Professoren-Kolumne : Wenn Mama zur Sprechstunde kommt

Freiheit und Selbstständigkeit sind für viele die Reize des Studierens. Aber es gibt Ausnahmen: Mancher Student nimmt seine Mutter mit in die Uni. Ein Professor erzählt.

»Nach genauem Vergleich haben wir uns für diese Uni entschieden«, verkünden meine Besucher in der Sprechstunde. Wer spricht? Nicht etwa die neue Studentin, sondern der Vater. Die liebe Frau Mama will auch was sagen: »Unsere Stefanie freut sich schon sehr auf Ihren Kurs. Wir sind alle so gespannt!«

Professor Fritz Breithaupt

 44, erklärt an dieser Stelle regelmäßig das Innenleben der Profs. Er lehrt an der Indiana University, USA

Wie bitte? »Wir« haben uns für die Uni entschieden? Wollen die vielleicht auch noch in die WG mit einziehen? Auf Englisch nennt man solche Eltern helicopter parents, also Eltern, die ihre Kinder umkreisen und zu steuern versuchen. Immer wieder landen solche Eltern bei mir.

Schwieriger als das Verhältnis zu den eigenen Eltern ist für Profs bloß das Verhältnis zu den Eltern ihrer Studenten. Als ich an der Uni anfing, sahen viele Eltern in mir den perfekten Schwiegersohn und wollten mich am liebsten adoptieren. Oder einen Verbündeten im Kampf gegen ihren widerspenstigen Sprössling. In beiden Fällen wollten sie aus einer Zweierbeziehung ein Dreierverhältnis machen. Gewehrt habe ich mich in solchen Gesprächen mit fremdwortgespicktem Lehrstoff.

Inzwischen sehe ich das gelassen: Ich lade die Eltern einfach dazu ein, mir eine eigene Seminararbeit abzugeben. »Stefanie und ich schicken Ihnen Ihre Noten dann zu.«

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Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Fast noch schlimmer

Wie kann es denn sein, dass - wie es ja auch der Artikel suggeriert - gefordert wird, dass Studenten/innen doch bitte unabhängig und autark sein sollen, aber auf der anderen Seite gibt es irgendwelche Regeln, welche nicht hinterfragt werden, allerdings von Jahrgang zu Jahrgang weitergetragen werden? Ich frage mich tatsächlich, was diese Regel "Sie dürfen nur 2-3x fehlen" bewirken soll? Im Grunde zählt danach doch sowieso nur die Klausur, die unzähligen Präsentationen oder irgend eine schriftliche Ausarbeitung. Es wird doch augenscheinlich von Professoren gefordert, dass wir uns selbst organisieren. Was soll dies dann also? Ist das der Versuch den Hörsaal vollzubekommen, weil der Prof. selbst am besten weiß, dass er seine Vorlesungen oder Seminare so staubtrocken gestaltet, dass niemand kommen würde, wenn er nicht u n b e d i n g t muss um zu bestehen?

Überholt?

Wovon wurde Anwesenheitspflicht in Seminaren überholt?

Machen Sie doch einen Vorschlag, wie man Seminare organisieren soll, für die sich Hunderte pro Semester interessieren, nur 20 im Raum Platz haben, von denen dann einige nur zur Hälfte aller Termine erscheinen und somit die anderen Interessenten um ihren entglittenen Platz bescheißt?

Und womöglich möchte man sich zu Recht gerade diejenigen vom Hals halten, die mit der Einstellung "Am Ende zählt dann sowieso die Klausur" 'studieren'.

Bei Anwesenheitspflicht für Vorlesungen stimme ich Ihnen aber zu. Das ist kindisch.

Ja, überholt ;)

Möglicherweise wäre es ein Anfang, wenn man eben nicht das Abitur nach 12 Jahren eingeführt hätte. So hätte man jedenfalls schon mal mehr Platz an unseren Unis, man müsste nicht eine halbe Stunde in der Mensa anstehen um dann, wenn man "vielleicht" noch einen Platz gefunden hat, sein Essen runterzuschlingen. Schön wäre es in diesem Zusammenhang übrigens auch, wenn man nicht eine viertel Stunde an einer Toilettenschlange anstehen muss. Aber darum soll es hier auch gar nicht gehen. Dennoch sind überfüllte Unis und FH's einfach etwas, was einen Rattenschwanz mit sich ziehen. Möglicherweise wäre es einfach mal ein Anfang, Seminare doppelt anzubieten. Oder auch, abstrus, aber wahr, Seminare anders zu gestalten. Was spricht gegen mehr Praxis, anstatt andauernd in jedem Seminar ein Referat halten zu müssen. Kritiker sagen jetzt, "oh nein, wo kommen wir da hin, ein Studium ist nun mal theoretisch" Aber hier mein persönliches ABER dazu ;) ... Selbst dieser Artikel fordert mehr Eigenständigkeit von uns Studenten, ... Ja Mensch, liebe Dozenten, dann macht es euch doch nicht immer so leicht und weckt bei uns Studenten auch wirkliches Interesse. Achja, und noch was: ich studiere gerne, aber mich kann ein Thema noch so sehr Fesseln, ja, ich gebe zu, am Ende geht es mir tatsächlich nur um die Klausur, respektive um das Bestehen des Seminars.

Ich glaube nicht....

... das dies unbedingt ein Problem der Studenten ist und behaupte, dass es diesen Typus auch schon früher gegeben hat.

Was allerdings neuer ist, ist das Problem der jüngeren Mittelschichtsgeneration. Die Versagensangst DER ELTERN in Bezug auf ihr eigens Kind, was dazu führt, dass das Kind möglichst so lange beeinflusst bis "es denn das macht, von dem man glaubt, dass es gut für es ist".
In der Tat würde es allerdings ausreichen, wenn Stefanie mal auf den Tisch hauen würde. :-)

Infantilisierung durch Helikopter-Eltern

Ich stimme DHA3000 in dieser Hinsicht zu. Wie kommen Sie darauf, dass dieses Phänomen primär an den Studenten liegt? Wenn ein Infantilisierung vorliegt, könnte das gut dadurch begründet werden, dass solche Helikopter-Eltern durch ihren permanenten Kontrollzwang ihre Kinder nicht zur Entfaltung kommen lassen. Jedenfalls wäre das die logische Konsequenz.
Ehrlich gesagt, tun mir junge Menschen mit solchen Eltern fast leid.
Im Übrigen lässt sich aus dem Verhalten der Eltern nicht unbedingt die Intelligenz der Studenten schließen, wie Sie das hier suggerieren.

Einer

meiner Söhne hörte mal, wie eine Kollegin nicht ganz ernsthaft vorschlug, ein Schild anzubringen: "Hunde und Eltern müssen draußen bleiben."

Aber was ist mit Studenten, was mit Mitarbeitern, die selbst Eltern sind?

Mein Sohn machte darauf den Gegenvorschlag, einen eigenen Wickelraum für Erwachsene und ihre Betreuer einzurichten - bei manchen sinds ja nicht die Eltern, sondern der Freund, die beste Freundind, der Pfarrer oder die beauftragte Betreuerin für das jeweilige Geschlecht.