FilmexperimentDer zärtlichste Porno der Welt

Was passiert, wenn sich ganz normale Leute treffen, um vor Kameras Sex zu haben? Eine Pornoforscherin hat es ausprobiert.

Kurz nach Mitternacht liegt Jenz, 27, auf dem Boden, und Till, 25, senkt seinen Kopf zwischen ihre Oberschenkel. Beide sind nackt, und ihre Wangen glühen. Till hat einen Steifen und Jenz die Augen geschlossen. Ihr Unterleib zuckt unter seinen Zungenschlägen. Dann scheppert es. Der Tonmann ist gestolpert und gegen das Filmset gerannt, die Kulissenwand wankt. Im Nebenraum erschrickt die Regisseurin, doch Jenz und Till scheint es nicht zu stören. Ihnen ist egal, dass sie nicht allein sind, dass sie beobachtet werden, dass jedes Stöhnen von Mikrofonen erfasst und jede Schweißperle von einem der neun Kameraaugen aufgesaugt wird.

Ein Samstagvormittag im August: In einem besetzen Haus auf der Schäl Sick, der falschen Rheinseite aus Kölner Sicht (also da, wo der Dom nicht ist), will Maike Brochhaus, 27, einen Porno drehen. Maike ist Kunsthistorikerin, promoviert über schwule Sexfilme und arbeitet als Lehrbeauftragte an der Universität Siegen. Eines ihrer Seminare heißt »Das Pornografische im Kunstkontext«, es geht um die Frage, wo Pornografie aufhört und Kunst anfängt – und ob man zwischen beidem überhaupt unterscheiden kann. »Das Pornografische ist zunächst mal ganz wertfrei ein Darstellungsmodus expliziter Sexualität«, sagt sie. »Dessen kann sich der kommerzielle Pornofilm ebenso bedienen wie die Kunst.«

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So weit die Theorie. Man muss kein Großmasturbator sein, um zu wissen, dass es in der Praxis anders aussieht. Dass Pornos selten künstlerisch sind und oft fake, frauenfeindlich oder schlecht gefilmt. Kann das besser gehen? Es muss, dachte sich Maike Brochhaus irgendwann, zumindest muss es versucht werden. »Mein Ziel ist es, Sexualität medial neu zu fassen«, sagt sie, »und einen Film zu machen, der authentische Menschen und ästhetische Bilder zeigt. Bei dem es nicht nur um den Sexakt geht, sondern auch um die Anbahnungen und das ganze Drumherum.«

Unter dem Titel Häppchenweise sollen drei Männer und drei Frauen – normale Leute, keine professionellen Pornodarsteller – in einer Wohnzimmerkulisse gemeinsam essen und sich Stück für Stück näherkommen. Erst bei Gesprächen, dann beim Flaschendrehen. Dabei werden sie gefilmt, von sicht- baren und von versteckten Kameras. Alle Teil- nehmer sind grundsätzlich bereit, während des Drehs Sex zu haben. Ob es jedoch wirklich dazu kommt, entscheiden sie spontan. Gefilmt wird live, ohne Drehbuch oder Regie- anweisungen, jeder soll nur das tun, wozu er Lust hat. Maike Brochhaus nennt das ein »postpornografisches Filmexperiment«. Die meisten der sechs Teilnehmer kennen einander nur von den Fotos und Kurzvorstellungen auf haeppchenweise.net. Persönlich sollen sie sich erst begegnen, wenn die Kameras laufen – deshalb treffen sie zeitversetzt am Drehort ein.

Alice, 27, sitzt im Filmset, das sie als Designstudentin mitgestaltet hat: ein Wohnzimmer mit Essbereich und Couchecke, mit Sperrmüllmöbeln und Retrotapeten, von der Decke hängen Scheinwerfer und Mikros. Hier könnte auch eine Vorabendserie gedreht werden, wären da nicht die einseitig verspiegelten Scheiben in den Wänden. »Dahinter verstecken sich nachher die Kameraleute, damit sie uns nicht ablenken«, sagt Alice. Sie ist eine der besten Freundinnen von Maike und eine der sechs Teilnehmer ihres Films.

ZEIT Campus 1/2013
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

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Die Tapeten, erklärt Alice, seien eine Anspielung auf die siebziger Jahre, jene Zeit, als erstmals Filme wie Deep Throat oder Debbie Does Dallas in die Kinos kamen. Damals war das Pornografieverbot in Amerika am Wackeln und in einigen europäischen Ländern gerade gekippt worden, die Pille war neu auf dem Markt und HIV noch nicht entdeckt. Unter Filmemachern brach eine Goldgräberstimmung aus, weshalb heute die Rede ist vom »Golden Age of Porn«. Doch nicht für alle Beteiligten war diese Zeit golden: Die Darstellerin Bambi Woods etwa drehte nach Debbie Does Dallas noch zwei, drei weitere Sexfilme, ehe sie untertauchte oder an einer Überdosis Drogen starb – so genau weiß das heute niemand. Und Linda Boreman, die bekannt wurde als Linda Lovelace aus Deep Throat, berichtete später von Zwang und Missbrauch, weshalb sie zur Kronzeugin von Feministinnen wurde, die Pornos wieder verbieten wollten. Ihren schlechten Ruf hat sich die Pornoindustrie in diesen Jahren verdient. 

»Meine Familie weiß von nichts«, sagt Alice über ihre Teilnahme an Maikes Film. »Ich wüsste auch nicht, wie ich das erklären soll: ein postpornografisches Projekt, eine offene Situation, in der Sex passieren kann, aber nicht muss – das würden sie nicht verstehen.« Persönlich sei sie kein Fan der Siebziger-Jahre-Filme, erzählt Alice, und besonders viele gute Pornos jüngeren Datums habe sie auch noch nicht gesehen. Höchstens die Filme der Regisseurin Erika Lust. Lust hat Sadomaso-Szenen gedreht, Dreier und lesbischen Sex. »Aber immer mit einem weiblichen Blick«, sagt Alice. Erika Lust ist erklärte Feministin.

Leser-Kommentare
  1. Artikel gelesen und denke das Erotik immer noch das ist was man(n) nicht sieht.
    Das klassische Porno hat doch das Problem alles zeigen zu müssen, in den unmöglichsten Posen und mit Darstellern jenseits der Normalität.
    Sicher ist dieser Film hier nichts zum genüsslichen anschauen, aber er zeigt im Ansatz eine Alternative zum Hardcore Industrie Porno.

  2. aber normal wäre schön. Normale Darsteller in einer normalen Umgebung die es ganz normal tun.
    Die total überdrehte Art und Weise der meisten Industrie Pornos ist für mich ein Grund so was nicht zu gucken. Vom Umgang mit den Frauen mal ganz zu schweigen. So ist kein Sex!

    Nicht intelligent, aber gefühlvoll und natürlich.

    6 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Pornos mit Handlung"
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    Ihr Beitrag bringt es mit zwei, drei kurzen Sätzen auf den Punkt: Was man in den meisten Produktionen sieht, ist kein Sex. Zumindest kein GUTER Sex, wie ihn Menschen haben die sich anziehend finden.

    Ihr Beitrag bringt es mit zwei, drei kurzen Sätzen auf den Punkt: Was man in den meisten Produktionen sieht, ist kein Sex. Zumindest kein GUTER Sex, wie ihn Menschen haben die sich anziehend finden.

  3. " Für die meisten Männer reicht das. Der Rest ist verschenkte "Sende"zeit. Ich wette, die wenigsten Pornos werden durchgehend zuende geschaut. Wozu müssen sie dann intelligent, mit besonders viel Handlung ect. gedreht werden?"

    Ich kenne Frauen, die auch Pornos schauen. Und die wünschen sich immer etwas mehr "Handlung" neben dem puren Sex, und wenn es halt einfach nur eine komische Piraten-Szenerie ist.

    MfG
    FT

    2 Leser-Empfehlungen
  4. "Niemand will Kunst im Porno sehen: außer vielleicht den Künstlern. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Pornos so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer."

    Das ist ja nun nichts Pornospezifisches. Wenn ich kurz umformulieren darf (ich deute mal "Kunst in x sehen" als "künstlerisch gehaltvoll sein"):

    Niemand will künstlerisch gehaltvolle Literatur lesen, außer vielleicht einigen Schriftstellern. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Literatur so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer.

    Oder vielleicht auch:

    Niemand will künstlerisch gehaltvolle Musik hören, außer vielleicht einigen Komponisten. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Offensichtlich niemand, der Musik so konsumiert wie die große Mehrheit der Nutzer.

    So ist das halt mit der Kunst. Die ist oft anders als das, was an vergleichbaren Produkten in großem Stil konsumiert wird. Thomas Kling ist nicht John Grisham, Wolfgang Rihm nicht Justin Bieber. Dafür verdient Wolfgang Rihm dann halt weniger als Justin Bieber, und Thomas Kling hat mit seinem Gesamtwerk vermutlich weniger verdient als John Grisham mit einem einzigen Roman. Warum soll Kollegin Brochhaus dann nicht mal ein künstlerisch-soziologisches Pornoexperiment aufsetzen?

    Niemand will Kunst im Porno sehen. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. Und nun beschimpfe man mich, weil ich Justin Bieber und John Grisham auf eine Stufe gestellt habe.

    4 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Und sonst?"
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    Wie schon vorher geschrieben: Sexualität und Pornographie können Bestandteil von Kunst sein, da wird von mir kein Einwand kommen.

    Nur vielleicht sollten wir vorher klarmachen, was unter Porno verstanden wird. Für mich ist es nicht primär eine Kunstform, sondern ein sexueller Reizgenerator oder -verstärker. Mit was soll ich das vergleichen? Literatur ist eben komplett das falsche Analogon. Vielleicht mit einem Fußballspiel. Zu dem gehen die Leute, weil sie das Spiel interessiert und ihre Mannschaft gewinnen soll. Da auf Zwang Kunst reinzubringen und die Mannschaft ästhetisch zu choreographieren, mag eben den Künstler in Verzückung versetzen, aber es geht an den Interessen des Publikums vorbei. Die entrückendste Kunstform hilft nichts, wenn die Mannschaft am Ende verliert.

    Und wenn Justin Bieber, John Grisham und Günther Grass nackt in Schwarzweißfilmen kopulieren, ist das möglicherweise sogar Kunst. Aber es ist kein Porno mehr. Das zieht man sich rein, um sich mit Blick auf den Freakfaktor mental entrücken zu lassen. Das kann man sich mit seinen besten Freundinnen bei einem Glas Sekt anschauen und drüber kichern oder philosophieren. Aber niemand wird damit allein in sein Zimmer gehen und zu solch einem Werk seinen Trieb abreagieren ...

    Wie schon vorher geschrieben: Sexualität und Pornographie können Bestandteil von Kunst sein, da wird von mir kein Einwand kommen.

    Nur vielleicht sollten wir vorher klarmachen, was unter Porno verstanden wird. Für mich ist es nicht primär eine Kunstform, sondern ein sexueller Reizgenerator oder -verstärker. Mit was soll ich das vergleichen? Literatur ist eben komplett das falsche Analogon. Vielleicht mit einem Fußballspiel. Zu dem gehen die Leute, weil sie das Spiel interessiert und ihre Mannschaft gewinnen soll. Da auf Zwang Kunst reinzubringen und die Mannschaft ästhetisch zu choreographieren, mag eben den Künstler in Verzückung versetzen, aber es geht an den Interessen des Publikums vorbei. Die entrückendste Kunstform hilft nichts, wenn die Mannschaft am Ende verliert.

    Und wenn Justin Bieber, John Grisham und Günther Grass nackt in Schwarzweißfilmen kopulieren, ist das möglicherweise sogar Kunst. Aber es ist kein Porno mehr. Das zieht man sich rein, um sich mit Blick auf den Freakfaktor mental entrücken zu lassen. Das kann man sich mit seinen besten Freundinnen bei einem Glas Sekt anschauen und drüber kichern oder philosophieren. Aber niemand wird damit allein in sein Zimmer gehen und zu solch einem Werk seinen Trieb abreagieren ...

  5. Neu ist an diesem Experiment nichts. Auf so eine Idee sind - wenig überraschend - auch schon andere gekommen.
    Siehe "Catch your dreams" von Moritz Boerner von 1983. Lief damals ziemlich erfolgreich im (Programm-)Kino.
    Die Produktionskosten dürften allerdings höher gewesen sein - immerhin handelte es sich bei der Kulisse um ein echtes Schloss. Und gedreht wurde damals noch mit Film und nicht mit Speicherkarte...

    • raflix
    • 18.02.2013 um 9:58 Uhr

    Würde mir den Film auch gerne ansehen. Dem typischen Mainstream-Porno kann ich als Frau sowieso nichts abgewinnen. Man sieht ja förmlich, dass die Darsteller keinen Spass dabei haben; der Frau tut es sicherlich häufig auch einfach nur weh.

  6. Ihr Beitrag bringt es mit zwei, drei kurzen Sätzen auf den Punkt: Was man in den meisten Produktionen sieht, ist kein Sex. Zumindest kein GUTER Sex, wie ihn Menschen haben die sich anziehend finden.

    5 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Nicht intelligent"
  7. es wird mehr ueber sex geredet heutzutage und vermarktet, als das er denn wirklich passiert. und wenn er passiert dann doch meistens auf der mental-mechanistischen ebene.

    eine gegenreportage wäre interessant, ueber menschen die ueberhaupt keinen sex mehr haben oder bekommen. menschen die zur fusspflege nur gehen damit sie ein anderer ueberhaupt mal beruehrt

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