ProfessorenkolumneSchuldgefühle vor dem Fahrstuhl

Der Anblick des Profs weckt oft das schlechte Gewissen: Die Hausarbeit steht noch aus, die Klausur war mies. Was Studenten nicht wissen: Auch Profs schämen sich manchmal. von Fritz Breithaupt

Neulich hat sich einer der Studenten aus meinem Seminar ganz schnell abgewendet, als er mich vor dem Fahrstuhl erkannte. Er hatte wohl Angst, dass ich ihn nach seiner ausstehenden Hausarbeit frage.

Was er nicht wusste: Eigentlich bin ich es, der sich verstecken müsste.

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ZEIT Campus 1/2013
ZEIT Campus 1/2013

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Als ich an der Uni anfing, hatte ich große Ziele: Jeden Studenten zweimal pro Semester in die Sprechstunde einladen, jede Hausarbeit persönlich besprechen, nicht mit Referaten Zeit schinden und jede E-Mail in 24 Stunden abarbeiten.

Davon ist nicht viel geblieben. Stattdessen kenne ich jetzt die kleinen Tricks, mit denen man einem Studenten in der Sprechstunde das Gefühl vermittelt, man habe seine Seminararbeit genau gelesen, während man krampfhaft versucht, sich daran zu erinnern, in welchem Kurs der Student überhaupt war.

Wir Professoren schämen uns manchmal für die Show, die wir abliefern. Was aber macht das schlechte Gewissen mit uns? Entweder wir leiden. Oder wir werden gewiefte Ausreden-Fabrizierer: Das »System« hat Schuld, denn wir betreuen zu viele Studenten! Das stimmt ja auch.

Professor Fritz Breithaupt

 44, erklärt an dieser Stelle regelmäßig das Innenleben der Profs. Er lehrt an der Indiana University, USA

Ausreden machen es leicht. Sie helfen so lange, bis man vor dem Fahrstuhl einem der Betrogenen begegnet. Dann gilt: schnell wegschauen!

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

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  2. Bei uns muss immer eine Dozentin die Prüfungsarbeit der anderen übernehmen, weil diese wohl "keine Zeit" haben, oder sonst was.
    Eigentlich muss da viel getan werden, aber naja, lieber eine kleine Lüge, anstatt die Wahrheit anzupacken.

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    • Zigarre
    • 18. Januar 2013 14:59 Uhr

    Auf der einen Seite sind Profs auch nur Menschen, denen Fehler passieren, wie jedem anderen auch. Ich erinnere mich z.B., dass einer die Hausarbeit einer Kommilitonin verlegt hat. Solche Geschichten machen natürlich schnell die Runde und können für einen Ruf sorgen, den die Person eigentlich nicht verdient hat.

    Andererseits gibt es natürlich, wie in jedem Metier, die üblichen Pfeiffen. Manchen sind die Studenten völlig egal, andere nehmen sich nicht die nötige Zeit, dritte sind katastrophal schlecht organisiert und dann gibt noch solche, die manchmal fragwürdige Thesen vertreten (zumindest in Geschichte).

    Widersprechen muss ich bei im Punkt Referate. Im Berufsleben wird es nicht so sein, dass man schläfrig-dösend die Worte niederschreibt, welche vorne hübsch vorgekaut vom Papier abgelesen werden, um sie später ein einziges Mal (nämlich in der Klausur) wiederzugeben. Stattdessen sind alle für Referate benötigte Qualitäten von Bedeutung: Teamarbeit, freies Sprechen, Zeiteinteilung, usw. Genau das fällt aber vielen schwer. Und zumeist stammeln sie dann eine Viertelstunde lang irgendwelche Kettensätze vor sich hin, was am Ende pauschal von allen als "gut" abgehakt wird (man möchte ja nicht dem Mitstudenten "in den Rücken fallen"), um dann rasch zur Diskussion übergehen zu können. Da wäre eigentlich noch viel, viel mehr und intensivere/ehrlichere Arbeit notwendig.

    Schade, dass der Artikel so kurz ist, bietet er doch immerhin mal eine andere Perspektive.

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  3. 5. [...]

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    Antwort auf "[...]"
  4. Schätzungsweise nicht der einzige Professor und/oder Dozent, der so denkt und der (in kurzer Zeit) seine Ansprüche an sich selbst vor sich zerbröseln gesehen hat und nun mit billigen Ausreden vor sich selbst da steht.

    Die Frage ist, warum das gefühlt alle deutschen Universitätslehrenden überhaupt so vollkommen ohne Gegenwehr, ja nicht mal mit wenigstens dem Versuch einfachen Zornredens hinnehmen. Es hilft niemandem, wenn gerade diese Leute schweigen und es akzepieren, genau genommen ist dieses Schweigen der eigentlich Pfropfen. Massenbildung wird nie zu Massenerleuchtung führen, auch nicht zur Kritikfähigkeit der Masse oder Massenaufklärung, aber Massenschweigen seitens Lehrender ist im Grunde das allerschlechteste, ja mittelmäßigste Ausgangsstadium.

    Ich habe schon während meines Studiums "gerochen" wie "der Hase da läuft" (ich habe es auch gesehen) und aus diesem Grund drei Professoren, die mich fragten, ob ich denn mal ans Promovieren gedacht habe gesagt: ja habe ich und es ist das letzte, was ich will.

    Solange, wie kollektiv die Klappe gehalten wird, solange werden auch nur Leute dort mitmachen wollen, die sich fürs kollektiv die Klappe halten eignen. Der Rest wendet sich bisweilen angewidert ab.

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  5. ist nur, dass sie als Professor für das Verschleiern ihrer Unzulänglichkeiten fürstlich entlohnt werden und moralisch in der Verantwortung stehen. Nebenbei: Dass sich Professor und Student gegenseitig anbluffen und sich das schlechte Gewissen wechselseitig überträgt, hängt sicherlich auch mit dem allgemein beklagten Qualitätsverlust des Studiums zusammen; Solche "Umgangsformen" fördern nämlich weder ein nötiges Vertrauensverhältnis zwischen Professor und Student noch ermutigen sie dazu sein jeweils bestes zu geben, um ein gutes Ergebnis zu erzielen.

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