Mensagespräch mit Regisseur Gloger»Wir galten als durchgeknallt«

In Gießen hat er studiert, in Bayreuth erlebte er seinen ersten Skandal: Der Regisseur Jan Philipp Gloger über zeitgemäßes Theater und Buhrufe aus dem Publikum. von 

Vor fünf Jahren war Jan Philipp Gloger, 30, noch Student. Heute ist er ein gefragter Opern- und Theaterregisseur. Mehr als 20 Stücke hat er seit seinem Abschluss inszeniert, er ist leitender Regisseur am Staatstheater Mainz und hat 2012 als einer der jüngsten Regisseure überhaupt die Bayreuther Festspiele eröffnet. In der Gießener Mensa bestellt er Gourmet-Bratwurst. Die aß er schon, als er hier Student war. Dass sich die Gourmet-Wurst als profane Bratwurst entpuppt, beweist: In Gießen versteht man es, die Dinge in Szene zu setzen.

ZEIT Campus: Herr Gloger, Sie haben hier in Gießen Theaterwissenschaft studiert. Freuen Sie sich, mal wieder da zu sein?

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Jan Philipp Gloger: Gießen ist ein Ort zum Sterben.

ZEIT Campus: So schlimm?

Gloger: Die Stadt ist klein, grau, und die Leute sind schlecht angezogen. Aber das sage ich nur, weil ich bestimmt gleich sentimental werde. Ich war seit sieben Jahren nicht mehr hier, jetzt wiederzukommen ist ein schöner Zufall: Vorgestern war die Premiere meiner Inszenierung von Leonce und Lena. Das Stück hat Georg Büchner hier in Gießen geschrieben.

ZEIT Campus: Bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth haben Sie im letzten Sommer die Oper Der fliegende Holländer inszeniert. Da gab es einen Skandal...

Gloger: Drei Tage vor der Premiere kam heraus, dass Evgeny Nikitin, der den Holländer singen sollte, früher ein riesiges Hakenkreuztattoo auf seiner Brust hatte. Nikitin hat sich dann von selbst zurückgezogen, und wir mussten sehr schnell für Ersatz sorgen.

ZEIT Campus: Wo lernt man als junger Regisseur, wie man mit so einer Situation umgeht?

Gloger: An der Uni jedenfalls nicht. Man lernt dort ja vieles nicht, was man später braucht.

ZEIT Campus: Was lernt man denn?

Gloger: Über Theater zu reden und nachzudenken. Und das ging nirgendwo so gut wie hier. Wir waren nur 18 Studenten pro Jahrgang, es gab eine dreistufige Aufnahmeprüfung. Obwohl ich glaube, dass der eigentliche Test ist, ob man es in einer Stadt wie Gießen aushält.

ZEIT Campus: Sie kommen aus Hagen, da müssten Sie doch einiges gewohnt sein.

ZEIT Campus 1/2013
ZEIT Campus 1/2013

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Gloger: Ja, aber ich bin für den Zivildienst nach Berlin gezogen. Als ich für die Aufnahmeprüfung nach Gießen kam, dachte ich: »Um Gottes willen, was für ein Nest!« Später ist mir klar geworden, dass es nicht wichtig ist, in Berlin zu wohnen. Es genügt, ab und zu hinzufahren und sich Theater anzugucken. Das Nachdenken übers Theater, das wird hier in Gießen zelebriert. Wir hatten Lust zu diskutieren. Und wir wollten selbst Theater machen, zack, loslegen! Wir haben die ganze Stadt zur Bühne gemacht. Ich weiß noch, wie ich mal mit einem riesengroßen Bilderrahmen durch die Innenstadt gefahren bin, um zu zeigen, wie inszeniert unser Alltag ist.

ZEIT Campus: Was haben die Leute gesagt?

Gloger: Bei einigen galten wir bestimmt als durchgeknallt. Zum Glück haben die Studenten sich selbst nicht so empfunden. Als ich anfing, mit 20, da dachte ich noch: »Jetzt bin ich Theaterwissenschaftler, jetzt trage ich nur noch Schwarz!« Das habe ich zwei Wochen durchgezogen und es dann gelassen.

ZEIT Campus: Warum?

Gloger: Weil das natürlich Quatsch war. Alle anderen hatten Strickpullover von H&M an und gar keine Zeit, über Klamotten nachzudenken. Wir waren schließlich damit beschäftigt, das Theater neu zu erfinden! Wir wollten alles anders machen! Das Institut in Gießen hat ein sehr avantgardistisches Selbstverständnis.

ZEIT Campus: Was wollten Sie anders machen?

Gloger: Wir zweifelten daran, dass Theater so funktionieren muss wie Kino oder Fernsehen – also mit Schauspielern, die in eine Rolle schlüpfen und eine Geschichte erzählen. Stattdessen wollten wir einen kritischen Diskurs auf die Bühne bringen, so wie René Pollesch, der hier mein Professor war. Wir wollten Laien auf die Bühne stellen, so wie die Theatergruppe Rimini Protokoll, deren Mitglieder hier studiert haben. Was hier in Gießen gemacht wurde, war unglaublich lebendig und hat auf die ganze Theaterwelt ausgestrahlt.

ZEIT Campus: Wieso sind Sie nach dem Grundstudium aus Gießen weggezogen?

Gloger: Ich fand auch das klassische Figurentheater spannend. In Gießen konnte ich das nicht machen, also bin ich in Zürich auf eine Regie- und Schauspielschule gegangen.

ZEIT Campus: Lernt man dort, wie man mit zickigen Schauspielern umgeht?

Gloger: Nein. Ein Theater ist kein Wirtschaftsunternehmen, in dem man seinen Mitarbeitern ein paar Soft Skills beibringt. Und ob man die richtigen Eigenschaften für diesen Beruf hat, das findet man ohnehin erst heraus, wenn man selbst Theaterstücke inszeniert.

ZEIT Campus: Was ist die wichtigste Eigenschaft, die man als Theaterregisseur braucht?

Gloger: Überzeugungskraft. Eine Inszenierung ist immer subjektiv: Die einen finden sie toll, die anderen scheiße. Als Regisseur muss man Schauspieler und andere Mitarbeiter davon überzeugen, dass das, was man vorhat, spannend ist. Man muss einen Schutzraum herstellen, in dem die Schauspieler albern sein oder absolut persönliche Dinge von sich preisgeben können. Dafür muss man von dem, was man tut, selbst überzeugt sein.

ZEIT Campus: Wie schafft man so einen Schutzraum?

Gloger: In Mozarts Die Hochzeit des Figaro habe ich es mit Offenheit versucht. In dieser Oper geht es fast nur um erotische Verstrickungen. Ich habe mich zu Beginn der Produktion mit den Sängern zusammengesetzt und gesagt: »Ich glaube, dass mindestens die Hälfte von euch fremdgegangen ist – und die andere Hälfte denkt zumindest drüber nach!«

ZEIT Campus: Und dann?

Gloger: Dann haben alle gelacht, und zwar dieses schöne Lachen, das ich als Regisseur so liebe: das getroffene Lachen. Leute beim Lachen zu beobachten ist das Schönste, was ich in meinem Beruf erleben darf. Deshalb sitze ich auch in meinen eigenen Aufführungen. Ich bin ein Publikumsvoyeur.

ZEIT Campus: In Dresden und in Bayreuth wurden Sie ausgebuht. Wie fühlt sich das an?

Gloger: Nicht gut. Die Leute buhen, und ich stehe vorn auf der Bühne und muss weiterlächeln. Schlimm ist daran, dass ich mit ihnen reden will, aber es in dem Moment nicht kann.

ZEIT Campus: Und was ist, wenn ein Theaterkritiker Ihre Inszenierung verreißt?

Gloger: Verrisse sind im besten Fall produktiv. Verletzend sind sie aber dann, wenn jemand ein negatives Urteil fällt und es nicht begründet. Das ist, als ob ein Freund zu mir sagt: »Du bist scheiße, aber ich verrate nicht, warum.«

ZEIT Campus: Werden Sie von Schauspielern kritisiert?

Gloger: Ganz am Anfang hat mal ein Schauspieler gesagt: »Geh doch nach Hause mit deinem Studententheater!« Heute sind wir befreundet. Ein anderer fand meine Inszenierung so schlecht, dass er vor Wut seine Hose runtergezogen hat. Er hat mir seinen nackten Hintern gezeigt und gesagt: »Ich verachte dich!« Es ist aber nicht so, dass alle Schauspieler verrückt wären. Richtig gute Schauspieler sind meistens total aufgeräumte Persönlichkeiten.

ZEIT Campus: Sie sind jetzt 30, aber die Stücke, die Sie inszenieren, sind teilweise 200 Jahre alt. Was interessiert Sie daran?

Gloger: Dass sie mit uns zu tun haben. Beim Lesen von Leonce und Lena habe ich gemerkt: Was dieser Leonce erlebt, das hat mit mir zu tun, mit einer Gesellschaft, in der mir ständig suggeriert wird, ich hätte alle Möglichkeiten und müsste sie auch alle nutzen. Dieses Suchen der eigenen Realität in fremden Welten, das macht für mich Theater so spannend.

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Leserkommentare
  1. Habe damals "Biedermann und die Brandstifter" in Zürich an der Gessnerallee gesehen. War besser als die Inszenierung im Schauspielhaus! Weiterhin viel Erfolg!

  2. 2. Danke

    "Die Leute buhen, und ich stehe vorn auf der Bühne und muss weiterlächeln. Schlimm ist daran, dass ich mit ihnen reden will, aber es in dem Moment nicht kann."

    Danke für diese Erfahrungsteilung!

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