DissertationenGlückliche Amöben

Wenig Geld, viel Stress. Unsere Autorin findet: Promovieren lohnt sich trotzdem! von Julia Offe

Neulich erzählten mir Abiturienten, dass Forscher wie Isaac Newton oder Albert Einstein ihre Vorbilder seien. »Wollt ihr selbst auch Wissenschaftler werden?«, fragte ich. »Nein«, sagten sie, »die interessanten Dinge auf der Welt sind alle längst erforscht.« Ich war baff. Eine Stiftung hatte mich gebeten, an der Schule von meinem Leben als Wissenschaftlerin zu erzählen. Ich hatte erwartet, dass mir als Gründe gegen eine Promotion die lange Ausbildungszeit und die mäßigen Jobchancen in der Wissenschaft genannt würden, aber das Argument, heute gäbe es nichts mehr zu erforschen, überraschte mich.

1. Der Titel und der Spaß
Birgt die Welt heutzutage wirklich keine Geheimnisse mehr? Streben Uni-Absolventen nur noch deshalb eine Promotion an, um später mit dem Doktortitel vor ihrem Namen ein bronzenes Kanzleischild, eine Visitenkarte oder einen Briefkopf zu schmücken? Nein. Okay, es stimmt: Es gibt einige Fächer, in denen man sich mit wenig Aufwand einen Titel holen kann. In denen es reicht, einige Monate lang abends und am Wochenende Studien zu beurteilen, Fragebögen auszuwerten oder Zahlen zu ergoogeln. Wem danach ist, der soll das gerne tun. Aber das hat mit Wissenschaft wenig zu tun.

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Vieles spricht gegen eine richtige, eine wirklich wissenschaftliche Promotion: Der Verdienst ist spärlich. Oft müssen Doktoranden mit kaum mehr als tausend Euro im Monat für Miete, Essen und Lebensführung auskommen. Das ist zwar etwas mehr, als viele Studenten zum Leben haben – aber es liegt weit unter den Einstiegsgehältern, die ähnlich qualifizierte Absolventen in der Wirtschaft bekommen. Wer ein Stipendium bezieht, dem sitzt zudem die Zeit im Nacken. Denn oft reichen Stipendien nicht so lange, wie man für die Doktorarbeit braucht. Bei vielen Stiftungen endet die Förderdauer nach zwei Jahren, auch mit begründeten Anträgen kann man sie nur auf drei Jahre verlängern. Das mag für Promotionen in Fächern wie Jura oder Medizin ausreichen, doch Naturwissenschaftler kommen mit dieser Zeit kaum hin.

Julia Offe

Julia Offe, 39, ist promovierte Molekularbiologin. Seit 2009 organisiert sie in mehreren deutschen Städten Science Slams, bei denen Nachwuchsforscher gegeneinander antreten. Termine unter scienceslam.de

Wer sich über eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität finanziert, hat vielleicht etwas mehr Zeit für seine Arbeit. Aber die braucht er auch, weil er parallel zur Promotion noch Seminare halten, Konferenzen organisieren oder einem Professor zuarbeiten muss. Es ist zudem die Regel und nicht die Ausnahme, dass sich Doktoranden schlecht betreut fühlen, das zeigen Umfragen und Erhebungen immer wieder.

Dennoch: Wissenschaft macht Spaß. Ich wünsche jedem Studenten, dass er einen Moment erlebt, in dem er versteht, was Wissenschaft bedeutet – beim Schreiben einer Hausarbeit oder beim Nachkochen eines Experiments. Einen Glücksmoment, in dem er in eine Fragestellung eintaucht und sich irgendwann, oft nach vielen Stunden am Schreibtisch oder im Labor, das Gefühl einstellt, dass es wichtig ist, was er tut. Wichtig für ihn selbst. Wichtig für die Welt. Dieses Gefühl erleben Doktoranden im Idealfall drei oder vier Jahre am Stück. Dieses Gefühl hält einen bei der Stange, wenn der Betreuer mal wieder nicht zu erreichen ist oder das Geld langsam knapp wird.

Die Wahl des Themas ist die wichtigste Entscheidung der ganzen Promotion, denn man wird sich jahrelang damit beschäftigen. Ich weiß, wovon ich spreche: Ich habe meine erste Promotionsstelle nach anderthalb Jahren geschmissen und noch mal von vorn angefangen – und das war eine gute Entscheidung. Auf dem kleinen Gebiet, das man sich ausgesucht hat, wird man Daten sammeln und Schlüsse ziehen, die neu sind. Daten und Schlüsse, die oft den eigenen Erwartungen widersprechen. Man befindet sich an der Speerspitze der Wissenschaft, an der Front, an der die Forschung verläuft. Rückschläge sind häufig, man kommt nur zäh oder gar nicht voran. Der Fortschritt einer Doktorarbeit ist manchmal so unvorhersehbar wie die Bewegung einer Amöbe.

Doch schon allein für die Glücksmomente lohnt es sich zu promovieren. Im Studium lernt man zwar die Erkenntnisse der Wissenschaft, also die Fakten und Theorien, aber nicht den Prozess, wie diese Erkenntnisse entstehen. Zumindest in den Naturwissenschaften legt auch niemand großen Wert darauf, Studenten diesen Prozess theoretisch zu erklären. Eine Reflexion über das Thema findet kaum statt. Doch Wissenschaft ist kein lineares Anhäufen von Wissen, kein Turm, der gerade, widerstandslos und immer höher in den Himmel wächst, sondern ein langsames Vortasten mit vielen Umwegen. Eine Kollegin drückte es so aus: Wissenschaft ist wie eine Schlange, die sich hierhin und dorthin schlängelt, ab und zu ihre alte Haut abwirft und sich erneuert – aber das Schlängeln bleibt.

Leserkommentare
    • porph
    • 22. Oktober 2012 11:05 Uhr

    Wissenschaft ist für den Großteil der Bevölkerung, gleich welchen Alters und Bildungsstandes, ein Mysterium. Es hilft auch nicht, studiert zu haben, um Wissenschaft zu verstehen (!).

    Natürlich geht es mir nicht um das Inhaltliche (das versteht man meist sowieso nicht, wenn man so eng in einem Thema drin ist wie der durchschnittliche Doktorand; auch ein Doktorand des gleichen Fachgebiets versteht nicht unbedingt, was sein Kollege macht...) sondern um den Prozess der Wissenschaft an sich und deren Sinn.

    Wenn ich über meinen Beruf spreche, kommt meist bei der zweiten, spätestens bei der dritten Frage dann das berüchtigte "und wozu ist das gut?". Dann versucht man da irgendwie rumzuerklären, da man nicht einfach sagen kann "Äh ja, das ist halt Wissenschaft. Es geht darum, neue Sachen herauszufinden, und so." weil: Dieses Argument wird halt nicht verstanden.

    Klar ist dieser erzwungene "Praxisbezug" heutzutage völlig normal, auch die Geldgeber wollen ja wissen, wie sich die Erkenntnisse möglichst marktgerecht verwerten lassen, Erkenntnis um der Erkenntnis willen ist offenbar ein völlig veraltetes Konzept.

    Naja, was einem dann ab und zu Genugtuung verschafft ist, in die gleichen glänzenden Augen zu schauen, wenn man mit einem Mitwissenschaftler spricht... Da ist dann nämlich ohne viele Worte klar: Ich verstehe zwar nicht, was du da machst, aber ich weiß ganz genau, WARUM du es machst...

    :-)

    Eine Leserempfehlung
    • Schinge
    • 22. Oktober 2012 11:29 Uhr
    2. Genau!

    Genau das ist des Pudels Kern:

    "Einen Glücksmoment, in dem er in eine Fragestellung eintaucht und sich irgendwann, oft nach vielen Stunden am Schreibtisch oder im Labor, das Gefühl einstellt, dass es wichtig ist, was er tut. Wichtig für ihn selbst. Wichtig für die Welt. Dieses Gefühl erleben Doktoranden im Idealfall drei oder vier Jahre am Stück. Dieses Gefühl hält einen bei der Stange, wenn der Betreuer mal wieder nicht zu erreichen ist oder das Geld langsam knapp wird."

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    • DerDude
    • 22. Oktober 2012 13:45 Uhr

    Jahre am Stück"

    Oder eben auch nicht.

    Das Gegenteil kommt durchaus häufig vor, und wer eine Promotion aufnimmt, muss sich des z.T. enormen Risikos bewusst sein.

    Ich würde es nicht wieder tun und habe noch jedem, der mich nach einer Meinung gefragt hat, davon abgeraten.

    • Acrux
    • 22. Oktober 2012 16:35 Uhr

    m.E. sogar vor Allem, das Gefuehl der Erste (und fuer eine zeitlang Einzige) Mensch zu sein, der einen bestimmten Sachverhalt herausfindet.

    Aber zur Wissenschaft gehoert mehr, es ist auch eine Frage wie man sein Leben ausrichten moechte. Wer keine prinipiell bedingte Unsicherheit mag (auf lange Sicht nur Zeitvertraege), berufliches Vagabundieren bis Ende der dreissiger oder laenger nicht moechte etc., fuer den ist Wissenschaft nichts.

    Man kann darin sehr gluecklich werden, aber alleine die Liebe zur wissenschaflichen Arbeit langt da eben noch nicht, man muss sich auch charakterlich mit den Rahmenbedingungen anfreunden koennen.

    • L0rdi
    • 22. Oktober 2012 11:43 Uhr

    aber wie kann man sich darüber beschweren, dass in den Naturwissenschaften zu wenig Reflexion über den wissenschaftlichen Prozess stattfindet? Die Beschäftigung mit diesem Thema wird an fast jeder Universität über die philosophische Fakultät problemlos möglich sein - und wenn das zu viel Eigeninitiative oder Unkonventionalität erfordert, dann würde ich mich bei angehenden Wissenschaftlern schon wundern.

    Abgesehen davon natürlich vollste Zustimmung, dass jegliche wissenschaftliche Arbeit einen sehr befriedigenden Eigenwert hat :)

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    • R_IP
    • 22. Oktober 2012 19:18 Uhr

    "wie kann man sich darüber beschweren, dass in den Naturwissenschaften zu wenig Reflexion über den wissenschaftlichen Prozess stattfindet?"

    Die Antwort haben Sie doch bereits gegeben, oder irre ich mich? Weil in naturwissenschaftlichen Fächern zuwenig Wert auf Methodenreflexion gelegt wird (ein Sachverhalt, den ich aus Erfahrung bestätigen kann), legen Sie nun den Gang an die philosophische Fakultät nahe. Klingt für mich nach einem klaren Eingeständnis und die abermalige Bestätigung meiner Beobachtungen.....

    • P_S
    • 22. Oktober 2012 12:51 Uhr

    Vorweg die Autorin und die Kommentatoren finden meine vollste Zustimmung "wissenschaft lohnt sich"!

    Wer erlebt hat bei einem Ergebnis einer der ersten zu sein, etwas zu sehen und zu wissen, der wird diesen Glücksmoment in seinem leben immer wieder suchen und mit entsprechendem Fleiß und Glück wieder finden. Ein solcher Glücksmeoment ist materiell nicht aufzuwerten.

    Womit ich zu der anschließenden Frustration in der Arbeitswelt nach wisssenschaftlichen Karierre komme.

    Hart ist es, wenn die Vorgesetzten das gleiche Fach studierten, sie aber der Verlockung des Geldes erlegen und zeitig ihre wissenschaftliche Laufbahn bendeten.

    In einem solchen Klima wird jeder ehem. guter Wissenschaftler eine gehörige Portion Frustration erleben, dies ist spätestens der Zeitpunkt in dem er sein Thema reflektieren wird (Warum?, Wieso?, Welchen Nutzen?), und im Idealfall erkennen wird welche kleinen Lichter seine Vorgesetzten sind, die nichts von den Glücksmomenten kennen und erlebt haben.

    Ab diesem Zeitpunkt, wird er selbstzufriedener und die Vorgesetzten in ihrer Art belächeln!

    • noon44
    • 22. Oktober 2012 12:57 Uhr

    Die Thematik der finanziellen Not von Promoventen erschließt sich mir einfach nicht. Ich bin seit etwa zwei Jahren Stipendiat in einem DFG-Projekt und erhalte etwas mehr als 2000 Euro brutto, wohlgemerkt ohne eine Stunde an etwas anderem, als meiner Dissertation arbeiten zu müssen. Bräuchte ich mehr Geld, dann dürfte ich 40h pro Monat in einer zusätzlichen Stelle dazuverdienen, was also ca. 500 Euro wären. Würde ich eine Familie gründen wollen, würde sich mein Stipendium um ein Jahr verlängern und ich bekäme *zusätzlich* 400 Euro pro Monat oben drauf. Wo bitte ist das Problem? Verdient das wirklich die Bezeichnung Armut oder prekäre Arbeitssituation?

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    • porph
    • 22. Oktober 2012 13:08 Uhr

    Ich denke, das Problem ist weniger die akute materielle Not sondern der Vergleich mit Menschen, die im gleichen Alter und bei gleicher Bildung ein Vielfaches verdienen. Das ist sicher unbestreitbar, und ein Vergleich hier (also im direkten sozialen Umfeld) ist allzu menschlich. Ich bin aber auch dazu übergegangen, von derartigen Vergleichen abzusehen; man bezahlt schließlich auch einen immateriellen Preis für einen etwas "normaleren" Job: oftmals weniger persönliche Freiheiten, das Ausbleiben der schon weiter oben diskutierten "wissenschaftlichen Belohnung" usw.

    Das von Ihnen dargelegt Beispiel von den "bis zu 40h im Monat dazuverdienen" finde ich allerdings etwas utopisch. Soll man also eine Wochenarbeitszeit von 80h haben? :-) Viele Promotionen sind nunmal Vollzeitarbeit (wenn auch offiziell oft nur zu 50% oder 65% vergütet), da kann man nicht einfach nebenher etwas dazuverdienen.

    Zur prekären Arbeitssituation: Hier ist wohl entscheidend, dass praktisch alle Promovierenden nur einen Zeitvertrag haben die meisten nach der Promotion sowohl Job als auch Wohnort wechseln werden. Aufgrund dieser Umstände sind solche Dinge wie Familienplanung usw. schwierig bis unattraktiv, obwohl man "im richtigen Alter" dazu wäre. Damit kann man sich halt arrangieren oder eben nicht. Wer sich nicht wirklich zur Wissenschaft berufen fühlt, wird wohl eher nicht so einen Weg einschlagen, dafür könnte man anderswo bessere Rahmenbedingungen fürs viele Aspekte des Lebens haben...

    Liegt vielleicht daran, dass nicht jeder das Gleiche studiert, nicht jeder diese Situation vorfindet und die DFG nicht alle Bereiche, Themen, Felder etc. gleich fördert? Es freut mich für Sie, dass Sie in einer entsprechend vitalen Umgebung ihrer Diss. nachgehen können. Die Regel dürfte dies jedoch nicht sein. Genauso kann nicht jeder "einfach so" sein Stipendium verlängern.

    Ich stehe derzeit selbst am Anfang meiner Promotion und glaube, dass man "Wissenschaft" nur mit sehr viel Idealismus betreiben kann. Anders könnte man all das (geringe Bezahlung, prekäre Beschäftigungssituation, sehr viel Arbeit neben der eigentlichen Diss.) gar nicht umsetzen.

    Aber ohne viele Worte zu verlieren, möchte ich nur auf einen Vortrag von Max Weber verweisen, der sich schon 1919 mit "Wissenschaft als Beruf" auseinandergesetzt und viele der Probleme mit denen wir auch heute noch zu kämpfen haben, beschrieben hat:

    http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&cad=rja&ve...

    der Großteil der Doktoranden wird hauptsächlich über halbe Stellen an der Uni finanziert, oder im Glücksfall über Drittmittel, bzw. viele finden sich tatsächlich in schlechteren Verhältnissen wider. Also finde ich Ihre Aussage ehrlich gesagt ein wenig angeberisch. Freuen Sie sich stattdessen drüber. Aber der allgemeine Fall stellt sicher kein solches Arbeitsverhältnis dar. Die Zeiten in denen Doktoranden automatisch ne volle Stelle bekamen mit einem Jahresgehalt von ca. 40.000, die sind schon lange vorbei.

    • DerDude
    • 22. Oktober 2012 13:51 Uhr

    Sollten Sie aber mal. Es weitert den Horizont, und Sie wüssten nun, dass sich Ihre Situation keinesfalls verallgemeinern lässt. Die meisten Ihrer Kommilitonen fristen nämlich ein Dasein in weitaus ärmlicheren Verhältnissen, in der Regel nur knapp über der offiziellen Armutsgrenze.

    • Dakra
    • 22. Oktober 2012 13:57 Uhr

    Ganz einfach, Sie verdienen ca. das Doppelte wie normalerweise ueblich!

    Darin, dass Sie eine Ausnahme darstellen. Ich bin in der gleichen Situation wie Sie, allerdings hatte ich einen Kommilitonen im gleichen Studiengang mit dem gleichen Bildungsweg und den gleichen Leistungen, beim gleichen Prof mit ähnlichem Dissertationsthema, dem das DFG-Stipendium verweigert wurde. Er hat während seiner gesamten Diss Tutorien gehalten auf einer halben Stelle, bekam hierfür netto knapp 800 Öcken raus. Dafür gibt's in Heidelberg nicht gerade viele Döner.
    Sein Arbeitsaufwand war für die Tutorien ca. 20 h/Woche.

    Sprechen Sie mit anderen Doktoranden, bevor Sie auf die Idee kommen, von Ihrer auf die ganze Welt zu schließen.

    • R_IP
    • 22. Oktober 2012 18:44 Uhr

    Induktionsproblem, ganz einfach. Ist Ihnen das als Wissenschaftler bekannt?

    2000€ brutto? Schön wärs. Wie man an eine solche Finanzierung kommt, würde mich doch brennend interessieren - diese Option scheint sich für mich bisher nicht dazubieten.
    Ich schreibe derzeit selbst an meiner Dissertation und halte mich mit einem einem 400€-Job und einem geringen Zuschuss meiner Eltern über Wasser. Wie ich schon lernen durfte, werden Stipendien nicht nach Qualifikation oder Engagement vergeben, sondern nach Vitamin B, sodass sich meine Situation kaum zum Besseren wenden wird. So wie mir geht es vielen Doktoranden und da erscheint mir die Aussage "ich promoviere und schwimme in Geld - wem es nicht so geht, der ist selbst schuld" als reine Polemik.
    Im selben Sinne ärgere ich mich nun auch über die Autorin des Artikels - Doktoranden sollen "arm dran" sein, wenn sie mit "nur" etwas mehr als 1000€ im Monat zurechtkommen müssen? Die meisten von uns würden kaum noch aufhören, sich zu freuen... Was für ein Bild von deutschen Doktoranden vermittelt so eine Aussage denn bitte? Es klingt schon ein wenig undankbar und dekadent, insbesondere wenn man bedenkt, dass zahlreiche Menschen mit weniger Geld zurecht kommen müssen, die hierfür sogar einer Vollzeittätigkeit nachgehen.
    Ich möchte mich allerdings nicht nur negativ zu diesem Artikel äußern. Die Autorin hat gut auf den Punkt gebracht, um was es in der Wissenschaft geht und weshalb man womöglich diesen Weg gehen möchte/sollte. Dem kann ich größtenteils beipflichten.

    • porph
    • 22. Oktober 2012 13:08 Uhr

    Ich denke, das Problem ist weniger die akute materielle Not sondern der Vergleich mit Menschen, die im gleichen Alter und bei gleicher Bildung ein Vielfaches verdienen. Das ist sicher unbestreitbar, und ein Vergleich hier (also im direkten sozialen Umfeld) ist allzu menschlich. Ich bin aber auch dazu übergegangen, von derartigen Vergleichen abzusehen; man bezahlt schließlich auch einen immateriellen Preis für einen etwas "normaleren" Job: oftmals weniger persönliche Freiheiten, das Ausbleiben der schon weiter oben diskutierten "wissenschaftlichen Belohnung" usw.

    Das von Ihnen dargelegt Beispiel von den "bis zu 40h im Monat dazuverdienen" finde ich allerdings etwas utopisch. Soll man also eine Wochenarbeitszeit von 80h haben? :-) Viele Promotionen sind nunmal Vollzeitarbeit (wenn auch offiziell oft nur zu 50% oder 65% vergütet), da kann man nicht einfach nebenher etwas dazuverdienen.

    Zur prekären Arbeitssituation: Hier ist wohl entscheidend, dass praktisch alle Promovierenden nur einen Zeitvertrag haben die meisten nach der Promotion sowohl Job als auch Wohnort wechseln werden. Aufgrund dieser Umstände sind solche Dinge wie Familienplanung usw. schwierig bis unattraktiv, obwohl man "im richtigen Alter" dazu wäre. Damit kann man sich halt arrangieren oder eben nicht. Wer sich nicht wirklich zur Wissenschaft berufen fühlt, wird wohl eher nicht so einen Weg einschlagen, dafür könnte man anderswo bessere Rahmenbedingungen fürs viele Aspekte des Lebens haben...

    Antwort auf "Finanzielle Not?"
  1. Liegt vielleicht daran, dass nicht jeder das Gleiche studiert, nicht jeder diese Situation vorfindet und die DFG nicht alle Bereiche, Themen, Felder etc. gleich fördert? Es freut mich für Sie, dass Sie in einer entsprechend vitalen Umgebung ihrer Diss. nachgehen können. Die Regel dürfte dies jedoch nicht sein. Genauso kann nicht jeder "einfach so" sein Stipendium verlängern.

    Ich stehe derzeit selbst am Anfang meiner Promotion und glaube, dass man "Wissenschaft" nur mit sehr viel Idealismus betreiben kann. Anders könnte man all das (geringe Bezahlung, prekäre Beschäftigungssituation, sehr viel Arbeit neben der eigentlichen Diss.) gar nicht umsetzen.

    Aber ohne viele Worte zu verlieren, möchte ich nur auf einen Vortrag von Max Weber verweisen, der sich schon 1919 mit "Wissenschaft als Beruf" auseinandergesetzt und viele der Probleme mit denen wir auch heute noch zu kämpfen haben, beschrieben hat:

    http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&cad=rja&ve...

    Antwort auf "Finanzielle Not?"
  2. Das war ein sehr guter Artikel, der beste Artikel den ich seit langem gelesen habe! Statt all der negativen Warnungen, welche Mühen die akademische Laufbahn mit sich bringt endlich mal ein positiver Artikel. Und Wissenschaft IST wichtig! Eine kleine Anekdote, die mir eine befreundete Künstlerin erzählte, die aber auch auf Wissenschaftler zutreffen könnte: Eine Zufallsbekanntschaft in einer Kneipe hatte ihr gesagt, er halte die Beschäftigung mit Kunst für völlig überflüssig und die Gesellschaft brauche keine Künstler. Als sie dann aber näher nachfragte, was er denn eigentlich in seinem angeblich so wichtigen Job in der Privatwirtschaft mache, da kam heraus dass er eigentlich nur seine Arbeitszeit absitzt und den ganzen Tag auf Kosten seiner Kunden in Facebook surft. Und ich denke, viele der heutigen Unternehmen, die virtuelle Güter und Profite erzeugen, ob das nun Banken mit ihren immer neuen Finanzprodukten oder Werbeagenturen oder auch Grosskonzernen mit der 1000ten Variante von einem Produkt das keiner braucht ("Diversifizierung") sind, all deren Arbeit ist gesellschaftlich so viel weniger wichtig als Wissenschaft. Letztendlich sind es Wissenschaft und Kunst die unsere Gesellschaft voranbringen und nicht Versicherungen, Werber, oder Banker.

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