Professoren-KolumneWenn Mama zur Sprechstunde kommt

Freiheit und Selbstständigkeit sind für viele die Reize des Studierens. Aber es gibt Ausnahmen: Mancher Student nimmt seine Mutter mit in die Uni. Ein Professor erzählt. von Fritz Breithaupt

»Nach genauem Vergleich haben wir uns für diese Uni entschieden«, verkünden meine Besucher in der Sprechstunde. Wer spricht? Nicht etwa die neue Studentin, sondern der Vater. Die liebe Frau Mama will auch was sagen: »Unsere Stefanie freut sich schon sehr auf Ihren Kurs. Wir sind alle so gespannt!«

Professor Fritz Breithaupt

 44, erklärt an dieser Stelle regelmäßig das Innenleben der Profs. Er lehrt an der Indiana University, USA

Wie bitte? »Wir« haben uns für die Uni entschieden? Wollen die vielleicht auch noch in die WG mit einziehen? Auf Englisch nennt man solche Eltern helicopter parents, also Eltern, die ihre Kinder umkreisen und zu steuern versuchen. Immer wieder landen solche Eltern bei mir.

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ZEIT Campus 6/2012
ZEIT Campus 6/2012

Schwieriger als das Verhältnis zu den eigenen Eltern ist für Profs bloß das Verhältnis zu den Eltern ihrer Studenten. Als ich an der Uni anfing, sahen viele Eltern in mir den perfekten Schwiegersohn und wollten mich am liebsten adoptieren. Oder einen Verbündeten im Kampf gegen ihren widerspenstigen Sprössling. In beiden Fällen wollten sie aus einer Zweierbeziehung ein Dreierverhältnis machen. Gewehrt habe ich mich in solchen Gesprächen mit fremdwortgespicktem Lehrstoff.

Inzwischen sehe ich das gelassen: Ich lade die Eltern einfach dazu ein, mir eine eigene Seminararbeit abzugeben. »Stefanie und ich schicken Ihnen Ihre Noten dann zu.«

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Leserkommentare
    • Egoldr
    • 22. Dezember 2012 10:28 Uhr

    solche Studenten/innen haben an einer Universität nichts zu suchen, ihnen fehlt einfach das, was man früher "Reife" nannte und das Zeugnis "Hochschulreifezeugnis". Wann wird Analphabeten der Zugang zu Universitäten ermöglicht? - Das ist wohl der nächste Schritt der Infantilisierung und der damit einhergehenden "Unbildung". Da muss man sich dann nicht wundern, dass Universitäten und sonstige Hochschulen aus allen Nähten platzen und die Absolventen solcher Einrichtungen nur noch das Ansehen in der Gesellschaft genießen wie vor 50 Jahren Hauptschulabsolventen.

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    • Anno86
    • 22. Dezember 2012 13:19 Uhr

    Leider ist durch den Bachelor ein Studium ja auch eher verschult. ... Ich kenne das auch, wir dürfen in Seminaren nur 2x fehlen ... Da kann man schon mal Schule mit Studium verwechseln :)

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    Leider ist durch den Bachelor ein Studium ja auch eher verschult. ... Ich kenne das auch, wir dürfen in Seminaren nur 2x fehlen ...

    Meine Wenigkeit hat ihr Studium 2001 begonnen, da war ein Seminar nach dreimaligem Fehlen ebenfalls gelaufen.

    Diese Abmeldung ihres Sohnes beim Rektor geschah lange vor Einführung des Bachelors und zwar an einer Uni, die damals schon über 30000 Studenten hatte.
    http://de.wikipedia.org/w...

    Aber ich muss zugeben, dass meine Studentengeneration mit Magister, Diplom und Staatsexamen es weitaus besser hatte. Da konnte man mal einfach ein Semester "schleifen" lassen und in der Weltgeschichte herumbummeln. Die Scheine hat man dann entweder im vorausgehenden oder folgenden Semester gemacht.

    Ich bin z.B.8 Monate quer durch Europa gereist, da ich meine Scheine für die Zwischenprüfung ein Semester zuvor gemacht hatte.

    Bei meinem Sohn, der seinen Master in Physik jetzt macht, ist so etwas gar nicht denkbar.

    Das Studentenbild hat sich grundsätzlich geändert. Damals legte man noch Wert auf eine akademisch kritische Haltung und forschende Neugier der Studenten, heute sollen sie in möglichst kurzer Zeit in ihrem jeweiligen Fach fit für den Einsatz im Berufsleben gemacht werden.

    Viele Studenten haben damals zu Beginn der Semesterferien 4 Wochen gearbeitet - es gab damals noch gut bezahlte Studentenjobs - und sind dann 2 Monate in den Urlaub gefahren.

    Heute sitzen sie in Arbeitsgruppen, um den Stoff vor-oder nachzubereiten.

    Und Eltern auf dem Campus? Das gab es früher nicht.

    Ihr tut mir wirklich leid.

    • Billy51
    • 22. Dezember 2012 16:27 Uhr

    "Wir dürfen in Seminaren nur 2x fehlen."

    Es kommt darauf an, wie oft das Seminar stattfindet.
    Eine unbenotete Prüfungsleistung darf bei uns nur dann anerkannt werden, wenn mindestens 80% des Angebotes wahrgenommen wurde.

  1. Diese Abmeldung ihres Sohnes beim Rektor geschah lange vor Einführung des Bachelors und zwar an einer Uni, die damals schon über 30000 Studenten hatte.
    http://de.wikipedia.org/w...

    Aber ich muss zugeben, dass meine Studentengeneration mit Magister, Diplom und Staatsexamen es weitaus besser hatte. Da konnte man mal einfach ein Semester "schleifen" lassen und in der Weltgeschichte herumbummeln. Die Scheine hat man dann entweder im vorausgehenden oder folgenden Semester gemacht.

    Ich bin z.B.8 Monate quer durch Europa gereist, da ich meine Scheine für die Zwischenprüfung ein Semester zuvor gemacht hatte.

    Bei meinem Sohn, der seinen Master in Physik jetzt macht, ist so etwas gar nicht denkbar.

    Das Studentenbild hat sich grundsätzlich geändert. Damals legte man noch Wert auf eine akademisch kritische Haltung und forschende Neugier der Studenten, heute sollen sie in möglichst kurzer Zeit in ihrem jeweiligen Fach fit für den Einsatz im Berufsleben gemacht werden.

    Viele Studenten haben damals zu Beginn der Semesterferien 4 Wochen gearbeitet - es gab damals noch gut bezahlte Studentenjobs - und sind dann 2 Monate in den Urlaub gefahren.

    Heute sitzen sie in Arbeitsgruppen, um den Stoff vor-oder nachzubereiten.

    Und Eltern auf dem Campus? Das gab es früher nicht.

    Ihr tut mir wirklich leid.

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    Antwort auf "Leider wahr"
  2. dass die Steffie aus einfachsten Verhältnissen kommen?

    Als aus "einfachsten Verhältnissen" kommend kann ich Ihnen versichern, dass die meisten Eltern sich da nicht trauen würden, mit an die Uni zu kommen, schlicht weil sie selbst gar nicht wissen, wie das da ist. Einem Studenten verzeiht man das, aber für Eltern ist das beschämend. Und deswegen bleiben diejenigen Eltern, die kaum bis gar keine Ahnung von der Unniversität haben auch von dort weg. Sie können ihrem Kind da auch nicht helfen, weil sie genauso viel Plan haben wie es selbst: kaum einen bis gar keinen. Und alles was sie mitbringen können ist das sichtbare Gefühl von Scham aufgrund von Planlosigkeit.

    Kurz: Steffies Eltern sind bestimmt nicht aus einfachen Verhältnissen.

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  3. damit der Lehrkörper mal Interesse an der Wissensvermittlung und am Wecken von wissenschaftlichen Forschungsdrang neu erfinden könnte (Zeit wärs in der Tat) müsste selber dazu erstmal die nötigen Mittel haben und nicht den Nachwuchs mit prekären, unsicheren Verhältnissen in dubiose Arbeitsverhältnisse an die Uni zwingen und - andere Seite der Medaille - es müsste für die Reputation eines Wissenschaftlers irgend einen Nutzen haben, wenn er gut in der Lehre ist (momentan ist sich für die Lehre anzustrengen rausgeschmissene Zeit, weil es Null Reputation einbringt, was wiederum eigentlich ein total erbärmlicher Zustand für eine angebliche Bildungsrepublik ist).

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    Antwort auf "Ja, überholt ;)"
  4. In unserer Nachbarstadt wurde eine heiße Diskusion geführt, weil Eltern, die beim Schwimmkurs ihrer Kinder mit in die Halle wollten, Eintritt bezahlen sollten. "Wir wollen ja nur dabei sein, wir gehn doch nicht ins Wasser". Schwimmkurs bei Kleinkindern in Anwesenheit der Mütter geht einfach nicht.
    Der Anblick völlig verkrampfter Mütter mit Angstfalten auf der Stirn kann die Zöglinge eben nicht animieren, ins Wasser zu springen. Und so sehe ich das auch auf der Uni. Wenn die Blagen nicht in der Lage zu sind, nach dem bestandenen Abitur sich selbst zu organisieren, haben sie auf dem Campus Nichts verloren. Und wie toll ist der Gedanke, daß Mami oder Papi die angewandte Didaktig mit dem Prof durchdiskutieren möchte? Stellen wir uns vor, ein Biopharmakonzern sucht einen Physiker, der dann mit Papi zum Vorstellungsgespräch erscheint.

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  • Schlagworte Hochschullehrer | Student | Eltern
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