Mormonen-Missionare"Glauben Sie an Gott?"

Die Missionarinnen Rebekah Schaerr, 23, und Kimberly Bohne, 21, wollen die Deutschen zu Mormonen machen – und arbeiten hart dafür. von Katrin Schmiedekampf

Jedes Mal, wenn sich eine Tür öffnet, müssen Sister Bohne und Sister Schaerr schnell sein. Und die Frage stellen, vor der es kein Entrinnen gibt: »Glauben Sie an Gott?« Der Student aus Zimmer 217, ein Junge im T-Shirt und mit langen Haaren, zögert, doch er zieht die Tür nicht zu. Stille im Flur des Studentenwohnheims. Es riecht nach überreifen Bananen und abgestandener Luft. Schließlich antwortet er: »Ein bisschen.« Sister Bohne und Sister Schaerr lächeln.

Sister Bohne heißt mit Vornamen Kimberly, ist 21 Jahre alt, hat brünette Haare und kommt aus dem Bundesstaat Maryland an der amerikanischen Ostküste. Sister Schaerr heißt Rebekah, ist blond, 23 Jahre alt und kommt aus Utah, an der Westküste. Obwohl die zwei sich nicht ähnlich sehen, wirken sie wie Schwestern. Das ist es auch, was auf den Namensschildern an ihren Mantelkrägen steht: »Sister Bohne« und »Sister Schaerr«, darunter ihre Glaubenszugehörigkeit: Die beiden sind Missionarinnen der »Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage«, besser bekannt als Mormonen.

Anzeige

Mit geradem Rücken stehen sie im Wohnheimflur, recken das Kinn nach vorne und schauen ihrem Gesprächspartner aus Zimmer 217 direkt ins Gesicht. Das Auffälligste an ihnen ist ihr Lächeln. Sie sehen so glücklich aus, als hätten sie sich gleich nach dem Aufstehen einen dicken Joint geteilt. Dabei wäre Kiffen das Letzte, was die beiden tun würden. Drogen, Zigaretten und Alkohol sind ihnen ebenso verboten wie Schimpfwörter oder Sex vor der Ehe, nicht mal schwarzen Tee dürfen sie trinken. Es scheint allein ihr Glaube zu sein, der sie fröhlich macht.

ZEIT Campus 6/2012
ZEIT Campus 6/2012

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Die Mormonen sind keine Sekte, sondern eine Neureligion, heißt es bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Die Kirche wurde 1830 in New York gegründet, nachdem ein Bauer namens Joseph Smith von einem Engel goldene Tafeln und einen göttlichen Auftrag erhalten haben soll: Die Katholiken, Lutheraner und sonstigen Christen seien allesamt vom wahren Glauben abgefallen, nun sei es an Smith, das Evangelium wiederherzustellen und die Rückkehr von Jesus Christus auf die Erde vorzubereiten.

Joseph Smith begann zu missionieren, mit Erfolg: Heute gibt es weltweit 13 Millionen Mormonen, davon etwa 38000 in Deutschland. Im Vergleich zu anderen christlichen Glaubensrichtungen ist das wenig – zum Katholizismus werden etwa mehr als eine Milliarde Menschen gerechnet – doch die Religion wächst. Zu den bekanntesten heutigen Mormonen gehören Stephenie Meyer, die Autorin der Twilight Saga, und der Politiker Mitt Romney.

Sister Bohne und Sister Schaerr haben sich freiwillig zum Missionieren gemeldet. Sie haben ihre Bewerbungen nach Salt Lake City geschickt, dem Hauptquartier der Mormonen in Utah. Dort wird entschieden, wo Missionare eingesetzt werden, welche Fremdsprache sie lernen müssen und wie sie die nächsten anderthalb Jahre ihres Lebens verbringen. Sister Bohne wollte nach Südafrika, Sister Schaerr nach Südamerika. Stattdessen kamen sie nach Deutschland, zuerst nach Eisenhüttenstadt, dann nach Hamburg. »Deutschland ist toll«, sagt Sister Bohne. Eines habe sie jedoch überrascht: dass es hier so viele Menschen gibt, die mit Gott nicht viel anfangen können.

Im Studentenwohnheim im Norden Hamburgs haben sie Glück. »Ich glaube schon, dass es da eine Macht gibt«, sagt der Student aus Zimmer 217. Sister Bohne und Sister Schaerr haben ihn nicht nach seinem Namen gefragt, nicht nach seinem Alter und auch nicht nach seinem Studiengang. Sie interessieren sich nur für seinen Glauben. Er ringt nach Worten, redet von »Dingen, die man nicht rational erklären kann« und von »Werten, die man heute nicht mehr so kennt«. Dabei starrt er immer wieder auf den filzigen Teppichboden im Wohnheimflur. Die Missionarinnen nicken, sagen abwechselnd »wunderbar« und »genau«. Zuhören können sie gut – das tun sie jeden Tag. »Ist Mitt Romney nicht auch Mormone?«, fragt der Student plötzlich und will wissen, was die beiden von ihm halten. »Ich möchte einen guten Präsidenten, egal, ob er ein Mitglied ist oder nicht«, antwortet Sister Bohne ausweichend. Sie wirbt ausschließlich für ihren Glauben und nicht für eine politische Partei.

Leserkommentare
  1. Ich frage mich ernsthaft was oder auch wie wenig im Oberstüblein los sein muss, um an so was zu glauben? Hat das was mit fundamentaler Angst/Paranoia zu tun?
    Wie kann ein, auf dem Papier, erwachsener Mensch nach ernsthaftem Studium eigentlich aller offenbarenden Bücher zu dem Ergebnis kommen: "Aha! Ich glaube, so war das Alles!" (Weil muss ja, ist ja Gottes Wort...) und "Ab jetzt lasse ich mein Leben von einem Buch bestimmen, das die überwiegende Mehrheit der Menschen nicht einmal gelesen hat, geschweige denn kennt. Und ich glaube an ein allmächtiges Wesen, das uns alle geschaffen hat, aber es nicht geschafft hat alle einheitlich glauben zu lassen."
    Ich meine: Warum hat nicht jeder so eine Art Festspeicher in der Rübe auf der Bibel oder Koran, oder welche dann auch immer die wirklich, echt Echte Offenbarung ist, permanent hinterlegt ist - quasi alles Inklu: Geschichten über Inzucht, Jungfrauen, Schlachtfeste, Ungläubige und die Methoden diese hinzurichten etc.

    PS: Darf eigentlich jeder eine Religion gründen, der glaubt mit Gott gesprochen zu haben?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    > PS: Darf eigentlich jeder eine Religion gründen, der glaubt mit Gott gesprochen zu haben?

    Ja, selbstverständlich. Es wäre nur empfehlenswert, dabei ein bisschen auf die Menschen zuzugehen und nicht allzu herablassend zu sein. Religionsgründer, die selbst ihre einzigen Anhänger sind, geraten immer in Gefahr, weggesperrt zu werden, falls sie die Sache zu ernst nehmen.

    > PS: Darf eigentlich jeder eine Religion gründen, der glaubt mit Gott gesprochen zu haben?

    Die Frage, ob man das "darf", finde ich übrigens sehr interessant. Erinnert mich grade an die Forderung eines erbosten Bildzeitungslesers, man solle der Titanic die "Satirelizenz" entziehen.

    Sowohl der Satire als auch der Religion wohnt die Unbotmässigkeit zentral inne, und wer fragt ob er darf, hat sich bereits entschieden

  2. 34. @35...

    Zitat ChristinaHH:

    "Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.
    Klingt für mich irgendwie nach Kanibalismus (=strafbar!=)
    ...handelt es sich um die Verherrlichung einer Straftat?"

    Nach christlicher Auffassung ist Gott in Jesus Christus Mensch geworden. Der ewige Gott ist zeitlich, der unendliche ist endlich, der zeitlose ist sterblich geworden.

    Gott hat sich gemäß christlichem Verständnis auf eine Ebene begeben, auf der wir Menschen mit ihm sprechen können, von mensch zu Mensch.

    Bei der Kommunion/Eucharistie/Altarsakrament wird nach katholischer auffassung die Gemeinschaft mit Gott nicht nur symbolisch sondern durch Verzehr der geheiligten Hostie/Leib Christi tatsächlich durchgeführt und ist auch eine Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Jesu Christi.

    Durch Christi Auferstehung sind katholische Christen davon überzeugt, das Jesus Christus beim Abendmahl (Mt 26-28) die Wahrheit gesprochen hat.

    Antwort auf "Kanibalismuns?"
  3. Die Mormonen kann ich immerhin an der Hasustür freundlich zurückweisen. Das geht mit den großen Kirchen nicht: Ob Zwangskruzifixe in Schulen und Gerichtssälen, Tanz- und Einkaufsverbote, oder der kaum umgehbare Religionsunterricht, hier fühle ich mich sehr viel mehr unter Druck gesetzt. Sowas gibts in den USA nicht.

    Außerdem, sind unsere Kirchen auch nur ein Deut weniger absurd als das Mormonentum? Wird ein "Offenbarungs"-Text glaubwürdiger, nur weil er über tausend Jahre alt ist?

    Wers glauben will, solls halt glauben. Ich glaubs nicht.

    Einen Unterschied

  4. 36. @36...

    Sie stellen so viele Fragen, die kann man in der Kommentarfunktion gar nicht alle beantworten, ich greife nur eine heraus:

    Zitat ceteris paribus:
    "..Und ich glaube an ein allmächtiges Wesen, das uns alle geschaffen hat, aber es nicht geschafft hat alle einheitlich glauben zu lassen."

    Denkt man diesen Satz zu Ende, hätte Gott willenlose Zombies ohne Entscheidungsfreiheit geschaffen.
    Jeder Mensch hat aber die Möglichkeit bekommen, selbst seine Antworten auf die Entstehung der Welt, des Universums, des Lebens zu suchen und zu finden, das ist die Freiheit des Menschen, auch in einer möglichen Entscheidung gegen Gott.

    • Cardoso
    • 20. November 2012 22:06 Uhr

    "In this clip, John travels to Utah to give the Mormons a little taste of their own medicine. Him and a colleague spread the good word of Atheism door-to-door in the early morning. But for some reason, most aren’t too receptive."

    http://bit.ly/UTJgdQ

    • Sirisee
    • 21. November 2012 0:46 Uhr

    ... es gibt in dem Milieu noch den Trick: So tun, als ob man Bücher verschenkt und wenn sich jemand interessiert, dann eine "Spende" abzocken (bei den Osho-Brüdern habe ich das mal erlebt).

    Da finde ich 2 junge Mormoninnen, deren Einsatzwille fast vorbildlich ist, viel erfreulicher.

    Ist doch schön, wenn es junge Menschen gibt, die sich engagieren ..

  5. Dort wurde sich eigentlich nur über die gesamte Story über die Gründung der "Kirche" auf die Schippe genommen. Doch zum Ende hieß die Message: egal wie absurd die Story sein mag, man sollte trotzdem versuchen tolerant zu sein.

    • bhs
    • 21. November 2012 9:11 Uhr

    Der "Intermountain"-Bundesstaat Utah liegt so weit entfernt vom Pazifik wie Bayern vom Atlantik!!!
    An solchen "Nebensächlichkeiten", Frau Schmiedekampf, wird gelegentlich doch deutlich, wie weit wir den sonstigen Informationen eines Zeitungsartikels trauen sollten. 

    Was noch?
    "Du, Armer!"rief mal ein Arbeitskollege von mir aus, "Du musst ja Deiner Frau treu sein." "... dürfen, ...nicht erlaubt, ...verboten" drücken eine Glaubenskultur aus, die Mormonen fremd ist: Ein guter Mormone dürfte alles, wenn er nur wollte, tut's aber nicht, weil er's besser weiß und sich entschieden hat.  Er unterliegt keiner wöchentlichen Ohrenbeichte, wird von niemand kontrolliert, außer von sich selbst: Er weiß einfach, zu welchem Zweck er hier auf der Erde ist und welchen Sinn das Leben hat.

    Niemand zahlt "bei seinen Oberen als Pfand" einen hohen Geldbetrag ein, bevor er auf Mission geht: Meinen Kinder, die in Griechenland, England und den neuen Bundesländern waren, haben wir schlicht und einfach einen monatlichen Dauerauftrag eingerichtet. Die Familie half zusammen, wenn das Ersparte nicht reichte.

    Lassen wir's damit gut sein an Berichtigungen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Mormonen | Glaube | Religion | Religionsfreiheit
Service