ZEIT Campus: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ramadan: Ich bin Staatsbürger der Schweiz. Zur Zeit des Naziregimes in Deutschland befahl die Schweizer Regierung ihren Bürgern, jüdische Flüchtlinge an der Grenze aufzuhalten und zurückzuschicken. Viele Schweizer ignorierten das und hießen die Flüchtlinge willkommen. Sie widersetzten sich ihrer Regierung im Namen der Menschenwürde. Diese kritische Bürgerschaft gehört zu meinem Land.

ZEIT Campus: Wie erklären Sie sich dann die Skepsis Ihnen gegenüber?

Ramadan: Europa ist Menschen wie mich, also kritische Bürger muslimischen Glaubens, noch nicht gewohnt. Manche Menschen denken: »Ein Muslim, der seiner Regierung widerspricht – das ist verdächtig!«

ZEIT Campus: Sie werden auch verdächtigt, weil Ihr Vater und Großvater Anführer der ägyptischen Muslimbruderschaft waren...

Ramadan: Das stimmt. Aber ich denke ja nicht mit meinem Blut, sondern mit meinem Verstand. Ich habe die Muslimbruderschaft oft kritisiert. Ich bin in muslimischen Ländern genauso kritisch wie im Westen und zahle dafür den Preis: In sechs Ländern wurde mir die Einreise verboten, darunter auch Ägypten und Saudi-Arabien. Künftige Generationen muslimischer Bürger werden weniger unter Verdacht stehen als ich. Wie gesagt, wir leben in einer Übergangsphase. Bis dahin müssen wir damit umgehen, dass Rassisten und Populisten ihre Rhetorik benutzen, um die »Fremden« aus der Gesellschaft auszuschließen.

ZEIT Campus: Was geschieht, wenn sich Muslime in dieser Übergangsphase frustriert von der Öffentlichkeit abwenden?

Ramadan: Das passiert, betrifft aber nur eine Minderheit. Die Mehrheit der Muslime isoliert sich nicht: In den Medien, in den Universitäten und in der Wirtschaft entdecken wir schließlich immer mehr Muslime.

ZEIT Campus: Wenn in den Medien über Muslime in Europa berichtet wird, dominieren aber die Konflikte.

Ramadan: Über das Positive wird geschwiegen, denn wir glauben, dass Schweigen und Frieden identisch seien. Stattdessen sollten wir bewusst über den Frieden sprechen. Muslime brauchen laute, positive Stimmen, damit wir auch in diesem Sinne wahrnehmbar werden. Es sollten nicht nur unsere Moscheen, unsere Hautfarbe und Kleider sein, die uns sichtbar machen, sondern auch unsere Werte und Ethik. Die müssen wir einbringen. Muslime sind eine Bereicherung für die Gesellschaft.

ZEIT Campus: Was können Muslime und Nichtmuslime für ein besseres Miteinander in Europa tun?

Ramadan: Das Erste, was wir zu tun haben, ist, uns selbst besser kennenzulernen. Im Koran heißt es: Damit ein Baum in den Himmel wachsen kann, braucht er starke Wurzeln. Diese starken Wurzeln stehen im übertragenen Sinne für das Wissen, dass wir von uns selbst haben. Denn nur wer seine Identität kennt, kann seine Potenziale entfalten.

ZEIT Campus: Können Sie das konkreter erklären?

Ramadan: Ich bin Angst einflößend und gruselig für viele meiner Mitbürger. Das liegt aber nicht an demjenigen, der ich bin, sondern daran, dass diese Mitbürger nicht wissen, wer sie selbst sind. Sie sind nicht vertraut mit der europäischen Geschichte, mit dem Christentum, dem Judentum, den Grundlagen ihrer Identität. Wer sich selbst nicht kennt, der fürchtet das Fremde. Das ist ein Prozess – etwas, an dem wir alle noch arbeiten müssen. Wir müssen uns bilden.