Für Mitarbeiter, die nach der Elternzeit in Teilzeit in den Job zurückkehren wollen, haben große Unternehmen längst Pläne entwickelt. Aber für gut ausgebildete Berufsanfänger? "Bei uns ist es noch nie vorgekommen, dass jemand nach dem Studium Teilzeit arbeiten wollte, nur um seine persönlichen Projekte zu verfolgen", sagt Andrea Beddies, eine der Personalchefinnen von Symrise, einem großen Chemiekonzern. Bei der Telekom sieht es ähnlich aus: "Leute, die sehr jung in Teilzeit einsteigen, sind derzeit eher Exoten", sagt der Telekom-Sprecher Christian Fischer.

Der Trend, den manche Wissenschaftler beobachten, ist bei den Arbeitgebern offenbar noch nicht angekommen. Das könnte auch daran liegen, dass es zwar immer mehr Berufsanfänger gibt, die mehr Freizeit wollen, aber nur wenige, die sich trauen, ihren Wunsch auch anzusprechen.

Ein 26 Jahre alter BWL-Student, der anonym bleiben will, befürchtet, gar keine Stelle mehr zu bekommen, wenn er öffentlich bekennt, dass er lieber Zeit zum Reisen hätte als ein volles Gehalt. Bei der Personalmanagerin eines großen Industrieunternehmens habe er einmal nachgefragt, ob Einsteiger dort auch in Teilzeit beschäftigt würden. "Sie hat mir das Gefühl gegeben, das sei ein echter Karrierekiller", sagt er. Auch seine Freunde und Kommilitonen haben ihn gewarnt, gleich am Anfang mehr Freizeit zu fordern. Am Ende hat er sein "Teilzeit-Hirngespinst", wie er es nennt, begraben.

Ähnlich geht es einem 28 Jahre alten Kommunikationswissenschaftler. Er hat zwar einen Teilzeitjob, will aber möglichst nicht darüber reden. "Mein Chef würde es bestimmt nicht gerne sehen, wenn ich öffentlich von meinem freien Tag schwärme", sagt er. "Vielleicht denkt der dann, dass ich faul bin." Er ist überzeugt davon, dass er mit seinem Wunsch nach mehr Freizeit nicht alleine ist. "Viele meiner Bekannten wollen mehr Zeit für sich", sagt er. "Aber niemand sonst zieht es durch."

Arbeitsmarktexperten haben bislang vor allem jene Berufseinsteiger erforscht, die unfreiwillig in Teilzeit arbeiten, und wenn man wissenschaftliche Studien zum Thema liest, stößt man vor allem auf die Nachteile von Teilzeitjobs: kleine Gehälter zum Beispiel, schlechte Aufstiegschancen und wenige Möglichkeiten für Weiterbildung. Eva Kubitz sagt, sie spüre davon nichts. "Es ist nicht so, dass ich unwichtige Aufgaben übernehmen muss oder im Büro nicht richtig Fuß fasse", sagt sie. "Ich betreue Kunden und programmiere Software – wie die anderen auch."

Kubitz traute sich, gleich im Vorstellungsgespräch zu sagen, dass sie gern weniger arbeiten wolle als 40 Stunden pro Woche, dass die Arbeit im Chor ihr so wichtig sei wie die Arbeit im Büro. Ihr zukünftiger Chef habe gelassen reagiert, sagt sie.

Wer in Deutschland in Teilzeit arbeitet, ist fast immer eine Frau. 2010 waren rund 85 Prozent aller Teilzeitkräfte weiblich. Doch in den letzten Jahren haben vor allem junge Väter versucht, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Manchmal auch Männer ohne Kind. So wie Torben Scheper, 34. Scheper arbeitet bei Sun Energy, einer Firma, die Photovoltaik-Anlagen herstellt. Vier Tage in der Woche geht er zur Arbeit, den Mittwoch nimmt er sich fürs Nichtstun. "Diese Freizeit ist besser als jedes Zusatzgehalt", sagt er. "Geld kann morgen schon nichts mehr wert sein. Meine Zeit kann mir dagegen niemand nehmen." Wenn er über seinen Beruf spricht, lehnt er sich entspannt zurück. Nach einer Ausbildung zum Schornsteinfeger hat Scheper Umweltwissenschaften in Lüneburg studiert und wurde Werkstudent bei Sun Energy in Hamburg. Das Unternehmen übernahm ihn nach seinem Diplom als IT-Administrator und erfüllte seinen Wunsch nach weniger Arbeit. "Hätte ich mich woanders bewerben müssen", sagt er, "dann hätte ich mich von diesem Wunsch wahrscheinlich verabschieden können". Ältere Personalchefs sähen lieber jemanden, der sich nicht schone, sondern um jeden Preis Karriere machen wolle, glaubt Scheper. Dabei ist sein Arbeitszeitmodell für die Firma gut. "Ich bin fast nie krank", sagt er. "Und donnerstags und freitags bin ich so fit wie zu Beginn der Woche."

Den Softwareberufen, in denen Eva Kubitz und Torben Scheper arbeiten, werden traditionell entspanntere Umgangsformen nachgesagt. Aber nicht nur dort wird Teilzeitarbeit beliebter. Franziska Koepke, 31, hat Psychologie studiert und eine Ausbildung zur Psychotherapeutin gemacht. Heute arbeitet sie etwa 30 Stunden pro Woche, und ihre Chefin findet das in Ordnung. Sie möge ihren Job, sagt Koepke, aber eben auch ihre Freunde, ihre Familie und gutes Essen. "Ich bin Genießerin und brauche auch Zeit zum Einkaufen und Kochen", sagt sie. An ihre optimale Arbeitszeit hat sie sich herangetastet, mit elf Patienten in der Woche hat sie angefangen und dann langsam aufgestockt. "Mehr sollen es auf keinen Fall werden", sagt Koepke, "meine Grenze ist erreicht."