Islamwissenschaftler Ramadan"Ich bin Angst einflößend und gruselig"

Der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan ist ein gläubiger Muslim – und ein engagierter Bürger Europas. Ein Widerspruch? Nein, sagt Ramadan. von Kübra Gümüsay

ZEIT Campus: Muslime werden die ersten Europäer sein – das haben Sie, Herr Ramadan, einmal gesagt. Was meinen Sie damit?

Tariq Ramadan: In vielen europäischen Ländern sind in den letzten Jahren nationalistische Tendenzen stärker geworden. Zugleich sind Muslime in Europa darum bemüht, als gleichwertige Bürger gesehen zu werden. In Frankreich haben zwei Drittel der Muslime einen französischen Pass, sie stehen für ihre Rechte und Pflichten ein. Ähnliches gilt für England und Deutschland. Diese neuen Bürger können sich wegen ihrer Lebens- und Familiengeschichte leichter mit der Idee einer internationalen Identität anfreunden. Außerdem ist der Islam längst zu einer europäischen Religion geworden.

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ZEIT Campus: In Deutschland ist es politisch umstritten, ob der Islam zu unserem Land gehört...

Ramadan: Aber selbstverständlich gehört der Islam zu Deutschland! Und zwar deshalb, weil es muslimische Deutsche gibt. So einfach ist das. Der Islam ist genauso eine deutsche Religion wie das Christentum, das Judentum oder der Buddhismus. Das Deutsche ist schließlich wie die deutsche Gesellschaft: vielfältig und bunt.

ZEIT Campus: Trotzdem heißt es, viele Muslime seien nicht ausreichend integriert.

ZEIT Campus 1/2013
ZEIT Campus 1/2013

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Ramadan: Integration besteht meiner Meinung nach aus drei L, aus law, language and loyalty. Die Forderung an neue Bürger lautet deshalb: Befolge die Gesetze, sprich die Sprache und sei loyal zu deinem Land. Gemäß diesen drei L leben viele Muslime in Europa seit Jahren, sie sind also bereits integriert. Ich glaube deshalb, dass wir uns inzwischen in einem Postintegrations-Prozess befinden.

ZEIT Campus: Was meinen Sie damit?

Ramadan: In der Postintegration ist die Frage nicht mehr: »Woher komme ich?«, sondern: »Wohin gehe ich und mit wem?« Ein Beispiel dafür ist die französische Fußballnationalmannschaft: Niemand fragte Zinedine Zidane nach seiner algerischen Herkunft. Er wurde als Franzose betrachtet. Warum? Weil er mit dem französischen Team um Erfolge kämpfte. So ist das in allen gesellschaftlichen Bereichen: Statt Integration müssen wir Mitbestimmung und Teilhabe fordern.

ZEIT Campus: Erklären Sie das mal einer Frau, die Verantwortung übernehmen will, aber wegen ihres Kopftuchs nicht Lehrerin werden darf.

Ramadan: Dieses Problem geht vorüber. Wir befinden uns in einer Übergangsphase, in der Muslime immer sichtbarer werden – das empfinden manche als Problem. Sie glauben, dass Menschen, die durch ihre Kleider als Muslime erkennbar sind, nicht integriert seien. Das Gegenteil ist wahr: Gerade weil Muslime im Alltag sichtbar werden, sind sie integriert. Sie haben das geografische und soziale Ghetto, in dem viele anfangs lebten, verlassen. Muslime sind jetzt Teil des Mainstreams.

ZEIT Campus: Sie sprachen von Loyalität, Ihnen wird oft vorgeworfen, Sie seien dem Westen gegenüber illoyal. Was ist da dran?

Ramadan: Diese Vorwürfe würden aufhören, wenn ich einfach alles abnicken und nie mehr widersprechen würde. Aber so sollte ein westlicher Bürger nicht sein. Es ist wesentlich für die Bürgerschaft, einen gewissen Patriotismus zu leben, aber nicht blind zu sein.

Wenn ich von Loyalität spreche, meine ich immer kritische Loyalität. Sei loyal zu deinem Land, aber kritisch mit deiner Regierung, wenn du findest, dass sie etwas Falsches tut.

Leserkommentare
  1. Auch die Betreiber jener Website betrachte ich als Brüder und Schwestern im Geiste. Was ich jedoch vermisse, ist ein einziges Wort von denen in den Fatwas, oder habe ich da etwas nicht gesehen, was Sie gesehen haben?

    Antwort auf "@Voll Pfosten"
    • vonDü
    • 04. Januar 2013 14:20 Uhr
    186. Beispiele

    "Mich würde ja auch mal der positive Einfluss des Islams auf unsere deutsche Kultur interessieren. Irgendwelche Vorschläge?"

    Hier finden Sie vielleicht ein paar Beispiele

    http://www.geschichteinch...

    Eine Leserempfehlung
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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Danke. Die Redaktion/kvk

    Bis

    "Die Papierherstellung ist ein entscheidender Vorteil der arabischen Welt gegenüber dem arroganten und rassistischen "Christentum", wie man folgendem Text entnehmen kann"

    hab ich gelesen.

    [...]

    vonDü, Sie setzen arabische mit islamischer Geschichte gleich und beziehen sich dazu auf eine Quelle, wo u.a. dies steht:
    "Dabei ist der Islam durch die kulturelle Weiterentwicklung der griechischen Wissenschaften sowie Elementen der chinesischen Wissenschaften dem mitteleuropäischen Kulturkreis weit voraus. Aus dieser Bedrohung heraus versuchen die Päpste mit "Kreuzzügen", die Muslime zu bekämpfen, statt von ihnen zu lernen."

    [...]

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Bei Kritik und Anmerkungen wenden Sie sich bitte an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/mo.

    • tronco
    • 04. Januar 2013 14:33 Uhr

    "Ich bin Angst einflößend und gruselig für viele meiner Mitbürger. Das liegt aber nicht an demjenigen, der ich bin, sondern daran, dass diese Mitbürger nicht wissen, wer sie selbst sind."

    Das lässt sich wohl wie der gesamte Artikel so sehen, allerdings habe ich größte Zweifel, ob dem, wie bei anderen Aussagen des Herrn Ramadan auch, wirklich die Wahrheit entspricht.

    Was wir brauchen, ist ein europäischer Islam, der es endlich schafft über überkommene Ge- und Verbote, die einfach mit einer heutigen westeuropäischen Gesellschaft nicht vereinbar sind, hinwegzukommen.

    Dies wird aber durch die grundlegende Organisationsform des Islams bzw dessen Nichtorganisation bewusst verhindert, in dem immer islamistischer und nationalistischer werdende Regierungen des Nahen Ostens, insbesonder der Türkei unter Erdogan, eine Parallele zwischen gutem Moslemsein und Türkentum ziehen und durch die DITIB und ähnliche Organisationen in das muslimische Leben hier in Deutschland und anderswo in Europa hineinregieren.

    Diese ganze Situation entspricht meiner Auffassung eher an ein bewusstes Parallelisieren oder Missionieren als wirklich für einen bodenständig-europäischen Islam.

    Die DITIB kann und darf kein Ansprechpartner für innereuropäische Angelegenheiten sein, solange sie das ist und die Mehrzahl der europäischen Muslime sich ihr "anschließt", sehe ich eher immer mehr und schwierigere Probleme als eine Lösung.

    Ferne zweifele ich auch stark an der tatsächlichen Gegebenheit der drei "Ls"...

    4 Leserempfehlungen
  2. 188. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Danke. Die Redaktion/kvk

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Beispiele"
  3. 1.Ja, der Islam gehört zu Deutschland, "einfach weil wir hier leben". Wieviele Jahre/Jahrzehnte müssen denn vergehen, um es so zu betrachten? Oder müssen es immer noch Jahrhunderte sein, in unserer kleineren, schnelllebigen Welt? Wenn ja, warum?
    2. Ja, eine möglicherweise muslimische Journalistin darf einen Islamwissenschaftler interviewen, ohne in Verdacht zu geraten, parteiisch zu sein. Wir leben schließlich in Europa.
    3. Islam? Hurra, diese Unterdrücker! Jede andere (und insbesondere die jeweils persönliche) Religion ist frei davon.
    4. Kritische Moslems? Was erlauben die sich noch alles?
    5. Kritische Muslimas? Gibts das überhaupt?
    6. Ja. Hier der Beweis: erst wenn alle vorhergehenden "europäischen" (Be-)Denkweisen überwunden und erst wenn Islamwissenschaftler Muslimas mit vorehelichem Verkehr, unehelichen Kindern und selbstbestimmter Lebensführung AKZEPTIEREN, reden wir weiter über prä-/peri-/post Integration....

  4. Gelesen hatte ich über seine arabisch-english/deutsch/französisch-Manöver erstmals bei Bassam Tibi, seinerseits emeritierter Prof von Göttingen und mit Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Das stand entweder in "Vom Gottesreich zum Nationalstaat" oder in "Fundamentalismus im Islam", in jedem Fall hat Tibi einiges dazu zu sagen. Tibis Meinung zu Ramadan findet man auch kurz angerissen in seinem Artikel hier: http://www.signandsight.c...
    Beim frz. Wikipédia findet man einen recht kritischen Eintrag zu Ramadan, bei dem auf ein Buch verwiesen wird von Caroline Fourest, die sich mit seinen Kassetten und Schriften ausgiebig befasst hat. Ein Interview mit ihr hier: http://www.newcultureforu...
    Eine Review von dem bekannten Islamkritiker Ibn Warraq hier: http://www.campus-watch.o...
    Ebenfalls interessant: http://www.theaustralian....

    12 Leserempfehlungen
  5. Bis

    "Die Papierherstellung ist ein entscheidender Vorteil der arabischen Welt gegenüber dem arroganten und rassistischen "Christentum", wie man folgendem Text entnehmen kann"

    hab ich gelesen.

    Antwort auf "Beispiele"
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    Für diesen Link brauchen Sie sich nicht extra bedanken, gern geschehen.
    http://www.wellpappe-wiss...

  6. 192. [...]

    [...]

    vonDü, Sie setzen arabische mit islamischer Geschichte gleich und beziehen sich dazu auf eine Quelle, wo u.a. dies steht:
    "Dabei ist der Islam durch die kulturelle Weiterentwicklung der griechischen Wissenschaften sowie Elementen der chinesischen Wissenschaften dem mitteleuropäischen Kulturkreis weit voraus. Aus dieser Bedrohung heraus versuchen die Päpste mit "Kreuzzügen", die Muslime zu bekämpfen, statt von ihnen zu lernen."

    [...]

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Bei Kritik und Anmerkungen wenden Sie sich bitte an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/mo.

    2 Leserempfehlungen
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    Mir ging es darum, eine beschriebene Begründung zu den Kreuzzügen zu kommentieren. Wenn ich die Begründung statt "naive Dümmlichkeit" mit "skurril" bezeichne, ist es dann im Sinne der Nettiquette?

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