Studenten von früherLoriot

Mit Bildern seiner nackten Freundin bewarb sich der Humorist an der Kunstakademie. Mit einem kleinen Männchen wurde er berühmt. von Ines Schipperges

»Benötigen Sie einen Weihnachtsmann? Ich bin Student.« Bernhard-Viktor Christoph Carl von Bülow, besser bekannt als Loriot, war fast immer klamm. Zumindest in seinen frühen Jahren ziehen sich die Geldsorgen durchs Leben. Schon sein Babyhemd kostet 480 Milliarden Mark – von Bülow wird 1923 geboren, während der großen Inflation. Die Mutter stirbt früh, der Vater, ein Polizeimajor, erzieht ihn preußisch streng. 1941 macht Vicco, wie ihn seine Freunde nennen, das Notabitur, eine provisorische Reifeprüfung für die Jungen, die kurz vor Ende der Schulzeit in den Krieg ziehen müssen. Von Bülow kommt an die Ostfront. Als er zurückkehrt, ist er heil am Leib, weniger an der Seele: Sein Bruder und seine Freunde haben den Krieg nicht überlebt, sein Geld verdient er sich als Holzfäller. Doch die körperliche Arbeit reicht nicht, um die Erinnerungen an die Front zu vertreiben.

Von Bülow stürzt sich in einen »unerklärlichen Bildungsrausch«, schreibt er 1983 in seiner Biografie. Er büffelt, bis er das vollgültige Abitur in der Tasche hat. Was er mit dem Abschluss anfangen soll, weiß er nicht. Er verweilt in einem »Zustand ehrgeizloser Zufriedenheit«, bis ausgerechnet der gestrenge Vater auf eine waghalsige Idee kommt. Er schlägt ihm vor, sich an der Hamburger Landeskunstschule zu bewerben; Vicco von Bülow ist ein guter Zeichner. »Ein normaler Vater würde doch seinem Sohn diese Flausen austreiben und sagen: Junge, lern was Ordentliches und werd nicht Künstler«, sagt von Bülow später. Aber nicht einmal auf preußische Offiziere ist Verlass, und so wird Vicco von Bülow eben Künstler.

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Hilfe bekommt er von seiner damaligen Freundin: Die zieht sich für ihn aus, und von Bülow bringt sie auf Papier. Die 70 Variationen einer nackten Frau werden seine Bewerbungsarbeit für die Kunstakademie. Was außergewöhnlich klingen mag, erscheint nur konsequent für einen, der 1969 den ersten nackten Frauenkörper im deutschen Fernsehen zeigen und mit Sätzen wie »Meine Frau hopst, wo sie will« berühmt werden wird. Und der vielleicht damals schon erkennt: »Frauen haben auch ihr Gutes.«

ZEIT Campus 2/13
ZEIT Campus 2/13

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Es funktioniert: Im Alter von 23 Jahren bekommt Vicco von Bülow einen der begehrten Studienplätze an der Hamburger Kunstschule. Mit sechs Paar Socken und einer spärlichen Auswahl feldgrauer Klamotten zieht er 1947 vom niedersächsischen Markoldendorf in die Großstadt. Er wohnt auf acht Quadratmetern zur Untermiete in einem Friseursalon, zwischen Irrenhaus, Zuchthaus und Friedhof – und fühlt sich mopswohl. Die Kommilitonen werden seine Familie, der Hamburger Maler und Grafiker Willem Grimm ist für ihn Ersatzvater und Meister zugleich. Von Bülow bewundert ihn als Künstler, schätzt ihn als Lehrer. Willem Grimm ist an der Kunstschule als subtiler und scharfer Kritiker bekannt. Als von Bülow eines Tages von einer Exkursion in den Hamburger Zoo zurückkehrt und ihm eine Zeichnung zeigt, einen dahinskizzierten Papageien, sagt Grimm: »Ja, ja, mit dem Strich ist viel Geld zu verdienen...« Von Bülow spürt den Tadel – und schwört sich, nie mehr dem Mainstream hinterherzujagen.

1948 lernt er auf dem Faschingsball der Kunstschule Rose-Marie »Romi« Schlumbom kennen. Romi ist die Tochter einer Hamburger Kaufmannsfamilie, geboren auf den Philippinen, eingeschult in Japan. Der Krieg treibt sie zurück nach Hamburg, wo sie Modedesign studiert und sich in Vicco von Bülow verliebt. »Eher selten hätten preußische Offiziere Hamburger Kaufmannstöchter geheiratet«, wundert sich Romi später. Von Bülow nähert sich ihr sacht und zurückhaltend – anders als der Exfreundin, die ihm nackt zum Studienplatz verholfen hatte. Er zeichnet Romi gesittet auf einem Hocker sitzend, lädt sie zu Spaziergängen ein und macht ihr nach drei Jahren einen Heiratsantrag, formvollendet auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

Der Steckbrief

Lebenszeit:
1923 bis 2011

Studium:
Malerei und Grafik in Hamburg

Besondere Vorkommnisse:
Wurde 1953 wegen erboster Leserbriefe über seine Cartoons vom stern gefeuert. Ein Jahr später wurde die Serie ein Bucherfolg

Wichtigste Auszeichnung:
Posthum wurde eine Spinne nach ihm benannt: Otacilia loriot

Lesetipp

Loriot: Möpse & Menschen. Eine Art Biographie, 1983, Neuauflage 2012, erschienen im Diogenes Verlag, 320 Seiten

Das junge Paar will bald zusammenziehen, aber ihm fehlt das Geld für eine Wohnung. Also widmet sich von Bülow der Werbegrafik statt der holden Kunst; für die Hamburger Zeitschrift Die Straße zeichnet er Karikaturen und Cartoons, später auch für den stern.

Seine Zeichnungen signiert er mit einem Pseudonym, angelehnt an das Familienwappen der von Bülows. Das Wappentier ist ein Pirol, französisch loriot. Aus Vicco von Bülow wird Loriot. Und Loriot wird bald berühmt, mit dem Knollennasenmännchen aus den Cartoons, die er veröffentlicht. »Nach insgesamt etwa zwanzig Lehrjahren sah ich mich nun imstande, ein kleines Männchen zu zeichnen, das mich bis heute ernährt«, erinnert sich von Bülow. »Ich bin sehr gut zu ihm, damit es mich nicht verlässt.« Später wird Loriot nicht nur Cartoons zeichnen, sondern auch Filme machen, Theater spielen, Fernsehsendungen moderieren, Bühnenbilder und Kostüme entwerfen. Das Männchen aber hat ihn nie verlassen.

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Leserkommentare
  1. 1. Loriot

    Das bewundernswerte an IHM war seine nonchalance und die Tatsache, dass er aus der Zeit zu fallen schien, was er auf die Erziehung durch seine beiden Großmütter zurückführte, die fest verwachsen im 19. Jh. waren. Ein Grandseigneur des trockenen Humors mit höchst humanistischer Attitüde.
    Mit freuden erinnere ich mich an seine Ansprache zum 100jährigen Vereinsjubiläum der Münchner Bayern. Ein wahrer Ohrenschmaus.

    10 Leserempfehlungen
  2. Vielen Dank für diesen schönen Artikel!

    Über Loriot braucht man wohl nicht viel zu sagen. Außer, dass er mit wenigen anderen dieser Zeit unerreichbar bleibt. Und heutzutage auch unvergleichbar.

    11 Leserempfehlungen
  3. am Ohlsdorfer Friedhof - herrlich, unwiderbringlich, unvergesslich -

    2 Leserempfehlungen
  4. ...genial!

    Wenn ich an die aktuellen "Humoristen" denke schüttelt es mich..... :-(

    8 Leserempfehlungen
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    Wir sind auch heute nicht so schlecht bedient, wie Sie es zeichnen, sofern man eben den Blick abwendet vom Scheinwerferlicht auf die "Kleinkunst"-Bühne.
    Das Kabarett steht auch heute noch in bester Tradition zu Bülow oder auch Hildebrandt. Um nur zwei aus vielen mehr zu nennen, die Intellekt und Witz zugleich bieten: Georg Schramm, Mathias Tretter.

  5. 5. Er war

    und bleibt der Größte.

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  6. diesen Herren nicht überheben. Er war nur ein Genie.

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  7. Es saugt un bläst der Heinzelmann wo Mutti nur noch blasen kann.

    Er hatte aber auch in Evelyn Hamann die ideale Filmpartnerin-

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    • uboot
    • 02. März 2013 9:28 Uhr

    ...mit Zitaten! Seine werten Erben nehmen so was offenbar nicht mit Humor, wie man liest. Auch bei Heinz Erhardt haben Gedichts- Auszüge schon zur Abmahnung geführt- in diesem Falle aber durch den Verlag, nicht durch die Familie.

  8. 8. Heute

    Wir sind auch heute nicht so schlecht bedient, wie Sie es zeichnen, sofern man eben den Blick abwendet vom Scheinwerferlicht auf die "Kleinkunst"-Bühne.
    Das Kabarett steht auch heute noch in bester Tradition zu Bülow oder auch Hildebrandt. Um nur zwei aus vielen mehr zu nennen, die Intellekt und Witz zugleich bieten: Georg Schramm, Mathias Tretter.

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    Antwort auf "Er war..."
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    8."Um nur zwei aus vielen mehr zu nennen, die Intellekt und Witz zugleich bieten.."

    Loriot besaß Herz,Verstand UND Humor,alles drei im Übermaß....das wird es nicht mehr geben,damit muß man sich abfinden.

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  • Serie Ehemaligenverein
  • Schlagworte Student | Loriot | Kunst | Studiengang
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