Im Wohnheimflur geht immer wieder das Licht aus, doch Sister Bohne und Sister Schaerr lassen sich davon nicht beirren. Während die eine auf den Schalter drückt, fährt die andere mit ihren Fragen fort. Ob er in die Kirche gehe? Ob er bete? Wann er in der nächsten Woche Zeit habe, das Buch Mormon in Empfang zu nehmen, sie würden es ihm gerne schenken. Dieses Buch ist für die Mormonen genauso wichtig wie die Bibel. Darin steht, dass Jesus nach seinem Tod und seiner Auferstehung nach Amerika gereist sei und sich den dortigen Ureinwohnern gezeigt habe. »Ich würde so ein Buch schon annehmen«, sagt der Student. Sie sollen einfach bei ihm klingeln, »vielleicht bin ich ja da«. Dann geht die Tür zu. Ob er ahnt, dass die beiden ganz bestimmt zurückkommen werden?

Hartnäckigkeit ist Teil ihres Jobs. Täglich klopfen Sister Bohne und Sister Schaerr an Türen wie jene von Zimmer 217. Es gibt Türen, die sich öffnen, und Türen, die verschlossen bleiben. Menschen, die zuhören, und andere, die nichts von den Missionarinnen wissen wollen. 25 bis 30 Anläufe unternehmen sie pro Tag. Sie führen eine Liste, die andere Missionare vor ihnen angefangen haben und die auch Sister Bohne und Sister Schaerr an ihre Nachfolger weitergeben werden. Darauf steht, bei wem es sich lohnt, ein zweites Mal zu klingeln, wer ein Buch Mormon haben möchte und bei wem Hoffnung besteht, dass er sich eines Tages taufen lässt.

Obwohl sie sich erst seit ein paar Monaten kennen, ergänzen Sister Bohne und Sister Schaerr einander perfekt. Vielleicht, weil sie rund um die Uhr zusammen sind: Der Tag der beiden beginnt um halb sieben. Los geht es mit Frühsport, dann lesen sie drei Stunden lang in der Bibel und im Buch Mormon. Sie sitzen sich in ihrer winzigen Zweizimmerwohnung gegenüber, waschen in der schmalen Küche nebeneinander ab, schlafen in einem Zimmer. Wenn sie unterwegs sind, begleiten sie einander sogar aufs Klo. Vor allem aber verbindet sie ein gemeinsames Ziel: andere von ihrer Kirche zu überzeugen. Sister Bohne drückt es so aus: »Wir möchten die Menschen glücklicher machen. Wenn jemand eine Beziehung zu Gott aufbaut, geht es ihm automatisch besser.«

Beide sind mit diesem Weltbild groß geworden, sie sind in Mormonenfamilien aufgewachsen. Ihre Großeltern, Eltern, Brüder und Schwestern – Sister Bohne hat fünf Geschwister, Sister Schaerr sechs – gehören ebenfalls zur Kirche. Von klein auf haben sie täglich gebetet und sind in den Gottesdienst gegangen. »Ich habe mich irgendwann gefragt: Glaube ich nur wegen meiner Eltern?«, sagt Sister Schaerr. Um das herauszufinden, habe sie gebetet. »Dann wusste ich, dass es richtig war.« Bei Sister Bohne sei es ähnlich gewesen, sagt sie. Wie die Eltern der beiden wohl reagiert hätten, wenn sie sich gegen die Religion entschieden hätten? »Natürlich wären sie traurig gewesen«, sagt Sister Bohne, »aber sie hätten es akzeptiert.« Die Berichte von Aussteigern scheinen zu bestätigen, was die beiden erzählen: Ex-Mormonen werden von der Kirche nicht verfolgt oder bedroht, und anders als bei den Zeugen Jehovas wird ihnen auch nicht der Kontakt zu Gläubigen verboten.

Doch nur die wenigsten Mitglieder trauen sich, offen Kritik an der Kirche zu üben. So gilt es als Tabu, darüber zu sprechen, dass einige Mormonen polygam lebten. Kirchengründer Smith zum Beispiel soll mit mehreren, teilweise minderjährigen Frauen zusammen gewesen sein. Schwarze wurden von den Mormonen lange ausgeschlossen, Homosexuelle werden noch heute nicht geduldet. Sister Bohne und Sister Schaerr wirken nicht, als würden sie Dinge, die die Kirche sagt, infrage stellen. Während ihrer Missionszeit dürfen sie nur zweimal im Jahr mit ihren Familien telefonieren, an Weihnachten und am Muttertag. »Das war am Anfang schwer. Ich liebe meine Familie über alles«, sagt Sister Schaerr. Doch wie so vieles andere haben die Missionarinnen auch diese Regelung hingenommen. An der Wand über ihren Schreibtischen kleben Familienfotos. Abgesehen von ihren Kleidern und ihren Bibeln mit goldener Namensprägung sind diese Bilder die einzigen persönlichen Gegenstände in der Wohnung, die von der Kirche für die Missionarinnen angemietet wurde. Ihre Vorgänger scheinen es genauso gehalten zu haben: Die Raufasertapete über den Schreibtischen ist fleckig, Dutzende Missionare haben hier mit Tesafilm Fotos an die Wand geklebt und sie nach ihrem Aufenthalt wieder abgeknibbelt.

Es lohnt sich nicht, die Wohnung richtig einzurichten – die Mormoninnen wissen nie, wie lange sie an einem Ort bleiben. Alle sechs Wochen bekommen sie einen Anruf, in dem über ihre mögliche Versetzung gesprochen wird. In ihrer Unterkunft gibt es weder einen Fernseher noch einen Computer – und abgesehen von der Bibel, dem Buch Mormon und anderer religiöser Literatur auch nichts zu lesen. Nur montags, wenn die beiden frei haben, können sie ins Internetcafé gehen und ihren Eltern mailen oder Spaziergänge durch Hamburg machen. An den restlichen Wochentagen ist das tabu. »So können wir uns voll auf unsere Arbeit hier konzentrieren«, sagt Sister Bohne.

Es gibt noch mehr Dinge, die ihnen die Kirche vorschreibt: Sie sollen nur Kleider oder Röcke tragen, die bis übers Knie gehen, Jeans und Flip-Flops sind verboten. Den beiden fällt es nicht schwer, sich anzupassen, sie haben zusätzlich noch eigene Regeln aufgestellt: »Don’t eat out« zum Beispiel, »nicht auswärts essen«. Weil es gesünder sei, zu Hause zu kochen, als im Laufschritt Crêpes oder Burger zu verschlingen. Vor allem aber sei es billiger. Vor ihrer Missionszeit haben die beiden Geld gespart, umgerechnet etwa 5.500 Euro, und es an die Kirche überwiesen. Pro Monat werden ihnen davon 170 Euro ausgezahlt. Damit kaufen sie Lebensmittel.

Heute Mittag gibt es Pizza mit Barbecue-Soße und Putenbrust. Vor dem Essen setzen sich die Missionarinnen auf das graue Sofa unter den Jesus-Bildern, schließen die Augen und beten. Sie bedanken sich für die Mahlzeit, sagen zum Abschluss »Wir haben dich sooo lieb, Amen« und umarmen einander. Beim Essen läuft ihre Lieblings-CD, Lieder, in denen immer wieder die Wörter »pray« und »heaven« vorkommen. Nach dem Abwasch putzen sie schnell ihre Zähne, dann geht es zurück auf die Straße.

In einer Einkaufspassage versuchen die Missionarinnen Passanten abzufangen, um mit ihnen über Gott zu sprechen. »Keine Zeit«, sagt eine Frau und eilt vorbei, ein Mann hebt abwehrend die Hände: »Wir haben uns gestern schon gesehen, ich bin nicht interessiert.« Viele sagen gar nichts und gehen einfach weiter. Der Regen klackert auf das Glasdach der Passage, doch Sister Bohne und Sister Schaerr lächeln.