Auf die Idee, eine Pause einzulegen, kommen sie nicht. Dabei ist hier niemand, der sie kontrolliert. Und an eine Hölle glauben die Mormonen auch nicht. Warum also dieser Stress? »Ich liebe das Evangelium und möchte mit den Menschen darüber sprechen«, sagt Sister Bohne. Und dafür will sie jede Minute nutzen. Zwischen Eiscafé und Spielzeugladen kommt es dann doch noch zu einem Gespräch. Ein Mann um die 20, der auffällig breite Schultern hat und eine Sporttasche bei sich trägt, freut sich, dass er angesprochen wird. »Auf euren Schildern stehen nur eure Nachnamen«, sagt er, »wie heißt ihr denn mit Vornamen?« Die beiden schauen einander an. »Kimberly und Rebekah«, antwortet Sister Schaerr zögerlich. »Sind Sie gläubig?«, fragt sie schnell zurück. »Ich bin Moslem«, sagt der Mann, »ich bete fünfmal am Tag.« Er stellt sich vor, erzählt, dass er gerne ins Fitnessstudio gehe und bald was mit Wirtschaft studieren möchte. Mit Jesus als Sohn Gottes könne er nichts anfangen, »bei uns ist Jesus nur ein Prophet«. Trotzdem nimmt er das Buch Mormon entgegen und eine Visitenkarte, auf der die Handynummer der Missionarinnen steht. »Wir können uns ja mal privat treffen, chillen und was trinken«, schlägt er vor und streicht Sister Schaerr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Wir können über das Buch Mormon sprechen«, antwortet sie und verabschiedet sich.

Drei Minuten später blinkt das Dienst-Handy. »War schön, euch kennenzulernen«, schreibt der Mann mit den breiten Schultern. Die beiden Missionarinnen kichern, fast wie Teenager. Es ist das erste Mal heute, dass sie nicht kontrolliert wirken. Sie können nicht verbergen, dass sie sich geschmeichelt fühlen.

Theoretisch dürften die beiden einen Freund haben, auch jemanden, der einen anderen Glauben hat, sagt Sister Schaerr. Sie habe selbst schon mal eine Beziehung mit einem Mann geführt, der kein Mormone war. Mehr als Knutschen war aber nicht drin. Während ihre besten Freundinnen auf Partys heimlich Alkohol tranken, mit dem Rauchen anfingen und ihre ersten sexuellen Erfahrungen machten, blieben Sister Bohne und Sister Schaerr enthaltsam. Es gelte, sich für einen einzigen Partner aufzusparen, mit dem man nicht nur in diesem Leben, sondern auch in der Ewigkeit zusammenlebe. Während der Zeit in Deutschland ist nicht mal Knutschen erlaubt. »Wir verraten nie, wo wir wohnen«, sagt Sister Schaerr. Auf der Visitenkarte, die sie verteilen, steht nur die Adresse der Kirche, in der sie jeden Sonntag beten.

Die letzte Station an diesem Tag ist ein grünes Mehrfamilienhaus. Dort wohnt Sophia Gregians. Die 70-Jährige hat sich im März dieses Jahres taufen lassen. Sister Schaerr und Sister Bohne besuchen sie einmal in der Woche und umarmen sie zur Begrüßung. Dann beten sie gemeinsam. Sophia Gregians erzählt von ihren Herzoperationen und davon, wie sehr sie ihren verstorbenen Mann vermisst. In schwierigen Zeiten habe der Glaube ihr immer Kraft gegeben, sagt Sister Schaerr: »Ich habe in meinen Gebeten Fragen gestellt und Antworten bekommen, das hat mir viel Trost gebracht.«

Die ältere Frau in der schwarz-weißen Tunika sieht noch immer traurig aus, aber sie nickt. Endlich sind Menschen da, die sie verstehen. Sie steht auf und geht in ihre kleine Küche, kommt ein paar Minuten später mit Schälchen voller Vanilleeis und selbst gemachter Himbeersoße zurück. Die drei löffeln gemeinsam Eis und reden über Gott. Zum Abschied sagt Sister Schaerr: »Wenn Sie Hilfe brauchen, rufen Sie uns an.«

Um 21 Uhr ist die Mission für heute beendet. Zurück in ihrer Wohnung, setzen sich die Missionarinnen noch einmal an ihre Schreibtische. Während draußen die U-Bahn vorbeirauscht, lassen sie den Tag Revue passieren. Sie erzählen einander, was sie nach ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten machen werden: Sister Bohne möchte Psychologie studieren und promovieren, Sister Schaerr braucht nur noch ein Jahr bis zu ihrem Bachelor, ebenfalls in Psychologie. Beide möchten einmal viele Kinder haben.

Um halb elf werden sie heute Abend schlafen gehen, denn morgen müssen sie fit sein. Es gibt so viele Türen, an die Sister Bohne und Sister Schaerr während ihres Aufenthalts in Deutschland noch klopfen wollen.