BerufswahlWarum kann ich mich nicht für einen Beruf entscheiden?

Wie überwinden junge Menschen die Scheu, die Wahl für einen Beruf zu treffen? Die Karriereberaterin Uta Glaubitz warnt im Interview vor Entscheidungsvermeidung. von 

ZEIT CAMPUS: Frau Glaubitz, mit einem Studienabschluss habe ich unendlich viele berufliche Möglichkeiten. Wie finde ich heraus, welche die richtige ist?

Uta Glaubitz: Zunächst einmal ist es wichtig, sich der Frage nach dem Beruf angstfrei zu stellen. Ziehen Sie sich ohne Druck für ein Wochenende zurück, und überlegen Sie: Was macht Ihnen Spaß? Wofür interessieren Sie sich? Was motiviert Sie? Wofür stehen Sie freiwillig morgens auf? Wo haben Sie schon einmal gerne viel Energie reingesteckt? Sammeln Sie die Dinge, die Ihnen besonders wichtig sind. Das sind alles Hinweisschilder. Jetzt überlegen Sie, welche Berufe infrage kommen. Und dann entscheiden Sie sich – nicht halbherzig und vorläufig, sondern bewusst und konsequent. Leider fällen nur wenige eine solche Entscheidung, dabei kann ich es jedem nur raten.

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ZEIT CAMPUS: Man will sich einfach nicht so früh festlegen.

Glaubitz: Festlegen heißt ja nicht, dass die berufliche Zukunft in Stein gemeißelt ist. Die meisten Leute wollen sich am liebsten gar nicht festlegen, mit 20 nicht und mit 30 auch nicht. Wer aber ein Ziel hat, entwickelt ein Gespür dafür, ob er auf dem richtigen Weg ist. Wer sich mit 20 entschieden hat, Modedesigner zu werden, der kann es mit 30 geschafft haben. Dann kann man sich ein neues Ziel setzen.

ZEIT CAMPUS: Versperrt es nicht den Blick auf die Alternativen, wenn man sich nur auf ein Ziel konzentriert?

Uta Glaubitz

Glaubitz: Im Gegenteil. Theoretische Möglichkeiten gibt es viele, aber berufliche Möglichkeiten sind nichts, was einfach in der Luft schwebt und zu einem kommt. Erst wer sich bewusst auf einen Weg einlässt, entdeckt konkrete Chancen – und kann auch mal aus einem Fehler lernen. Ob ein Germanist als Cutter arbeitet oder nicht, das liegt an seinem Handeln. Mir sitzen in der Berufsberatung meist Studenten gegenüber, die erst zum Ende ihres Studiums überlegen, was sie damit eigentlich machen wollen. Strategisch besser wäre es aber, früh an den Beruf zu denken, schon direkt nach der Schule.

ZEIT CAMPUS: Aber Bildung ist nicht nur für den Beruf da. Im Studium will man sich auch mal treiben lassen und Dinge ausprobieren, die sich nicht direkt verwerten lassen.

Glaubitz: Wenn man das Studium als eine solche Phase sieht, ist das völlig in Ordnung. Aber auch das ist eine Entscheidung. Viele lassen sich jedoch treiben, gerade weil sie keine Entscheidung treffen wollen oder können. In meinen Beratungsgesprächen merke ich, dass viele Studenten eine Berufsentscheidung nicht aus Lust an der Freiheit oder am Ausprobieren aufschieben. Die ungewisse Zukunft macht ihnen Angst, viele wünschen sich ein klares Ziel, aber ihnen fehlt der Mut, das auch anzupacken. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, ich selbst habe auch erst mal drauflosstudiert und wusste nicht, wohin danach.

ZEIT CAMPUS: Als Student hat man ja meist auch noch gar keine genaue Vorstellung vom Beruf…

Glaubitz: Das heißt aber nicht, dass man keinen Berufswunsch haben kann. Denn der hilft, sich nicht zu verzetteln. Zur Beruhigung noch irgendein Praktikum und noch einen Sprachkurs zu machen, bloß weil die anderen es auch tun, hilft niemandem. Überlegen Sie für sich: Mache ich dieses Projekt oder jenes Praktikum, weil es mich meinen Wünschen wirklich näher bringt, oder lenke ich mich damit bloß von einer Entscheidung ab? Dann ist es wichtiger, erst mal zu überlegen, wo es hingehen soll. Das Praktikum kann ruhig warten.

ZEIT CAMPUS: So leicht scheint das in der Praxis nicht zu sein.

Glaubitz: Die Menschen tun alles, wirklich alles, um diese Entscheidung zu vermeiden. Das Festlegen ist für viele sehr unangenehm, für die meisten ist es da einfacher zu sagen: Ich weiß es noch nicht, ich mache erst mal ein Aufbaustudium Projektmanagement. Oder: Ich gehe jetzt noch mal drei Monate nach Argentinien, Spanisch lernen. Manche sagen auch, sie dächten schon lange nach, wüssten es aber noch nicht ganz sicher. Das sind alles Entscheidungsvermeidungsstrategien.

Leserkommentare
  1. Ob bei all den inneren Fragen, Zweifeln und Möglichkeiten ein einsames Wochenende mit Zettel und Stift hilft?
    Manchmal ist eben doch der Weg das Ziel.

    Mein erster Tag an der Uni, mein erstes Gespräch mit Kommilitonen:
    Einer: "Ich habe mich irgendwie bei 12 unterschiedlichen Sachen beworben, jetzt bin ich halt hier."
    Auf meinen Kommentar, dass ich genau das mache, was ich will der andere: "Wie?! Ist das Dein Herzenswunsch?" - "JA!"

    Ich treffe oft auf solche Menschen mit (ach!) so vielen Interessen - genügend Interessen ohne nötige Tiefe.
    Ich treffe oft auf Menschen, die selbst nicht wissen, welche Entscheidung sie bei den 1000 Möglichkeiten treffen sollen - uns armen Studenten stehen alle Türen offen und wer kann uns nun verraten, hinter welcher der schönste Raum verborgen ist?
    Ob man einfach den Gang noch ein bisschen entlang gehen sollte ( - zu groß die Angst, vielleicht die richtige Tür schon verpasst zu haben)? Ob man aus dem einen Raum in den anderen kann? Zurück auf den Flur ( - zu groß die Angst, als Versager dazustehen)? In den einen Raum gehen so viele - da muss es toll sein...!

    Sich nicht festlegen, sich aber trotzdem entscheiden wollen.

    Wie sich aber entscheiden, wenn man im Leben noch nichts gesehen hat als Schule und Uni? Außer Praktika noch nie im Berufsalltag stand?

    Ich pfeife auf frühen Studienbeginn! Lebenserfahrung nach der Schule - den eigenen Weg gehen!

    3 Leserempfehlungen
    • Gerry10
    • 20. Februar 2012 19:44 Uhr

    ...und zweitens als man denkt.
    Meinen ersten Job hatte ich mit 14 - Kartoffeln und Zwiebelschälen.
    Heute mit 42 bin ich im irischen Staatsdienst damit beauftragt dem Staat Millionen zu sparen.
    Dazwischen habe ich auch geheiratet und zwei Töchter bekommen.
    Hätte mir das damals, als ich eine Kartoffel in der Hand hielt, jemand gesagt, ich hätte ihn nicht ernst genommen :-)
    Also keine Angst wenn man nicht weis was man machen soll...

    Uralte römische Lebensweisheit.
    Das Leben ist ein Fluss, kein stiller See.

    3 Leserempfehlungen
    • X12
    • 20. Februar 2012 20:03 Uhr

    Die Interviewte hat ja selbst einfach drauflosstudiert. Und seien wir ehrlich: Niemand sitzt mit Zettel und Stift da und denkt sich ein tolles Ziel aus, um dann in sozialistischer Manier einen 10-Jahres-Plan zu entwerfen. Mit 20!

    Natürlich klingt alles, was von Coaches kommt, schön und plausibel, aber hinterher schlauer zu sein ist nicht die Qualifikation, um Ratschläge zu erteilen. Und "Techniken" dann als Lebenserfahrungsersatz zu verhökern ist unseriös.

    Wir werden im Alter sicherer mit Entscheidungen, sie gehen schneller von der Hand, wir wissen mehr und mehr, was wir mögen und was nicht. Man kann das nicht verordnen oder als Ratschlag geben. Wer sich noch unsicher ist, soll ein Praktikum machen oder sonst wie arbeiten und nicht mit einem Zettel und einem Stift Tagträume entwerfen (*grübel grübel* was macht mir Spaß *grübel* ich werd schauspieler! *grübel* nein, Designer!...) . Der Artikel ist haarsträubend weltfremd!!!

    Eine Leserempfehlung
    • Layer 8
    • 20. Februar 2012 20:37 Uhr
    4. hmm...

    ich habe damals als 12-jährigem mal ein RoRoRo-Buch über chemische Elemente geschenkt bekommen. Fand ich faszinierend. Später habe ich in der Schule die Mathe-Physik Leistungskurse gewählt. Ein Jahr nach dem Abi (bundeswehrbedingt) habe ich Physik studiert. Aus der Physik wurde leider beruflich nichts wegen meinen Diplom-Schwerpunkten Neutrinophysik und Astronomie. Also, 15 Monate Weltreise (Geld beim Daimler vorher verdient), danach halt noch ein Aufbaustudium in Informatik. Dieses Fach ist auch sehr interessant und bringt mir heute Arbeit und Brot. Also, SOOO schwer war meine Berufswahl jetzt nicht, immer im Wandel bleiben (buddhistisches Sprichwort)

    2 Leserempfehlungen
    • IQ130
    • 20. Februar 2012 23:24 Uhr

    Zu unseren Kindern sagen wir hin und wieder, dass es drei wichtige Unterschriften mit erheblicher Langzeitwirkung gibt. Arbeitsvertrag, Immobilienkauf/Kreditvertrag, Hochzeit. Alle drei Angelegenheiten müssen gut überlegt sein.

    Bleiben wir bei der Berufswahl.
    Unseren Sohn haben wir vom Lehramt abgeraten und zu Maschinenbau gelenkt. Er hat insofern Glück, weil er sich für sehr viele Dinge interessiert. (Lehramt: Notenschnitt für eine Stelle gegenwärtig 1,5 bis 1,7. Also muss man in fast jeder Prüfung mit dem Ziel "Note 1" treten.)

    Maschinenbau: Ingenieure werden immer gebraucht. Allerdings wird der Arbeitsmarkt nicht ständig so glänzend sein wie im Moment.
    (Zu meiner Zeit hat man vom Ing.Studium abgeraten)

    Eigentlich wäre Wirtschaftsingenieur (mit drei Fremdsprachen) am besten - wenn man beides mag.

    Für Eltern ist es schwer. Nicht zu viel hineinreden, obwohl man seine Kinder am besten kennt und sie sich folgerichtig in einem Berufsfeld, in dem sie gut, erfolgreich und glücklich wären, vorstellen könnte.

    Entscheidung aus dem Bauch heraus: klingt immer toll. Einige Schulkameraden hatten das getan und Sozialpädagogik oder vergleichbar "weiche" Studiengänge studiert. Jetzt müssen einige nebenbei Taxi fahren oder erhalten 3/4-Stellen mit Zeitverträgen. Sie sind teilweise abhängig.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Sie sind teilweise abhängig."

    Bin ich froh, dass meine Eltern mir eine unabhängige Studienwahl gestattet haben ohne mir ihr Bild vom klassischen Lebensentwurf aufzuzwingen und ökonomische Überlegungen allem überzuordnen.

    Leider ist es eine meist unausgesprochene Entscheidung, nämlich die, ob man unternehmerisch, freiberuflich oder abhängig arbeiten will. Der Kernsatz in dem Artikel ist deshalb für mich dieser hier: "... Wenn ich aber eine Kanzlei aufmachen will, ist die Note völlig egal. ..." Nur hier wird klar, dass man sich erst das wirkliche Ziel aussuchen muss. Wer unternehmerisch arbeiten will, wird andere Schwerpunkte setzen, weil er nicht mehr auf die Anerkennung (Noten) anderer angewiesen sein will, um in der Tretmühle des Wettbewerbs einen Arbeitsplatz zu ergattern. Ähnlich geht es eben demjenigen, der freiberuflich arbeiten will. Er sucht sich dann genau so einen Beruf aus, den man freiberuflich ausüben kann. Wer abhängig arbeiten will, hat sich mitunter für den schwierigsten Weg entschieden, denn er wird sein Leben lang abhängig sein von den Beurteilungen und Urteilen anderer. Und er hat sich für die Tretmühle des Angestelltendaseins entschieden. Genau dieses Unbehagen ist es meiner Meinung nach, was in den jungen Menschen arbeitet, ohne dass es bewußt gemacht wird. Deshalb wird diese Entscheidung meist vorher getroffen, ohne dass man weiß, dass man sie bereits getroffen hat. Das beginnt nämlich mit der Ansage, welcher Beruf wohl die besten Beschäftigungschancen biete. Damit aber hat man sich in der Regel schon für eine abhängige Arbeit entschieden. Hiermit ist nämlich die Unsicherheit verbunden, die in den jungen Leuten solche Verheerungen auslöst.

    • LaoLu
    • 21. Februar 2012 0:00 Uhr

    für Probleme hat!

    • nouraa
    • 21. Februar 2012 0:41 Uhr

    Am Ende kommt es aufs Herz an!
    Egal wie unvernünftig, egal wie schwierig, am Ende entscheidet das Gefühl. Da helfen keine Pro- und Contra-Listen.

    Ich selbst schmeiße die Aussicht auf eine nahezu sichere Karriere dahin, um nach meinem ersten Abschluss dann zu studieren, was mir wirklich am Herzen liegt. Nicht, weil es vernünfig ist, oder logisch oder angenehm, sondern weil man so eine Entscheidung nicht im Kopf treffen kann.

  2. Es hängt doch nicht daran, dass ich hübsche Listen machen kann, wenn ich die Fähigkeit habe, wichtige Entscheidungen zu treffen. Es kann ein Hilfsmittel sein, aber löst doch nicht, was Schule und Eltern versäumt haben. Viele Freunde und ich waren an Schulen, in denen alles darauf ausgelegt war, einen kaufmännischen Beruf zu ergreifen, Eltern schieben die Verantwortung der Vorbereitung auf den Beruf den Schulen zu - die Entscheidung wird einem also indirekt bereits ab der 8 Klasse aufgezwungen. Statt Talente und Interessen zu fördern, wird strikt nach Lehrplan gearbeitet und die Neugier und Begeisterung für Bildung bereits in jungen Jahren regelrecht getötet. Gratis dazu gibt es einen Leistungsdruck. Es fehlt einfach an Selbstbewusstsein und dem Mut zu sagen "Ihr könnt mich, mit euren Bürokauffrauen" jungen Leuten fehlt es einfach an der Courage und Motivation zu tun, was sie möchten, weil die Möglichkeiten anscheinend gering und sowieso nicht zu erreichen sind. Eine Liste schafft das nötige Selbtvertrauen nicht sondern ist nur eine weitere Möglichkeit, die Entscheidung nicht bewusst selbst treffen zu müssen

    Eine Leserempfehlung

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