Studenten von früherVirginia Woolf

Im Studium wünscht sich die Schriftstellerin einen Ort, an dem nur ihre Regeln gelten – und das Heiraten verboten ist. von 

Für die Welt der sechzehnjährigen Adeline Virginia Stephen, Studentin am King’s College zu London, spielen Tiere eine große Rolle. Virginia, wie sie von allen genannt wird, sammelt Insekten, berichtet in Briefen über die verstorbenen Pferde von Bekannten und schlägt einer Freundin vor, ihr eine Katze per Kurier zu schicken. Ihre Freunde spricht sie als »meine liebsten Kröten« an, ihre Briefe schließt sie mit »Deine Ziege«, einem Spitznamen aus ihrer Kindheit.

Der menschlichen Gesellschaft im London um 1900 kann Virginia, die in einem wohlhabenden intellektuellen Haus aufwächst, weniger abgewinnen. Zwar tratscht auch sie mit, wenn es mal wieder darum geht, wer wen heiratet, wer von wem ein Kind erwartet und wie das Hochzeitskleid der Braut aussah. Doch das viele Verloben und Heiraten und die damit verbundenen Rituale nerven sie. Sie wünscht sich einen Ort, an dem andere Dinge wichtiger sind. »Das Einzige in dieser Welt ist Musik. Musik und Bücher und ein oder zwei Bilder. Ich werde eine Kolonie gründen, in der es keine Hochzeiten geben wird, außer wenn sich jemand in eine Symphonie von Beethoven verliebt«, schreibt sie einer Freundin.

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Später wird jene Virginia Woolf, die Autorin avantgardistischer Romane, die mit ihrem weltberühmten Essay A Room of One’s Own zu einem wichtigen Bezugspunkt für die feministische Bewegung späterer Generationen werden wird, tatsächlich so etwas wie eine Künstlerkolonie mitgründen: die informelle Bloomsbury Group, die sich gegen die viktorianischen Beschränkungen in Kultur und Gesellschaft wendet.

Der Steckbrief

Lebenszeit:
1882–1941

Studium:
Griechisch, Italienisch, Latein, Deutsch, Geschichte (ohne Abschluss)

Besondere Vorkommnisse:
erhielt nie einen Schulabschluss

Wichtigste Auszeichnung:
Ehrendoktor der Universität Liverpool (abgelehnt)

Während ihre Brüder und männlichen Freunde an berühmte Schulen wie Eton gehen und die Elite-Unis Oxford und Cambridge besuchen, bleibt Virginia nur, sich im Ladies Department am King’s College im vornehmen Stadtteil Kensington mit Hausfrauen und bildungsbeflissenen älteren Damen in Vorlesungen zu setzen und die Bibliothek im Elternhaus zu nutzen. Die wenige Jahre zuvor gegründete Frauenabteilung des King’s College ist nicht nur eine Art Volkshochschule, einige junge Frauen bereiten sich hier auch auf weiterführende Studien vor und machen Bachelorabschlüsse, meist um später als Lehrerinnen zu arbeiten. Virginia belegt Kurse in Griechisch, Latein und Geschichte, liest Sophokles’ Antigone und Homers Odyssee im Original. Sie schwärmt von ihrem »geliebten Dr. Warr«, der mit den Studentinnen die griechischen Klassiker durchnimmt. Sie verbringt ganze Tage damit, sich durch lateinische Texte zu kämpfen und griechische Vokabeln zu pauken. »Ich muss fast jedes Wort nachschlagen, aber heute Nachmittag habe ich drei Zeilen ohne Hilfe geschafft. Ich fühle mich unheimlich weise«, schreibt sie, als sie Verse von Homer liest.

ZEIT Campus 1/2013
ZEIT Campus 1/2013

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Was sie nicht weiß: Ihr Vater hat einen Brief an das King’s College geschrieben, um die Dozenten darauf hinzuweisen, dass seine Tochter in einem »nervösen Zustand« sei und sie besser nur »leichte Aufgaben« bekommen solle. Schon seit ihrer Jugend hat Virginia, deren Mutter starb, als sie dreizehn war, immer wieder depressive Schübe und psychische Zusammenbrüche. Als ihre Schwester Stella während Virginias Zeit am King’s College ebenfalls stirbt, werden die Schübe noch stärker.

Die Studentin Virginia ist sehr dünn, meist trägt sie hochgeschlossene, knöchellange Kleider. Auf Fotos hat sie ein hageres Gesicht, wirkt nachdenklich und abwesend. Doch sie ist keine Einzelgängerin, trifft sich häufig mit ihren Freunden, mit denen sie eine Art Außenseiter-Clique bildet, und geht sogar zu Tanzabenden. »Wir sind nicht beliebt, wir sitzen in der Ecke wie Taubstumme, die sich nach einer Beerdigung sehnen. Aber es gibt wichtigere Dinge im Leben. Soweit ich weiß, wird mich auch nächstes Mal niemand zum Tanz auffordern. Das ist einer der Gründe, warum ich wieder hingehe«, schreibt sie in einem ihrer Briefe.

Ihre seelischen Probleme bleiben auch in den folgenden Jahrzehnten bestehen, daran ändert selbst der Erfolg als Schriftstellerin nichts. Anfang der 1940er Jahre wird der Kummer für sie unerträglich. Virginia Woolf ertränkt sich im Fluss Ouse in Südengland – in ihre Taschen hat sie schwere Steine gelegt, damit sie auf jeden Fall ertrinkt.

Lesetipp

Virginia Woolf: »Briefe 1: 1888–1927«, S. Fischer, 554 Seiten.

Wahrscheinlich würde Virginia Woolf auch heute wieder Sprachen studieren und sich für griechische Klassiker begeistern. In einem modularisierten Bachelorstudium mit Anwesenheitspflicht und Prüfungszwang würde sie es aber nicht lange aushalten. Nach spätestens zwei Semestern würde sie nicht mehr zur Uni gehen, statt Seminararbeiten Kurzgeschichten und Essays für ein feministisches Onlinemagazin schreiben und in einem Literatencafé arbeiten. Im Kampf gegen ihre Depression würde sie vielleicht mehr Hilfe finden als damals – und bis ins hohe Alter als streitbare Intellektuelle auftreten.

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Leserkommentare
  1. hat mir gut gefallen, er gibt einen lebendigen Eindruck davon, wie die Studentin Virginia Woolf gewesen sein mag.

    Da Sie so ausführlich darauf eingehen, sollten Sie vielleicht erwähnen, dass die "seelischen Probleme" Woolfs u.a. daher rührten, dass sie als Kind den sexuellen Übergriffen ihres älteren Bruders ausgesetzt war.

    Der Essay "A Room of One´s Own" / dt. "Ein Zimmer für sich allein" ist auch heute noch unbedingt lesenswert - er ist brillant und witzig (also gar nicht angestrengt-verknöchert und verstaubt, wie man einem feministischem Essay aus der Zeit unterstellen mag).

    Überhaupt hatte Woolf einen wunderbaren Sinn für Humor, sie war nicht nur eine feinnervige, fragile Avantgardistin, sondern auch eine Frau mit Bodenhaftung und Blick aufs Wesentliche.

    Neben dem genannten Essay ist, trotz aller Bewunderung für ihre subtile Dichtkunst, mein Lieblingsbuch von ihr "Flush", die Geschichte eines Cockerspaniels, der in England und später in Italien lebt.

    Hier der Link zum Text im englischen Original als kostenloses E-book:

    http://ebooks.adelaide.ed...

    "Vielleicht ist es das Meisterwerk aller Hundebücher." (Bernhard Keller)

    9 Leserempfehlungen
    • Andre T
    • 01. Januar 2013 11:54 Uhr

    Garnicht so lange her das Frauen im Westen das Wahlrecht, Bildung, und Selbstbestimmung vorenthalten wurde. So gesehen ist die Entwicklung in vielen Laendern (Islamischen) doch sehr rasant!

    4 Leserempfehlungen
  2. Herzlichen Dank für die informativen und anregenden Ergänzungen zu dem ebenfalls sehr schönen Artikel.

    2 Leserempfehlungen
    • Bastie
    • 01. Januar 2013 14:35 Uhr
    4. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, die als beleidigend gegenüber feministischen Onlineredaktionen verstanden werden können. Danke, die Redaktion/jk

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Bastie
    • 01. Januar 2013 18:14 Uhr

    Entfernt. Kritik an der Moderation richten Sie bitte an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jk

    • Bastie
    • 01. Januar 2013 18:14 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Kritik an der Moderation richten Sie bitte an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jk

    Antwort auf "[...]"
  3. Ein sehr lesenswerter Artikel über die junge Virginia Woolf. Allerdings ging sie nicht als depressives unscheinbares Mauerblümchen durchs Leben, wie es hier anklingt. Sie war eine schöne Frau, ihre depressiven Schübe wurden mit den damals verfügbaren Mitteln behandelt, sie hatte lange beschwerdefreie Zeiten, war glücklich verheiratet mit Leonard Woolf und lebte ein gutes erfolgreiches Leben. Erst als sie 1941 - in England herrschte die Angst vor einem deutschen Angriff, und Virginia Woolf und ihr Mann, beide Sozialisten, Leonard außerdem Jude, wären unter deutscher Besatzung verfolgt worden - einen weiteren depressiven Schub herannahen fühlte, ging sie ins Wasser, weil sie sich der Krankheit unter diesen Umständen nicht mehr gewachsen fühlte.

    Eine Leserempfehlung
    • cmaul
    • 02. Januar 2013 4:05 Uhr

    für den Hinweis dass Virginia Woolf sich nicht nur ertränkt hat, weil sie sich nun mal so fühlte.

    Coventry war 14.11.40 und der 'London Blitz' startete am 7.9.40 und dauerte immer noch an, als sie sich am 28.3.1941 das Leben nahm.
    .... 'in England herrschte die Angst vor einem deutschen Angriff', Landangriff meinen sie wohl, denn der Luftangriff war zu der Zeit in vollem Gange. Nicht dass ich die vermutlich manisch-depressive Erkrankung wegdiskutieren möchte, aber dieser Luftkrieg und die politischen Aussichten in England hat auch stabileren Naturen zu schaffen gemacht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Nicht dass ich die vermutlich manisch-depressive Erkrankung wegdiskutieren möchte"

    Was bitte, veranlasst Sie zu der Annahme, dass Woolf manisch-depressiv war?

    Depressive Episoden mit stabileren Phasen zwischendurch sind keine manisch-depressive Erkankung.

  4. "Nicht dass ich die vermutlich manisch-depressive Erkrankung wegdiskutieren möchte"

    Was bitte, veranlasst Sie zu der Annahme, dass Woolf manisch-depressiv war?

    Depressive Episoden mit stabileren Phasen zwischendurch sind keine manisch-depressive Erkankung.

    Antwort auf "Danke Capucine13"

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