Mensagespräch mit Slomka "Nach der ersten Vorlesung habe ich geheult"

Im Studium wollte die Moderatorin Marietta Slomka lernen, die Welt zu verbessern. Stattdessen musste sie rechnen. Gebracht hat das auch was.

Schon als Studentin war Marietta Slomka, 43, ein Nachtmensch. Zu Mittag aß die Moderatorin des »heute-journals« damals oft erst abends, wenn die Mensa schon geschlossen hatte. Trotzdem fühlt sie sich in alte Zeiten zurückversetzt, als sie den Speisesaal OG Süd der Kölner Mensa betritt. »Hier sieht es aus wie vor zwanzig Jahren«, sagt sie. »Dabei war’s damals schon eher marode.«

ZEIT Campus: Frau Slomka, heute gilt die Uni Köln als Elite. Wie war es früher, als Sie hier Volkswirtschaftslehre studierten?

Anzeige

Marietta Slomka: Also bitte, die WiSo-Fakultät war auch damals schon Elite! Zumindest konnte es einem so vorkommen: Während meines Studiums war es hier unwahrscheinlich voll. Es gab oft Gedrängel vor den Türen zum Hörsaal, weil sich alle auf die wenigen Sitzplätze stürzten. Manchmal kam ich mit blauen Flecken aus der Vorlesung – das ist keine Übertreibung.

Manchmal kam ich mit blauen Flecken aus dem Hörsaal – das ist keine Übertreibung

ZEIT Campus: Und wie war es, wenn Sie einen Sitzplatz im Hörsaal erobert hatten?

Slomka: Dann war es unheimlich kompliziert. Ich weiß noch, wie ich nach der ersten Mathe-Vorlesung heulend nach Hause gelaufen bin. Da wurde nichts erklärt. Der Dozent malte wahnsinnige Brüche auf eine Overheadfolie, Dreifach- und Vierfachbrüche. Ich habe das abgemalt, als wären es Hieroglyphen. Und insgeheim dachte ich: »Das ist jetzt also studieren? Das ist ja grauenhaft!«

ZEIT Campus: Haben Sie daran gezweifelt, das richtige Fach gewählt zu haben?

Slomka: Ja, sehr. Eigentlich sogar das ganze Grundstudium hindurch. Denn in den ersten Jahren ging es in der Volkswirtschaftslehre nur um die Mathematik. Ich wollte an der Uni lernen, wie man die Welt verbessert, die Unterschiede zwischen Armen und Reichen verkleinert und eine gerechtere Gesellschaft schafft – stattdessen musste ich Vektoren verschieben und Kurven betrachten.

ZEIT Campus: Waren Sie einsam?

Slomka: Ich hatte zumindest ganz lange das Gefühl, ich sei die Einzige, die nicht mitkommt. Die anderen haben scheinbar unbeeindruckt mitgeschrieben. Ich habe erst mit der Zeit festgestellt, dass die auch nicht alles kapieren.

ZEIT Campus 6/2012
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

ZEIT Campus: Sie sind in Köln geboren, zur Schule gegangen und haben dort studiert. Hat es Sie nie in die Ferne gezogen?

Slomka: Doch, ich bin für zwei Semester an eine englische Kleinstadt-Uni gegangen. Das war die schönste Zeit meines Studiums, weil es das Gegenteil von Köln war: kleine Seminare, enger Kontakt mit den Professoren. Und obwohl ich die Sprache zunächst gar nicht so toll konnte, habe ich Karl Marx auf Englisch besser verstanden als auf Deutsch. Es war vielleicht ein Fehler, in meiner Heimatstadt zu studieren. Ich hatte hier viele Freunde und war nicht so darauf angewiesen, Kommilitonen kennenzulernen. Das wäre in einer fremden Stadt anders gewesen. Doch nur hier gab es Volkswirtschaft mit sozialwissenschaftlicher Ausrichtung. Und das war das perfekte Studium für den Journalismus.

ZEIT Campus: Sie wussten also schon vor dem Studium, dass Sie Journalistin werden wollen?

Slomka: Ja, eigentlich sogar seit meiner Kindheit. Und ich wollte von Anfang an politische Journalistin werden. Mein Vater war Lehrer und konnte super erklären. Er hat mal mit Streichholzschachteln die Bundesbank nachgebaut, um mir deren Geldpolitik zu erläutern. Zu Bundestagswahlen luden meine Eltern immer Freunde ein. Es gab Schnittchen, Salzstangen, und alle Gäste mussten eine Wette abgeben, wie die Wahl ausgeht. Mein Vater tendierte zur CDU, ein enger Freund von ihm war glühendes SPD-Mitglied, da ging es immer hoch her. Ich habe früh gelernt, dass es Spaß macht, zu diskutieren. Und dass Politik wie Fußball ist – nämlich sehr spannend, wenn man die Grundlagen und die Spieler kennt.

Leser-Kommentare
    • peeet
    • 27.11.2012 um 20:16 Uhr

    , doch ich würde mir mehr Positivität und Objektivität, anstatt diesen belehrenden und zynischen Unterton wünschen.

  1. Redaktion

    Liebe Leserinnen & Leser,

    leider habe ich bei dem Interview einen Fehler gemacht, auf den ich jetzt von einer Leserin hingewiesen wurde. Bereits ab 1979 gab es schon einmal eine Frau, die das "heute-journal" moderierte: Ingeborg Wurster.

    Marietta Slomka war also nicht die erste Moderatorin des "heute-journals", wie ich in meiner Frage unterstelle, sondern nur die erste nach mehr 15 Jahren.

    Herzliche Grüße,
    Oskar Piegsa
    ZEIT CAMPUS

  2. Zitat 1: "Zu Bundestagswahlen luden meine Eltern immer Freunde ein. Es gab Schnittchen, Salzstangen, und alle Gäste mussten eine Wette abgeben, wie die Wahl ausgeht. Mein Vater tendierte zur CDU, ein enger Freund von ihm war glühendes SPD-Mitglied, da ging es immer hoch her. Ich habe früh gelernt, dass es Spaß macht, zu diskutieren. Und dass Politik wie Fußball ist – nämlich sehr spannend, wenn man die Grundlagen und die Spieler kennt".

    Man kann diese Aussage doppelt zustimmen: wenn man aus familiären Gesprächen die wichtigsten Feldplayer (egal für welches Berufsfeld) gut kennt, macht es das ganze Spiel viel reizender und interessanter. Und eine gute freundschaftliche Diskussion mit viel Engagement kann nichts ersetzen - das ist genau das Brennstoff, die später auch der breiten öffentlichen Debatte verhelfen kann.
    ...

  3. ...
    Zitat 2:"Es ist besser, etwas auszuprobieren und damit zu scheitern, als ein Leben lang einer verpassten Chance nachzutrauern".

    Der Handlungsmut etwas neues auszuprobieren - kann mit einer starken inneren Überwindung verbunden sein. Als Mensch ist man ebenoft ein „Gewohnheitstier“ und Vernunftwesen: man handelt so, wie es üblich ist und versucht die Erwartungen eigener Bezugsgruppe zu erfüllen. Wenn man sich im Gegenteil zu 100 Prozent persönlich-authentisch verhält, kann es schnell passieren, dass man als eine „ungewöhnliche Person“ wahrgenommen wird und die weitere jegliche Situationsentwicklung komplett unberechenbar abläuft. Viele Menschen wünschen sich Sicherheit, jedoch kein extra Risiko...

    Also, folglich: wenn ich meine Chance nutze, riskiere ich unter Umständen meine Sicherheit; wenn ich meine Chance nicht nutze, riskiere ich meine Lebenszufriedenheit...

    Da aber die Lebenszufriedenheit etwas mehr Wichtigeres ist, kann das Mehr-Risiko-in-Kauf-Nehmen (in der längeren Perspektive) sinnvoller wirken, als nur das momentan gültige Sicherheitsdenken.
    (Es wäre allerdings gut schon jetzt darüber Bescheid genau zu wissen, was auf eine/n zukommen wird. Eine "Glücksversicherung" gibt es aber leider nicht.. (wäre soweit eine super-Geschäftsidee! ;)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service