Neulich erzählten mir Abiturienten, dass Forscher wie Isaac Newton oder Albert Einstein ihre Vorbilder seien. »Wollt ihr selbst auch Wissenschaftler werden?«, fragte ich. »Nein«, sagten sie, »die interessanten Dinge auf der Welt sind alle längst erforscht.« Ich war baff. Eine Stiftung hatte mich gebeten, an der Schule von meinem Leben als Wissenschaftlerin zu erzählen. Ich hatte erwartet, dass mir als Gründe gegen eine Promotion die lange Ausbildungszeit und die mäßigen Jobchancen in der Wissenschaft genannt würden, aber das Argument, heute gäbe es nichts mehr zu erforschen, überraschte mich.

1. Der Titel und der Spaß
Birgt die Welt heutzutage wirklich keine Geheimnisse mehr? Streben Uni-Absolventen nur noch deshalb eine Promotion an, um später mit dem Doktortitel vor ihrem Namen ein bronzenes Kanzleischild, eine Visitenkarte oder einen Briefkopf zu schmücken? Nein. Okay, es stimmt: Es gibt einige Fächer, in denen man sich mit wenig Aufwand einen Titel holen kann. In denen es reicht, einige Monate lang abends und am Wochenende Studien zu beurteilen, Fragebögen auszuwerten oder Zahlen zu ergoogeln. Wem danach ist, der soll das gerne tun. Aber das hat mit Wissenschaft wenig zu tun.

Vieles spricht gegen eine richtige, eine wirklich wissenschaftliche Promotion: Der Verdienst ist spärlich. Oft müssen Doktoranden mit kaum mehr als tausend Euro im Monat für Miete, Essen und Lebensführung auskommen. Das ist zwar etwas mehr, als viele Studenten zum Leben haben – aber es liegt weit unter den Einstiegsgehältern, die ähnlich qualifizierte Absolventen in der Wirtschaft bekommen. Wer ein Stipendium bezieht, dem sitzt zudem die Zeit im Nacken. Denn oft reichen Stipendien nicht so lange, wie man für die Doktorarbeit braucht. Bei vielen Stiftungen endet die Förderdauer nach zwei Jahren, auch mit begründeten Anträgen kann man sie nur auf drei Jahre verlängern. Das mag für Promotionen in Fächern wie Jura oder Medizin ausreichen, doch Naturwissenschaftler kommen mit dieser Zeit kaum hin.

Wer sich über eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität finanziert, hat vielleicht etwas mehr Zeit für seine Arbeit. Aber die braucht er auch, weil er parallel zur Promotion noch Seminare halten, Konferenzen organisieren oder einem Professor zuarbeiten muss. Es ist zudem die Regel und nicht die Ausnahme, dass sich Doktoranden schlecht betreut fühlen, das zeigen Umfragen und Erhebungen immer wieder.

Dennoch: Wissenschaft macht Spaß. Ich wünsche jedem Studenten, dass er einen Moment erlebt, in dem er versteht, was Wissenschaft bedeutet – beim Schreiben einer Hausarbeit oder beim Nachkochen eines Experiments. Einen Glücksmoment, in dem er in eine Fragestellung eintaucht und sich irgendwann, oft nach vielen Stunden am Schreibtisch oder im Labor, das Gefühl einstellt, dass es wichtig ist, was er tut. Wichtig für ihn selbst. Wichtig für die Welt. Dieses Gefühl erleben Doktoranden im Idealfall drei oder vier Jahre am Stück. Dieses Gefühl hält einen bei der Stange, wenn der Betreuer mal wieder nicht zu erreichen ist oder das Geld langsam knapp wird.

Die Wahl des Themas ist die wichtigste Entscheidung der ganzen Promotion, denn man wird sich jahrelang damit beschäftigen. Ich weiß, wovon ich spreche: Ich habe meine erste Promotionsstelle nach anderthalb Jahren geschmissen und noch mal von vorn angefangen – und das war eine gute Entscheidung. Auf dem kleinen Gebiet, das man sich ausgesucht hat, wird man Daten sammeln und Schlüsse ziehen, die neu sind. Daten und Schlüsse, die oft den eigenen Erwartungen widersprechen. Man befindet sich an der Speerspitze der Wissenschaft, an der Front, an der die Forschung verläuft. Rückschläge sind häufig, man kommt nur zäh oder gar nicht voran. Der Fortschritt einer Doktorarbeit ist manchmal so unvorhersehbar wie die Bewegung einer Amöbe.

Doch schon allein für die Glücksmomente lohnt es sich zu promovieren. Im Studium lernt man zwar die Erkenntnisse der Wissenschaft, also die Fakten und Theorien, aber nicht den Prozess, wie diese Erkenntnisse entstehen. Zumindest in den Naturwissenschaften legt auch niemand großen Wert darauf, Studenten diesen Prozess theoretisch zu erklären. Eine Reflexion über das Thema findet kaum statt. Doch Wissenschaft ist kein lineares Anhäufen von Wissen, kein Turm, der gerade, widerstandslos und immer höher in den Himmel wächst, sondern ein langsames Vortasten mit vielen Umwegen. Eine Kollegin drückte es so aus: Wissenschaft ist wie eine Schlange, die sich hierhin und dorthin schlängelt, ab und zu ihre alte Haut abwirft und sich erneuert – aber das Schlängeln bleibt.