ZEIT Campus: Aber es ist doch frustrierend, wenn die ganze Arbeit umsonst war.

Ullrich: Das ist sie ja gar nicht! Nur weil kein Produkt draus wurde, war die Forschung nicht umsonst. Wissenschaft bedeutet, kleine Bausteine aufeinanderzuschichten. Die eigene Arbeit kann einmal in den Händen anderer zu etwas beitragen. Zumindest gilt das dort, wo ihre Ergebnisse öffentlich sind. Außerdem denken Sie als Forscher nicht ständig an Ihr Gesamtziel, wenn Sie morgens ins Labor kommen. Im Alltag eines Wissenschaftlers geht es ja auch darum, die nächsten Schritte zu tun.

ZEIT Campus: Sie haben viel erreicht und schon mit Mitte 30 einen enormen Durchbruch erzielt, als sie als Erster ein Insulin-Gen isolierten. Wie plant man eine Karriere in der Forschung?

Ullrich: Ich mag das Wort »planen« in diesem Zusammenhang überhaupt nicht. Den Entschluss, auf welchem Gebiet und mit wem zusammen Sie forschen wollen, fasst man nicht rational. Das müssen Sie aus dem Bauch heraus entscheiden.

ZEIT Campus: Sie haben die Entscheidungen Ihrer Forscherkarriere intuitiv getroffen?

Ullrich: Ja. Ich habe das nie geplant. Ich habe getan, was ich tun musste, aus einem inneren Antrieb heraus. Auch wenn das Ergebnis dann manchmal verrückt aussah.

ZEIT Campus: Wann denn zum Beispiel?

Ullrich: Etwa als ich mich mit Mitte 30 dafür entschieden habe, bei Genentech einzusteigen.

ZEIT Campus: Genentech war damals eine kleine, gerade erst gegründete Biotech-Klitsche im Silicon Valley…

Ullrich: …und ich war Postdoc an der University of California in San Franciso. Zu der Zeit hatte ich ein sehr interessantes Angebot von einer deutschen Universität. Es ging darum, eine Erfolg versprechende Arbeitsgruppe zu übernehmen. Für viele Wissenschaftler wäre das der Traum gewesen.

ZEIT Campus: Aber die Klitsche reizte Sie mehr?

Ullrich: Ja. Rational betrachtet, war diese Entscheidung totaler Irrsinn. Das haben mir viele Kollegen damals auch gesagt.

ZEIT Campus: Was war daran so verrückt?

Ullrich: Wir waren damals zu acht, und es war alles andere als klar, ob sich unsere Ideen tatsächlich bewähren würden.

ZEIT Campus: Genentech entwickelte sich zu einem Unternehmen mit Tausenden Mitarbeitern und gehört heute zu dem Schweizer Pharma-Riesen Hoffmann-La Roche.

Ullrich: So läuft es nicht immer. Das nächste Biotech-Unternehmen, das ich gründete, ist später insolvent gegangen. Ich habe aber nicht aufgegeben und später noch drei weitere Biotech-Firmen gegründet. Man könnte fast sagen, ich bin süchtig danach.

ZEIT Campus: Warum?

Ullrich: Ein Unternehmen zu gründen ist kreativ im wörtlichen Sinne, man schafft etwas Neues. In solchen Firmen herrscht oft Pioniergeist und ein inspirierendes Klima. Viele wichtige Medikamente der letzten Jahre haben in kleinen Firmen ihren Ursprung.

ZEIT Campus: Was nach der Genentech-Gründung passierte, ist eine echte Erfolgsgeschichte. Glauben Sie, als junger Forscher könnte man heute noch mal so etwas hinlegen?

Ullrich: Ja, warum nicht? Allerdings mit einem Unterschied: Heute würde das Unternehmen wahrscheinlich nicht mehr so groß werden wie Genentech. Denn die Pharmakonzerne kaufen vielversprechende kleine Firmen heutzutage viel schneller auf.

ZEIT Campus: Auf Biotech ruhen riesige Hoffnungen. Würden Sie, einer der Pioniere, jungen Forschern das Feld empfehlen?

Ullrich: Bisher hat Biotech viele Versprechen nicht gehalten. Wenn man ehrlich ist, ist in Deutschland auf diesem Feld seit 1995 nichts Berauschendes mehr passiert.

ZEIT Campus: Vielleicht kommt der Durchbruch noch?

Ullrich: Das sehe ich im Moment nicht. Es gibt zwar einige positive Entwicklungen, aber hier Durchbrüche zu erzielen wird auch in den kommenden Jahren sehr mühsam bleiben.

ZEIT Campus: Ist es dennoch ein empfehlenswertes Feld für Nachwuchsforscher?

Ullrich: Ich möchte keine Tipps geben, nach dem Motto, dieser oder jener Bereich ist besonders erfolgversprechend. Es gibt so viele Unwägbarkeiten. Als Student oder junger Forscher sollten Sie die Augen offen halten und nach Projekten suchen, die Sie persönlich reizen, neugierig machen und faszinieren. Das ist sinnvoller, als zu versuchen, irgendwelche Trends vorherzusehen.

ZEIT Campus: Haben Sie einen Tipp, worauf man bei der Entscheidung für oder gegen eine Forscherlaufbahn achten sollte?

Ullrich: Es gibt einen ganz naheliegenden Punkt, der aber oft vergessen wird: Forschung ist zu einem guten Teil Handwerk. Ich habe Doktoranden erlebt, die konnten kein sauberes Experiment durchführen.

ZEIT Campus: Zerbrechen daran Karrieren ?

Ullrich: Wenn Sie erst mal so weit sind, dass Sie mit Technischen Assistenten zusammenarbeiten, und Sie haben da gute Leute, dann können Sie Ihre Ungeschicklichkeit kompensieren. Aber Laborarbeit ist ein großer Teil des Forscheralltags und sollte einem deshalb schon ein bisschen liegen.

ZEIT Campus: Welche Entwicklungen in der Forschung finden Sie persönlich gerade spannend?

Ullrich: Ich interessiere mich zurzeit sehr für die sogenannte individualisierte Medizin. Es gibt von Mensch zu Mensch große Unterschiede, wie Krankheiten sich genau auswirken – und auch unterschiedliche Reaktionen auf Medikamente.

ZEIT Campus: Sie meinen die Nebenwirkungen?

Ullrich: Unter anderem. Sie müssen nur einmal den Beipackzettel eines Medikaments lesen. Da stehen reihenweise Nebenwirkungen, die bei einzelnen Menschen in der klinischen Prüfung beobachtet wurden, jedoch in so geringer Häufigkeit, dass das Medikament dann trotzdem zugelassen wurde. Umgekehrt fallen Wirkstoffe unter den Tisch, weil sie nur bei wenigen Menschen wirken. Vielleicht werden wir eines Tages Wege finden, Patienten viel passgenauer zu therapieren, als das bisher möglich ist. Aber dazu wird es einen sehr langen Atem brauchen.