AlterWie viel Zeit habe ich?

Die Angst, plötzlich zu alt zu sein, ist unbegründet. von Justus Bender

An den Hochschulen ist sie allgegenwärtig, die Angst, plötzlich zu alt zu sein – für das Masterstudium, für das Praktikum und den Arbeitsmarkt. Ganz so, als hätte die Zuversicht, mit der man an die Erfüllung seiner Träume glaubt, ein Verfallsdatum: mindestens haltbar nur bis zum Ende der Regelstudienzeit.

Niemand kann behaupten, die Studenten hätten sich diesen Jugendwahn selbst eingeredet. Er wurde ihnen über Jahrzehnte eingebläut: von besorgten Eltern, gutmeinenden Dozenten, weisen Politikern – und nicht zuletzt von den kritischen Medien. Regelmäßig wurde das schnelle Studieren propagiert. Der Trödelstudent ist in der deutschen Öffentlichkeit kein sehr angesehener Zeitgenosse.

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Als Folge sinkt seit Jahren die Gesamtstudiendauer. Wie das Statistische Bundesamt meldet, lag sie im Jahr 2000 noch bei durchschnittlich 12,7 Semestern. Bis zu ihrem Masterabschluss brauchten Studenten im Jahr 2010 hingegen im Durchschnitt nur 11,3 Semester. Viele treibt die Sorge um, dass die Kommilitonen schneller sein könnten als sie selbst – und dadurch für potenzielle Arbeitgeber attraktiver.

ZEIT Campus Ratgeber 2/2012
ZEIT Campus Ratgeber 2/2012

Mit der Realität hat das nur wenig zu tun: Unternehmen ist das Alter von Bewerbern kaum wichtig. Das Hochschul-Informations-System, ein Forschungsinstitut in Hannover, hat die Absolventenjahrgänge 1997, 2001 und 2005 untersucht. Das Ergebnis: Ein kurzes Studium brachte keinen Vorteil bei der späteren Jobsuche. Im Gegenteil: Unter Absolventen, die einen Beruf ausüben, der etwas mit ihrem Studium zu tun hat – ein Jurist etwa, der als Anwalt arbeitet –, hatten die langsameren einen Vorteil gegenüber den schnellen. Die Firmen stellten lieber ältere Bewerber ein.

Wer unbedingt schnell sein will, vernachlässigt andere Dinge

Man muss diese Ergebnisse wirken lassen, um ihre Bedeutung zu verstehen: Die ganze Hetze, der Zeitdruck, die Sorge, man könnte durch ein langes Studium seine Chancen auf einen guten Job mindern – sie sind völlig unbegründet. Niemand muss Umfragen oder Studien vertrauen, Absolventen können sich auch bei den Personalchefs selbst informieren. Ob man beim Personalvorstand der Deutschen Telekom nachfragt, bei der Allianz, bei Continental, Siemens, Fresenius, McKinsey oder ThyssenKrupp: Die Verantwortlichen bestätigten, dass die Studiendauer ihrer Bewerber für sie im Vergleich nicht das wichtigste Kriterium sei. Wer sein Studium auf Geschwindigkeit anlegt, tut also nicht nur etwas, was ihm nichts nutzt, sondern er vernachlässigt Dinge, die wirklich zählen, auch auf dem Arbeitsmarkt: Praxis- oder Auslandserfahrung sammeln zum Beispiel statt einfach durchstudieren.

Schließlich geht es im Studium nicht nur um den schnellen Erwerb von Fachwissen, sondern auch darum, in einem Leben anzukommen, mit dem man zufrieden ist. Der Abenteuerurlaub durch Mittelamerika oder Asien und lange Gespräche in der Mensa sind nicht nur Schlendrian, sondern gehören dazu, um vom Erstsemester zum Akademiker zu werden.

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Leserkommentare
  1. Ich arbeite in einem größeren Automobilzulieferer und kann das prinzipiell bestätigen: Die Studiendauer ist nicht besonders wichtig.
    Besonders gern gesehen sind bei Absolventen vor allem auch Auslandsaufenthalte während des Studiums (auch wenn diese das Studium verzögern!).

    Aber:
    Es gibt eine Grenze, ab der die Vorbehalte zunehmen. Die erscheint mir fließend: Ab ~4 Semester über Regelstudienzeit wird nach Gründen gefragt, ab ~8 Semester entstehen wirkliche Vorbehalte.
    Die Fähigkeit, Aufgaben zügig (!) zu erledigen und auch mehrere Themen gleichzeitig bearbeiten zu können ist im Berufsleben wichtig. Wer beim Studium sehr lange braucht muss sich fragen, ob ihm das nicht fehlt (dann sind auch Probleme im Beruf vorprogrammiert).

    3 Leserempfehlungen
    • bvdl
    • 02. Januar 2013 8:50 Uhr

    Sofern das Studium durch Praxis und Auslandserfahrung verlängert wird, hat tatsächlich niemand in den Unternehmen etwas dagegen. Meistens gehören die Entscheider in Unternehmen auch noch zu der Generation, in der richtig "lang" studiert wurde. Die heutigen Absolventen kommen denen - im Vergleich - z.T. noch wie Jugendliche vor.
    Andererseits sollte man aber nicht grundsätzlich denken, dass ein längeres Studium (ich selbst weiss, von was ich rede) irgendeinen Mehrwert bietet. Denn das wirkliche Lernen beginnt danach, das Studium bildet nur das Fundament.

    4 Leserempfehlungen
  2. Mein Diplom hatte ich mit 29. Für die Karriere war das nicht hinderlich, denn ich konnte Erfahrungen als Werkstudent und ein Jahr in USA in einer großen Organisation haben das Studium begleitet und den Abschluß wertvoller gemacht.

    Später war ich 20 Jahre Arbeitgeber und habe stets die Bewerber bevorzugt, die nicht nur angelerntes Wissen mitbrachten, sondern Lebenserfahrung hatten und keine Fachidioten waren.

    11 Leserempfehlungen
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    Allerdings sind sie ihrem Kommentar zufolge mindestens 49, vermutlich einiges älter, für die Frage wie die Situation für heutige Absolventen ist, ist die Situation vor mindestens 20-25 Jahren aber leider kaum relevant.

    erfordert heute noch mindestens eine vorangegangene Berufsausbildung in relevantem Gebiet und der Auslandsaufenthalt ist ohnehin obligatorisch geworden.

    Und mit solcher Qualifikation haben Sie heute mit fast 30 Chanchen auf ein bestenfalls dürftig bezahltes Praktikum, in dem dann nochmal ein bis zwei Jahre gezeigt werden "darf", was man wert sein könnte!

    In einem Wort: die fetten Jahre sind vorbei!

  3. Allerdings sind sie ihrem Kommentar zufolge mindestens 49, vermutlich einiges älter, für die Frage wie die Situation für heutige Absolventen ist, ist die Situation vor mindestens 20-25 Jahren aber leider kaum relevant.

    6 Leserempfehlungen
  4. Kommt drauf an wer einen bewertet? Die HR Abteilungen von Konzern sind heute bevölkert von u26 Höchstleistern die zwar keine Erfahrung, dafür aber schnell studiert haben, Auslandsaufenthalt in den USA war mit dabei. Wer eine andere Vita mitbringt hat keine Chance. Glück hat der der Bewerber, der in der Fachabteilung bekannt ist und wo sich eine Führungskraft persönlich stark macht, der kommt auch mit einem anderen Lebenslauf an eine Stelle, ansonsten keine Chance. Interessant ist auch, wie sich die HR Bereiche selber sehen.
    Für mich ist es kein Wunder, warum der Mittelstand grundsätzlich besser funktioniert als die Industrie.

    6 Leserempfehlungen
  5. und im Studium geht es darum in einem Leben anzukommen, mit dem man zufrieden ist?

    Das ist beides fraglich, denn mit Studium und Abschluss legt man bestenfalls den Grundstein für beides.

    Ich verstehe den Feldzug fürs langsame Studieren gar nicht, laut Artikel wird das doch bei der Jobsuche sowieso belohnt.
    Warum muss man es also noch extra schönreden?

  6. Würde ich gerne wissen, welche dies sein soll. Ich wird zwar stimmen zu, dass ein 27-jähriger oder 29-jähriger mehr Erfahrung und "reifer" hat als ein 24-jähriger Absolvent und deshalb eher eingestellt werden. Vergleicht man aber diese mit einem 27 bzw. 29-jährigen Angestellten mit drei bzw. fünf Jahren Berufserfahrung, so sieht das mit der Lebenserfahrung und Reife völlig anders aus. Man hat als 24-jähriger einen schwereren Einstieg, weil man als jugendlich und unreif gilt (was man als eine Lebenserfahrung betrachten kann) und steht eben mehrere Jahre lang auf "eigenen Beinen" in der "realen Welt". Daneben gibt es auch finanzielle Aspekte: Dadurch, dass man früher fertig wird, verdient man früher Geld. Das kann für verschiedenen Sachen nützlich sein. Will man zum Beispiel eine Familie gründen und sich für diese Phase ein Haus kaufen, dann ist es nicht schlecht, wenn man einige Jahre Geld angespart hat. Immerhin hat man für alles nur ein begrenztes Zeitfenster. Auch wenn man sich selbstständig machen will oder wenn man sich komplett neu orientieren möchte, ist es besser, wenn man jünger ist, weil man eben "weniger zu verlieren" hat, bis man sich ein gewisses Startkapital angespart hat.
    Es gibt also handfeste Vorteile für ein schnelles Studium (insbesondere unter der Bedingung, dass man es freiwillig so macht). Letztlich obliegt es in der Freiheit des Einzelnen was man macht. Da sollte man nur bedingt auf irgendwelche Ratgeber hören.

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    Hatte gegen Ende meines Masterstudiums über diverse Aktivitäten für die Universität mit einigen unserer Bachelorstudierenden zu tun. Altersunterschied zwischen uns Masterstudierenden (wir zwischen 27 und 30 Jahre) die Bachelorstudirerenden (18-19) war nicht nur auf dem Papier "sichtbar". Es waren gut und gerne mal 10 Jahre zwischen "uns" und dies wurde eben auch in der persönlichen Reife, Reflexionsvermögen, "Lebens"erfahrung etc. deutlich. Die Bachelors waren einfach im Vergleich wie Kinder/Jugendliche, die eben gerade das erste Mal aus dem Elternhaus ausgezogen sind (was auch der Fall war). In dieser Lebensphase machen z.T. zwei bis drei Jahre schon immens viel aus.

    Natürlich sind wir Masterstudierende noch die Umbruchsgeneration es Bolognasystems, d.h. die nachfolgenden werden sicher jünger sein als wir, da sie nicht vorher häufig erst ein Diplom gemacht haben, sondern konsekutiv in den Master gehen werden. Ich behaupte aber, dass uns diese Zeit häufig sehr gut getan hat - akademisch und persönlich.

  7. Zeit zum Reifen = Zeit zum Verschulden ! Wer länger als die Regelstudienzeit auf der Uni verbringt läuft Gefahr in die Schuldenfalle zu tappen, denn nach dem Studium winken oft nur unbezahlte Praktikas oder prekäre Arbeitsverhältnisse. Ich kann den jungen Studenten aus wirtschaftlichen Erwägungen nur raten, das Studium zügig zu absolvieren.

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    Genau das ist das Problem. Lange studieren mag ja schön und gut sein, wenn man aber die Regelstudienzeit nicht schafft, verliert man das Bafoeg. Mit 25 verliert man das Kindergeld und die Krankenversicherung. Und bei mir in Bayern kommen 100 Euro Studiengebühren im Monat dazu.

    Wenn mir jemand erzählt ich soll mir zeit lassen, dann komme ich mir ziemlich verspottet vor.

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  • Quelle ZEIT CAMPUS Ratgeber
  • Schlagworte Alter | Student
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