Sprachtests Die Sprache des Geldes

Ohne den teuren Englischtest Toefl bekommt man in vielen Studiengängen keinen Platz. Jetzt stellen die ersten Fakultäten fest: Er könnte überflüssig sein.

Tagelang hatte Marine Przybyl gelernt. Und dann scheiterte ihre Bewerbung an nur vier Punkten. Im Sommer hatte die 23-Jährige ihren Bachelor in Gartenbauwissenschaften in Hannover abgeschlossen, mit der Note 2,0. Zum Herbst wollte sie für den Master an die Humboldt-Universität (HU) in Berlin. Sie hatte fast alles für ihre Bewerbung beisammen, ein einziger Zettel fehlte noch: Ein Zertifikat des »Test of English as a Foreign Language«, kurz Toefl. Um ihr Masterstudium anzutreten, brauchte sie mindestens 100 von 120 möglichen Punkten in diesem Test – so forderte es die Universität. Viereinhalb Stunden bewies Marine an einem Computer ihr englisches Hör- und Leseverständnis sowie ihr schriftliches und mündliches Ausdrucksvermögen. Sie erreichte 96 Punkte – vier zu wenig. Sie wiederholte den Test, bezahlte ein zweites Mal die Gebühr von 240 US-Dollar (etwa 190 Euro) und scheiterte erneut. Die Bewerbung in Berlin hat sie seitdem aufgegeben.

Der Toefl hat in den vergangenen Jahren eine beachtliche Karriere gemacht. Nach Angaben des Educational Testing Service (ETS), der Organisation, die hinter dem Test steht, erkennen ihn mehr als 8500 Hochschulen in 130 Ländern an. Insgesamt haben bislang 27 Millionen Studenten die Prüfung gemacht, heißt es beim ETS.

ZEIT Campus 1/2013
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Obwohl der Test ursprünglich entwickelt wurde, um englischsprachigen Universitäten die Auswahl ihrer ausländischen Bewerber zu erleichtern, wird er inzwischen auch von vielen deutschen Hochschulen als eine Zulassungsvoraussetzung eingefordert. Der Gartenbau-Master an der Humboldt-Universität, für den sich Marine Przybyl bewerben wollte, ist einer von mehreren englischsprachigen Masterstudiengängen an der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät. Für all diese brauchen die Bewerber nach einer Empfehlung des HU-Sprachenzentrums 100 Toefl-Punkte oder mehr. »Unsere Studierenden sollen auf gleichem Englischniveau zusammenarbeiten, und zwar auf einem, das dem Master-Level und damit der Wissenschaftssprache entspricht«, sagt Udo Kummerow, Studiendekan der Fakultät. Die Sprachhürde sei ein Mittel der Qualitätssicherung. Die Uni akzeptiert neben dem Toefl zwar auch andere Englischnachweise. Marine entschied sich aber für den Toefl, weil sie ihn am schnellsten machen konnte: »Dafür fand ich die meisten Testzentren und die meisten Testtermine«, sagt sie.

Oft gibt es keine Alternative zu Toefl

Etliche Studiengänge erlauben den Studenten erst gar keine Alternative zum Toefl. Oder sie akzeptieren nur den noch teureren Ielts oder eines der Cambridge-Zertifikate, die aufwendiger sind, anders als der Toefl aber nicht schon nach zwei Jahren ungültig werden.

Entwickelt werden die ständig aktualisierten und gut gehüteten Toefl-Testfragen von der Organisation ETS in dem Ort Princeton in New Jersey, etwa eine Autostunde südlich von New York. Neben dem Toefl kommt auch der SAT-Test aus Princeton, der so etwas wie die amerikanische Version des Abiturs ist und von Universitäten in den Vereinigten Staaten als Studienzulassung vorausgesetzt wird. Mit mehr als 5300 Beschäftigten und 50 Millionen Prüfungen pro Jahr ist ETS nach eigenen Angaben das größte Unternehmen der globalen Testindustrie.

Wie groß die Verbreitung des Toefl in Deutschland ist und welches Geschäftsmodell dahintersteckt, das lässt sich nur erahnen, denn der Anbieter ETS ist verschwiegen. Eine Vertretung in Deutschland gibt es nicht. Auf E-Mails und Anrufe in Amerika wird höflich reagiert, auf viele Fragen aber nicht geantwortet. Wie viele Tests sind in den letzten Jahren in Deutschland durchgeführt worden? Es entspreche nicht den Unternehmensgrundsätzen, dazu Angaben zu machen, heißt es aus Princeton. ETS verrät lediglich, dass die Zahl der Tests in Deutschland zwischen 2000 und 2011 im Durchschnitt jedes Jahr um 8 Prozent gewachsen ist – demnach hätte sich die absolute Zahl der Tests über diesen Zeitraum mehr als verdoppelt. Im Vergleich zu 2007 ist der Test heute um mehr als die Hälfte teurer. Warum? Der Preis decke Entwicklung, Produktion, Verwaltung und Benotung, heißt es aus Princeton. ETS verfolge keine Gewinnabsichten und sei bemüht, die Kosten niedrig zu halten. Jedoch seien die »administrativen Ausgaben« gestiegen.

Fest steht: ETS erlebt ein eindrucksvolles Wachstum und beachtliche Umsätze. Innerhalb von 20 Jahren hat es sich von einem kleinen Testanbieter zu einer globalen Organisation entwickelt, deren Einnahmen sich im Jahr 2010 auf rund eine Milliarde US-Dollar beliefen – das zeigen die Unterlagen der Bundessteuerbehörde der Vereinigten Staaten. Dabei hat ETS in den USA den Status einer gemeinnützigen Organisation und muss als solche keine Steuern zahlen. Diesen Status muss ETS jedes Jahr mit einer öffentlichen Erklärung vor der Steuerbehörde rechtfertigen. Laut dem letzten Bericht blieb 2010 ein Gewinn von knapp 27 Millionen Dollar. Der ETS-Chef Kurt Landgraf erhielt ein Jahresgehalt von knapp 1,2 Millionen Dollar, weitere Führungskräfte teils deutlich mehr als 200.000 Dollar.

Der Toefl hat sich wohl auch deshalb in Deutschland durchgesetzt, weil jeden Monat mehrere Termine in den 61 Testzentren angeboten werden. Die deutschen Testzentren bekommen laut ETS eine Aufwandsentschädigung, die sich nach Größe des Zentrums und der Zahl der Testteilnehmer richtet. Zwei große Zentren geben unabhängig voneinander an, dass sie von den 190 Euro Teilnehmergebühr pro Test etwa 30 bis 40 Euro erhalten. »Wir verdienen daran keinen Cent, das deckt höchstens unsere Kosten«, sagt der Leiter eines Testzentrums, der anonym bleiben möchte, aus Sorge, er könne sonst Probleme mit ETS bekommen. Zumeist sind die Testcenter Sprachlernzentren oder Volkshochschulen, die verschiedene Sprachkurse anbieten. »Den Toefl machen wir fürs Prestige, das ist wie ein Qualitätssiegel«, sagt der Geschäftsführer. Partner von ETS zu sein, schaffe Vertrauen bei potenziellen Interessenten für Sprachlernkurse.

Erste Uni-Institute stellen den Test infrage

Während die Zahl der Deutschen, die den Test ablegen, nach Angaben von ETS immer noch steigt, beginnen inzwischen die ersten Uni-Institute, den Toefl infrage zu stellen. So wurde an der Universität Hamburg der Test als Voraussetzung für den Anglistik-Bachelor zum Wintersemester 2012/2013 abgeschafft. Der administrative Aufwand sei zu groß geworden, argumentiert die Studiendekanin und Anglistik-Professorin Susanne Rupp. »Ich halte es auch für problematisch, zu viel auf externe Dienstleister zurückzugreifen, um Sprachkenntnisse zu prüfen«, sagt sie. Die Qualität der Studienbewerber habe seitdem nicht merklich nachgelassen. »Bislang sind unsere Erfahrungen durchweg positiv«, sagt Susanne Rupp. Auch für den englischsprachigen Masterstudiengang in Agrar- und Ressourcenökonomik an der Universität Bonn ist nun kein Toefl mehr nötig. »Wir haben bei unseren deutschen Bachelorabsolventen keine Defizite gesehen«, sagt der Institutsvertreter Ralf Nolten.

Lieber nicht zu sehr am Toefl rütteln will der Akkreditierungsrat, ein Gremium, das für die Einhaltung der Bologna-Regeln sorgt. »Nur ein Abitur zu verlangen, um ein bestimmtes Sprachniveau zu gewährleisten, ist in manchen Fällen sicher zu kurz gegriffen«, sagt der kommissarische Geschäftsführer Franz Börsch. Die Unis seien jedoch frei in der Art des verlangten Nachweises, denkbar seien auch Auswahlgespräche auf Englisch.

Aus dem Toefl ergibt sich nicht zuletzt eine soziale Frage, sagt Susanne Rupp, die Professorin aus Hamburg. Denn nicht jeder Schüler oder Student habe 190 Euro für die Zulassung zum Test übrig. »Viele meiner Kommilitonen aus Hannover haben sich für ihr Wunschstudium gar nicht erst beworben, weil ihnen der Test zu teuer war«, sagt Marine Przybyl. Sie studiert nun Plant Sciences an der Universität Bonn, ebenfalls auf Englisch. Sie komme gut zurecht, sagt sie. Dass sie angeblich vier Punkte von der sicheren Beherrschung der Wissenschaftssprache trennen, interessiere an der Uni Bonn niemanden.

 
Leser-Kommentare
  1. Meine Wissens ist der IELTS-Test mit 180 Euro günstiger als Toefl

    • JuliHe
    • 12.12.2012 um 14:16 Uhr

    Ich kann dem nur zustimmen. Toefl/Ielts schlachten Student meiner Meinung nach aus. (Ielts kostet übrigens 200€ plus Material von 35€ im Monat) Es ist eine Frechheit das man diese Tests machen muss,vor allem wenn man im Bachelor schon Englisch studiert hat oder sogar schon im englischsprachigen Ausland studiert hat. Universitäten machen es sich sehr einfach zu sagen: macht den Test mit der und der Note und dann bekommt ihr den Platz. Ich kann nur für den Ielts sprechen, aber die Aufgaben die man machen muss und die Benotung haben NICHTS mit universitären Lernen/Schreiben zu tun. Jemand auf Grund dessen abzulehnen, wenn nur wenige Punkte fehlen ist unmöglich. Universitäten wählen damit einen sehr einfachen Weg und das muss sich ändern! Jedoch glaube ich nicht daran, den die meisten Unis sind zu bürokratisch und umständlich um aus einer Ecke eine Kurve zu machen und so Studenten das Leben zu erleichtern.

    6 Leser-Empfehlungen
  2. Outsourcing - so heisst wohl dieses Zauberwort, wenn Einrichtungen ihre eigene Verantwortung auf andere abwälzen. TOEFL IELTS GRE und viele andere Sprachzertifikate gehen direkt in diese Richtung. Gerade Studiengänge mit kleinen Zulassungszahlen könnten sich auch einmal am Telefon mit einem Bewerber, einer Bewerberin unterhalten und schnell feststellen, ob es passt. Nun, Outsourcing betrifft inzwischen vielerorts leider auch schon die Auswahl der Kandidaten, das dann von irgendwelchen bürokratischen Monsterorganisationen übernommen wird...

    Als Koordinator eines internationalen Master-Programms habe ich schon viele Kandidaten mit guten TOEFL-Scores erlebt, die sprachlich später nicht den Anforderungen genügten.

    3 Leser-Empfehlungen
  3. Ein Studium an einer deutschen Uni genießt heute im Ausland längst nicht mehr das Prestige von einst. Der mangelhafte Massenbetrieb und das Plagiatsunwesen haben sich mittlerweile herum gesprochen. "Elite" ist durchaus kein akademisches Gütezeugnis, sondern bedeutet nur dass die Uni mehr Staatsgelder bekommt. Nur die TOEFL-Sprachtests werden weltweit anerkannt, sind jedoch kein Ersatz für Auslandsstudium.

  4. bei vielen meiner Profs stellen sich mir die Haare zu berge wenn diese auf Englisch.
    Wiso soll ich besser Englisch können müssen als mein Prof?
    Da wird doch auf die falsche Art und Weise gesiebt. Im obigem Beispiel bin ich für den Master qualifiziert, wenn ich "Photosyntesis" perfekt ausspreche aber nicht weiß was es bedeutet...

    Im übrigen ist da der Deutsche mit seinem "Englisch ist Elite" alleine keine andere Nation diskreditiert ihre Studenten mehr.

    3 Leser-Empfehlungen
    • mutant
    • 12.12.2012 um 15:36 Uhr

    ... was in der Schule "vergessen" wird. Was hier passiert hat meiner Meinung nach zu einem nicht geringen Anteil damit zu tun, dass sich die Leute mittlerweile darüber im Klaren sind, dass es auch Nachteile bringt, wenn man das Abiturniveau senkt damit (fast) jeder studieren kann. Die Hochschulen werden derzeit von teilweise schlecht "ausgebildeten" Leuten (übrigens bei weitem nicht alle mit Abitur!!) überrollt. Diese Tests sind ein sehr gutes, weil einfaches, Mittel hier ein bißchen eingreifen zu können. Auf persönliche Auswahlgespräche würde ich persönlich verzichten, da diese sehr zeitaufwendig und juristisch angreifbar sind.
    Mal davon abgesehen finde ich es in vielen Fällen sinnfrei komplette Studiengänge auf Englisch abzuhalten! Welche vernünftige Begründung gibt es hierfür? Wissenschaftssprache Englisch bla,bla...erst einmal muss man das nötige Rüstzeug bekommen und das Ganze auf Englisch abzuhalten vereinfacht das nicht. Zumal der Eindruck, dass sämtliche Absolventen deutscher Hochschulen ins Ausland gehen oder in ihrem Beruf vertragssicheres Englisch beherrschen müssen, falsch ist!

    2 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Da gebe ich Ihnen völlig Recht.
    "»Nur ein Abitur zu verlangen, um ein bestimmtes Sprachniveau zu gewährleisten, ist in manchen Fällen sicher zu kurz gegriffen«, sagt der kommissarische Geschäftsführer Franz Börsch."
    verdeutlicht hervorragend wieviel Vertrauen man noch in unsere Hochschul"reife" steckt.

    Da gebe ich Ihnen völlig Recht.
    "»Nur ein Abitur zu verlangen, um ein bestimmtes Sprachniveau zu gewährleisten, ist in manchen Fällen sicher zu kurz gegriffen«, sagt der kommissarische Geschäftsführer Franz Börsch."
    verdeutlicht hervorragend wieviel Vertrauen man noch in unsere Hochschul"reife" steckt.

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