Für die Welt der sechzehnjährigen Adeline Virginia Stephen, Studentin am King’s College zu London, spielen Tiere eine große Rolle. Virginia, wie sie von allen genannt wird, sammelt Insekten, berichtet in Briefen über die verstorbenen Pferde von Bekannten und schlägt einer Freundin vor, ihr eine Katze per Kurier zu schicken. Ihre Freunde spricht sie als »meine liebsten Kröten« an, ihre Briefe schließt sie mit »Deine Ziege«, einem Spitznamen aus ihrer Kindheit.

Der menschlichen Gesellschaft im London um 1900 kann Virginia, die in einem wohlhabenden intellektuellen Haus aufwächst, weniger abgewinnen. Zwar tratscht auch sie mit, wenn es mal wieder darum geht, wer wen heiratet, wer von wem ein Kind erwartet und wie das Hochzeitskleid der Braut aussah. Doch das viele Verloben und Heiraten und die damit verbundenen Rituale nerven sie. Sie wünscht sich einen Ort, an dem andere Dinge wichtiger sind. »Das Einzige in dieser Welt ist Musik. Musik und Bücher und ein oder zwei Bilder. Ich werde eine Kolonie gründen, in der es keine Hochzeiten geben wird, außer wenn sich jemand in eine Symphonie von Beethoven verliebt«, schreibt sie einer Freundin.

Später wird jene Virginia Woolf, die Autorin avantgardistischer Romane, die mit ihrem weltberühmten Essay A Room of One’s Own zu einem wichtigen Bezugspunkt für die feministische Bewegung späterer Generationen werden wird, tatsächlich so etwas wie eine Künstlerkolonie mitgründen: die informelle Bloomsbury Group, die sich gegen die viktorianischen Beschränkungen in Kultur und Gesellschaft wendet.

Während ihre Brüder und männlichen Freunde an berühmte Schulen wie Eton gehen und die Elite-Unis Oxford und Cambridge besuchen, bleibt Virginia nur, sich im Ladies Department am King’s College im vornehmen Stadtteil Kensington mit Hausfrauen und bildungsbeflissenen älteren Damen in Vorlesungen zu setzen und die Bibliothek im Elternhaus zu nutzen. Die wenige Jahre zuvor gegründete Frauenabteilung des King’s College ist nicht nur eine Art Volkshochschule, einige junge Frauen bereiten sich hier auch auf weiterführende Studien vor und machen Bachelorabschlüsse, meist um später als Lehrerinnen zu arbeiten. Virginia belegt Kurse in Griechisch, Latein und Geschichte, liest Sophokles’ Antigone und Homers Odyssee im Original. Sie schwärmt von ihrem »geliebten Dr. Warr«, der mit den Studentinnen die griechischen Klassiker durchnimmt. Sie verbringt ganze Tage damit, sich durch lateinische Texte zu kämpfen und griechische Vokabeln zu pauken. »Ich muss fast jedes Wort nachschlagen, aber heute Nachmittag habe ich drei Zeilen ohne Hilfe geschafft. Ich fühle mich unheimlich weise«, schreibt sie, als sie Verse von Homer liest.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Was sie nicht weiß: Ihr Vater hat einen Brief an das King’s College geschrieben, um die Dozenten darauf hinzuweisen, dass seine Tochter in einem »nervösen Zustand« sei und sie besser nur »leichte Aufgaben« bekommen solle. Schon seit ihrer Jugend hat Virginia, deren Mutter starb, als sie dreizehn war, immer wieder depressive Schübe und psychische Zusammenbrüche. Als ihre Schwester Stella während Virginias Zeit am King’s College ebenfalls stirbt, werden die Schübe noch stärker.

Die Studentin Virginia ist sehr dünn, meist trägt sie hochgeschlossene, knöchellange Kleider. Auf Fotos hat sie ein hageres Gesicht, wirkt nachdenklich und abwesend. Doch sie ist keine Einzelgängerin, trifft sich häufig mit ihren Freunden, mit denen sie eine Art Außenseiter-Clique bildet, und geht sogar zu Tanzabenden. »Wir sind nicht beliebt, wir sitzen in der Ecke wie Taubstumme, die sich nach einer Beerdigung sehnen. Aber es gibt wichtigere Dinge im Leben. Soweit ich weiß, wird mich auch nächstes Mal niemand zum Tanz auffordern. Das ist einer der Gründe, warum ich wieder hingehe«, schreibt sie in einem ihrer Briefe.

Ihre seelischen Probleme bleiben auch in den folgenden Jahrzehnten bestehen, daran ändert selbst der Erfolg als Schriftstellerin nichts. Anfang der 1940er Jahre wird der Kummer für sie unerträglich. Virginia Woolf ertränkt sich im Fluss Ouse in Südengland – in ihre Taschen hat sie schwere Steine gelegt, damit sie auf jeden Fall ertrinkt.

Wahrscheinlich würde Virginia Woolf auch heute wieder Sprachen studieren und sich für griechische Klassiker begeistern. In einem modularisierten Bachelorstudium mit Anwesenheitspflicht und Prüfungszwang würde sie es aber nicht lange aushalten. Nach spätestens zwei Semestern würde sie nicht mehr zur Uni gehen, statt Seminararbeiten Kurzgeschichten und Essays für ein feministisches Onlinemagazin schreiben und in einem Literatencafé arbeiten. Im Kampf gegen ihre Depression würde sie vielleicht mehr Hilfe finden als damals – und bis ins hohe Alter als streitbare Intellektuelle auftreten.