ZEIT Campus: Frau Löw, wollen Sie, dass man auf diese Stimme verzichtet?

Löw: Ich verstehe sehr gut, dass es für die Studienwahl interessant ist, zu erfahren, wie es anderen ergangen ist. Aber das CHE- Ranking beruht zum Teil auf den Antworten von nur 15 Studenten. Das sind einfach viel zu wenig Befragte, um eine komplexe Einschätzung verlässlich wiedergeben zu können.

Ziegele: Das stimmt so pauschal nicht. Wir machen eine gigantische empirische Studie. Für alle Fächer zusammengenommen liegen uns die Antworten von mehr als 120.000 Studenten vor. Die Zahl 15 ist die Untergrenze für einen einzelnen Fachbereich an einer Hochschule. Sie müssen bedenken: In manchen Fachbereichen sind nur um die hundert Studenten eingeschrieben. Erstsemester befragen wir grundsätzlich nicht, weil sie erst kurz dabei sind. Wir nehmen die Werte außerdem nur auf, wenn eine Reihe weiterer statistischer Bedingungen erfüllt sind. Dafür haben wir ein Verfahren entwickelt, mit dem wir auf der sicheren Seite sind.

Löw: Die Mehrheit unserer Experten aus der Soziologie sieht Sie nicht auf der sicheren Seite. Und es gibt weitere Probleme. Studien zeigen zum Beispiel, dass Studierende einen Dozenten besser bewerten, wenn er oder sie als attraktiv eingeschätzt wird. Wie aussagekräftig sind Urteile in einem Ranking dann noch? Außerdem muss man, wenn man wirklich gut informiert sein will, auch über Ursachen reden. Woran liegt es, wenn eine bestimmte Uni Probleme mit der Methodenausbildung hat? Das kann man mit einem Ranking nicht hinkriegen.

Ziegele: Klar, das Ranking sagt nichts über Ursachen. Aber es zeigt, wo Probleme liegen, und kann auf diese Weise dazu beitragen, dass Abhilfe geschaffen wird.

ZEIT Campus: Können Sie ein Beispiel nennen?

Ziegele: Die Universität Klagenfurt hatte im Fach Psychologie katastrophale Ergebnisse in unserem Ranking. Schnell wurde klar, dass das mit fehlendem Personal zu tun hatte. Die Studenten und Professoren dort haben gemeinsam für eine Aufstockung gekämpft und waren damit erfolgreich.

ZEIT Campus: Können Ranking-Ergebnisse also auch eine positive Wirkung für die geprüften Fachbereiche haben, Frau Löw?

Löw: Ich habe Kolleginnen und Kollegen in meinem Fach gefragt, aber es konnte mir niemand eine solche Erfolgsgeschichte erzählen. Im Gegenteil: In Zeiten knapper Kassen kann man sich vorstellen, dass schlechte Ranking-Werte als Anlass dienen können, Mittel zu kürzen. Das Ranking zeigt eben nicht nur Unterschiede, es zementiert sie auch. Denn wenn ein Studiengang einmal schlecht abgeschnitten hat, fällt es schwer, diesen Ruf wieder loszuwerden.

Ziegele: Aber die Konsequenz daraus kann doch nicht sein, die Unterschiede zu verschweigen! Sie tun dann so, als ob an allen Instituten alles gleich gut ist, nur die Inhalte sind ein bisschen verschieden. Das stimmt doch einfach nicht!

Löw: Natürlich gibt es Unterschiede. Aber wenn man in einem Ranking der komplexen Realität nun einmal nicht gerecht werden kann, dann ist es doch sinnvoller, auf das Ranking zu verzichten und sich darauf zu konzentrieren, gute Informationen bereitzustellen. Es kostet die Hochschulen ja auch unheimlich viel Geld, die Daten für das Ranking zu liefern. Diese Mittel könnte man sinnvoller investieren, etwa in der Lehre.

Ziegele: Ich bin überzeugt, dass wir es schaffen, den Studieninteressierten wertvolle Ranking-Informationen zu geben, ohne unzulässig zu vereinfachen. Ich möchte jeden ermutigen, sich ein eigenes Bild zu machen.

Löw: Da schließe ich mich an.