Alzheimer : "Du sollst nicht verschwinden"

Als bei ihrer Großmutter Alzheimer diagnostiziert wurde, veränderte sich Isabels Leben. Heute will sie in die Forschung – und schreibt ihrer Oma einen letzten Brief.

Liebe Oma,

auf den ersten Blick erscheint es sinnlos, Dir einen Brief zu schreiben. Ich sehe Dich vor mir, wie Du im Wohnzimmer in Deinem Krankenbett liegst, seit zweieinhalb Jahren schon. Du bist immer noch schön mit Deinen blauen Augen und der samtig weichen Haut. Aber Du kannst nicht mehr lesen und auch nicht mehr sprechen. Deine Augen können nichts fixieren. Du erkennst mich schon lange nicht mehr. Ich will Dir trotzdem schreiben, sogar so, dass alle mitlesen können. Manchmal schreiben Eltern oder Großeltern ihren Kindern oder Enkeln Briefe, die diese erst lesen sollen, wenn sie alt genug sind, um Dinge aus der Vergangenheit zu verstehen. Bei uns beiden ist es umgekehrt.

Ich kann nicht einfach einen Brief in eine Vergangenheit schicken, in der Du noch lesen und alles verstehen konntest. Aber Du sollst nicht einfach verschwinden. Ich möchte die Geschichte, wie Du und Deine Krankheit mein Leben prägen, nicht verloren gehen lassen. Ich möchte mir vorstellen können, ich erzähle sie Dir. Und ich will andere daran teilhaben lassen. Vielleicht hilft das ja sogar dabei, dass Alzheimer nicht mehr so verdrängt wird und dass diejenigen, die diese Krankheit haben, als vollwertige Menschen gesehen werden. Du und Deine Krankheit, Ihr habt mein Leben so stark beeinflusst wie kaum etwas anderes. Meine Lebenseinstellung. Meinen Blick auf das »Menschsein«. Und mein Berufsziel. Gerade habe ich meinen Bachelor in Biochemie geschafft. Früher hätten wir das gemeinsam feiern können.

Ich war zehn, als wir gemerkt haben, dass etwas mit Dir nicht mehr stimmt. Du hast plötzlich leere Töpfe auf den Herd gestellt, die Platte angeschaltet und bist einfach weggegangen. Deine Strumpfhosen waren manchmal zerrissen, und beim Sprechen hast Du mitten im Satz abgebrochen. Papa hat immer darauf gedrängt, dass Du Dich mal gründlich untersuchen lässt, er hatte schon lange einen Verdacht. Aber Opa hat sich geweigert. Er hat nicht zulassen wollen, dass Du krank bist – und schon gar nicht, dass es diese Krankheit, deren Namen er nicht aussprach, sein könnte.

Es war ihm unangenehm, wenn Du verwirrt warst. Wenn Du einen Satz nicht zu Ende gebracht hast, ist er ungeduldig geworden. Beim Einkaufen hat er Dich manchmal im Auto eingeschlossen, damit Du nicht wegläufst. Wenn er Dich so behandelt hat, wie ein kleines Mädchen, hat alles in mir rebelliert. Du warst doch immer noch eine vollständige Persönlichkeit – auch wenn Du viele Dinge plötzlich nicht mehr konntest.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Nach und nach haben die Ärzte andere Krankheiten ausgeschlossen: einfache Verwirrtheit, Parkinson. Irgendwann war klar: Es kann nur Alzheimer sein.

Heute füttert Opa Dich und gibt Dir zu trinken, er besorgt Dir Deine Medikamente und Windeln und kümmert sich um den Papierkram. Solange es irgendwie geht, will er Dich mithilfe der Pfleger zu Hause behalten. Und trotzdem ist es für ihn immer noch ein Tabu, dass es diese Krankheit in unserer Familie gibt. Er lässt es nicht zu. Ich glaube, er weiß bis heute nicht, was Alzheimer eigentlich ist, was da im Gehirn passiert. Er hat sich nie damit befasst. Bei mir war es genau umgekehrt: Ich wollte alles über die Krankheit wissen. Schon als ich das erste Mal mit Papa über Alzheimer gesprochen habe: Was heißt das jetzt? Kann man da wirklich gar nichts machen? Ist die Forschung vielleicht bald weiter?

In der zwölften Klasse habe ich ein Praktikum in der Alzheimerforschung an der ETH Zürich gemacht. Deinetwegen. Während ich das erste Mal im Labor stand, hast Du den ersten Rollstuhl bekommen. Im fernen Zürich war ich plötzlich ganz nah dran an der Forschung. Die Untersuchungen am Alzheimer-Peptid waren eines der Hoffnungsträger-Projekte – und ich war mit dabei! Ich hätte am liebsten sofort weitergemacht. Zurück in Deutschland, habe ich nicht mehr aufgehört, Artikel und Studien über Alzheimer zu lesen. Meine Facharbeit habe ich auch gleich über die Krankheit geschrieben.

Damals fuhr ich schon seit längerer Zeit regelmäßig zu Euch in den Nachbarort, um Dir beim Essen zu helfen oder beim Anziehen – oder um einfach da zu sein. Erst bin ich einmal die Woche gekommen, dann immer öfter. Am Anfang habe ich Dir das Essen klein geschnitten, aber irgendwann reichte das nicht mehr, und ich musste Dir den gefüllten Löffel in die Hand geben. Du hast das bemerkt: dass Du nicht mehr alles kannst, nicht mehr verstehst, was passiert, und Dich nicht mehr richtig ausdrücken kannst.

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