Berufseinstieg : Eine Ehe retten

Ein Mann hat Sex mit der Nachbarin – hinter dem Rücken seiner Frau. Julia Vinarski ist in der Ausbildung zur Therapeutin. Kann sie dem Paar helfen?

Jedes Mal, wenn er den Namen der Nachbarin sagt, zuckt seine Frau zusammen. Er ist Mitte 30 und hat sie mit der Nachbarin betrogen. Die Nachbarin ist jung und attraktiv. Sie heißt Julia, genauso wie ich, das ist mir unangenehm. Seine Frau und er sind im selben Alter, beide arbeiten in Führungspositionen, verheiratet, ein Kind. Und ich soll ihre Ehe retten.

Die beiden sitzen vor mir auf zwei bequemen Sesseln, neben mir ein kleines Tischchen für meine Aufzeichnungen. Am Anfang mache ich mir Sorgen, ob ich ernst genommen werde. Ich bin 26, wirke wie eine Studentin, ich trage keinen Kittel, der mir Autorität verleihen könnte, sondern Jeans. Natürlich verstehe ich mein Fach: Ich habe ein abgeschlossenes Psychologiestudium und mache gerade eine Zusatzausbildung an der TU Braunschweig zur Psychotherapeutin, um später eine eigene Praxis aufzumachen. Nach der Hälfte der Ausbildung – seit Februar 2011 – darf ich selbstständig Paare therapieren.

Wie so oft ist auch bei meinem Paar das Geld die kleinste Sorge. Die beiden erzählen vom Leistungsdruck und davon, dass durch das Baby alles komplizierter geworden ist. Ihre Beziehung war nicht mehr liebevoll, sie sagen, sie hätten sich auseinandergelebt. Er fühlte sich vernachlässigt, und die Nachbarin machte ihm Komplimente. Schließlich wurde daraus eine Affäre. Über mehrere Monate. Getroffen haben sie sich im Hotel, nach der Arbeit. Wenn er sagte: »Schatz, heute komme ich später heim«, fiel es nicht auf. Er hat immer viel gearbeitet. Erst später, als sie merkte, wie abwesend er war, machte sie sich Sorgen. Auf seinem Handy fand sie dann eine SMS, von Julia. Statt es zuzugeben, leugnete er alles. Während er davon erzählt, weint seine Frau immer wieder. Als sie davon spricht, wie verletzt sie war, als alles aufflog, schaut er bloß regungslos geradeaus und sagt nichts mehr.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Immerhin schreien sie sich nicht an. Ich habe von Fällen gehört, bei denen nach zehn Minuten die ersten Gläser geflogen sind. Was mache ich bloß, wenn sie sich direkt trennen? In der Ausbildung hatten wir alles tausendmal besprochen und mit Schauspielern geübt. Aber wenn da vor einem ein richtig verkrachtes Ehepaar sitzt, ist das doch etwas anderes. Die haben ja wirklich ein Problem, das ich lösen muss.

Ich achte darauf, keine Position zu beziehen. Paartherapie ist manchmal wie eine Soap im Privatfernsehen. Dann würde ich am liebsten fragen: »Krass, das haben Sie echt gemacht?« Als das Paar mit den Nachbarn im Skiurlaub war zum Beispiel: Während sie Skifahren war, gab er vor, auf das Kind aufzupassen. Stattdessen schlief er mit der Nachbarin. Doch ich bleibe konzentriert und versuche, beide gleich zu behandeln. Ich bin keine Richterin, sondern Moderatorin.

Ich beschließe, Distanz zur Vergangenheit zu schaffen, um den Gedanken an die Nachbarin für die Frau erträglicher zu machen. Durch geschicktes Fragen hole ich aus dem Mann das heraus, was die Frau für eine Annäherung braucht: Die Nachbarin sei Geschichte, sagt er, er wolle seine Ehe retten. Ich atme auf. Julia wird zur Außenbeziehung, er zum involvierten Partner und seine Frau zur verletzten Partnerin. Sie hört auf zu zucken.

Wir vereinbaren, uns einmal die Woche zu treffen, jeweils für 50 Minuten. Doch gleich am Anfang gibt es Probleme. Die Betrogene soll ihrem Mann einen Brief schreiben, ihm erzählen, was sie verletzt hat. Und ihm den Brief in der Sprechstunde vorlesen. Er muss ihre Wut und Trauer dann aushalten. Und soll – im Idealfall – Empathie entwickeln, fühlen, wie es ihr geht. Doch der Brief und die Stimme, die ihn vorliest, sind seltsam emotionslos und gefasst. Ich frage mich, ob dieses misslungene Manöver meine Schuld ist: Hatte ich den Sinn des Briefes falsch erklärt? Im Einzelgespräch sagt die Frau mir dann, dass seine Kälte im ersten Gespräch sie abgeschreckt hat. Sie will ihn nicht kränken. Ich mache ihr klar, wie wichtig es ist, dass sie ihm alles erzählt. Und tatsächlich: Ihr zweiter Brief ist besser. Er ist kraftvoller, er klingt verletzter und trauriger. »Meine Welt ist zusammengebrochen. Durch Dich verliere ich den Glauben an die Liebe«, schreibt sie. Als sie das vorliest, nimmt er sie in den Arm. Von da an machen wir Fortschritte, auch wenn es immer wieder Rückschläge gibt, die viel Fingerspitzengefühl erfordern. Als wir uns nach einem Jahr zum Abschlussgespräch wiedersehen, sagen sie mir, sie seien glücklich. Mit Julia haben sie abgeschlossen. Und sind wieder eine Familie.

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Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

@nichtmitmir Re: Es gibt eine...

"Und im schlimmsten Fall kann man sich ja dann noch Filmchen aus dem Netz ziehen. Bei dem was da geboten wird kann die Nachbarin eh nicht mithalten."

Na da hat der Mann ja Glück, daß ihm die Filmchen noch zur Verfügung stehen. Die sollten ja europaweit verboten werden. Von Frauen.

http://www.sueddeutsche.d...

Ob die im Artikel angesprochene Frau damit ein Problem hätte, wenn der Mann zu seinem Porno-Konsum als Ausgleich für eine vernachlässigte Partnerschaft stehen würde? Und: Kennen Sie die Nachbarin? Ich bin mal gespannt, ob es von der Autorin auch mal einen Bericht zu einem umgekehrten Fall gibt (Frau betrügt Mann).

MfG