KriminalitätEinen Menschen töten

In einer Bank wird der Alarm ausgelöst, der Polizist Bernd Scholam* fährt hin. Routine, denkt er. Dann schießen zwei Bankräuber auf ihn.

Oh Gott, ist das laut, denke ich, als der erste Schuss fällt. Diesen Lärm habe ich nicht erwartet. Im Training tragen wir Kopfhörer. Doch das hier ist kein Training, ich ziele auf einen Menschen, ich schieße, und ich treffe. Es ist ganz anders als im Fernsehen, wo die Leute in solchen Szenen zig Meter zurückgeworfen werden – der Mann bleibt einfach stehen. Er fasst sich nur an den Bauch und krümmt sich leicht. Dann wende ich mich zur Frau. Ich sehe, wie auch sie eine Pistole zieht. Sie zielt auf mich, ich schieße und treffe wieder. Sie fällt zu Boden.

Ich konzentriere alle meine Gedanken auf sie, beschwöre sie innerlich: "Bleib einfach liegen!" Nicht weil ich hoffe, dass sie tot ist, sondern weil ich will, dass sie aufhört. Dann hebt sie die Waffe ein zweites Mal, steckt sie sich in den Mund und drückt ab.

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Ein paar Stunden zuvor bin ich an diesem Nachmittag im Dezember auf einer Streifenfahrt mit meiner Kollegin. Wir fahren durch die Karlsruher Innenstadt, dasselbe Revier wie immer. Um 16 Uhr kommt der Funkruf: In einer Bank sei der Alarm ausgelöst worden, wir sollen hinfahren. Kein Grund zur Aufregung, denn um diese Uhrzeit löst häufiger mal eine Putzfrau versehentlich einen Alarm aus. Trotzdem beeilen wir uns. Und sehen gerade noch, wie zwei Menschen die Bank verlassen. Die Frau eilt voran, der Mann geht langsamer. Ich erkenne die beiden nicht, doch meine Intuition warnt mich.

ZEIT Campus 1/2013
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

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Plötzlich sagt meine Kollegin: "Ich glaube, die tragen Perücken!" Das ist das Merkmal der "Gentlemen-Räuber", eines Ehepaars, das schon 21 Banken überfallen hat. Ein Jahr zuvor waren wir an einer Fahndung nach dem Paar beteiligt, jetzt sind wir die Ersten am Tatort. Ich steige aus dem Auto aus, die Frau sieht uns, den Streifenwagen, die Uniformen – und flieht. Ich renne hinterher, sie ist nicht schnell, fast erwische ich sie. Bis heute kann ich nicht sagen, warum ich mich umdrehe. Ich sehe den Mann, der nicht weggerannt ist. Und blicke in die Mündung seiner Pistole.

Was danach kommt, dauert nur wenige Sekunden. An vieles kann ich mich heute, knapp zwei Jahre später, kaum noch erinnern. Ich bin auf den Mann fixiert, ohne darauf zu achten, was seine Komplizin und meine Kollegin tun. Ich ziehe meine Waffe, befehle ihm, seine fallen zu lassen. Er reagiert nicht, ich gebe einen Warnschuss ab, feuere links auf ein Blumenbeet.

Leser-Kommentare
  1. Was der Polizist hier schildert, ist genau, was ich zu dem Fall "Conrad" meinte, wo ein bewaffneter, verwirrter Mann nach einem massiven Polizeieinsatz starb:
    Solche Situationen sind nicht trainierbar!

    Keiner von uns weiß, wie er in einer absoluten Extremsituation reagiert - bis sie eingetreten ist. Trainieren kann man Schnelligkeit, psychologische Tricks und Kampftechniken, aber nicht eine Situation, in die man nach einem Notruf IMMER unvorbereitet gerät und die unberechenbar ist, weil man dem anderen nicht in den Kopf schauen kann.
    Selbst, wenn man solche Angriffe trainiert - ich weiß ja, dass ich mich in einer Trainingssituation befinde. So kann ich zwar Abläufe automatisieren und Routine entwickeln (damit wohl auch die Angst vor solchen Einsätzen begrenzen und Selbstsicherheit steigern), aber wirklich vorbereiten kann da kein Training der Welt.
    Die Entscheidung, Selbstschutz, Opferschutz und Täterschutz gegeneinander innerhalb von Sekundenbruchteilen abzuwägen, mit dem Ziel, dass am Ende möglichst keiner der Beteiligten zu Schaden kommt, ist nicht automatisierbar, weil die Situation nicht kontrollierbar ist - ich habe nämlich immer nur Einfluss auf mein eigenes Handeln, maximal.
    Die Reaktion der anderen (Täter, Passanten, Kollegen) kann man nicht vorhersehen.
    Und leider wird ja immer nur über die tragischen Fälle so ausführlich berichtet, in denen diese Entscheidung rückblickend betrachtet vielleicht nicht die glücklichste war.

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    es geht durchaus darum die Fehler klein zu halten, denn "Richtig" gibts bei dem sich entwickelnden Tunnelblick eigentlich nicht mehr.

    Beste Grüße CM

    es geht durchaus darum die Fehler klein zu halten, denn "Richtig" gibts bei dem sich entwickelnden Tunnelblick eigentlich nicht mehr.

    Beste Grüße CM

  2. Da fehlen mir echt die Worte. Second-Guessing nennt das der Ami. Wobei bei Ihnen noch eine gehörige Portion Weltfremdheit hinzukommt:

    "Dann sind die halt weg, also mir persönlich wäre das lieber, als wegen ein paar Euros jemanden erschießen zu müssen.

    Nicht die direkte Konfrontation zu suchen heißt ja auch nicht, daß man gar nichts macht. Man kann ja aus sicherer Entfernung verfolgen."

    Und dann? Aus sicherer Entfernung verfolgen, bis die Räuber geneigt sind die Waffen niederzulegen und das Geld zurückzugeben? Wenn nicht ist ja auch nicht schlimm. Hauptsache den Räubern passiert nichts.

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    Antwort auf "Kritische Betrachtung"
    • hladik
    • 16.02.2013 um 15:42 Uhr
    11. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    6 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Ja und?"
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    dazu (also Ihrem polemischen Dreizeiler) fällt mir nur folgendes ein: Look who´s talking. (Nicht der Film...)

    dazu (also Ihrem polemischen Dreizeiler) fällt mir nur folgendes ein: Look who´s talking. (Nicht der Film...)

  3. Der Polizist hat beim aufnehmen der Verfolgung bestimmt nicht damit gerechnet, dass er gleich in eine echte Schießerei geraten könnte. Die Bankräuber sind doch selbst Schuld, wenn sie mit geladenen Waffen eine Bank ausrauben. Natürlich haben sie noch ein Recht, am Leben zu bleiben, aber das Risiko des Todes haben sie selbst in Kauf genommen. Der Polizist (und so etwas sage ich selten) hat alles richtig gemacht und hat in nachvollziehbarer Notwehr gehandelt. Der Text kam mir auch nicht geheuchelt vor. Solche selbstkritischen Polizisten brauchen wir!
    Pazifismus ist eine ehrbare Einstellung, aber es ist naiv zu glauben, dass man jede Auseinandersetzung ohne Blutvergießen beenden kann.

    14 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Ja und?"
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    Ich habe nichts von Pazifismus geschrieben. In meinem ersten Post habe ich geschrieben, daß der Polizist in der letztlich entstandenen Situation nichts mehr anderes tun konnte. Meine Frage, die man hier offenbar nicht gern hört, ist allerdings, ob es die paar Euros wert waren, eine solche Situation herzustellen. Und da denke ich Nein. Die Bankräuber hätte man früher oder später sowieso erwischt. Das Problem an der geschilderten Konfrontation ist nicht nur, daß das Leben der Bankräuber gefährdet war (was wohl die meisten ohnehin als das geringste Übel ansehen), sondern vor allem waren die Polizisten selbst in großer Gefahr. Würde jeder, der jetzt laut schreit, daß alles korrekt gelaufen ist, das auch noch tun, wenn einer der beiden Polizisten ernsthaft geschädigt worden wäre? Ja klar müssen sich Polizisten Gefahren aussetzen und wenn sie in gewisse Situationen gelockt werden, haben sie auch keine große Entscheidungsfreiheit, aber im vorliegenden Fall, mußte man die Situation nicht eskalieren lassen. Ich finde den Polizisten sehr mutig, aber auch unüberlegt und bin da hin und her gerissen, aber letztlich überwiegt bei mir der Safety-first Gedanke.

    Ich habe nichts von Pazifismus geschrieben. In meinem ersten Post habe ich geschrieben, daß der Polizist in der letztlich entstandenen Situation nichts mehr anderes tun konnte. Meine Frage, die man hier offenbar nicht gern hört, ist allerdings, ob es die paar Euros wert waren, eine solche Situation herzustellen. Und da denke ich Nein. Die Bankräuber hätte man früher oder später sowieso erwischt. Das Problem an der geschilderten Konfrontation ist nicht nur, daß das Leben der Bankräuber gefährdet war (was wohl die meisten ohnehin als das geringste Übel ansehen), sondern vor allem waren die Polizisten selbst in großer Gefahr. Würde jeder, der jetzt laut schreit, daß alles korrekt gelaufen ist, das auch noch tun, wenn einer der beiden Polizisten ernsthaft geschädigt worden wäre? Ja klar müssen sich Polizisten Gefahren aussetzen und wenn sie in gewisse Situationen gelockt werden, haben sie auch keine große Entscheidungsfreiheit, aber im vorliegenden Fall, mußte man die Situation nicht eskalieren lassen. Ich finde den Polizisten sehr mutig, aber auch unüberlegt und bin da hin und her gerissen, aber letztlich überwiegt bei mir der Safety-first Gedanke.

  4. Vorbereitung ist hier ein vielleicht zu großes Wort. Die Ausführungen des PKA legen nahe, dass eine Menge Ausbildungsinhalte offensichtlich nicht in der notwendigen Tiefe verankert waren.

    Zumal es bei der pol. Schießausbildung, abgesehen vom "finalen Rettungsschuss", nie um das Töten des Gegenüber geht, sondern darum mit dem Schusswaffengebrauch eine rechtswidrige Handlung unmittelbar zu beenden.

    Was allerdings oft genug zur Folge hat der der Gestoppte an den Folgen verstirbt, daruf kann man schon vorbereiten.

    Beste Grüße CM

  5. Bei Kasperl passiert auch nie was Schlimmes, wenn der Polizist einschreitet. Dann gib's vielleicht mal einen mit der Bautze auf den Köppes, aber dann geht der böse Räuber auch schön hinter dem Polizisten auf dem Steckenpferd ins Gefängnis.
    Mittel zur polizeilichen Deeskalation von Gewaltverbrechen mit 12 Buchstaben: S-t-e-c-k-e-n-p-f-e-r-d. Tatü tata. Alaauf. Helau.

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    • zacc
    • 16.02.2013 um 15:58 Uhr
    15. Schutz

    Tut mir leid, das das ist Unsinn.

    Die Polizisten haben ja nicht den Auftrag nur das Geld oder sich selbst zu schützen, sondern auch die Zivilbevölkerung.

    Was sagen Sie denn, wenn die Bankräuber bei ihrer Flucht jemanden niederschießen der ihnen unglücklich in den Weg gekommen ist ?
    Oder wenn sie bemerken (oder einfach nur annehmen) dass die Polizei hinter ihnen her ist und einen Autounfall verursachen ?

    Aus "sicherer Entfernung" kann das wohl kaum verhindert werden.

    12 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Ja und?"
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    So wie in den USA wo man mittlerweile diese publicityträchtigen Verfolgungsjagten unterbindet??? Eben ZUM Schutz der Bevölkerung und der Polizisten.

    So wie in den USA wo man mittlerweile diese publicityträchtigen Verfolgungsjagten unterbindet??? Eben ZUM Schutz der Bevölkerung und der Polizisten.

  6. 16. Stimmt,

    es geht durchaus darum die Fehler klein zu halten, denn "Richtig" gibts bei dem sich entwickelnden Tunnelblick eigentlich nicht mehr.

    Beste Grüße CM

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