An den Hochschulen ist sie allgegenwärtig, die Angst, plötzlich zu alt zu sein – für das Masterstudium, für das Praktikum und den Arbeitsmarkt. Ganz so, als hätte die Zuversicht, mit der man an die Erfüllung seiner Träume glaubt, ein Verfallsdatum: mindestens haltbar nur bis zum Ende der Regelstudienzeit.

Niemand kann behaupten, die Studenten hätten sich diesen Jugendwahn selbst eingeredet. Er wurde ihnen über Jahrzehnte eingebläut: von besorgten Eltern, gutmeinenden Dozenten, weisen Politikern – und nicht zuletzt von den kritischen Medien. Regelmäßig wurde das schnelle Studieren propagiert. Der Trödelstudent ist in der deutschen Öffentlichkeit kein sehr angesehener Zeitgenosse.

Als Folge sinkt seit Jahren die Gesamtstudiendauer. Wie das Statistische Bundesamt meldet, lag sie im Jahr 2000 noch bei durchschnittlich 12,7 Semestern. Bis zu ihrem Masterabschluss brauchten Studenten im Jahr 2010 hingegen im Durchschnitt nur 11,3 Semester. Viele treibt die Sorge um, dass die Kommilitonen schneller sein könnten als sie selbst – und dadurch für potenzielle Arbeitgeber attraktiver.

Mit der Realität hat das nur wenig zu tun: Unternehmen ist das Alter von Bewerbern kaum wichtig. Das Hochschul-Informations-System, ein Forschungsinstitut in Hannover, hat die Absolventenjahrgänge 1997, 2001 und 2005 untersucht. Das Ergebnis: Ein kurzes Studium brachte keinen Vorteil bei der späteren Jobsuche. Im Gegenteil: Unter Absolventen, die einen Beruf ausüben, der etwas mit ihrem Studium zu tun hat – ein Jurist etwa, der als Anwalt arbeitet –, hatten die langsameren einen Vorteil gegenüber den schnellen. Die Firmen stellten lieber ältere Bewerber ein.

Wer unbedingt schnell sein will, vernachlässigt andere Dinge

Man muss diese Ergebnisse wirken lassen, um ihre Bedeutung zu verstehen: Die ganze Hetze, der Zeitdruck, die Sorge, man könnte durch ein langes Studium seine Chancen auf einen guten Job mindern – sie sind völlig unbegründet. Niemand muss Umfragen oder Studien vertrauen, Absolventen können sich auch bei den Personalchefs selbst informieren. Ob man beim Personalvorstand der Deutschen Telekom nachfragt, bei der Allianz, bei Continental, Siemens, Fresenius, McKinsey oder ThyssenKrupp: Die Verantwortlichen bestätigten, dass die Studiendauer ihrer Bewerber für sie im Vergleich nicht das wichtigste Kriterium sei. Wer sein Studium auf Geschwindigkeit anlegt, tut also nicht nur etwas, was ihm nichts nutzt, sondern er vernachlässigt Dinge, die wirklich zählen, auch auf dem Arbeitsmarkt: Praxis- oder Auslandserfahrung sammeln zum Beispiel statt einfach durchstudieren.

Schließlich geht es im Studium nicht nur um den schnellen Erwerb von Fachwissen, sondern auch darum, in einem Leben anzukommen, mit dem man zufrieden ist. Der Abenteuerurlaub durch Mittelamerika oder Asien und lange Gespräche in der Mensa sind nicht nur Schlendrian, sondern gehören dazu, um vom Erstsemester zum Akademiker zu werden.