TeilzeitIch mach mal halblang

Weniger Geld, mehr Freizeit: Eine Teilzeitstelle auszuhandeln ist nicht immer leicht. Einige Berufseinsteiger haben es geschafft – und sind glücklich damit. von Vanessa Klüber

Manchmal war Eva Kubitz, 25, nicht sicher, ob ihre Kollegen sich über sie lustig machten, wenn sie ihr einen schönen Feierabend wünschten. Kubitz arbeitet bei einer kleinen IT-Firma in Münster und verlässt regelmäßig schon mittags das Büro. Sie ist die Einzige in ihrem Team, die freiwillig in Teilzeit arbeitet. Eva Kubitz hat keine Kinder, die aus der Tagesstätte abgeholt werden wollen. Sie muss zu Hause auch niemanden pflegen. Sie hat keinen Zweitjob und kein Burn-out, sie ist nicht überfordert oder genervt von der Arbeit. Sie hat einfach Lust, ab und zu etwas anderes zu machen. Auch wenn sie am Anfang ein schlechtes Gewissen hatte, das Büro zu verlassen, während ihre Kollegen noch am Schreibtisch saßen. "Die haben gesagt: Du hast es gut", sagt Kubitz. "Ich hatte das Gefühl, ich müsste mich rechtfertigen."

Montagnachmittags, wenn ihre Kollegen noch am Computer sitzen, steht Eva Kubitz vor ihrem Notenpult in der evangelischen Studentengemeinde. Sie leitet dort den Chor und probt Pop- und Gospelsongs. Für Eva Kubitz ist das nicht nur ein Ehrenamt, sondern eine Leidenschaft. Stundenlang übt sie Dirigieren, wählt Lieder aus und bearbeitet neue Stücke für ihren Chor. Etwa alle sechs Wochen fährt sie auf eine Fortbildung, um ihren Chorleiterschein zu machen. Dass das neben der Arbeit gehe, sei "Luxus pur".

Anzeige

"Ich hätte leicht einen gut bezahlten Vollzeitjob bekommen", sagt Eva Kubitz. Sie hat Mathematik und Informatik studiert und ihren Bachelor mit einem Schnitt von 1,5 abgeschlossen. Mit einem Vollzeitjob würde sie deutlich mehr verdienen – aber die freie Zeit ist ihr wichtiger als Geld. Kubitz lebt in einer WG, sie hat kein Auto, sie kann auf ein volles Gehalt verzichten. "Meine Arbeit macht mir sehr viel Spaß, aber ich würde mich nie für einen Job aufreiben", sagt sie. Jetzt hat sie jede Woche zwei Nachmittage frei.

Leute wie Eva Kubitz könnte es künftig immer öfter geben, glaubt die Wirtschaftswissenschaftlerin Jutta Rump. "Wenn gut ausgebildete Berufseinsteiger durch den demografischen Wandel rar werden, bekommen sie mehr Marktmacht", sagt sie. "Dann werden sich immer mehr trauen, mehr Gehalt und vor allem flexiblere und kürzere Arbeitszeiten zu verlangen." Rump forscht an der Fachhochschule Ludwigshafen, sie leitet dort das Institut für Beschäftigung und Employability. Mehr als 200 internationale Studien aus den letzten fünf Jahren hat sie untersucht. Ihr Ergebnis: Den meisten der zwischen 1980 und 2000 Geborenen ist eine gute Balance zwischen Freizeit und Arbeit genauso wichtig wie Geld. Der Elterngeneration war die Work-Life-Balance dagegen noch so egal, dass kaum jemand seine Arbeitsplatzwahl davon abhängig machte.

Andere Forscher bestätigen Rumps Befund. "Das Bedürfnis nach reduzierten Arbeitszeiten ist bei den Zwanzig- bis Dreißigjährigen enorm hoch", sagt Eike Wenzel vom Institut für Trend- und Zukunftsforschung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Der Grund dafür könnte die Wirtschaftskrise der letzten Jahre sein. "Diese Generation hat erlebt, dass es wenig Sicherheit und Beständigkeit gibt, schon gar nicht in der Arbeitswelt", sagt Wenzel. Junge Arbeitnehmer würden ihre Erfüllung nicht mehr ausschließlich in einem Job suchen, denn den könnte es nach der nächsten Firmenübernahme oder platzenden Finanzmarktblase vielleicht nicht mehr geben. Den großen Umbruch auf dem Arbeitsmarkt sieht Wenzel aber nicht. Chefs und Personalmanager müssten erst noch lernen, flexiblere Arbeitszeiten und Teilzeitmodelle für Einsteiger anzubieten, sagt er.

Leserkommentare
  1. So geht es also auch. Besser als in deutschem Autoritätsgehorsam 40h plus x runterzureissen und mit 55 die einen Bandscheibenvorfall oder eine Depression auszubaden. Die man dann natürlich auf das System schiebt. Ich persönlich empfehle 35h und einfach pünktlich Schluß machen.

    12 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Ich persönlich empfehle 35h und einfach pünktlich Schluß machen."

    Ich hatte ein Jahr lang das Vergnügen, nur 30 Stunden arbeiten zu müssen. Es fühlte sich jeden Tag wie Urlaub an. 15 statt 17 Uhr gehen zu können, macht einen gewaltigen Unterschied im Lebensgefühl...

    • Dr.Um
    • 26. August 2013 7:21 Uhr

    das sollte man niemals vergessen. Wer heute sagt, dass er seinen Job "verloren" hat, erregt doch in D schon beinahe Mitleid. Das gilt sogar, wenn er/sie die Kündigung herbeisehnte. Mit etwas Glück ändert sich diese Einstellung noch, und Chefs und Kollegen verstehen ein Leben in Teilzeit nicht als Faulheit sondern einfach als normalen Lebensentwurf, mit außerdienstlichen Inhalten

    8 Leserempfehlungen
  2. "Ich persönlich empfehle 35h und einfach pünktlich Schluß machen."

    Ich hatte ein Jahr lang das Vergnügen, nur 30 Stunden arbeiten zu müssen. Es fühlte sich jeden Tag wie Urlaub an. 15 statt 17 Uhr gehen zu können, macht einen gewaltigen Unterschied im Lebensgefühl...

    14 Leserempfehlungen
    Antwort auf "guter Artikel"
  3. bitte nicht nachher nach dem bedingungslosen Grundeinkommen schreien.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Oyamat
    • 26. August 2013 9:33 Uhr

    Der Schrei nach dem Bedingungslosen Grundeinkommen muß in der Tat *jetzt* schon kommen, und zwar vor allem für die, die derzeit ausgegrenzt, vernachlässigt und von der Gesellschaft verachtet werden.

    Da das mit enormen Einsparungen an anderer Stelle einhergehen kann (z.B. indem man die Wasserköpfe von Krankenversicherungen und Arbeitsagentur amputieren könnte), können wir uns das genausogut oder sogar BESSER leisten als das gegenwärtige System. Nur die Verachtung für die Armen, die würde unter Umständen verlieren. Für manche sicher ein herber Verlust...

    MGv Oyamat

  4. jedem selbst überlassen werden. Sicherlich eine gute Alternative , sowohl für Singles, aber auch Familien ( besonders mit jungen Kindern ) aber auch älteren Arbeitnehmern, welche ihre Arbeitszeit aus Gesundheitsgründen reduzieren wollen.
    Ein Problem könnte natürlich werden, wie sich das auf unsere Sozialsysteme auswirkt, besonders in Zeiten der zunehmenden Veralterung der Gesellschaft.
    Der Generationenvertrag wird damit natürlich weiter ausgehölt.
    Und jeder, der diesen Weg geht sollte auch frühzeitig darauf hingewiesen werden, welche Folgen dieses Modell für seine spätere Altersversorgung hat.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • bedem
    • 26. August 2013 9:46 Uhr

    Das könnte sich auf die Sozialsysteme positiv auswirken: das Risiko für vorzeitige, krankheitsbedingte Ausfälle wird reduziert. Zudem können durch die reduzierte Arbeitszeiten auch die Menschen, die bislang auf Arbeitslosengeld angewiesen werden wieder in Arbeit kommen.
    Ich vermute dass die Sozialsysteme stark entlastet würden.

    • Dr.Um
    • 26. August 2013 10:58 Uhr

    Warum sollte ich mir wegen einer Teilzeitbeschäftigung Sorgen um die Rente machen? Das Argument wäre vielleicht schlüssig, wenn sich niemand mit Vollzeit darum kümmern bräuchte. Es ist doch eigentlich sekundär, was in der Renteninformation steht. Man braucht mit 67 nämlich nicht x Euro, die man unter ständig wechselnden Bedingungen der Rentenversicherung beim Renteneintritt (aus heutiger Sicht) bekäme, sondern eine warme Stube und etwas zu essen. Was das in 30+ Jahren wirklich kosten wird, weiß heute kein Mensch.

    der generationenvertrag ist bereits ausgehöhlt.
    und je älter wir glauben werden zu müssen, desto mehr arbeiten wir für die zeit in der wir nur noch aufs sterben warten und das in der zeit in der wir leben sollten.

    • Heiva
    • 26. August 2013 9:11 Uhr

    Ich kann diesen Schritt nur jedem Empfehlen,wenn sie/er es sich leisten kann.Wir dürfen dabei aber nicht die Lobbyisten der Versicherungskonzerne im Bundestag vergessen,die ja an der Rentenversicherung kräftig herummanipulieren.Im Alter am Daumen lutschen zu müssen,und das viele Jahre lang,ohne jede Hoffnung auf Besserung ist bedrückend.

    Eine Leserempfehlung
  5. Wenn ich will, kann ich bei meinem jetztigen Job jeden einzelnen Tag ausschlafen.

    Und darum bin so begeistert bei der Arbeit, dass ich sie kaum noch als "Arbeit" wahrnehme. Ich spüre nicht das "Du musst x Stunden absitzen", sondern ich spüre den respektvollen Umgang mit mir und meinen Fähigkeiten.

    Und wenn am Wochenende das Wetter mies ist, dann wird halt gearbeitet. Dafür reicht eine kurze Absprache mit den Kollegen, und schon bin ich am Mittwoch oder Donnerstag in den schönen grünen Hügeln draussen.

    5 Leserempfehlungen
    • Oyamat
    • 26. August 2013 9:33 Uhr

    Der Schrei nach dem Bedingungslosen Grundeinkommen muß in der Tat *jetzt* schon kommen, und zwar vor allem für die, die derzeit ausgegrenzt, vernachlässigt und von der Gesellschaft verachtet werden.

    Da das mit enormen Einsparungen an anderer Stelle einhergehen kann (z.B. indem man die Wasserköpfe von Krankenversicherungen und Arbeitsagentur amputieren könnte), können wir uns das genausogut oder sogar BESSER leisten als das gegenwärtige System. Nur die Verachtung für die Armen, die würde unter Umständen verlieren. Für manche sicher ein herber Verlust...

    MGv Oyamat

    8 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Teilzeitarbeit | Berufsanfänger | Work-Life-Balance | Freizeit | Gehalt
  • Neu auf ZEIT ONLINE
    1. Protokolle aus Gaza "Wir haben kein Wasser, keinen Strom, kein Essen"
    2. Mannheim Eurocity kollidiert mit Güterzug
    3. Sanktionen Wie wehrlos ist Russland?
    4. Staatspleite Argentiniens US-Gericht erzwingt neue Gespräche im Schuldenstreit
    5. Erin Brokovich 2 Frauen gegen Bayer
  • Neu im Ressort Karriere
    1. Personalauswahl "Blender geben häufig wenig von sich preis"
    2. Befristung Viele befristete Hochschulverträge unwirksam
    3. Berufseinstieg Erfolgreich im neuen Job
    4. Beförderung Ab jetzt Führungskraft
  • Anzeige
  • Anzeige
  • Anzeige
  • Quiz

    Frage 1 / 10

    Verstehen Sie Akademisch?

    Philosophische Texte sind oft besonders unverständlich. Hier ein Beispiel: "Das mit seiner Umgebung konfrontierte gesellschaftliche Subjekt verhält sich jeweils zu den vergangenen Produktionsprozessen insgesamt so wie jenes mit seinem Nicht-Ich konfrontierte Ich zum Akt des in sich zurückgekehrten Handelns, welches als das absolute Ich durch Entgegensetzung eines Nicht-Ichs als Ich produziert."
    Was bedeutet das übersetzt?

    • 1.
    • 2.
    • 3.
  • ARTIKEL ZUM THEMA Beruf IM RÜCKBLICK
    August | Juli | Juni | Mai | April
Service