ZEIT Campus: Herr Ullrich, Sie forschen seit Jahrzehnten gegen den Krebs an. Wird er in absehbarer Zeit heilbar sein?

Axel Ullrich: Im Moment können wir mithilfe von Medikamenten das Leben der Patienten oft nur um wenige Jahre, teils nur um wenige Monate verlängern. Und wir haben wenig Aussicht, den großen Durchbruch zu erzielen.

ZEIT Campus: Könnte sich das in Zukunft ändern?

Ullrich: Sagen wir es mal so: Ich schließe nicht aus, dass es mal anders sein wird, aber nicht morgen und nicht in zehn Jahren. Ich bin im Laufe der Jahre pessimistischer geworden.

ZEIT Campus: Das heißt, zu Beginn Ihrer Karriere hatten Sie noch größere Hoffnung?

Ullrich: Ja. Aber da war ich auch naiver und dümmer als heute. Andererseits: Man muss etwas naiv sein, um große Probleme anzugehen.

ZEIT Campus: Was muss man mitbringen, um im Labor erfolgreich zu sein?

Ullrich: Auf jeden Fall ein starkes Selbstbewusstsein. Leider mangelt es daran beim Nachwuchs viel zu oft. Ich würde sogar sagen, fehlendes Selbstbewusstsein ist oft das größte Hindernis auf dem Weg zu einem guten Forscher.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

ZEIT Campus: Wie meinen Sie das genau?

Ullrich: In den letzten 20 Jahren sind mehr als hundert Doktoranden aus aller Welt durch meine Abteilung gegangen. Ich habe dabei sehr oft intelligente und vielversprechende Nachwuchsleute erlebt, die aber letztlich doch nicht bereit waren, innovativ zu sein, also etwas wirklich Neues zu wagen, auch auf die Gefahr hin, enttäuscht zu werden.

ZEIT Campus: Wie äußert sich das?

Ullrich: Sie drücken sich vor den entscheidenden Experimenten, aus Angst, dass sie falsch liegen könnten. Natürlich gibt es tausend rational anmutende Gründe, die man in solchen Fällen vorschieben kann, aber letztendlich fehlt vielen einfach der Mut. In den großen Pharmaunternehmen wird Risikofreude leider auch nicht gefördert.

ZEIT Campus: Woran machen Sie das fest?

Ullrich: Wer eine gut dotierte Stelle in der Industrie hat, will sie auch behalten. Aber wenn Experimente enttäuschen, wird das dem Protagonisten oft übel angerechnet. Es ist also meist nicht angeraten, risikofreudig zu sein. Das ist ein großes Problem.

ZEIT Campus: Ist die Gefahr des Scheiterns so groß?

Ullrich: Ja. Forschung ist nur selten berechenbar, und besonders die Entwicklung von Medikamenten ist einfach ungeheuer komplex.

ZEIT Campus: Ein Medikament zu entwickeln dauert manchmal Jahrzehnte...

Ullrich: ...und nur ein winziger Bruchteil dessen, an dem geforscht wird, kommt irgendwann tatsächlich auf den Markt.

ZEIT Campus: Sie selbst scheinen das Gegenbeispiel zu sein. Es gibt drei Medikamente, die auf Ihre Forschung zurückgehen.

Ullrich: Das ist eine hohe Zahl und keineswegs der Normalfall. Ich kenne ausgezeichnete Wissenschaftler, die sehr interessante Ideen, aber dennoch nie Erfolg damit hatten. Ich habe eine Menge Glück gehabt. Aber auch die meisten meiner Entwicklungen haben es nicht zur Zulassung geschafft.

ZEIT Campus: Das heißt, es passiert oft, dass man jahrelang an einem Medikament arbeitet, und dann wird nichts draus?

Ullrich: Ja.

ZEIT Campus: Wie kommt man mit diesen permanenten Rückschlägen klar?

Ullrich: Wissenschaftler dürfen ihr Selbstwertgefühl nicht von den Ergebnissen ihrer Experimente abhängig machen – jedenfalls nicht zu sehr. Auch nach einem Misserfolg dürfen sie nicht am Boden zerstört sein, denn Enttäuschungen gehören einfach dazu. Sie müssen den Drang haben, trotzdem weiterzumachen. Diesen Willen, diese Leidenschaft müssen junge Forscher in sich spüren. Ihre Neugierde muss stärker sein als die Enttäuschung.