Naturwissenschaft"Enttäuschungen gehören dazu"

Der Krebsforscher, Biotech-Pionier und Firmengründer Axel Ullrich über Erfolge und Niederlagen in einem Leben fürs Labor. von Nadja Kirsten

ZEIT Campus: Herr Ullrich, Sie forschen seit Jahrzehnten gegen den Krebs an. Wird er in absehbarer Zeit heilbar sein?

Axel Ullrich: Im Moment können wir mithilfe von Medikamenten das Leben der Patienten oft nur um wenige Jahre, teils nur um wenige Monate verlängern. Und wir haben wenig Aussicht, den großen Durchbruch zu erzielen.

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ZEIT Campus: Könnte sich das in Zukunft ändern?

Ullrich: Sagen wir es mal so: Ich schließe nicht aus, dass es mal anders sein wird, aber nicht morgen und nicht in zehn Jahren. Ich bin im Laufe der Jahre pessimistischer geworden.

ZEIT Campus: Das heißt, zu Beginn Ihrer Karriere hatten Sie noch größere Hoffnung?

Ullrich: Ja. Aber da war ich auch naiver und dümmer als heute. Andererseits: Man muss etwas naiv sein, um große Probleme anzugehen.

ZEIT Campus: Was muss man mitbringen, um im Labor erfolgreich zu sein?

Ullrich: Auf jeden Fall ein starkes Selbstbewusstsein. Leider mangelt es daran beim Nachwuchs viel zu oft. Ich würde sogar sagen, fehlendes Selbstbewusstsein ist oft das größte Hindernis auf dem Weg zu einem guten Forscher.

ZEIT Campus 1/2013
ZEIT Campus 1/2013

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

ZEIT Campus: Wie meinen Sie das genau?

Ullrich: In den letzten 20 Jahren sind mehr als hundert Doktoranden aus aller Welt durch meine Abteilung gegangen. Ich habe dabei sehr oft intelligente und vielversprechende Nachwuchsleute erlebt, die aber letztlich doch nicht bereit waren, innovativ zu sein, also etwas wirklich Neues zu wagen, auch auf die Gefahr hin, enttäuscht zu werden.

ZEIT Campus: Wie äußert sich das?

Ullrich: Sie drücken sich vor den entscheidenden Experimenten, aus Angst, dass sie falsch liegen könnten. Natürlich gibt es tausend rational anmutende Gründe, die man in solchen Fällen vorschieben kann, aber letztendlich fehlt vielen einfach der Mut. In den großen Pharmaunternehmen wird Risikofreude leider auch nicht gefördert.

ZEIT Campus: Woran machen Sie das fest?

Ullrich: Wer eine gut dotierte Stelle in der Industrie hat, will sie auch behalten. Aber wenn Experimente enttäuschen, wird das dem Protagonisten oft übel angerechnet. Es ist also meist nicht angeraten, risikofreudig zu sein. Das ist ein großes Problem.

ZEIT Campus: Ist die Gefahr des Scheiterns so groß?

Axel Ullrich

Axel Ullrich, 69, ist ein Pionier der Biotechnologie. Er war an der Entwicklung von gentechnisch hergestelltem Humaninsulin und von Krebsmedikamenten beteiligt. Ullrich gründete vier Biotech-Firmen und ist seit 1988 Direktor des Max-Planck-Instituts für Biochemie in Martinsried bei München.

Ullrich: Ja. Forschung ist nur selten berechenbar, und besonders die Entwicklung von Medikamenten ist einfach ungeheuer komplex.

ZEIT Campus: Ein Medikament zu entwickeln dauert manchmal Jahrzehnte...

Ullrich: ...und nur ein winziger Bruchteil dessen, an dem geforscht wird, kommt irgendwann tatsächlich auf den Markt.

ZEIT Campus: Sie selbst scheinen das Gegenbeispiel zu sein. Es gibt drei Medikamente, die auf Ihre Forschung zurückgehen.

Ullrich: Das ist eine hohe Zahl und keineswegs der Normalfall. Ich kenne ausgezeichnete Wissenschaftler, die sehr interessante Ideen, aber dennoch nie Erfolg damit hatten. Ich habe eine Menge Glück gehabt. Aber auch die meisten meiner Entwicklungen haben es nicht zur Zulassung geschafft.

ZEIT Campus: Das heißt, es passiert oft, dass man jahrelang an einem Medikament arbeitet, und dann wird nichts draus?

Ullrich: Ja.

ZEIT Campus: Wie kommt man mit diesen permanenten Rückschlägen klar?

Ullrich: Wissenschaftler dürfen ihr Selbstwertgefühl nicht von den Ergebnissen ihrer Experimente abhängig machen – jedenfalls nicht zu sehr. Auch nach einem Misserfolg dürfen sie nicht am Boden zerstört sein, denn Enttäuschungen gehören einfach dazu. Sie müssen den Drang haben, trotzdem weiterzumachen. Diesen Willen, diese Leidenschaft müssen junge Forscher in sich spüren. Ihre Neugierde muss stärker sein als die Enttäuschung.

ZEIT Campus: Aber es ist doch frustrierend, wenn die ganze Arbeit umsonst war.

Ullrich: Das ist sie ja gar nicht! Nur weil kein Produkt draus wurde, war die Forschung nicht umsonst. Wissenschaft bedeutet, kleine Bausteine aufeinanderzuschichten. Die eigene Arbeit kann einmal in den Händen anderer zu etwas beitragen. Zumindest gilt das dort, wo ihre Ergebnisse öffentlich sind. Außerdem denken Sie als Forscher nicht ständig an Ihr Gesamtziel, wenn Sie morgens ins Labor kommen. Im Alltag eines Wissenschaftlers geht es ja auch darum, die nächsten Schritte zu tun.

ZEIT Campus: Sie haben viel erreicht und schon mit Mitte 30 einen enormen Durchbruch erzielt, als sie als Erster ein Insulin-Gen isolierten. Wie plant man eine Karriere in der Forschung?

Ullrich: Ich mag das Wort »planen« in diesem Zusammenhang überhaupt nicht. Den Entschluss, auf welchem Gebiet und mit wem zusammen Sie forschen wollen, fasst man nicht rational. Das müssen Sie aus dem Bauch heraus entscheiden.

ZEIT Campus: Sie haben die Entscheidungen Ihrer Forscherkarriere intuitiv getroffen?

Ullrich: Ja. Ich habe das nie geplant. Ich habe getan, was ich tun musste, aus einem inneren Antrieb heraus. Auch wenn das Ergebnis dann manchmal verrückt aussah.

ZEIT Campus: Wann denn zum Beispiel?

Ullrich: Etwa als ich mich mit Mitte 30 dafür entschieden habe, bei Genentech einzusteigen.

ZEIT Campus: Genentech war damals eine kleine, gerade erst gegründete Biotech-Klitsche im Silicon Valley…

Ullrich: …und ich war Postdoc an der University of California in San Franciso. Zu der Zeit hatte ich ein sehr interessantes Angebot von einer deutschen Universität. Es ging darum, eine Erfolg versprechende Arbeitsgruppe zu übernehmen. Für viele Wissenschaftler wäre das der Traum gewesen.

ZEIT Campus: Aber die Klitsche reizte Sie mehr?

Ullrich: Ja. Rational betrachtet, war diese Entscheidung totaler Irrsinn. Das haben mir viele Kollegen damals auch gesagt.

ZEIT Campus: Was war daran so verrückt?

Ullrich: Wir waren damals zu acht, und es war alles andere als klar, ob sich unsere Ideen tatsächlich bewähren würden.

ZEIT Campus: Genentech entwickelte sich zu einem Unternehmen mit Tausenden Mitarbeitern und gehört heute zu dem Schweizer Pharma-Riesen Hoffmann-La Roche.

Ullrich: So läuft es nicht immer. Das nächste Biotech-Unternehmen, das ich gründete, ist später insolvent gegangen. Ich habe aber nicht aufgegeben und später noch drei weitere Biotech-Firmen gegründet. Man könnte fast sagen, ich bin süchtig danach.

ZEIT Campus: Warum?

Ullrich: Ein Unternehmen zu gründen ist kreativ im wörtlichen Sinne, man schafft etwas Neues. In solchen Firmen herrscht oft Pioniergeist und ein inspirierendes Klima. Viele wichtige Medikamente der letzten Jahre haben in kleinen Firmen ihren Ursprung.

ZEIT Campus: Was nach der Genentech-Gründung passierte, ist eine echte Erfolgsgeschichte. Glauben Sie, als junger Forscher könnte man heute noch mal so etwas hinlegen?

Ullrich: Ja, warum nicht? Allerdings mit einem Unterschied: Heute würde das Unternehmen wahrscheinlich nicht mehr so groß werden wie Genentech. Denn die Pharmakonzerne kaufen vielversprechende kleine Firmen heutzutage viel schneller auf.

ZEIT Campus: Auf Biotech ruhen riesige Hoffnungen. Würden Sie, einer der Pioniere, jungen Forschern das Feld empfehlen?

Ullrich: Bisher hat Biotech viele Versprechen nicht gehalten. Wenn man ehrlich ist, ist in Deutschland auf diesem Feld seit 1995 nichts Berauschendes mehr passiert.

ZEIT Campus: Vielleicht kommt der Durchbruch noch?

Ullrich: Das sehe ich im Moment nicht. Es gibt zwar einige positive Entwicklungen, aber hier Durchbrüche zu erzielen wird auch in den kommenden Jahren sehr mühsam bleiben.

ZEIT Campus: Ist es dennoch ein empfehlenswertes Feld für Nachwuchsforscher?

Ullrich: Ich möchte keine Tipps geben, nach dem Motto, dieser oder jener Bereich ist besonders erfolgversprechend. Es gibt so viele Unwägbarkeiten. Als Student oder junger Forscher sollten Sie die Augen offen halten und nach Projekten suchen, die Sie persönlich reizen, neugierig machen und faszinieren. Das ist sinnvoller, als zu versuchen, irgendwelche Trends vorherzusehen.

ZEIT Campus: Haben Sie einen Tipp, worauf man bei der Entscheidung für oder gegen eine Forscherlaufbahn achten sollte?

Ullrich: Es gibt einen ganz naheliegenden Punkt, der aber oft vergessen wird: Forschung ist zu einem guten Teil Handwerk. Ich habe Doktoranden erlebt, die konnten kein sauberes Experiment durchführen.

ZEIT Campus: Zerbrechen daran Karrieren ?

Ullrich: Wenn Sie erst mal so weit sind, dass Sie mit Technischen Assistenten zusammenarbeiten, und Sie haben da gute Leute, dann können Sie Ihre Ungeschicklichkeit kompensieren. Aber Laborarbeit ist ein großer Teil des Forscheralltags und sollte einem deshalb schon ein bisschen liegen.

ZEIT Campus: Welche Entwicklungen in der Forschung finden Sie persönlich gerade spannend?

Ullrich: Ich interessiere mich zurzeit sehr für die sogenannte individualisierte Medizin. Es gibt von Mensch zu Mensch große Unterschiede, wie Krankheiten sich genau auswirken – und auch unterschiedliche Reaktionen auf Medikamente.

ZEIT Campus: Sie meinen die Nebenwirkungen?

Ullrich: Unter anderem. Sie müssen nur einmal den Beipackzettel eines Medikaments lesen. Da stehen reihenweise Nebenwirkungen, die bei einzelnen Menschen in der klinischen Prüfung beobachtet wurden, jedoch in so geringer Häufigkeit, dass das Medikament dann trotzdem zugelassen wurde. Umgekehrt fallen Wirkstoffe unter den Tisch, weil sie nur bei wenigen Menschen wirken. Vielleicht werden wir eines Tages Wege finden, Patienten viel passgenauer zu therapieren, als das bisher möglich ist. Aber dazu wird es einen sehr langen Atem brauchen.

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Leserkommentare
  1. auch nur annähernd eine solche Karriere hingelegt hat.
    Diese lassen sich mit Fördermitteln noch und nöcher pampern und pudern und greifen bei erster Gelegenheit eine Dauerstelle im öffentlichen Dienst ab und lassen sie nie wieder los. Auf Dauer erfolgreiche Startups mit mehr als 10 Mitarbeitern? Fehlanzeige.

  2. 90% Schweiß und 5% Hirn, Rest ist Glück...

  3. Ausdauer braucht es in der Forschung, und auch Mut - da hat Herr Ullrich vollkommen recht. Aber das muss man sich auch leisten können, und ein Großteil derer, die in Deutschland (und auch in anderen Ländern) forschen, allen voran die Doktoranden, die er kritisiert, können das eben nicht. Wer auf einem Zeitvertrag sitzt, wird im Zweifelsfall die Versuchsanordnung wählen, die zuverlässig präsentable Daten produziert und nicht die innovativste - wenn er es denn schafft, überhaupt ehrlich zu bleiben. Also werden eben fleißig Daten produziert. Das unreflektierte Verlangen vieler Politiker nach allgemein mehr Wettbewerb droht dem nach wie vor hierarchisch verknöcherten deutschen Hochschulsystem den Rest zu geben. Viele der besten jungen Talente, die eigentlich in der universitären Forschung bleiben wollten, gehen in die freie Wirtschaft oder ins Ausland.
    Wettbewerb um die Brötchen ist zerstörerisch. Jeder, der seine wissenschaftliche Arbeit anständig macht, sollte dafür seinen (einfachen) Lebensunterhalt bekommen, finde ich. Bahnbrechende Erkenntnisse sind meist nicht berechenbar, und nur offensichtliche Wege zu bestimmten Modezielen zu fördern ist auch nicht sinnvoll, da dann die Basis fehlt. Wer zu aufdringlich "Exzellenz" fordert, erntet vor allem heiße Luft!
    Wettbewerb um die "Rosinen" mag sinnvoll sein, ein Anreiz, mehr zu tun und eine Belohnung für konkrete Erfolge ist immer gut.

    • ManRai
    • 26. Dezember 2012 7:07 Uhr

    Wissenschaft ist frustrierend, lange Arbeiten ohne Erfolg, aber gleichzeit faszinierend und mit viel Spass. Leider sind es die Vorgaben die das Leben so schlecht machen, es wird von den Vorgesetzten, den Gruppen- Abteilungs- Instituts- Forschungs- Bereichs- Firmenleitern, Vorgaben erstellt, die haeufig an der Wissenschaft total vorbeigehen. Gerade bei Krebsmedikamenten, laeuft die Pharmaindustrie nicht schon seit Jahrzehnten in die falsche Richtung. Die Idee: eine Krankeit, eine Ursache, ein Medikament ist primitiv. Die Idee ein Protein funktioniert falsch und erzeugt damit die Erkrankung, also langt es gegen dieses Protein, dem Target, ein kleines Molekuel zu entwickeln und alles ist prima. Geht natuerlich nicht wenn es fehlt oder gar nicht funktioniert. Viele 10,000e von Chemikern haben 1,000,000e dieser Molekuele hergestellt, 10,000e von Test, High Throughput Screenings, sind gemacht worden, und wo sind die Medikamente aus diesen Riesenansaetzen geblieben. Das ist die alte Schule, aber der wird oft noch gehuldigt, neue Wege (die auch schief gehen koennen) werden nicht unterstuetzt oder gar nicht in Angriff genommen.

    • ManRai
    • 26. Dezember 2012 7:08 Uhr

    Nur ein totales Umdenken koennte neue Richtungen zeigen, auch nach Durststrecken, aber das ist weit weg. Auch die deutsche Foerderung hat bevorzugt ausgetretene Wege bevorzugt, Neues abgelehnt. Und neuen Entwicklungen wurde dann oft nicht die Zeit gegeben ihre Kapazitaet zu beweisen, z.B. in Proteomics, da blocken Leiter der alten Schule immer noch die Entwicklungen ab, Systembiologie wird fast als Schimpfwort angesehen, wird aber Loesungen ermoeglichen. Umdenken ist der einzige Weg und freies Denken und nicht an alten Leermeinungen (kein Tippfehler) festhalten.

  4. Zum Tanz auf dem Hochseil gehört eigentlich auch ein Netz, dass als Notsicherung den Stürzenden auffängt. In unserer Gesellschaft werden die diese Netze zunehmend abgeschafft. Größtenteils aus Kostengründen. Teilweise aber auch, weil es die Auffassung gibt, dass die Tänzer dort oben dann motivierter sind, sich mehr konzentrieren und weniger Fehler machen.

    Wir als Zuschauer von außen sehen die Netze bzw. deren fehlen nicht, wundern unser aber schon länger über die nachlassende Akrobatik der Tänzer, die immer einfachere Figuren dort oben tanzen und schwerere überhaupt nicht mehr zu Stande bringen. Das gilt für die Forschung aber eigentlich auch für fast alle anderen Bereiche, bis runter zur Schule.

    Herr Ullrich hat sich seine Meriten verdient, als noch viele dieser Netze existierten. Vielleicht wäre er mit der einen oder anderen Entscheidung (wirtschaftlich oder wissenschaftlich) erfolgreicher gewesen aber auf Hartz IV oder vergl. wäre er auf alle Fälle nicht gefallen.

    Was mich allerdings immer ärgert, ist dass ein Angestellter einer öffentlichen Forschungseinrichtung in Deutschland permanent eigene Firmen gründen kann, um mit Steuergeldern finanzierte Forschung finanziell zu verwerten. Wären die Rechte an den Forschungsergebnissen beiden Forschungseinrichtungen und Universitäten, hätten die auch viel mehr finanzielle Spielräume, um Wissenschaftler dauerhaft zu finanzieren. So ist auch Herr Ullrich ein Teil des Problems.

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