Die Ausnahme ist Berlin. Die Hauptstadt galt lange Zeit als Wohnungsparadies mit viel Leerstand und genug Platz für Studenten-WGs in riesigen Altbauwohnungen und für Clubs und Galerien in alten Industriegebäuden. Jahrelang waren die Mieten in Berlin spottbillig. Doch auch das ändert sich gerade. Im Schnitt ist eine Wohnung in Berlin immer noch günstiger als eine gleich große Wohnung in Hamburg oder München. Aber seit einigen Jahren reißen sich in der Hauptstadt alle um die gleichen Altbauwohnungen in Kreuzberg, Friedrichshain, Prenzlauer Berg oder in Mitte: Studenten, Familien und Großinvestoren. Das treibt auch in Berlin die Mietpreise in die Höhe

Die Wohngemeinschaft von Britt Schlünz und Katharina Siemann liegt in einem Wohnblock am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg. Früher saßen hier die Junkies im Hausflur. Wer konnte, lebte anderswo. Der »Kotti«, wie die Berliner sagen, mag Touristen auch heute noch schmutzig und heruntergekommen erscheinen, es riecht nach Pisse und altem Bratfett. Die Kriminalitätsrate in der Gegend ist hoch. Aber unter Berlinern ist die Ecke sehr beliebt.

Als Schlünz und Siemann vor vier Jahren in das Haus einzogen, waren sie die erste Studenten-WG dort. »Anfangs zahlten wir noch knapp 620 Euro warm für 100 Quadratmeter«, sagt Britt Schlünz. Dann stiegen zunächst die Nebenkosten. In diesem Jahr wurde dann die Wohnungsförderung von der Stadt gestrichen. Mittlerweile kommt die WG auf mehr als 1000 Euro im Monat.

Den Studenten folgen die Besserverdienenden

Die beiden Studentinnen ringen mit der Preisexplosion, viele andere ihrer früheren Nachbarn wurden längst verdrängt: Im Haus wohnten einst eingewanderte Großfamilien, pro Klingelschild war meist nur ein einziger arabischer Familienname zu lesen. Heute stehen dort oft je zwei oder drei Nachnamen. Kleine Namensschilder aus Papier wurden zusätzlich mit Klebstreifen befestigt. Studenten-WGs sind jetzt die Mehrheit im Haus. »Ich weiß nicht, ob wir eher ein Problem haben oder eher zu einem Problem beitragen«, sagt Schlünz.

Denn sie standen am Anfang der Veränderung: Studenten waren die Pioniere, die wegen der damals günstigen Mieten in den sozialen Brennpunkt gezogen sind. Ihnen folgen jetzt die Besserverdienenden, für die die Mieten noch immer lächerlich niedrig sind und die sich eine abenteuerliche Nachbarschaft versprechen: In Annoncen wird für den »Vibrant Szene-Kiez Kreuzberg« geworben.

Wo in Kreuzberg Bauland frei wird, entstehen deshalb nicht die Sozialwohnungen, die Großfamilien oder einkommensschwache Studenten so gut gebrauchen könnten, sondern stattdessen teure Luxus-Wohnanlagen wie das sogenannte Tivoli Karree.

Diesen Aufwertungs- und Verdrängungsprozess nennt man Gentrifizierung. Für die Stadt Berlin ist das zunächst gut: Viele Häuser sind renovierungsbedürftig, die öffentlichen Schulden sind hoch und die Steuereinnahmen bisher gering. Aber für Menschen, die hier leben und nicht viel verdienen, sind das ausgesprochen schlechte Nachrichten.

Von der Wohnungstür von Britt Schlünz und Katharina Siemann dauert es keine zwei Minuten bis zu dem Ort, an dem klar wird, dass nicht nur Studenten die Leidtragenden dieser Entwicklung sind. Direkt am Kottbusser Tor steht das Protestcamp der Mietergemeinschaft Kotti & Co. Dort bieten Frauen in Pavillon-Zelten gegen eine Spende Kaffee und Tee an, verteilen Flugblätter, die auf Türkisch und auf Deutsch geschrieben sind, und diskutieren mit Passanten. Sie fordern eine Senkung der Mieten und bezahlbaren Wohnraum für Schlechtverdienende. Sonst drohe ihnen die Verdrängung aus dem Viertel, in dem sie seit mehr als zwanzig Jahren leben.

Hass auf Touristen

Etwas abseits sitzt ein Mann und schaut aus müden Augen auf seinen Teebecher. Er hoffe, hier bleiben zu können, sagt er in gebrochenem Deutsch, statt an den günstigeren Stadtrand ziehen zu müssen. Seine Kinder gehen in diesem Viertel zur Schule, alle seine Freunde wohnen in der Gegend.

Glaubt man den Kritikern der Gentrifizierung, dann ist auch Olivier Teil dieses Problems. Olivier ist 20 und Belgier. Mit zwei Freundinnen ist er zum Berlin Festival gekommen. »Kreuzberg ist hip, es gibt schöne Häuser, viele Ausgehmöglichkeiten, gutes Essen«, sagt Olivier. Er und seine Freundinnen wohnen in einem Hostel am Spreewaldplatz. Ein paar Meter weiter schleppen sich zwei dunkelhaarige Mädchen aus einem Hauseingang in die Sonne. Die eine schafft es gerade noch, ihren Rollkoffer bis zur Bordsteinkante zu ziehen, dann lässt sie sich darauf fallen. Kreuzberger Nächte sind selbst an einem Mittwoch lang, davon zeugen ihre Augenringe. In den umliegenden Straßen werden viele Wohnungen als Ferienapartments vermietet: »Ideal für Ihre Großstadtferien – mitten im Kiez und trotzdem absolut ruhig!«, lautet eine dieser Anzeigen.

Rund 50.000 solcher Betten gibt es in Berlin, schätzt der Hotel- und Gaststättenverband. Diese Art der Vermietung spielt sich in einer rechtlichen Grauzone ab. Aber für Vermieter ist sie attraktiv, weil sie von Touristen, die einige Tage bleiben, höhere Preise verlangen können als von Menschen, die gleich für ein paar Jahre einziehen.

In einigen Teilen von Berlin herrscht deshalb ein regelrechter Hass auf Touristen. »Go home, tourist!«, hat jemand am Spreewaldplatz an eine Wand geschrieben. Und immer wieder sieht man in der Stadt Aufkleber mit dem Schriftzug: »Berlin doesn’t love you«. Die Touristen eignen sich gut als Feindbild für die Stadtbewohner.