BewerbungWie komme ich an?

Für sich werben und dennoch bei sich bleiben ist ein Balanceakt. von 

Vor einiger Zeit kam in der Redaktion die Nachricht einer Studentin an. Sie erzählte darin, wie überdrüssig sie der Selbstdarstellung sei. Sie habe viele Bewerbungen geschrieben – für Stipendien, für Studienplätze, für Stellen. Und viele Absagen bekommen. Immer stärker habe sie das Gefühl, dass oft nicht die am besten qualifizierten Kandidaten genommen würden, sondern diejenigen, die sich am besten verkaufen könnten. Sie habe Angst, dass sie dabei immer verlieren würde, weil sie nicht gut darin sei, sich selbst zu vermarkten. »Wahrscheinlich sollte ich noch ein Schauspielstudium draufsetzen, um endlich durchstarten zu können«, schrieb sie etwas sarkastisch. Was soll man auf so eine Nachricht antworten?

Ob es einem widerstrebt oder nicht, es kommt heute keiner mehr umhin, für sich zu werben. Wer an der Schwelle zum Masterstudium steht, hat schon viele Male einen Lebenslauf gebastelt, sich für Nebenjobs oder Praktika vorgestellt, WG-Auswahlrunden überstanden, Bewerbungsunterlagen fürs Erasmus-Semester oder ein Stipendium zusammengestellt. Die Situationen, in denen man andere von sich überzeugen muss, werden im Masterstudium nicht seltener, im Gegenteil: Sie häufen sich sogar, je mehr es auf den Berufseinstieg zugeht.

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Die Frage ist also nicht, ob man sich präsentieren muss, sondern viel eher, wie man es schafft, das auf eine Art zu tun, die man mit sich vereinbaren kann. Bei sich bleiben und dennoch für sich werben ist ein Balanceakt.

Bevor man daran verzweifelt, sollte man sich bewusst machen, dass es anderen genauso geht. Bereits in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts hat der Sozialphilosoph Erich Fromm in Haben oder Sein beschrieben, welcher Persönlichkeitstyp sich in der Gesellschaft bevorzugt entwickelt. Fromm bezeichnet ihn als »Marketing-Charakter«. Da der Erfolg nicht mehr von der Eignung und Fähigkeit abhänge, sondern zunehmend davon, wie gut man seine Persönlichkeit verkaufe, erlebe man sich selbst als Ware und werde somit gleichzeitig zum Verkäufer und zur zu verkaufenden Ware. Ein Zustand, der einen von sich selbst entfremdet. »Der Mensch kümmert sich nicht mehr um sein Leben und sein Glück, sondern um seine Verkäuflichkeit«, warnt er. Fromms Feststellung ist bitter, hat aber auch etwas Tröstliches, wenn einen das Selbstmarketing gerade deprimiert: Man fühlt sich zumindest verstanden in seinem Ärger darüber, sich unablässig präsentieren zu müssen.

ZEIT Campus Ratgeber 2/2012
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Im zweiten Schritt geht es darum, ein gesundes Verhältnis zur verflixten Eigenwerbung zu entwickeln. Panisch die Empfehlungen der ausufernden Literatur zum Thema zu verfolgen ist keine Lösung. Wer jeden Formulierungstipp und Rhetoriktrick unreflektiert beherzigt, kommt in die Gefahr, sich immer weiter von sich selbst zu entfernen. Wie soll er dann noch mit seinen echten Fähigkeiten überzeugen? Um etwas Abstand zu gewinnen, hilft es möglicherweise, eine angemessene Ironie dazu zu entwickeln. Zur Unterstützung empfiehlt sich dabei das großartige Lied »Marketing« von Peter Licht: »Ok, Vormittag, das Marketing beginnt, erstmal was ausziehn, damit man Haut sieht...« Er besingt darin den täglichen Wahnsinn der Vermarktung, über die der Mensch selbst unsichtbar wird.

Damit einem das nicht passiert und man sich nicht irgendwann nur noch als Ware begreift, muss nach der Analyse der Situation und der Entwicklung einer gesunden Einstellung dazu etwas Drittes folgen: eine eigene Strategie. Nur, wie soll die sein? Einfach nicht mehr für sich werben? Nein, der Rückzug ist keine Lösung. Aber man kann lernen, mehr bei sich zu bleiben und darauf zu vertrauen, mit der eigenen Art Erfolg zu haben. Dazu muss man seine Stärken und Schwächen jedoch sehr gut kennen und über seine Wünsche nachdenken.

Selbstverständlich gibt es Entscheider, die auf das Feuerwerk von Selbstdarstellern reinfallen. Aber die meisten wünschen sich Menschen, die sich für etwas begeistern, denn dann sind sie darin auch gut. Nur wenn einem klar ist, warum man einen Masterplatz oder ein Praktikum unbedingt haben will, kann man das auch rüberbringen. Seine echten Interessen transportieren können – das muss man lernen. Schauspielunterricht sollte dafür niemand nehmen, das würde nur von einem selbst wegführen. Besser ist es, mit Freunden zu üben, die ehrliche Rückmeldungen geben. Sie sollten einen so gut kennen, dass sie einschätzen können, bis zu welchem Punkt man an sich arbeiten kann, damit man seine Fähigkeiten und seine Begeisterung möglichst gut anbringt – und wann man anfängt, sich zu verstellen. Am Ende wird man zufriedener sein, wenn man mit sich selbst überzeugen konnte. Und je mehr man bei sich angekommen ist, desto besser kommt man auch bei anderen an. 

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