Jedes Mal, wenn sich eine Tür öffnet, müssen Sister Bohne und Sister Schaerr schnell sein. Und die Frage stellen, vor der es kein Entrinnen gibt: »Glauben Sie an Gott?« Der Student aus Zimmer 217, ein Junge im T-Shirt und mit langen Haaren, zögert, doch er zieht die Tür nicht zu. Stille im Flur des Studentenwohnheims. Es riecht nach überreifen Bananen und abgestandener Luft. Schließlich antwortet er: »Ein bisschen.« Sister Bohne und Sister Schaerr lächeln.

Sister Bohne heißt mit Vornamen Kimberly, ist 21 Jahre alt, hat brünette Haare und kommt aus dem Bundesstaat Maryland an der amerikanischen Ostküste. Sister Schaerr heißt Rebekah, ist blond, 23 Jahre alt und kommt aus Utah, an der Westküste. Obwohl die zwei sich nicht ähnlich sehen, wirken sie wie Schwestern. Das ist es auch, was auf den Namensschildern an ihren Mantelkrägen steht: »Sister Bohne« und »Sister Schaerr«, darunter ihre Glaubenszugehörigkeit: Die beiden sind Missionarinnen der »Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage«, besser bekannt als Mormonen.

Mit geradem Rücken stehen sie im Wohnheimflur, recken das Kinn nach vorne und schauen ihrem Gesprächspartner aus Zimmer 217 direkt ins Gesicht. Das Auffälligste an ihnen ist ihr Lächeln. Sie sehen so glücklich aus, als hätten sie sich gleich nach dem Aufstehen einen dicken Joint geteilt. Dabei wäre Kiffen das Letzte, was die beiden tun würden. Drogen, Zigaretten und Alkohol sind ihnen ebenso verboten wie Schimpfwörter oder Sex vor der Ehe, nicht mal schwarzen Tee dürfen sie trinken. Es scheint allein ihr Glaube zu sein, der sie fröhlich macht.

Die Mormonen sind keine Sekte, sondern eine Neureligion, heißt es bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Die Kirche wurde 1830 in New York gegründet, nachdem ein Bauer namens Joseph Smith von einem Engel goldene Tafeln und einen göttlichen Auftrag erhalten haben soll: Die Katholiken, Lutheraner und sonstigen Christen seien allesamt vom wahren Glauben abgefallen, nun sei es an Smith, das Evangelium wiederherzustellen und die Rückkehr von Jesus Christus auf die Erde vorzubereiten.

Joseph Smith begann zu missionieren, mit Erfolg: Heute gibt es weltweit 13 Millionen Mormonen, davon etwa 38000 in Deutschland. Im Vergleich zu anderen christlichen Glaubensrichtungen ist das wenig – zum Katholizismus werden etwa mehr als eine Milliarde Menschen gerechnet – doch die Religion wächst. Zu den bekanntesten heutigen Mormonen gehören Stephenie Meyer, die Autorin der Twilight Saga, und der Politiker Mitt Romney.

Sister Bohne und Sister Schaerr haben sich freiwillig zum Missionieren gemeldet. Sie haben ihre Bewerbungen nach Salt Lake City geschickt, dem Hauptquartier der Mormonen in Utah. Dort wird entschieden, wo Missionare eingesetzt werden, welche Fremdsprache sie lernen müssen und wie sie die nächsten anderthalb Jahre ihres Lebens verbringen. Sister Bohne wollte nach Südafrika, Sister Schaerr nach Südamerika. Stattdessen kamen sie nach Deutschland, zuerst nach Eisenhüttenstadt, dann nach Hamburg. »Deutschland ist toll«, sagt Sister Bohne. Eines habe sie jedoch überrascht: dass es hier so viele Menschen gibt, die mit Gott nicht viel anfangen können.

Im Studentenwohnheim im Norden Hamburgs haben sie Glück. »Ich glaube schon, dass es da eine Macht gibt«, sagt der Student aus Zimmer 217. Sister Bohne und Sister Schaerr haben ihn nicht nach seinem Namen gefragt, nicht nach seinem Alter und auch nicht nach seinem Studiengang. Sie interessieren sich nur für seinen Glauben. Er ringt nach Worten, redet von »Dingen, die man nicht rational erklären kann« und von »Werten, die man heute nicht mehr so kennt«. Dabei starrt er immer wieder auf den filzigen Teppichboden im Wohnheimflur. Die Missionarinnen nicken, sagen abwechselnd »wunderbar« und »genau«. Zuhören können sie gut – das tun sie jeden Tag. »Ist Mitt Romney nicht auch Mormone?«, fragt der Student plötzlich und will wissen, was die beiden von ihm halten. »Ich möchte einen guten Präsidenten, egal, ob er ein Mitglied ist oder nicht«, antwortet Sister Bohne ausweichend. Sie wirbt ausschließlich für ihren Glauben und nicht für eine politische Partei.

Hartnäckigkeit ist Teil ihres Jobs

Im Wohnheimflur geht immer wieder das Licht aus, doch Sister Bohne und Sister Schaerr lassen sich davon nicht beirren. Während die eine auf den Schalter drückt, fährt die andere mit ihren Fragen fort. Ob er in die Kirche gehe? Ob er bete? Wann er in der nächsten Woche Zeit habe, das Buch Mormon in Empfang zu nehmen, sie würden es ihm gerne schenken. Dieses Buch ist für die Mormonen genauso wichtig wie die Bibel. Darin steht, dass Jesus nach seinem Tod und seiner Auferstehung nach Amerika gereist sei und sich den dortigen Ureinwohnern gezeigt habe. »Ich würde so ein Buch schon annehmen«, sagt der Student. Sie sollen einfach bei ihm klingeln, »vielleicht bin ich ja da«. Dann geht die Tür zu. Ob er ahnt, dass die beiden ganz bestimmt zurückkommen werden?

Hartnäckigkeit ist Teil ihres Jobs. Täglich klopfen Sister Bohne und Sister Schaerr an Türen wie jene von Zimmer 217. Es gibt Türen, die sich öffnen, und Türen, die verschlossen bleiben. Menschen, die zuhören, und andere, die nichts von den Missionarinnen wissen wollen. 25 bis 30 Anläufe unternehmen sie pro Tag. Sie führen eine Liste, die andere Missionare vor ihnen angefangen haben und die auch Sister Bohne und Sister Schaerr an ihre Nachfolger weitergeben werden. Darauf steht, bei wem es sich lohnt, ein zweites Mal zu klingeln, wer ein Buch Mormon haben möchte und bei wem Hoffnung besteht, dass er sich eines Tages taufen lässt.

Obwohl sie sich erst seit ein paar Monaten kennen, ergänzen Sister Bohne und Sister Schaerr einander perfekt. Vielleicht, weil sie rund um die Uhr zusammen sind: Der Tag der beiden beginnt um halb sieben. Los geht es mit Frühsport, dann lesen sie drei Stunden lang in der Bibel und im Buch Mormon. Sie sitzen sich in ihrer winzigen Zweizimmerwohnung gegenüber, waschen in der schmalen Küche nebeneinander ab, schlafen in einem Zimmer. Wenn sie unterwegs sind, begleiten sie einander sogar aufs Klo. Vor allem aber verbindet sie ein gemeinsames Ziel: andere von ihrer Kirche zu überzeugen. Sister Bohne drückt es so aus: »Wir möchten die Menschen glücklicher machen. Wenn jemand eine Beziehung zu Gott aufbaut, geht es ihm automatisch besser.«

Beide sind mit diesem Weltbild groß geworden, sie sind in Mormonenfamilien aufgewachsen. Ihre Großeltern, Eltern, Brüder und Schwestern – Sister Bohne hat fünf Geschwister, Sister Schaerr sechs – gehören ebenfalls zur Kirche. Von klein auf haben sie täglich gebetet und sind in den Gottesdienst gegangen. »Ich habe mich irgendwann gefragt: Glaube ich nur wegen meiner Eltern?«, sagt Sister Schaerr. Um das herauszufinden, habe sie gebetet. »Dann wusste ich, dass es richtig war.« Bei Sister Bohne sei es ähnlich gewesen, sagt sie. Wie die Eltern der beiden wohl reagiert hätten, wenn sie sich gegen die Religion entschieden hätten? »Natürlich wären sie traurig gewesen«, sagt Sister Bohne, »aber sie hätten es akzeptiert.« Die Berichte von Aussteigern scheinen zu bestätigen, was die beiden erzählen: Ex-Mormonen werden von der Kirche nicht verfolgt oder bedroht, und anders als bei den Zeugen Jehovas wird ihnen auch nicht der Kontakt zu Gläubigen verboten.

Doch nur die wenigsten Mitglieder trauen sich, offen Kritik an der Kirche zu üben. So gilt es als Tabu, darüber zu sprechen, dass einige Mormonen polygam lebten. Kirchengründer Smith zum Beispiel soll mit mehreren, teilweise minderjährigen Frauen zusammen gewesen sein. Schwarze wurden von den Mormonen lange ausgeschlossen, Homosexuelle werden noch heute nicht geduldet. Sister Bohne und Sister Schaerr wirken nicht, als würden sie Dinge, die die Kirche sagt, infrage stellen. Während ihrer Missionszeit dürfen sie nur zweimal im Jahr mit ihren Familien telefonieren, an Weihnachten und am Muttertag. »Das war am Anfang schwer. Ich liebe meine Familie über alles«, sagt Sister Schaerr. Doch wie so vieles andere haben die Missionarinnen auch diese Regelung hingenommen. An der Wand über ihren Schreibtischen kleben Familienfotos. Abgesehen von ihren Kleidern und ihren Bibeln mit goldener Namensprägung sind diese Bilder die einzigen persönlichen Gegenstände in der Wohnung, die von der Kirche für die Missionarinnen angemietet wurde. Ihre Vorgänger scheinen es genauso gehalten zu haben: Die Raufasertapete über den Schreibtischen ist fleckig, Dutzende Missionare haben hier mit Tesafilm Fotos an die Wand geklebt und sie nach ihrem Aufenthalt wieder abgeknibbelt.

Es lohnt sich nicht, die Wohnung richtig einzurichten – die Mormoninnen wissen nie, wie lange sie an einem Ort bleiben. Alle sechs Wochen bekommen sie einen Anruf, in dem über ihre mögliche Versetzung gesprochen wird. In ihrer Unterkunft gibt es weder einen Fernseher noch einen Computer – und abgesehen von der Bibel, dem Buch Mormon und anderer religiöser Literatur auch nichts zu lesen. Nur montags, wenn die beiden frei haben, können sie ins Internetcafé gehen und ihren Eltern mailen oder Spaziergänge durch Hamburg machen. An den restlichen Wochentagen ist das tabu. »So können wir uns voll auf unsere Arbeit hier konzentrieren«, sagt Sister Bohne.

Es gibt noch mehr Dinge, die ihnen die Kirche vorschreibt: Sie sollen nur Kleider oder Röcke tragen, die bis übers Knie gehen, Jeans und Flip-Flops sind verboten. Den beiden fällt es nicht schwer, sich anzupassen, sie haben zusätzlich noch eigene Regeln aufgestellt: »Don’t eat out« zum Beispiel, »nicht auswärts essen«. Weil es gesünder sei, zu Hause zu kochen, als im Laufschritt Crêpes oder Burger zu verschlingen. Vor allem aber sei es billiger. Vor ihrer Missionszeit haben die beiden Geld gespart, umgerechnet etwa 5.500 Euro, und es an die Kirche überwiesen. Pro Monat werden ihnen davon 170 Euro ausgezahlt. Damit kaufen sie Lebensmittel.

Heute Mittag gibt es Pizza mit Barbecue-Soße und Putenbrust. Vor dem Essen setzen sich die Missionarinnen auf das graue Sofa unter den Jesus-Bildern, schließen die Augen und beten. Sie bedanken sich für die Mahlzeit, sagen zum Abschluss »Wir haben dich sooo lieb, Amen« und umarmen einander. Beim Essen läuft ihre Lieblings-CD, Lieder, in denen immer wieder die Wörter »pray« und »heaven« vorkommen. Nach dem Abwasch putzen sie schnell ihre Zähne, dann geht es zurück auf die Straße.

In einer Einkaufspassage versuchen die Missionarinnen Passanten abzufangen, um mit ihnen über Gott zu sprechen. »Keine Zeit«, sagt eine Frau und eilt vorbei, ein Mann hebt abwehrend die Hände: »Wir haben uns gestern schon gesehen, ich bin nicht interessiert.« Viele sagen gar nichts und gehen einfach weiter. Der Regen klackert auf das Glasdach der Passage, doch Sister Bohne und Sister Schaerr lächeln.

»Ich liebe das Evangelium«, sagt Sister Bohne

Auf die Idee, eine Pause einzulegen, kommen sie nicht. Dabei ist hier niemand, der sie kontrolliert. Und an eine Hölle glauben die Mormonen auch nicht. Warum also dieser Stress? »Ich liebe das Evangelium und möchte mit den Menschen darüber sprechen«, sagt Sister Bohne. Und dafür will sie jede Minute nutzen. Zwischen Eiscafé und Spielzeugladen kommt es dann doch noch zu einem Gespräch. Ein Mann um die 20, der auffällig breite Schultern hat und eine Sporttasche bei sich trägt, freut sich, dass er angesprochen wird. »Auf euren Schildern stehen nur eure Nachnamen«, sagt er, »wie heißt ihr denn mit Vornamen?« Die beiden schauen einander an. »Kimberly und Rebekah«, antwortet Sister Schaerr zögerlich. »Sind Sie gläubig?«, fragt sie schnell zurück. »Ich bin Moslem«, sagt der Mann, »ich bete fünfmal am Tag.« Er stellt sich vor, erzählt, dass er gerne ins Fitnessstudio gehe und bald was mit Wirtschaft studieren möchte. Mit Jesus als Sohn Gottes könne er nichts anfangen, »bei uns ist Jesus nur ein Prophet«. Trotzdem nimmt er das Buch Mormon entgegen und eine Visitenkarte, auf der die Handynummer der Missionarinnen steht. »Wir können uns ja mal privat treffen, chillen und was trinken«, schlägt er vor und streicht Sister Schaerr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Wir können über das Buch Mormon sprechen«, antwortet sie und verabschiedet sich.

Drei Minuten später blinkt das Dienst-Handy. »War schön, euch kennenzulernen«, schreibt der Mann mit den breiten Schultern. Die beiden Missionarinnen kichern, fast wie Teenager. Es ist das erste Mal heute, dass sie nicht kontrolliert wirken. Sie können nicht verbergen, dass sie sich geschmeichelt fühlen.

Theoretisch dürften die beiden einen Freund haben, auch jemanden, der einen anderen Glauben hat, sagt Sister Schaerr. Sie habe selbst schon mal eine Beziehung mit einem Mann geführt, der kein Mormone war. Mehr als Knutschen war aber nicht drin. Während ihre besten Freundinnen auf Partys heimlich Alkohol tranken, mit dem Rauchen anfingen und ihre ersten sexuellen Erfahrungen machten, blieben Sister Bohne und Sister Schaerr enthaltsam. Es gelte, sich für einen einzigen Partner aufzusparen, mit dem man nicht nur in diesem Leben, sondern auch in der Ewigkeit zusammenlebe. Während der Zeit in Deutschland ist nicht mal Knutschen erlaubt. »Wir verraten nie, wo wir wohnen«, sagt Sister Schaerr. Auf der Visitenkarte, die sie verteilen, steht nur die Adresse der Kirche, in der sie jeden Sonntag beten.

Die letzte Station an diesem Tag ist ein grünes Mehrfamilienhaus. Dort wohnt Sophia Gregians. Die 70-Jährige hat sich im März dieses Jahres taufen lassen. Sister Schaerr und Sister Bohne besuchen sie einmal in der Woche und umarmen sie zur Begrüßung. Dann beten sie gemeinsam. Sophia Gregians erzählt von ihren Herzoperationen und davon, wie sehr sie ihren verstorbenen Mann vermisst. In schwierigen Zeiten habe der Glaube ihr immer Kraft gegeben, sagt Sister Schaerr: »Ich habe in meinen Gebeten Fragen gestellt und Antworten bekommen, das hat mir viel Trost gebracht.«

Die ältere Frau in der schwarz-weißen Tunika sieht noch immer traurig aus, aber sie nickt. Endlich sind Menschen da, die sie verstehen. Sie steht auf und geht in ihre kleine Küche, kommt ein paar Minuten später mit Schälchen voller Vanilleeis und selbst gemachter Himbeersoße zurück. Die drei löffeln gemeinsam Eis und reden über Gott. Zum Abschied sagt Sister Schaerr: »Wenn Sie Hilfe brauchen, rufen Sie uns an.«

Um 21 Uhr ist die Mission für heute beendet. Zurück in ihrer Wohnung, setzen sich die Missionarinnen noch einmal an ihre Schreibtische. Während draußen die U-Bahn vorbeirauscht, lassen sie den Tag Revue passieren. Sie erzählen einander, was sie nach ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten machen werden: Sister Bohne möchte Psychologie studieren und promovieren, Sister Schaerr braucht nur noch ein Jahr bis zu ihrem Bachelor, ebenfalls in Psychologie. Beide möchten einmal viele Kinder haben.

Um halb elf werden sie heute Abend schlafen gehen, denn morgen müssen sie fit sein. Es gibt so viele Türen, an die Sister Bohne und Sister Schaerr während ihres Aufenthalts in Deutschland noch klopfen wollen.