FilmexperimentDer zärtlichste Porno der Welt
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Ein Experiment mit offenem Ausgang

Seit den siebziger Jahren hat sich einiges getan: Die Pornowelle schwappte von den Kinos in die Videotheken und flutete schließlich das World Wide Web. Wer früher gegen die Pornografie kämpfte, kämpfte gegen ein paar Tausend Schmuddelkinos. Heute sieht man explizite Sexszenen im Kino auch in Psychothrillern (Antichrist) oder in Liebeskomödien (Shortbus). Es gibt Künstler, die sich beim Sex filmen oder fotografieren lassen und die Bilder ins Museum hängen. Durch Akademikerinnen wie Maike Brochhaus wird an den Unis über Pornos diskutiert, auch jenseits der juristischen Fakultäten. Und wo das Internet hinreicht, da ist die Unschuld ohnehin verloren. Wenn man also die schlechten Pornos nicht bekämpfen kann – ist es dann nicht sinnvoller, einfach gute zu drehen?

Diese Frage stellt sich Alice, die ihren Nachnamen zwar lieber nicht gedruckt sehen will, aber keine riesengroße Angst davor hat, dass sie jemand als Pornodarstellerin outen und ihre Karriere zerstören könnte. »Ich denke immer an Sibel Kekilli«, sagt sie, »die hat früher Pornos gemacht und ist trotzdem eine gute und erfolgreiche Schauspielerin.«

Selbst hier, im besetzen Haus, in dem eine Alternative zu Kapitalismus, Krieg und der Welt da draußen geschaffen werden soll, ist überall Sex. An einer Wand lehnen Plakate vom Slutwalk, ein Poster fordert Freiheit für die Punkband Pussy Riot (deren Sängerin Nadeschda Tolokonnikowa zuvor mit einer öffentlichen Orgie gegen das Putin-Regime demonstrierte), und ein Aushang mahnt: »Dies ist ein anti-sexistischer Ort.« Darunter wird erklärt: Sex ist erlaubt. Aber der Scheißsex muss draußen in der Scheißwelt bleiben. Ein passender Ort, um probehalber die Pornografie neu zu erfinden. Und mietfrei.

Der Dreh beginnt um 15 Uhr. In einem der Sessel vor den Kameras sitzt Simon, 31, und wartet. Er war neben Alice der Erste, der seine Teilnahme an dem Film zugesagt hatte. Simon arbeitet als Cutter fürs Fernsehen und unterstützt Maike Brochhaus bei technischen Fragen. Außerdem ist er ihr Freund, mit dem sie zusammen ist, seit sie 19 Jahre alt war. Andere Pärchen in ihrem Bekanntenkreis denken ans Heiraten oder Kinderkriegen. Simon und Maike drehen erst mal einen Porno.

Die Tür geht auf, und Linus, 21, kommt rein. Eben ist der Skandinavistikstudent noch hibbelig auf seinem Sitzplatz herumgerutscht und hat eine Gauloise nach der anderen geraucht. Jetzt glänzt seine Stirn, obwohl er extra gepudert wurde. Linus findet Simon ganz süß, das hatte er vor Drehbeginn verraten. Ihre Begrüßung wirkt, wie wenn man als Erster zu einer WG-Party kommt, deren Gastgeber man nicht so gut kennt. Simon führt Linus durchs Set, Linus schweigt, Simon erzählt. Was, das kann man nicht hören. Denn im Regieraum, in dem Maike Brochhaus vor einem Bildschirm sitzt, auf dem sie alle Kameraeinstellungen sieht, gibt es keine Lautsprecher. »Wir haben ein Riesenproblem«, sagt sie in ihr Walkie-Talkie, »dass da niemand dran gedacht hat!«

Drehabbruch? Nein, entscheidet Maike, das verfälscht das Experiment. Es muss eine andere Lösung geben. Maikes Mitstreiter huschen mit Verlängerungskabeln durch den Flur zwischen Filmset und Regieraum. In Socken und auf Zehenspitzen, damit man auf der anderen Seite der Kulisse nichts hört. Alice scherzt mit den Jungs, langsam entspannt Linus sich. Auf den Monitoren sieht man, wie er zu gestikulieren beginnt und Grimassen schneidet. Dann schleppt jemand einen Gitarrenverstärker in den Regieraum – jetzt läuft auch der Ton. 

Halb fünf: Die ersten Speicherkarten der Kameras sind voll und die Teilnehmer jetzt komplett. Sie trinken Weißwein und unterhalten sich darüber, wie ungewohnt die Situation vor den Kameras sei. »Ich habe Spaß daran, neue Sachen auszuprobieren«, sagt Alice, »außerdem werde ich ja zu nichts gezwungen.« Die anderen sehen das ähnlich.

Halb sechs: Vor den Kameras werden vegetarische Sommerrollen zubereitet, die Flaschendreh-Flasche hat sich bisher nicht ein einziges Mal gedreht. »Das wird noch ein langer Abend«, sagt Maike. Häppchenweise sei ein Experiment, betont sie, und Experimente hätten einen offenen Ausgang. Es könne sein, dass gar nichts Pornografisches passiere, sondern nur stundenlang gequatscht werde.

Halb sieben: Erstmals fassen sich zwei Teilnehmer an. Das Mikrofon von Linus wackelt, und Simon greift ihm unter das Hemd, um es zu befestigen. Das verursacht wieder Tonprobleme, Maike findet es aber super. »Die Künstlichkeit der Situation wird thematisiert«, sagt sie. »Das ist Dekonstruktivismus.«

Über zehntausend Euro kostet der Dreh, obwohl niemand vor oder hinter der Kamera ein Honorar bekommt – das Geld geht unter anderem in die Miete des Equipments und in den Kulissenbau. Als Maike im Juni eine Projektbeschreibung mit Teilnehmer- und Spendenaufruf ins Internet stellte, war nicht jede Reaktion verständnisvoll. »10.000 euro für ein youporn video LOL«, kommentierte jemand. Ein Produzent bot zweitausend Euro für die exklusiven Vertriebsrechte, doch sie lehnte ab, sagt Maike. Ihr gehe es um eine Alternative zu beidem: zu billigem Amateur- und zu kommerziellem Hardcore-Porno. Es hat sich gelohnt, hart zu bleiben – erst kamen die Bewerbungen der Teilnehmer, dann nach und nach auch einzelne Spenden, zwei Monate später war alles beisammen.

Leser-Kommentare
  1. Aus irgendeinen Grund fand ich diesen Aussage ziemlich komisch.

    11 Leser-Empfehlungen
  2. habe ich auch ein Video auf Youtube gesehen.
    Ich habe den Eindruck, dass bei diesem "postpornographischen Experiment" vor allem viel über Sex gesprochen wird, getan wird es wenig ;)

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    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    > Ich habe den Eindruck, dass bei diesem
    > "postpornographischen
    > Experiment" vor allem viel über Sex gesprochen wird, getan
    > wird es wenig ;)

    Ja, das dachte ich auch. Bezeichnend ist ja auch, dass die junge Frau unge... bürstet und frustriert nach hause geht, während die Typen miteinander rumknutschen :-D!

    Generation "Shades of Grey", fällt mir dazu ein - alles möglichst sanft, steril und politisch korrekt debattieren... nach dem Motto der Eunuchen: "sie wissen wie's geht".
    Okay es war ein Experiment. Aber das Ergebnis davon hätte ich auch vorher schon sagen können: genau DAS kommt dabei raus, wenn man Sex zur Kultur hochstilisieren will.

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    > Ich habe den Eindruck, dass bei diesem
    > "postpornographischen
    > Experiment" vor allem viel über Sex gesprochen wird, getan
    > wird es wenig ;)

    Ja, das dachte ich auch. Bezeichnend ist ja auch, dass die junge Frau unge... bürstet und frustriert nach hause geht, während die Typen miteinander rumknutschen :-D!

    Generation "Shades of Grey", fällt mir dazu ein - alles möglichst sanft, steril und politisch korrekt debattieren... nach dem Motto der Eunuchen: "sie wissen wie's geht".
    Okay es war ein Experiment. Aber das Ergebnis davon hätte ich auch vorher schon sagen können: genau DAS kommt dabei raus, wenn man Sex zur Kultur hochstilisieren will.

  3. 3. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Zu diesem Artikel "
  4. einer voll und ganz peinlichen Partnertausch-Pornografie hat Ang Lee vor Jahren einen berührenden Film gedreht: Der Eissturm.

    Um zur Vernunft zu kommen, sei dieser Film als Gegenprogramm empfohlen.

    6 Leser-Empfehlungen
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    • eklipz
    • 17.02.2013 um 22:12 Uhr

    Ich nicht, also vorurteile ich auch nicht gleich derart ablehnend. Was meinen sie zudem mit "Vernunft"? Wo liegt die Grenze zwischen "unvernünftig" und "vernünftig"?

    • eklipz
    • 17.02.2013 um 22:12 Uhr

    Ich nicht, also vorurteile ich auch nicht gleich derart ablehnend. Was meinen sie zudem mit "Vernunft"? Wo liegt die Grenze zwischen "unvernünftig" und "vernünftig"?

    • eklipz
    • 17.02.2013 um 22:12 Uhr

    Ich nicht, also vorurteile ich auch nicht gleich derart ablehnend. Was meinen sie zudem mit "Vernunft"? Wo liegt die Grenze zwischen "unvernünftig" und "vernünftig"?

    12 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Über diesen Irrsinn"
    • ovozim
    • 17.02.2013 um 22:14 Uhr

    Ich hatte erst überlegt, ob ich den Artikel wirklich anklicken soll, oder ob ich dann nur dem üblichen SexSells-Buzzword-Reflex folge a la "typisch Mann". Angesichts der wenigen Kommentare scheint mir, haben viele so gedacht, natürlich trotzdem geklickt, jetzt aber die Scham nicht überwunden. Oder dieser (leere) Kommentarbereich verrät etwas über die biedere Leserschaft, die jedem prominenten Sack Reis 150 Kommies Aufmerksamkeit schenkt. Toller Artikel und so gut geschrieben, dass ich mit einem Grinsen im Gesicht immer weiterlesen musste. Hinzu kommt natürlich auch die Neugier, weil die ganze Story nicht (wie üblich) von vorn herein feststeht (haha). Tolle Wortwahl und eine schöne Perspektive auf eine weitere Geschichte, die eine absurd maschinisiert sexualisierte Gesellschaft so schreiben kann.

    9 Leser-Empfehlungen
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    Was soll man schon dazu sagen. Jeder hat ja seine eigenen Vorstellungen und Grenzen. Und der Versuch einen "intelligenten" und/oder zärtlichen Porno zu drehen ist doch nicht neu. Es gibt doch aber heutzutage für jeden Geschmack ein Angebot im Internet auch ästhetische Erotik und Kuschelsex.
    Ich finde es auch irgendwie verlogen, so etwas zu versuchen.
    So auf die Art, Sex ist ja eigentlich was ganz abartiges, aber wenn man dabei wissenschaftlich und künstlerisch vorgeht, dann kann man sich ja mal so richtig durchnudeln lassen. Ich hatte geglaubt, die heutige Jugend wäre da unverkrampfter. Aber jedem wie er/sie es braucht.

    PS
    Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie man 10000 € für so einen Dreh verballern kann.

    Was soll man schon dazu sagen. Jeder hat ja seine eigenen Vorstellungen und Grenzen. Und der Versuch einen "intelligenten" und/oder zärtlichen Porno zu drehen ist doch nicht neu. Es gibt doch aber heutzutage für jeden Geschmack ein Angebot im Internet auch ästhetische Erotik und Kuschelsex.
    Ich finde es auch irgendwie verlogen, so etwas zu versuchen.
    So auf die Art, Sex ist ja eigentlich was ganz abartiges, aber wenn man dabei wissenschaftlich und künstlerisch vorgeht, dann kann man sich ja mal so richtig durchnudeln lassen. Ich hatte geglaubt, die heutige Jugend wäre da unverkrampfter. Aber jedem wie er/sie es braucht.

    PS
    Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie man 10000 € für so einen Dreh verballern kann.

  5. Mir fällt es schwer, in dem Projekt etwas Spezielles zu erkennen - was es noch nicht gibt - oder worauf die Welt gewartet hat.

    - "Was passiert, wenn sich ganz normale Leute treffen, um vor Kameras Sex zu haben?" -

    Das Ergebnis ist millionenfach im Internet zu bewundern. Und auch vor dem Internet gabs ja schon reichlich Amateurpornos.

    Zum Verhältnis von Kunst und Pornographie: Porno kann Bestandteil von Kunst sein - und hat da seine Berechtigung, das ist aber auch nichts Neues mehr.

    Nur - andersrum gehts nicht. Niemand will Kunst im Porno sehen: außer vielleicht den Künstlern. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Pornos so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer. Niemand will zu gewöhnliche oder gar hässliche Körper sehen. Ich weiß nicht, was diese Zumutungen sollen, Speckröllchen und Altersfalten will niemand sehen (nicht auf diesen Fall bezogen, aber auf diesen Seniorensexfilm, der vor ein paar Jahren im Kino lief) und sind abregend. Ebenso über Stunden hingezogener Blümchensex, da wird sowieso nur vorgespult.

    Was einen Porno erfolgreich macht: Action und gutaussehende Darstellerinnen bzw. Darsteller. Genau das was hier abgelehnt wurde im Artikel: Analsex und Gesichtsbesamung. Und das gibts sowohl im professionellen als auch im Amateurpornobereich.

    5 Leser-Empfehlungen
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    "Niemand will Kunst im Porno sehen: außer vielleicht den Künstlern. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Pornos so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer."

    Das ist ja nun nichts Pornospezifisches. Wenn ich kurz umformulieren darf (ich deute mal "Kunst in x sehen" als "künstlerisch gehaltvoll sein"):

    Niemand will künstlerisch gehaltvolle Literatur lesen, außer vielleicht einigen Schriftstellern. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Literatur so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer.

    Oder vielleicht auch:

    Niemand will künstlerisch gehaltvolle Musik hören, außer vielleicht einigen Komponisten. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Musik so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer.

    So ist das halt mit der Kunst. Die ist oft anders als das, was an vergleichbaren Produkten in großem Stil konsumiert wird. Thomas Kling ist nicht John Grisham, Wolfgang Rihm nicht Justin Bieber. Dafür verdient Wolfgang Rihm dann halt weniger als Justin Bieber, und Thomas Kling hat mit seinem Gesamtwerk vermutlich weniger verdient als John Grisham mit einem einzigen Roman. Warum soll Kollegin Brochhaus dann nicht mal ein künstlerisch-soziologisches Pornoexperiment aufsetzen?

    Niemand will Kunst im Porno sehen. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. Und nun beschimpfe man mich, weil ich Justin Bieber und John Grisham auf eine Stufe gestellt habe.

    "Niemand will Kunst im Porno sehen: außer vielleicht den Künstlern. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Pornos so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer."

    Das ist ja nun nichts Pornospezifisches. Wenn ich kurz umformulieren darf (ich deute mal "Kunst in x sehen" als "künstlerisch gehaltvoll sein"):

    Niemand will künstlerisch gehaltvolle Literatur lesen, außer vielleicht einigen Schriftstellern. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Literatur so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer.

    Oder vielleicht auch:

    Niemand will künstlerisch gehaltvolle Musik hören, außer vielleicht einigen Komponisten. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Musik so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer.

    So ist das halt mit der Kunst. Die ist oft anders als das, was an vergleichbaren Produkten in großem Stil konsumiert wird. Thomas Kling ist nicht John Grisham, Wolfgang Rihm nicht Justin Bieber. Dafür verdient Wolfgang Rihm dann halt weniger als Justin Bieber, und Thomas Kling hat mit seinem Gesamtwerk vermutlich weniger verdient als John Grisham mit einem einzigen Roman. Warum soll Kollegin Brochhaus dann nicht mal ein künstlerisch-soziologisches Pornoexperiment aufsetzen?

    Niemand will Kunst im Porno sehen. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. Und nun beschimpfe man mich, weil ich Justin Bieber und John Grisham auf eine Stufe gestellt habe.

  6. Pornos vollkommen politisch korrekt machen zu wollen, erscheint so aussichtsreich, wie eine kalorienfreie Schwarzwälder Kirschtorte als schmackhaft verkaufen zu wollen...

    16 Leser-Empfehlungen
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    "wie eine kalorienfreie Schwarzwälder Kirschtorte als schmackhaft verkaufen zu wollen..."

    Quasi eine Schwarzwälder "Zero". Zero Zucker, aber 100% Geschmack.

    Hmmmm.

    MfG
    FT

    "wie eine kalorienfreie Schwarzwälder Kirschtorte als schmackhaft verkaufen zu wollen..."

    Quasi eine Schwarzwälder "Zero". Zero Zucker, aber 100% Geschmack.

    Hmmmm.

    MfG
    FT

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