ZEIT Campus: Sie waren noch vor Ihrem 30. Geburtstag Korrespondentin in Brüssel, Bonn und Berlin. Eine ganz schön steile Karriere. Was hat Ihnen dabei geholfen?

Slomka: Na, zum Beispiel, dass ich mich bis zum Abschluss durchs VWL-Studium gequält habe. Ich merkte bald, dass mir Respekt entgegengebracht wird, etwa im Bereich der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Politiker und andere Journalisten wissen, dass ich Ahnung von der Materie habe. Ich habe auch ziemlich hart gearbeitet. Aber es ist auch Glück dabei gewesen. Dass ich mal Moderatorin des heute-journals würde, hatte ich nicht geplant.

ZEIT Campus: Als Sie gefragt wurden, ob Sie das machen wollen, haben Sie erst abgelehnt.

Slomka: Ja. Ich war Anfang 30, wohnte in Prenzlauer Berg und bin fröhlich durch die Berliner Kneipen getobt. Ich hatte keine Lust darauf, berühmt und von Paparazzi verfolgt zu werden. Aber mein Chef hat nicht lockergelassen. Ein halbes Jahr später willigte ich ein.

ZEIT Campus: Was hat Sie überzeugt?

Ich beiße mir ständig in meinen Interviews mit Politikern die Zähne aus

Slomka: Ein älterer Kollege sagte mir: »Sie müssen zusagen, sonst enden Sie als frustrierte alte Frau, die jammert, was alles aus ihr hätte werden können.« Ich fand das bitter, aber er hatte recht: Es ist besser, etwas auszuprobieren und damit zu scheitern, als ein Leben lang einer verpassten Chance nachzutrauern.

ZEIT Campus: Sie haben als erste Frau das »heute-journal« moderiert. War das schwer?

Slomka: Nicht so schwer, wie ich dachte. Das mit den Paparazzi war schon mal kein Problem: Ich gehe heute noch in Kneipen und zum Karneval. Dass ich schärfer kritisiert wurde, bloß weil ich eine Frau bin, glaube ich nicht. Das ZDF war vor zehn Jahren zwar konservativer als heute, aber meine Redaktion kannte mich als Korrespondentin und war oft zufrieden mit meiner Arbeit. Da konnte keiner der Silberrücken in der Redaktion plötzlich sagen: »Die kann das inhaltlich nicht!«

ZEIT Campus: Sie sind dagegen gnadenlos, wenn Sie in Ihrer Sendung Politiker interviewen.

Slomka: Es ist meine Aufgabe, die Zuschauer und die Wahlbevölkerung zu vertreten. Das bedeutet auch, Fragen zu stellen, die vielleicht nicht so angenehm sind. Die meisten Politiker verstehen das und können damit umgehen.

ZEIT Campus: Gab es mal einen, an dem Sie sich richtig die Zähne ausgebissen haben?

Slomka: Im Prinzip beiße ich mir ständig die Zähne aus. Es ist ja nicht so, dass Politiker große Eingeständnisse machen oder Geheimnisse verraten. Viele Interviews sind so, als würde man einen Pudding an die Wand nageln.

ZEIT Campus: Weil die Politiker sich hinter einer komplizierten Sprache verstecken?

Slomka: Ja, sie sprechen oft unemotional und mit vielen Fachbegriffen. Man darf aber nicht vergessen, dass viele Politiker ganz unterschiedliche Fachthemen behandeln und schnell reagieren müssen. Da halten sich viele an vorgestanzten Formulierungen fest. Und wenn man den ganzen Tag mit Experten redet, fällt es schwer, abends umzuschalten und für Millionen Menschen zu sprechen.

ZEIT Campus: Das heißt, wenn Politiker verquast reden, ist das keine Absicht?

Slomka: Jedenfalls nicht immer. Aber natürlich geht es auch ums Schönreden. Ein Verteidigungsminister sagte mal: »Wenn Zivilisten betroffen sind, ist das kontraproduktiv.« Dabei wurden ganze Dörfer niedergemäht! Und dann gibt es natürlich noch dieses pimp your thoughts...

ZEIT Campus: Dieses was?

Slomka: Na, dass jeder kleine Gedanke mit unglaublichen Vokabeln aufgepumpt wird, bis er nach einer wahnsinnigen Aussage klingt. Das gibt es auch in der akademischen Welt.

ZEIT Campus: Hat Ihnen auch da das Studium geholfen?

Slomka: Ja, man darf sich nicht blenden lassen und muss nachhaken – auch wenn man glaubt, man sei der Einzige, der nichts kapiert.