Studium in der HeimatWie flexibel muss ich sein?

Wer studiert, wird gehetzt: umziehen, ins Ausland gehen, beim ersten Job flexibel sein. Warum es auch eine gute Entscheidung ist, zu Hause zu bleiben. von Jana Gioia Baurmann

Beim Lebenslauf von Malte Kolb, 27, würden Personalchefs vor Begeisterung wohl schwitzige Hände bekommen: ein Austauschjahr in den Vereinigten Staaten, Zivildienst in Chile, Bachelorstudium in Dresden, Auslandssemester auf La Réunion, einer Insel im Indischen Ozean, Masterstudium an der London School of Economics and Political Science, Praktika in Genf, Berlin und Köln. »Ich wollte über den Tellerrand gucken«, sagt Malte, »dass das im Lebenslauf auch gut aussieht, war mir natürlich bewusst.«

Während seiner Aufenthalte auf vier verschiedenen Kontinenten fand Malte neue Freunde, sagt er, manchmal verliebte er sich auch. Doch bevor es ernst wurde, war er immer schon wieder weg und unterwegs zu einer neuen Station seines globalen Lebens.

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Zunächst einmal stimmt es, dass Mobilität sich auszahlt, das ist messbar: nicht nur an den Hunderten von Facebook-Freunden, die man mit den Jahren sammelt, oder an den Stationen des Lebenslaufs, der irgendwann nicht mehr auf eine DIN-A4-Seite passt – sondern auch an der Zahl der Bewerbungen, die man schreiben muss, um sich auf dem Arbeitsmarkt durchzusetzen. Glaubt man der Studie »Value of Erasmus Mobility« des Forschungsinstituts Incher an der Universität Kassel, dann hat Malte alles richtig gemacht. Die Studie zeigt, dass Studenten mit Auslandserfahrung im Schnitt weniger Bewerbungen schreiben und kürzere Zeit suchen, bevor sie eine Stelle bekommen. Wer schon vor und während des Studiums um die Welt jettet, hat später schneller Erfolg.

ZEIT Campus 1/2013
ZEIT Campus 1/2013

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Saskia Illginnis, 23, hat trotzdem keine Lust auf ein mobiles Leben. Noch nie hat sie woanders gewohnt als in Bremen, einer Stadt mit rund 550.000 Einwohnern, umgeben von den Äckern des niedersächsischen Flachlands. Saskia ist in Bremen geboren, in Bremen zur Schule gegangen und hat in Bremen ihr Abitur gemacht. Während ihres Bachelorstudiums in Oldenburg blieb sie bei ihren Eltern wohnen und pendelte täglich, 50 Kilometer hin und 50 Kilometer zurück. Jetzt macht sie ihren Master in Erziehungswissenschaften – an der Uni Bremen. Wenn sie später einen guten Job in einer anderen Stadt als Bremen angeboten bekommt, dann wird sie ihn ablehnen, sagt Saskia. »Ein Job, der nicht in Bremen oder zumindest in der Nähe ist, ist kein Traumjob für mich.«

Immer an einem Ort, keinerlei Auslandserfahrung: Lebensläufe wie der von Saskia klingen langweilig. Sesshaftigkeit wird mit Stillstand und mit mangelnder Flexibilität verbunden. Mancher würde Saskia sogar Trägheit vorwerfen. Schließlich gibt es viele, die zum Studium in eine neue Stadt ziehen, während eines Praktikums zur Zwischenmiete wohnen und den Master noch mal ganz woanders machen. »Noch nie sind Lebensläufe so gestaltbar gewesen wie heute«, sagt Klaus Hurrelmann, Soziologieprofessor an der Hertie School of Governance in Berlin, »Heutzutage kann jeder alles machen.«

Doch aus diesen Möglichkeiten erwächst für viele eine Verpflichtung, zumindest eine gefühlte: nämlich das Beste aus dem Lebenslauf herauszuholen. Wer einfach nur ein Studium abschließt, hat damit keine Garantie, den passenden Arbeitsplatz zu finden. Der Stellenmarkt ist unübersichtlich: Physiker können forschen oder zu Unternehmensberatungen gehen, Germanisten können als Lektoren arbeiten oder in der Werbebranche.

Hinzu kommt der Konkurrenzdruck: In manchen Fächern wird Studenten nicht gerade Mut gemacht, dass sie später einen gut bezahlten Job bekommen. Man gerät unter Druck, wenn es heißt: Auf eine Stelle bewarben sich Hunderte. Also will man auffallen, zum Beispiel durch Auslandserfahrung. Jeder vierte Student geht während des Bachelors für mindestens einen Monat ins Ausland. Die Generaldirektion Bildung und Kultur der Europäischen Kommission, die unter anderem für das Austauschprogramm Erasmus zuständig ist, meldet: Zwischen den Jahren 2000 und 2010 hat sich die Gesamtzahl der Auslandsaufenthalte von Studenten verdoppelt. Bis 2013 wird sich die Zahl verdreifacht haben, so die Prognose. Das ist so gewollt: »Mobilität war immer ein Schlüsselelement des Bologna-Reformprozesses«, heißt es in einer Informationsbroschüre der Generaldirektion. Muss man also mobil sein, um überhaupt eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben? Werden Leute wie Saskia Illginnis unweigerlich abgehängt? Das ist keineswegs sicher. Eine starke Bindung an die Heimat kann ein Vorteil sein – nicht nur im Privatleben, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt.

Leserkommentare
    • seppel5
    • 27. Februar 2013 8:27 Uhr

    Danke für diesen schönen Artikel, der so wunderbar entspannt mit dem Thema Ausland umgeht. Es ist einfach nicht jedermanns Sache länger ins Ausland zu gehen. Oft genug bekommt man zu hören: "die Bachelorstudenten gehen zu wenig ins Ausland...oh Gott du hast noch keine Auslandserfahrung?...willst du nicht noch ins Ausland gehen?..."
    Da ist es entspannend mal einen Artikel zu lesen, der die andere Seite beschreibt. Sesshaftigkeit ist in vielen Fällen eben auch notwendige Grundlage um sich eine Familie aufzubauen.

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    • cst
    • 27. Februar 2013 8:58 Uhr

    Wer geht denn ins Ausland für die Zeilen im Lebenslauf? Eine schlechtere Motivation kann ich mir in der Tat nicht vorstellen. Wer der Ferne nichts abgewinnen kann und sich dadurch unter Druck gesetzt fühlt kann sich die Freiheit nehmen zu Hause zu bleiben.
    Es gibt nicht den Einen richtigen Weg!
    Allerdings soll es auch Menschen geben, die unabhängig von optimierten Karriereverläufen neugierig auf die Welt sind und begeistert neue Erfahrungen auf fremden Terrain machen.

    ...hat manchmal auch großes Suchtpotential ;)

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    ... wie viele meiner ehemaligen KommilitonInnen und heute auch Studierenden ins Ausland wegen "der Karriere" oder "den paar Zeilen im Lebenslauf" gehen, würden Sie sich umsehen. Eine Freundin von mir zwei verschiedene HiWi Stellen angenommen, mit denen sie inhaltlich eigentlich nur wenig zu tun hatte und anfangen konnte, weil es sich gut in ihrem Lebenslauf macht. Diese Einstellung findet man heute immer mehr, nicht nur, weil einem dies von allen Seiten erzählt wird, sondern weil die Individuen das auch selbst glauben und damit reproduzieren.

    Zum Thema:
    Ich selbst habe keine Auslandserfahrung, auch wenn ich nicht immer am gleichen Ort bzw. an den gleichen Orten studiert habe. Sicherlich hätte man das irgendwo, irgendwie sinnvoll umsetzen können, aber mir erschien es in meiner damaligen Situation einfach als unnötig und extrem aufwendig. Davon abgesehen, dass es mich auch Zeit und meine Familie und mich viel Geld gekostet hätte, was wohl eine zusätzliche Belastung gewesen wäre.

    Ich finde man muss letztlich einfach abwägen was man später machen möchte und ob sich der Aufwand lohnt, also auch nicht nur beruflich, sondern auch für seine persönliche Entwicklung. Die Pauschalisierung "Auslandserfahrung ist ein Muss" halte ich jedenfalls für Unfug.

  1. Ich war vor meinem Studium im Ausland und werde auch ein Auslandssemester machen. Ich tue beides nicht für eine Zeile in meinem Lebenslauf. Meine erste Motivation dabei ist auch nicht später besser an einen Job zu kommen. Die eigentliche Motivation ist über den Tellerrand zu gucken, andere Kulturen und Menschen kennenzulernen, die eigene Denkweise mit Menschen, die ganz anders denken zu reflektieren etc.
    Ich denke auch nicht, dass viele Studenten ein Auslandssemester machen, weil es jetzt den Bachlor gibt, sondern weil die Welt globalisiert, mehr zusammenwächst und weil einem das Auslandssemester von allen Seiten als positive Erfahrung empfohlen wird (nicht aber als MUSS oder Bedingung). Das Mädchen aus Bremen tut mir ein bisschen Leid, nie etwas von der Welt gesehen zu haben oder mit anderen Kulturen in Kontakt zu kommen finde ich sehr traurig, grade in den Erziehungswissenschaften lernt man so viel von andersdenkenden Menschen. Hier würde ja Schweden oder Finnland schon sehr hilfreich sein

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    "Die eigentliche Motivation ist über den Tellerrand zu gucken, andere Kulturen und Menschen kennenzulernen, die eigene Denkweise mit Menschen, die ganz anders denken zu reflektieren etc."

    So löblich das Über-den-Tellerrand-Blicken und das Andere-Kulturen-Kennenlernen ja ist, es ist ein bissche naiv anzunehmen, dass man dazu unbedingt ins Ausland muss. Ich bin ziemlich sicher, dass, wer andere Blickweisen auf die Welt erfahren will, auch in seiner gewohnten Umgebung einfach mal ungewohnte Dinge tun kann, sei es, dass man das gewohnte Rockkonzert gegen Rap- oder Jazzabende eintauscht oder einen Handarbeitskurs an der Volkshochschule besucht. Es gibt zigtausend Möglichkeiten, seinen Horizont zu erweitern und andere Menschen kennenzulernen, ohne dass man dafür tausende von Kilometern weit wegfliegen muss. (Ohnehin halte ich nicht viel von der weitverbreiteten Annahme, dass die Menschen in Deutschland "typisch deutsch" seien und überall anders die Menschen "fundamental anders". Fremde Kulturen hin oder her, letztlich sind die Unterschiede zwischen individuellen Menschen immer größer als zwischen ganzen Kulturen.)

    Darüber hinaus bin ich sicher, dass man mehr über fremde Kulturen und sich selbst erfahren kann, wenn man sich ehrenamtlich in einem Problemviertel seiner Heimatstadt engagiert, als wenn man in Rotterdam im WG-Zimmer liegt und deutsches Fernsehen sieht... :)

    Insofern vielen Dank für diesen Artikel, der mit der Fehlannahme aufräumt, dass weit weg immer besser sei.

  2. Wer nur für den Lebenslauf etwas macht, macht es immer falsch!

    Wer gerne reist und die Welt sehen möchte, der sollte alle Auslandssemester nutzen.

    Wer sehr Familie oder Freundin liebt, oder eine Familie gründen möchte, der sollte seinen Studienort in Bachelor und Master behalten.

    Beim Studium geht es ums Lernen und Leben. Beides sollte nicht zu kurz kommen und der Lebenslauf ist erstmal völlig egal. Der beste Job ist nicht der bestbezahlteste, sondern der, der zu einem passt und Spaß macht. Ein Lebenslauf mit Selbstbetrug führt also eher in den falschen Job als in den richtigen.

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  3. Endlich eine differenzierte Sichtweise auf das Thema. Platte, generalisierende Aussagen wie „Jeder muss heutzutage maximal mobil sein“ sind ziemlicher Unfug. Ich kann dazu nur eines sagen: Lasst Euch nichts einreden und Euch zu nichts überreden, was ihr nicht wollt oder was Euch nicht gut tut! Versucht, Euren eigenen Weg zu finden und zu gehen. Ich habe mich zum Studium (auch im Ausland) aus der Heimat „vertreiben“ lassen und auch unter der Trennung gelitten, trotzdem nie den Weg zurück gefunden, da ich geglaubt habe, man „müsse“ das eben (weggehen, wegbleiben). Weggehen kann beides sein: Bereicherung, Erfahrung von Neuem, Aufbruch zu neuen Ufern – aber auch Verlust von Zugehörigkeit, Vertrautheit bis hin zu Wurzellosigkeit. Also: Hört ehrlich in Euch hinein, findet heraus, was ihr wirklich wollt und braucht (wieviel Sesshaftigkeit, wieviel Globetrottertum - das kann in unterschiedlichen Lebensphasen auch unterschiedlich gewichtet sein), folgt der Lebensweise, die Euch entspricht, dann besteht am ehestens die Chance, im Leben glücklich zu werden.

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  4. ... wie viele meiner ehemaligen KommilitonInnen und heute auch Studierenden ins Ausland wegen "der Karriere" oder "den paar Zeilen im Lebenslauf" gehen, würden Sie sich umsehen. Eine Freundin von mir zwei verschiedene HiWi Stellen angenommen, mit denen sie inhaltlich eigentlich nur wenig zu tun hatte und anfangen konnte, weil es sich gut in ihrem Lebenslauf macht. Diese Einstellung findet man heute immer mehr, nicht nur, weil einem dies von allen Seiten erzählt wird, sondern weil die Individuen das auch selbst glauben und damit reproduzieren.

    Zum Thema:
    Ich selbst habe keine Auslandserfahrung, auch wenn ich nicht immer am gleichen Ort bzw. an den gleichen Orten studiert habe. Sicherlich hätte man das irgendwo, irgendwie sinnvoll umsetzen können, aber mir erschien es in meiner damaligen Situation einfach als unnötig und extrem aufwendig. Davon abgesehen, dass es mich auch Zeit und meine Familie und mich viel Geld gekostet hätte, was wohl eine zusätzliche Belastung gewesen wäre.

    Ich finde man muss letztlich einfach abwägen was man später machen möchte und ob sich der Aufwand lohnt, also auch nicht nur beruflich, sondern auch für seine persönliche Entwicklung. Die Pauschalisierung "Auslandserfahrung ist ein Muss" halte ich jedenfalls für Unfug.

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    • Jalella
    • 27. Februar 2013 11:27 Uhr

    Wenn es ja immer so rational zuginge in der Welt, wäre es wohl Unfug. Wenn man sich auf einen Job bewirbt und davon ausgehen könnte, dass dort auf "sinnvolle" Kriterien geschaut wird, ob ein Bewerber den Zuschlag erhält, wäre ja alles schön.

    Die Realität ist aber, dass bei 100 Bewerbungen auf eine Stelle niemand diese alle durchsehen wird, sondern nach simplen Kriterien eine Auswahl trifft. Und da sind solche Pauschalurteile wie Auslandsstudium=gut leider an der Tagesordnung.

    Nicht zuletzt weil in allen Firmen fleissig nach kapitalistischen Grundsatz der Profitmaximierung Stellen kurz gehalten werden und keine Resourcen für eine genauere PPrüfung zur Verfügung stehen.

  5. 7. Tatort

    Diese Verallgemeinerung, dass jeder Mensch nicht nach seinem zu Hause sehnt ist doch völlig überzogen. Es gibt genug Menschen, die einfach Lust darauf haben die Welt zu erkunden und bei denen der Lebenslauf trotzdem an zweiter Stelle steht. In meinem Freundeskreis gibt es einige davon. Wenn man dann nach langer Zeit wieder zu Hause ist kann man es dann so richtig genießen. Außerdem: Ich habe überall auf der Welt Menschen gefunden, die mit mir zusammen den Tatort gucken. Das kann man dank Livestream heutzutage überall tun. Herzlichst, aus meiner Übergangsheimat

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    • dubie
    • 27. Februar 2013 15:05 Uhr

    Stimme dem Kommentar insofern zu, dass man durchaus einfach aus "Lust" ins Ausland gehen kann.
    Wenn Sie allerdings noch nie Probleme mit einem Livestream gehabt haben, wage ich zu behaupten, dass Sie so viel noch nicht rumgekommen sind und sich Ihre Erfahrungen eher auf "besser entwickelte" Länder beziehen.

  6. "Die eigentliche Motivation ist über den Tellerrand zu gucken, andere Kulturen und Menschen kennenzulernen, die eigene Denkweise mit Menschen, die ganz anders denken zu reflektieren etc."

    So löblich das Über-den-Tellerrand-Blicken und das Andere-Kulturen-Kennenlernen ja ist, es ist ein bissche naiv anzunehmen, dass man dazu unbedingt ins Ausland muss. Ich bin ziemlich sicher, dass, wer andere Blickweisen auf die Welt erfahren will, auch in seiner gewohnten Umgebung einfach mal ungewohnte Dinge tun kann, sei es, dass man das gewohnte Rockkonzert gegen Rap- oder Jazzabende eintauscht oder einen Handarbeitskurs an der Volkshochschule besucht. Es gibt zigtausend Möglichkeiten, seinen Horizont zu erweitern und andere Menschen kennenzulernen, ohne dass man dafür tausende von Kilometern weit wegfliegen muss. (Ohnehin halte ich nicht viel von der weitverbreiteten Annahme, dass die Menschen in Deutschland "typisch deutsch" seien und überall anders die Menschen "fundamental anders". Fremde Kulturen hin oder her, letztlich sind die Unterschiede zwischen individuellen Menschen immer größer als zwischen ganzen Kulturen.)

    Darüber hinaus bin ich sicher, dass man mehr über fremde Kulturen und sich selbst erfahren kann, wenn man sich ehrenamtlich in einem Problemviertel seiner Heimatstadt engagiert, als wenn man in Rotterdam im WG-Zimmer liegt und deutsches Fernsehen sieht... :)

    Insofern vielen Dank für diesen Artikel, der mit der Fehlannahme aufräumt, dass weit weg immer besser sei.

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ich stimme cst zu"
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    Allerdings ist beim Umzug (und der muss nicht unbedingt tausende Kilometer weit ins Ausland sein) nur eine Entscheidung notwendig - die zum Umziehen - zum Rest des Ungewohnte-Dinge-Tuns wird man dann quasi gezwungen. Ich vermute, dass dies für viele Menschen die einzige Methode ist, mit der sie tatsächlich über den Teller schauen würden.

    Von "fundamental anders" war nie die Rede - manchmal kann der größte Kulturschock in einem Land(esteil) kommen, von dem man dachte, die Kultur sei der eigenen sehr ähnlich. Oder wie erklären Sie sich die kleinen aber feinen Unterschiede, wenn Sie beispielsweise vom Süden in den Norden Deutschlands ziehen?

    Ich stimme Ihnen zu, zumal viele Auslandssemester ja ohnehin in Ländern und an Orten verbracht werden, die relativ wenig mit "neuen Kulturen" oder "über den Tellerrand" blicken zu tun haben. Wer nicht wirklich den okzidentalen Raum verlässt, wird, abgesehen von kleineren Abstufungen im Lebensstandard, nur wenig fundamental neues, den Horizont erweiterndes, erfahren. Die Leute gehen ja eben i.d.R. nicht in Länder, die sich wirklich von ihrem Herkunftsland unterscheiden, sondern studieren auf Zeit gerade dort, wo es zwar ein paar Unterschiede gibt, diese aber im Vergleich recht gering sind.

    Viele dieser Reisen gehören bei vielen Leuten einfach "zum guten Ton", ohne das sie sich wirklich Gedanken darüber machen. "Macht man halt so" als Studierender und genau diese Punkte verwässern dann eben auch die Aussage der Horizonterweiterung bzw. dem Interesse an anderen Kulturen.

    Tut mir leid, aber mit einem Handarbeitskurs an der Volkshochschule oder mal auf ein Jazzkonzert anstelle eines Rockkonzertes gehen werden Sie im Leben nicht die Erfahrungen machen, die Sie machen, wenn Sie im Ausland LEBEN.

    Sie werden nie die Erfahrung machen, wie es ist, in einer Umgebung zu leben, in der niemand Ihre Sprache spricht und in der Sie dennoch kommunizieren müssen. Sie werden niemals die Erfahrung machen, wie in anderen Kulturen gedacht und gehandelt wird und wie Sie sich da anpassen müssen. In Ihrer Heimatstadt mit Eltern, Verwandten und Freunden in der Nähe werden Sie nie die Grenzen Ihrer eigenen Selbständigkeit austesten können.

    Ich lebe und arbeite mittlerweile im Ausland und habe auch ein Auslandssemester und eine weitere längere Ausbildungsstation im Ausland verbracht. Ich muss leider ein bischen schmunzeln, wenn mir jemand suggeriert, diese Erfahrungen hätte ich auch mit einem Handarbeitskurs an der Volkshochschule machen können.

    Ich bin der Meinung, dass jeder sein Leben so gestalten soll, wie es ihm am liebsten ist. Wer in dem Städtchen seiner Geburt aufwachsen, leben und sterben will, soll dies tun. Das bewerte ich nicht!!! Aber er soll mir nicht erzählen, sein Handarbeitskurs an der Volkshochschule sei die selbe Erfahrung wie meine mittlerweile drei Jahre in drei Ländern auf zwei Kontinenten.

    Und um ganz klar zu stellen: Ich werte nicht, ich möchte nur herausstellen, dass man im Ausland Erfahrungen macht, die man nur im Ausland machen kann.

    • Derdriu
    • 27. Februar 2013 12:07 Uhr

    Ich muss Ihnen vehement widersprechen! Ich kenne auch einige Leute aus meiner Heimatstadt die genauso reden wie Sie und die auch nie weg waren. Man merkt einfach, dass sie davon keine Ahnung haben, denn was Sie dort schreiben ist weit weg von der Realität. Wenn man alleine im Ausland ist, kommen Probleme auf einen zu, die man im Leben nicht vorher erraten oder einschätzen kann und die mit nichts vergleichbar sind, was man schon kennt.

    Sie können natürlich gerne glauben, was sie sich so überlegt haben und wie sie sich das vorstellen. Aber Ihre Meinung beruht auf einer völlig falschen Annahme.

    Ich möchte Sie mal sehen, wie sie pakistanischen Männern im VHS-Kurs erklären, dass ein Studentenwohnheim mit nicht nach Geschlechtern getrennten Fluren, kein Puff ist. Oder wie Sie einem französischem Mitstudenten im Streit mit einem Schweden auf einem Konzert deutlich machen, dass man fremde Schweden bitte tunlichst nicht küsst. Mussten Sie Ihren Nachbarn schon einmal erklären, warum Deutsche Hitlerwitze nicht zum schreien komisch finden?

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