierten, wohlwollenden Professor bei sich, der Sie motiviert und lobt – und nicht bemängelt, was noch fehlt.

ZEIT CAMPUS: Was empfehlen Sie, wenn man nur noch ein paar Stunden bis zur Abgabe hat, aber noch völlig ohne Ideen ist ?

Parussel: In solchen Notfällen hilft leider nur Schadensbegrenzung und Mut zur Lücke. Dinge der Unmöglichkeit kann man auch kreativ nicht lösen, schon gar nicht unter Druck. Da muss man einfach durch und sagen: »Es tut mir leid, ich weiß, wir hatten etwas anderes vereinbart, aber ich habe es nicht besser geschafft. Ich brauche mehr Zeit.«