WohnraumIch will da rein!

Eine Wohnung oder ein WG-Zimmer zu finden war noch nie so schwer wie heute. Und noch nie so teuer. Wie kann das sein – und wie geht es jetzt weiter? von Jan Guldner

Er könnte erst mal in einem Zelt schlafen. Auf dem Schlossplatz vor der Universität campen, dann wäre der Weg zu den Vorlesungen auch nicht so weit. Dass er zum Studienstart in Münster ein richtiges Dach über dem Kopf hat, sieht Alexander Schäfer nämlich nicht kommen. Den Plan mit dem Zelt schildert er bislang nur im Scherz. Aber viel Zeit, um in Münster eine Wohnung zu finden, hat der 22-Jährige nicht mehr. Es ist Anfang September, und Ende, besser sogar schon Mitte des Monats muss er aus seiner alten Wohnung in Köln ausgezogen sein. Hier hat er während seiner Ausbildung zum Erzieher gewohnt. Im Oktober beginnt er in Münster Geschichte und Philosophie zu studieren. Vorausgesetzt, er findet eine Bleibe in der neuen Stadt.

»Ich bin in einem Schwebezustand«, sagt Schäfer. Ein Blick in seine Wohnung verrät, was er meint. In der Küche steht nur noch das Nötigste: Kühlschrank, Herd, Spülbecken. Kein Tisch, keine Stühle. Im Schlafzimmer liegen zwei Matratzen auf dem Boden. Die Wohnzimmereinrichtung besteht aus einer Couchgarnitur und dem einzigen Tisch der Wohnung. Darauf steht das Werkzeug seiner Wohnungssuche: Schäfers Laptop. Den braucht er nur zuzuklappen und seine paar Sachen ins Auto zu laden, und schon ist er raus hier. Bloß: Wohin sollte er dann fahren?

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Wochenlang sucht er schon nach freien Zimmern in Münster. Anfangs nur online, mittlerweile auch in den Kleinanzeigen der Zeitungen. Ohne Erfolg. Das Problem ist nicht, dass er in den gefürchteten WG-Castings nicht überzeugt. Das Problem ist, dass er noch zu keinem einzigen WG-Casting eingeladen worden ist. Weil die Posteingänge und Mailboxen der Anbieter vor Anfragen überlaufen. Und weil diese weder Zeit noch Lust haben, jede einzelne Bewerbung zu lesen.

ZEIT Campus 6/2012
ZEIT Campus 6/2012

Auch bei öffentlich ausgeschriebenen Besichtigungsterminen hatte Alexander Schäfer bisher kein Glück. Bei den Massenbesichtigungen konkurrieren Dutzende Studenten um ein Zimmer, egal wie klein, egal wie teuer. Sie überbieten sich gegenseitig mit Elternbürgschaften, mit Gehaltsbescheinigungen und damit, wer die bessere Kaffeemaschine für die WG-Küche beisteuern kann.

Die Wohnungssuche war noch nie so schwer sie heute

Es war schon immer so, dass es zum Semesterbeginn nicht leicht ist, in deutschen Universitätsstädten eine Wohnung oder ein Zimmer zu finden. Aber es war noch nie so schwer wie heute. Wie kann das sein? Was steckt dahinter? Und: Bleibt das jetzt so?

»Deutschland hat wieder eine Wohnungsnot.« So lautet der erste Satz einer aktuellen Studie des Politikwissenschaftlers Volker Eichener. Eichener ist Rektor der EBZ Business School in Bochum und hat den Wohnungsmarkt in Deutschland untersucht. Besonders betroffen sind demnach Großstädte wie Hamburg, Köln, Frankfurt am Main oder München – und beliebte Studentenstädte wie Heidelberg und Münster. »Durch die doppelten Abiturjahrgänge und die Abschaffung der Wehrpflicht kommen jetzt sehr viele Studenten in die Städte«, sagt Michael Voigtländer vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Er leitet den Forschungsbereich Immobilienökonomik. »Dieser Entwicklung ist das Angebot nicht gewachsen.«

Laut dem Deutschen Mieterbund fehlen in München 31.000 Mietwohnungen, in Hamburg 15.000 und in Köln 7000. Und glaubt man den Wirtschaftsforschern des Pestel-Instituts in Hannover, wird es in Zukunft noch knapper. Die Pestel-Prognose: Wenn der Mietwohnungsbau nicht mindestens verdoppelt wird, fehlen in fünf Jahren bundesweit 400.000 Mietwohnungen. Die Konsequenz ergibt sich aus der einfachen ökonomischen Regel von Angebot und Nachfrage: Weil Wohnraum knapp ist, ist Wohnraum teuer. Und zwar so teuer wie noch nie, sagt der Deutsche Mieterbund. Die Leidtragenden sind besonders die einkommensschwachen Haushalte, zu denen auch die meisten Studenten-WGs zählen.

Den freien Markt zu meiden und auf subventionierte Studentenwohnheime auszuweichen ist keine Alternative für Alexander Schäfer. Die Lage ist in Münster so angespannt, dass sich das Studentenwerk momentan nicht dazu äußern möchte. Der Sprecher kommentiert nicht, ob es noch möglich ist, Wohnheimplätze zu bekommen. Man wolle »keine Informationen streuen«.

Mehr Studenten, zu wenig Wohnraum. Diese Formel erklärt das Dilemma in vielen der Städte, in denen die Mietpreise steigen. Und in denen Wohnungen schon nach kurzer Zeit wieder neu vermietet sind, viel zu schnell für Wohnungssuchende wie Alexander Schäfer.

Leserkommentare
    • amandaR
    • 18. Dezember 2012 13:31 Uhr

    Mit Erstaunen lese ich immer wieder in der Presse, dass Wohnungen in Frankfurt am Main teuer und knapp sind, während ich erlebe, dass z.B. in Offenbach am Main, das direkt an Frankfurt angrenzt und bestens angebunden ist, weiterhin eine gute Auswahl an günstigen und schönen (Altbau)Wohnungen besteht.

    Viele Suchende sind jedoch so eingeschränkt, dass sie unbedingt nur in bestimmten Gegenden wohnen wollen, anstatt beim Blick über den Tellerrand (bzw. die Stadtgrenze) vielleicht zu entdecken, dass es sich anderswo mindestens genauso gut leben läßt.

    Ich möchte nicht verallgemeinern, aber es fällt mir auf. Ich bin selbst vor 18 Jahren aus dem "hippen" Frankfurter Stadtteil Bornheim nach Offenbach gezogen und habe es nie bereut. Bereits damals waren viele erstaunt über meinen Umzug. Aber ich bewohne eine wunderschöne und günstige Altbauwohnung, habe Wochenmarkt, Supermärkte, Läden und Restaurants in Laufnähe, bin mit der S-Bahn in 10 Minuten in der Frankfurter Innenstadt ... was will ich mehr?

    10 Leserempfehlungen
  1. gibt's ohne Ende. Nicht nur im Osten - auch im Westen. Wir Was ist an Endfernungen zumutbar - in km, in Stunden? Welche Möglichkeiten bieten Technologien? Fernstudium? Home Office etc? Immobilien sind nun mal immobil und wie stelklen sich deren Lebensdauer dar?

    Eine Leserempfehlung
  2. es going um die verteilung im stadtraum
    und das die meisten, in anlehnung an ihr heimatkaff, annehmen das es hinter dem inneren s-bahnring aussieht wie hinter dem äusseren, und die maßstäbe nicht in den kopf kriegen selbst wenn sie die angaben auf dem stadtplan lesen
    deshalb wird sich für wohnraum in den einstmals subkulturel geprägten, da bausubstanzlich substandard, innenstadtbezirken überboten, was dort nach und nach alles was anziehend ist zerschlägt, während man das reststattgebiet mit vorstadftsiedlungen verwechselt wird
    beim bau suieht es nicht anders aus
    statt in den äusseren bezirken kieze zu schaffen will man die parks in den inneren zubauen, und damit nicht nur die gesammtlebensqualität auf diversen ebenen senken sondern auch noch die vorhandenen kiezstrukturen überlasten
    niemand erwartet das die leute wie ende der 80er in wb zu 4t in einem zimmer wohnen, aber sich mit den strukturen in die man will auseinandersetzen könnte man schon

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    • Dirac
    • 18. Dezember 2012 14:03 Uhr

    Jetzt bedenken Sie aber auch mal, dass sich ein Student mit anspruchsvollem Studium auch in relativer Nähe zur Universität leben muss.
    Ich weiß noch, dass es in einer Einführungsveranstaltung zu diesen Sätzen des Studienberaters kam: "Weite Anfahrtszeiten zur Uni sind ein Hauptgrund für Studienabbrüche. [...] Wenn Sie länger als 45 Minuten zur Universität brauchen, dann sind Sie extremst gefährdet, auch trotz großem Aufwand Ihr Studium nicht zu schaffen." (Was in München sehr leicht vorkommen kann.)

    • hanzen
    • 18. Dezember 2012 13:56 Uhr

    die studentischen Wohnungssuchenden gleich noch mehr Probleme bei Menschen, die noch schlechter gegen Preissteigerung und Wohnungsnot geschützt sind - die geringverdienenden und auf Hilfe angewiesenen.
    Ich lebe in einer kleineren Universitätstadt und finde es beängstigend wie der bezahlbare Wohnraum für diese Menschen verschwindet... denn die Sätze für finanzielle Unterstützung steigen nicht. Ein Viertel nach dem anderen wird als "kommend" und "von guter Wohnqualität" gepriesen, Gebäude werden aufgekauft, ein wenig aufgehübscht und die Mieten erhöht.
    Menschen am finanziell unteren Ende der Gesllschaft kommen nun, gelinde gesagt, in immer höhere Bedrängnis - bezahlbaren Wohnraum gibt es kaum noch, sie werden aber aus ihren alten Wohnungen herausgedrängt, in einigen Vierteln erhitzen sich die sozialen Brennpunkte.

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    • Dirac
    • 18. Dezember 2012 14:07 Uhr

    Dazu darf man auch durchaus Studenten zählen, die in der Regel mit 400-500€/Monat alles (inkl. Wohnung) bezahlen müssen.
    Da will ich mal sehen, wie in diesem Geldbereich andere Leute "aus ihren Wohnungen gedrängt" werden sollen.
    Es wird Zeit, analog zum New Yorker Modell sowas wie "Rent Stabilization" sowie "Rent Control" im Gesetz zu verankern.
    Nur so kann einer Inflation der Miet- und Wohnungspreise (und damit Ihrem angesprochenen Problem) entgegengewirkt werden.

  3. Wer heute von Wohnungsnot spricht, der weiß nicht was Wohnungsnot ist. Wir haben es hier mit einem sehr verwöhnten Nachkriegspublikum zu tun, die

    -selbst nicht Maurer werden aber wohnen wollen
    -zu zig-tausenden in 10 begehrte Großstädte drängen, und
    meinen, alles wartet schon auf sie
    -ihre Mieter-Rechte durch Mitgliedschaft im Mieterverein
    gut zu artikulieren wissen

    Viele von den Jung-Spunden sollten mal ihre Großeltern fragen, wie das so mit den (Studenten)Unterkünften im Hamburg der 50er und 60er Jahre war.
    Diese permanent von interessierten Verbänden verlautbarten Klagen sind unerträglich. Wo Bedarf ist, wird langfristig auch Wohnraum geschaffen. kommolitonen von mir haben in Aachen mit dem Wohnwgen 5 Jahre auf dem Campingplatz gewohnt und ihre Langzeiterfahrungen an den Wohnwagenhersteller verkauft. Die generation Golf I und II ist zu wehleidig!

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    finde ich sogar positiv
    wer bei privat einzieht und nicht rechtlich organisiert ist ist wie ein konzernmitarbeiter ohne gewerkschaft;
    entweder kann er sich das leisten, oder ist unterwürfig bis zum ...., oder er erwartet das andere sich um alles kümmern
    insgesammt finde ich die gestiegenen ansprüche in einer geselschaft die eigentlich in der lage währe sie zu befriedigen, wenn man anfangen würde zu kooperieren statt sich mit beinestellen zu beschäftigen, ein gutes zeichen.
    nach 3 generationen sind die kriegsneurosen die über erziehung tradiert wurden zum glück langsam ausgeheilt, oder; beginnt zumindest der heilungsprozess.

    ... und dem Schäflein im Trockenen läßt es sich schön zynisch-süffisante Kommentare über die angeblich verweichlichte Studentengeneration von heute schreiben, nicht wahr? Ja, damals in den Ardennen, da flennte man nicht so rum wie heute.

    Leider hilft das jemandem, der sich aktuell an einer deutschen Hochschule für ein Studium einschreibt und nicht weiß wo er die nächsten Wochen bleiben soll, kein bißchen.

  4. Frankfurter Studenten wollen nicht nur nicht nach Offenbach, sondern überhaupt nur in ganz bestimmten angesagten Vierteln wohnen. Wo dann natürlich der Markt eng wird.

    Trotz kostenloser Tickets für den ÖPNV sind schon zwei S-Bahn-Stationen außerhalb nicht akzeptabel.

    Eine Leserempfehlung
    • Dirac
    • 18. Dezember 2012 14:03 Uhr

    Jetzt bedenken Sie aber auch mal, dass sich ein Student mit anspruchsvollem Studium auch in relativer Nähe zur Universität leben muss.
    Ich weiß noch, dass es in einer Einführungsveranstaltung zu diesen Sätzen des Studienberaters kam: "Weite Anfahrtszeiten zur Uni sind ein Hauptgrund für Studienabbrüche. [...] Wenn Sie länger als 45 Minuten zur Universität brauchen, dann sind Sie extremst gefährdet, auch trotz großem Aufwand Ihr Studium nicht zu schaffen." (Was in München sehr leicht vorkommen kann.)

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "nochmal lesen"
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    sie doch mal fu und tu auf dem berliner stadtplan

    • Dirac
    • 18. Dezember 2012 14:15 Uhr

    Das ist doch verrückt. Teilweise besteht die einzige Attraktivität der Wohnungen in ihrer Nähe zur Universität. (Ich denke da v.a. an meine eigenen Erfahrungen an der TU München, die ja auch teilweise in Garching, also relativ weit außerhalb, liegt)
    Das liegt daran, dass Wohnungen in der Nähe zur U-Bahn-Linie, die nach Garching führt, ebenfalls deutlich über dem Durchschnittsniveau beim Preis liegen.
    Zum Beispiel ist Garching wirklich nur eine beschauliche Kleinstadt, ohne großes Nachtleben etc.
    Trotzdem ist dort eine Wohnung genauso teuer wie an zentraler gelegenen Orten. Der Preis für Wohnungen mit etwa 10 Minuten Entfernung zum Marienplatz ist in etwa der gleiche!

  5. 16. und das

    finde ich sogar positiv
    wer bei privat einzieht und nicht rechtlich organisiert ist ist wie ein konzernmitarbeiter ohne gewerkschaft;
    entweder kann er sich das leisten, oder ist unterwürfig bis zum ...., oder er erwartet das andere sich um alles kümmern
    insgesammt finde ich die gestiegenen ansprüche in einer geselschaft die eigentlich in der lage währe sie zu befriedigen, wenn man anfangen würde zu kooperieren statt sich mit beinestellen zu beschäftigen, ein gutes zeichen.
    nach 3 generationen sind die kriegsneurosen die über erziehung tradiert wurden zum glück langsam ausgeheilt, oder; beginnt zumindest der heilungsprozess.

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