FilmexperimentDer zärtlichste Porno der Welt
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 Der Rahmen des Films ist spielerisch, doch niemand spielt bloß

Halb zehn: Alice und die anderen sind zum Flaschendrehen übergegangen. Assistenten, Cateringleute und andere Helfer, die gerade nichts zu tun haben, sitzen dicht gedrängt vor dem Monitor im Regieraum. Keiner spricht.

Halb elf. Langsam wird es heiß. Seit mehr als sieben Stunden heizen die Scheinwerfer ohne Pause, die Kameraleute bestellen sich Bier hinter das Set. Franzi, 26, streift ihr Kleid ab und sitzt mit nackten Brüsten da. »Haben wir Massage-Öl?«, fragt sie in eine der verspiegelten Scheiben. Maike gibt per Walkie-Talkie durch, was der Kameramann antworten soll: »Kein Massage-Öl, aber Bio-Gleitcreme!« Es ist der ungeduldige Zwischenruf einer Regisseurin, die völlig machtlos ist gegenüber dem Verlauf ihres Films. Er wird ignoriert, denn so sind die Regeln: Keine Regieanweisungen, kein Druck, jede Bewegung vor der Kamera soll völlig freiwillig sein. Deshalb massiert Till jetzt erst mal Franzi und danach Franzi Till. Porno-Klischees? Nö.

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Eine ganze Generation stumpfe emotional ab, weil Online-Pornografie überall, jederzeit und kostenlos verfügbar sei, heißt es seit einigen Jahren immer wieder. Manche behaupten sogar, dass heute niemand mehr lustvollen Sex haben könne, weil alle nur noch Hardcore-Pornos nachturnten. Der Film von Maike Brochhaus kommt aber ohne Analsex, Gesichtsbesamung und Gewalt aus. Stattdessen nähern sich die Körper hier einvernehmlich und behutsam. Häppchenweise ist der zärtlichste Porno der Welt. 

Halb zwölf: Jetzt knutscht Alice mit Jenz und Linus mit Simon. Danach Till mit Alice und Simon mit Jenz. Simons Hand rutscht an den Po von Jenz. »Ich habe so gute Kameraleute, guckt euch das mal an!«, triumphiert Maike, während die Finger ihres Freundes im Slip einer anderen verschwinden. »Wollen wir was trinken?«, fragt plötzlich Linus, der allein sitzt. Damit ist alles vorbei. Till serviert Schnäpse, es gibt Gespräche über wer mit wem und wieso. »Die sind schon wieder auf der Metaebene«, sagt Maike im Regieraum. »Die sind alle zu schlau für Porno!«

Dann wird es Mitternacht, und es ist wirklich so weit, und alles ist da, was nach den gängigen Definitionen pornografisch ist: Steife Schwänze, nackte Schamlippen und Kameras, die auf beides draufhalten. Finger und Zungen, die im fremden Körper verschwinden. Das Stöhnen, das Schwitzen, das wohlige Glühen danach – auch, wenn man beim Sex bloß zuschaut.

Nur Alice ist unglücklich. Während Till sich am Körper von Jenz nach unten tastet und die anderen rauchen gegangen sind, sitzt Alice in Unterwäsche im Regieraum. Eben hat sie noch lange mit Till geknutscht, jetzt schaut sie ihm und Jenz auf den Monitoren zu. Die Regieassistentin nimmt sie in den Arm und drückt sie. Alice wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

Auf eine Art ist der zärtlichste Porno der Welt auch der grausamste Porno der Welt. Seine Teilnehmer ziehen sich vor der Kamera aus, doch nackt macht sie etwas anderes: Keiner von ihnen kann sich hinter Rollen oder Regieanweisungen verstecken. Der Rahmen des Films ist spielerisch, doch niemand spielt bloß. Wer begehrt, begehrt ehrlich. Wer verschmäht wird, wird ehrlich verschmäht. Und die Kameras nehmen alles auf.

Am nächsten Tag sitzt Alice im besetzten Haus und wärmt sich die Hände an einer Tasse Filterkaffee. Bis kurz vor zwei Uhr nachts ging der Dreh, weil Alice und die anderen noch lange am Esstisch saßen und den Abend bilanzierten. Dann feierten sie und übernachteten zusammen in der Wohnzimmerkulisse, um das Equipment zu bewachen.

»Zwischendurch war ich gestern ein bisschen enttäuscht«, sagt Alice. »Ich hätte nicht gedacht, dass der Abend so auf Pärchenbildung hinausläuft. Als wir später alle zusammensaßen, habe ich mich wieder gefangen.« Die Erfahrung habe sich gelohnt, sagt sie.

Für Alice ist Häppchenweise vorüber, für Maike Brochhaus geht es in die nächste Phase. Zwei Wochen braucht sie, um das Material zu sichten – die neun Kameras haben jeweils bis zu elf Stunden Film aufgenommen. Nach dem Rohschnitt ist sie mit dem Ausgang ihres Experiments zufrieden. »Es gibt in unserem Film einen ganz natürlichen Umgang mit Körperlichkeit und Sex«, sagt sie, »es gibt sehr sinnliche Szenen und viel von dem, was passiert, wird auch intellektuell reflektiert.« 

Ab Februar soll der Film im Netz zum Download stehen, danach kümmert sie sich wieder um die Wissenschaft, im Sommersemester gibt sie ihr Porno-Seminar erstmals an der Uni Köln. Masturbieren werde man zu Häppchenweise wohl nicht können, sagt Maike Brochhaus dann noch. Dafür werde im Film einfach zu viel geredet.

 
Leser-Kommentare
  1. Aus irgendeinen Grund fand ich diesen Aussage ziemlich komisch.

    11 Leser-Empfehlungen
  2. habe ich auch ein Video auf Youtube gesehen.
    Ich habe den Eindruck, dass bei diesem "postpornographischen Experiment" vor allem viel über Sex gesprochen wird, getan wird es wenig ;)

    4 Leser-Empfehlungen
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    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    > Ich habe den Eindruck, dass bei diesem
    > "postpornographischen
    > Experiment" vor allem viel über Sex gesprochen wird, getan
    > wird es wenig ;)

    Ja, das dachte ich auch. Bezeichnend ist ja auch, dass die junge Frau unge... bürstet und frustriert nach hause geht, während die Typen miteinander rumknutschen :-D!

    Generation "Shades of Grey", fällt mir dazu ein - alles möglichst sanft, steril und politisch korrekt debattieren... nach dem Motto der Eunuchen: "sie wissen wie's geht".
    Okay es war ein Experiment. Aber das Ergebnis davon hätte ich auch vorher schon sagen können: genau DAS kommt dabei raus, wenn man Sex zur Kultur hochstilisieren will.

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    > Ich habe den Eindruck, dass bei diesem
    > "postpornographischen
    > Experiment" vor allem viel über Sex gesprochen wird, getan
    > wird es wenig ;)

    Ja, das dachte ich auch. Bezeichnend ist ja auch, dass die junge Frau unge... bürstet und frustriert nach hause geht, während die Typen miteinander rumknutschen :-D!

    Generation "Shades of Grey", fällt mir dazu ein - alles möglichst sanft, steril und politisch korrekt debattieren... nach dem Motto der Eunuchen: "sie wissen wie's geht".
    Okay es war ein Experiment. Aber das Ergebnis davon hätte ich auch vorher schon sagen können: genau DAS kommt dabei raus, wenn man Sex zur Kultur hochstilisieren will.

  3. 3. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Zu diesem Artikel "
  4. einer voll und ganz peinlichen Partnertausch-Pornografie hat Ang Lee vor Jahren einen berührenden Film gedreht: Der Eissturm.

    Um zur Vernunft zu kommen, sei dieser Film als Gegenprogramm empfohlen.

    6 Leser-Empfehlungen
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    • eklipz
    • 17.02.2013 um 22:12 Uhr

    Ich nicht, also vorurteile ich auch nicht gleich derart ablehnend. Was meinen sie zudem mit "Vernunft"? Wo liegt die Grenze zwischen "unvernünftig" und "vernünftig"?

    • eklipz
    • 17.02.2013 um 22:12 Uhr

    Ich nicht, also vorurteile ich auch nicht gleich derart ablehnend. Was meinen sie zudem mit "Vernunft"? Wo liegt die Grenze zwischen "unvernünftig" und "vernünftig"?

    • eklipz
    • 17.02.2013 um 22:12 Uhr

    Ich nicht, also vorurteile ich auch nicht gleich derart ablehnend. Was meinen sie zudem mit "Vernunft"? Wo liegt die Grenze zwischen "unvernünftig" und "vernünftig"?

    12 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Über diesen Irrsinn"
    • ovozim
    • 17.02.2013 um 22:14 Uhr

    Ich hatte erst überlegt, ob ich den Artikel wirklich anklicken soll, oder ob ich dann nur dem üblichen SexSells-Buzzword-Reflex folge a la "typisch Mann". Angesichts der wenigen Kommentare scheint mir, haben viele so gedacht, natürlich trotzdem geklickt, jetzt aber die Scham nicht überwunden. Oder dieser (leere) Kommentarbereich verrät etwas über die biedere Leserschaft, die jedem prominenten Sack Reis 150 Kommies Aufmerksamkeit schenkt. Toller Artikel und so gut geschrieben, dass ich mit einem Grinsen im Gesicht immer weiterlesen musste. Hinzu kommt natürlich auch die Neugier, weil die ganze Story nicht (wie üblich) von vorn herein feststeht (haha). Tolle Wortwahl und eine schöne Perspektive auf eine weitere Geschichte, die eine absurd maschinisiert sexualisierte Gesellschaft so schreiben kann.

    9 Leser-Empfehlungen
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    Was soll man schon dazu sagen. Jeder hat ja seine eigenen Vorstellungen und Grenzen. Und der Versuch einen "intelligenten" und/oder zärtlichen Porno zu drehen ist doch nicht neu. Es gibt doch aber heutzutage für jeden Geschmack ein Angebot im Internet auch ästhetische Erotik und Kuschelsex.
    Ich finde es auch irgendwie verlogen, so etwas zu versuchen.
    So auf die Art, Sex ist ja eigentlich was ganz abartiges, aber wenn man dabei wissenschaftlich und künstlerisch vorgeht, dann kann man sich ja mal so richtig durchnudeln lassen. Ich hatte geglaubt, die heutige Jugend wäre da unverkrampfter. Aber jedem wie er/sie es braucht.

    PS
    Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie man 10000 € für so einen Dreh verballern kann.

    Was soll man schon dazu sagen. Jeder hat ja seine eigenen Vorstellungen und Grenzen. Und der Versuch einen "intelligenten" und/oder zärtlichen Porno zu drehen ist doch nicht neu. Es gibt doch aber heutzutage für jeden Geschmack ein Angebot im Internet auch ästhetische Erotik und Kuschelsex.
    Ich finde es auch irgendwie verlogen, so etwas zu versuchen.
    So auf die Art, Sex ist ja eigentlich was ganz abartiges, aber wenn man dabei wissenschaftlich und künstlerisch vorgeht, dann kann man sich ja mal so richtig durchnudeln lassen. Ich hatte geglaubt, die heutige Jugend wäre da unverkrampfter. Aber jedem wie er/sie es braucht.

    PS
    Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie man 10000 € für so einen Dreh verballern kann.

  5. Mir fällt es schwer, in dem Projekt etwas Spezielles zu erkennen - was es noch nicht gibt - oder worauf die Welt gewartet hat.

    - "Was passiert, wenn sich ganz normale Leute treffen, um vor Kameras Sex zu haben?" -

    Das Ergebnis ist millionenfach im Internet zu bewundern. Und auch vor dem Internet gabs ja schon reichlich Amateurpornos.

    Zum Verhältnis von Kunst und Pornographie: Porno kann Bestandteil von Kunst sein - und hat da seine Berechtigung, das ist aber auch nichts Neues mehr.

    Nur - andersrum gehts nicht. Niemand will Kunst im Porno sehen: außer vielleicht den Künstlern. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Pornos so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer. Niemand will zu gewöhnliche oder gar hässliche Körper sehen. Ich weiß nicht, was diese Zumutungen sollen, Speckröllchen und Altersfalten will niemand sehen (nicht auf diesen Fall bezogen, aber auf diesen Seniorensexfilm, der vor ein paar Jahren im Kino lief) und sind abregend. Ebenso über Stunden hingezogener Blümchensex, da wird sowieso nur vorgespult.

    Was einen Porno erfolgreich macht: Action und gutaussehende Darstellerinnen bzw. Darsteller. Genau das was hier abgelehnt wurde im Artikel: Analsex und Gesichtsbesamung. Und das gibts sowohl im professionellen als auch im Amateurpornobereich.

    5 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Niemand will Kunst im Porno sehen: außer vielleicht den Künstlern. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Pornos so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer."

    Das ist ja nun nichts Pornospezifisches. Wenn ich kurz umformulieren darf (ich deute mal "Kunst in x sehen" als "künstlerisch gehaltvoll sein"):

    Niemand will künstlerisch gehaltvolle Literatur lesen, außer vielleicht einigen Schriftstellern. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Literatur so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer.

    Oder vielleicht auch:

    Niemand will künstlerisch gehaltvolle Musik hören, außer vielleicht einigen Komponisten. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Musik so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer.

    So ist das halt mit der Kunst. Die ist oft anders als das, was an vergleichbaren Produkten in großem Stil konsumiert wird. Thomas Kling ist nicht John Grisham, Wolfgang Rihm nicht Justin Bieber. Dafür verdient Wolfgang Rihm dann halt weniger als Justin Bieber, und Thomas Kling hat mit seinem Gesamtwerk vermutlich weniger verdient als John Grisham mit einem einzigen Roman. Warum soll Kollegin Brochhaus dann nicht mal ein künstlerisch-soziologisches Pornoexperiment aufsetzen?

    Niemand will Kunst im Porno sehen. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. Und nun beschimpfe man mich, weil ich Justin Bieber und John Grisham auf eine Stufe gestellt habe.

    "Niemand will Kunst im Porno sehen: außer vielleicht den Künstlern. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Pornos so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer."

    Das ist ja nun nichts Pornospezifisches. Wenn ich kurz umformulieren darf (ich deute mal "Kunst in x sehen" als "künstlerisch gehaltvoll sein"):

    Niemand will künstlerisch gehaltvolle Literatur lesen, außer vielleicht einigen Schriftstellern. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Literatur so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer.

    Oder vielleicht auch:

    Niemand will künstlerisch gehaltvolle Musik hören, außer vielleicht einigen Komponisten. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Musik so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer.

    So ist das halt mit der Kunst. Die ist oft anders als das, was an vergleichbaren Produkten in großem Stil konsumiert wird. Thomas Kling ist nicht John Grisham, Wolfgang Rihm nicht Justin Bieber. Dafür verdient Wolfgang Rihm dann halt weniger als Justin Bieber, und Thomas Kling hat mit seinem Gesamtwerk vermutlich weniger verdient als John Grisham mit einem einzigen Roman. Warum soll Kollegin Brochhaus dann nicht mal ein künstlerisch-soziologisches Pornoexperiment aufsetzen?

    Niemand will Kunst im Porno sehen. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. Und nun beschimpfe man mich, weil ich Justin Bieber und John Grisham auf eine Stufe gestellt habe.

  6. Pornos vollkommen politisch korrekt machen zu wollen, erscheint so aussichtsreich, wie eine kalorienfreie Schwarzwälder Kirschtorte als schmackhaft verkaufen zu wollen...

    16 Leser-Empfehlungen
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    "wie eine kalorienfreie Schwarzwälder Kirschtorte als schmackhaft verkaufen zu wollen..."

    Quasi eine Schwarzwälder "Zero". Zero Zucker, aber 100% Geschmack.

    Hmmmm.

    MfG
    FT

    "wie eine kalorienfreie Schwarzwälder Kirschtorte als schmackhaft verkaufen zu wollen..."

    Quasi eine Schwarzwälder "Zero". Zero Zucker, aber 100% Geschmack.

    Hmmmm.

    MfG
    FT

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