Neulich hat sich einer der Studenten aus meinem Seminar ganz schnell abgewendet, als er mich vor dem Fahrstuhl erkannte. Er hatte wohl Angst, dass ich ihn nach seiner ausstehenden Hausarbeit frage.

Was er nicht wusste: Eigentlich bin ich es, der sich verstecken müsste.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Als ich an der Uni anfing, hatte ich große Ziele: Jeden Studenten zweimal pro Semester in die Sprechstunde einladen, jede Hausarbeit persönlich besprechen, nicht mit Referaten Zeit schinden und jede E-Mail in 24 Stunden abarbeiten.

Davon ist nicht viel geblieben. Stattdessen kenne ich jetzt die kleinen Tricks, mit denen man einem Studenten in der Sprechstunde das Gefühl vermittelt, man habe seine Seminararbeit genau gelesen, während man krampfhaft versucht, sich daran zu erinnern, in welchem Kurs der Student überhaupt war.

Wir Professoren schämen uns manchmal für die Show, die wir abliefern. Was aber macht das schlechte Gewissen mit uns? Entweder wir leiden. Oder wir werden gewiefte Ausreden-Fabrizierer: Das »System« hat Schuld, denn wir betreuen zu viele Studenten! Das stimmt ja auch.

Ausreden machen es leicht. Sie helfen so lange, bis man vor dem Fahrstuhl einem der Betrogenen begegnet. Dann gilt: schnell wegschauen!