Soziale Medien"Hier fallen Bomben"
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Ich lebe in Hamburg, wo keine Bomben fallen

Amira postet, weshalb man eben postet: um durch Bilder Gefühle auszudrücken. Doch woher hat sie dieses Bild? Ist das virale Propaganda, die Menschen für eine der Kriegsparteien einnehmen soll? Lässt sie sich gerade von der Hamas instrumentalisieren? Aber wie könnte ich sie verurteilen? Ich sitze in der Sicherheit meiner Wohnung, weit weg von Gaza-Stadt und Tel Aviv. Ich lebe in Hamburg, wo keine Bomben fallen, wo höchstens einmal Mülleimer brennen, die Autonome am 1. Mai anzünden.

Ich bin nicht wie die Blogger in Berlin, die von ihren WG-Zimmern aus die syrischen Rebellen unterstützen, indem sie deren Videos bearbeiten und ihre Botschaften verbreiten. Ich bin keine politische Aktivistin. Ich bin nur Zuschauerin – und ich fühle mich dabei wie ein Voyeur. "I wish I could help you", schreibe ich an Amira, deren grüner Punkt weiterhin leuchtet.

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Noch drei weitere Tage lang werden in Gaza-Stadt Bomben fallen. Auch in Tel Aviv wird es weiter Luftalarm geben. Es wird keine Bodenoffensive kommen. Ein Onkel von Amiras Mann Fady wird bei einem Bombenangriff sterben. Und ich werde das alles verfolgen, vor meinem Rechner und auf meinem Smartphone, im Bus, bei der Arbeit, vor dem Schlafengehen – und mich weiter fragen: Was ist das für eine seltsame Nähe, die dabei zwischen uns entsteht?

Vielleicht haben sich Menschen auch früher schon diese Frage gestellt, als sie das Foto von Robert Capa aus dem Spanischen Bürgerkrieg sahen. Aber sie haben den Menschen nicht gekannt, dessen Tod sie auf dem Foto betrachten konnten. Vielleicht haben auch sie sich überfordert gefühlt, als sie im Zweiten Weltkrieg die Geräusche aus dem bombardierten London hörten oder später die Fernsehbilder aus dem Vietnamkrieg sahen.

Aber sie waren zum Zuhören und Zuschauen verdammt, sie haben nicht mit den Menschen sprechen können, bei denen gerade die Bomben explodierten. Welche Verantwortung habe ich, die ich Amira schreiben kann, während in ihrer Stadt Bomben einschlagen? Und was nützt es Amira, dass ich ihr zuschauen, aber nicht helfen kann?

Es ist nach Mitternacht, als sich das Chatfenster ein letztes Mal für heute öffnet und Amira mir antwortet. Sie tut etwas, was mich erst überrascht, dann beschämt und schließlich berührt. Sie schreibt: "Thank U for being there in the wartime. At least, I wasn’t alone." Ich sitze da, während Amiras Punkt von Grün zu Grau wechselt. Ich habe nichts gemacht, ich war nur auf Facebook.

 
Leser-Kommentare
  1. Mich hat Ihr Artikel sehr berührt. Auch wenn ich selbst Facebook nicht nutze, kann ich mir diese unglaubliche Nähe sehr gut vorstellen.
    Auch glaube ich, dass wir diese Nähe eigentlich gar nicht gut aushalten können. Nähe ohne wirklich da zu sein, ohne helfen zu können, ohne sich "einmischen" zu können.
    Es wäre bestimmt gut, es nicht bei Facebook zu belassen und zu versuchen doch etwas (reales) zu tun. Nicht in dieser Ohnmacht und Lähmung verbleiben.... Ich glaube sonst läuft man Gefahr, dieses ganz Großartige in sich zu verlieren: Empathie und der ehrliche, blanke Schreck über Gewalt. Ich glaube unsere Psyche würde langfristig versuchen diese nicht auszuhaltende Frustration und Ohnmacht auszublenden, zu relativieren oder zu verdecken.

    2 Leser-Empfehlungen
  2. http://www.liveleak.com/c...

    zur zeit erscheinen viele videoschnipsel, ein bis zwei tage später auf liveleak oder sonstigen einschlägigen seiten. die technischen möglichkeiten lassen diese zeitspanne immer kürzer werden. irgendwann ist es soweit und der geneigte zuschauer, kann per livestream durch die helmkamera des soldaten hochdefinierte videoaufnahmen verfolgen oder per satellit das ganze schlachtfeld in echtzeit beobachten.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Schon Walter Benjamin hat gezeigt, dass die bürgerliche Kultur den Tod ins Private verdrängt. Das Schreckliche am Kriege für den Bürger ist der öffentlich getragene Tod. Dieser Artikel bestätigt seine These. Tanzen im Krieg ist pervers, aber dem will der Bürger applaudieren, weil es (die sog. Normalität) die Verdrängung widerspiegelt und die Scheibe vor dem Tod beibehält.

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    • drop
    • 05.03.2013 um 18:35 Uhr

    Bitte achten Sie auf Ihren Ton. Danke, die Redaktion/mo.

    • drop
    • 05.03.2013 um 18:35 Uhr

    Bitte achten Sie auf Ihren Ton. Danke, die Redaktion/mo.

  4. "(...) irgendwann ist es soweit und der geneigte zuschauer, kann per livestream durch die helmkamera des soldaten hochdefinierte videoaufnahmen verfolgen oder per satellit das ganze schlachtfeld in echtzeit beobachten."

    Nicht irgendwann, man kann bereits ueber bambuser.com den Krieg in Syrien live mitverfolgen.

    Zum Beispiel jetzt gerade live aus Daraa Alballad:

    http://bambuser.com/v/341...

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    Ob man dass jetzt liken soll ist eine andere Frage.

    Da gibts auch Aufzeichnungen von live broadcasts um Schlachten in Aleppo vor zwei Monaten oder so, und da ist jemand mit der FSA direkt mitgegangen und das alles live in unmittelbarer Naehe mit gefilmt.

    Verlinke ich aber jetzt nicht, ist mir einfach zu blutig dass mir der Wuergereflex in der Gurgel hochkommt.

    Ob man dass jetzt liken soll ist eine andere Frage.

    Da gibts auch Aufzeichnungen von live broadcasts um Schlachten in Aleppo vor zwei Monaten oder so, und da ist jemand mit der FSA direkt mitgegangen und das alles live in unmittelbarer Naehe mit gefilmt.

    Verlinke ich aber jetzt nicht, ist mir einfach zu blutig dass mir der Wuergereflex in der Gurgel hochkommt.

  5. Ob man dass jetzt liken soll ist eine andere Frage.

    Da gibts auch Aufzeichnungen von live broadcasts um Schlachten in Aleppo vor zwei Monaten oder so, und da ist jemand mit der FSA direkt mitgegangen und das alles live in unmittelbarer Naehe mit gefilmt.

    Verlinke ich aber jetzt nicht, ist mir einfach zu blutig dass mir der Wuergereflex in der Gurgel hochkommt.

    Antwort auf "Warfare Livestream"
    • Bugger
    • 05.03.2013 um 15:19 Uhr

    Mir gefällt der Artikel gut, er wertet nicht, verurteilt keine Seite, sondern berichtet schlicht wie der Autor diese Situation wahrgenommen hat.
    Danke für den interessanten bericht.

    MfG

    Eine Leser-Empfehlung
    • drop
    • 05.03.2013 um 18:35 Uhr
    7. [...]

    Bitte achten Sie auf Ihren Ton. Danke, die Redaktion/mo.

    Antwort auf "Die arme Bürgerin! "
  6. Mir fällt Tiziano Terzani http://de.wikipedia.org/w... ein, der ein wunderbares Buch über seine " Kriegsschauplätze " geschrieben hat. Er hat 20 Jahre für den Spiegel recherchiert. Er sagte auch, dass es kaum noch gute Recherchejournalisten gibt, aber das war vor 20 Jahren. Er konnte ja nicht ahnen, dass Kriege aus technisierten Ländern inzwischen LIFE-Schauplätze für jedermann geworden sind. Anteilnahme, wie im Artikel beschrieben, kann helfen und Mut machen, aber sie kann eben nicht schützen. Irgendwie macht dieser Artikel eine gewisse Hilflosigkeit deutlich, aber reicht das? Mir ist er zu schöngeredet und veranschaulicht wieder einmal mehr, dass Sentimentalitäten vielleicht menschlich sind, aber eben in unserer Welt nur ein müdes Lächeln hervorrufen, weil die Kriegstreiber sich wohl kaum von uns gedankenvollen Schreibern beeindrucken lassen.

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    Sie bringen es sehr schön auf den Punkt: nur Sentmentalitäten und schlechtes Gewissen reichen nicht, vorallem wenn man sich als Journalist versteht. Ich erwarte eine leidenschaftliche und fundierte Recherche und einen begründeten eigenen Standpunkt.

    Auf mich wirkt der Artikel nicht sentimental, auch wenn er die Hilflosigkeit einer Einzelperson angesichts einer Bombardierung beschreibt.
    Der Artikel verdeutlicht, dass Meinungsbildung heute anders funktioniert als den meisten Politikern klar ist.

    "Reisen bildet", heißt es. Früher hat man von Reisen Fotos, Souvenirs und viele Eindrücke mitgebracht. Heute bringt man Kontakte mit, die über soziale Netzwerke auf sehr eigentümliche Weise zu losen Beziehungen werden. Jeden Moment kann man durch eine Statusmeldung aus seiner Alltagsperspektive gerissen werden. Schlaglichtartig erfahren wir etwas aus einem uns fremden Universum, und jemand hat offenbar gefunden, dass es uns etwas angeht.

    Auch wenn meine eigene Einkommensklasse noch so weit von Hartz IV entfernt ist - irgendwo im Facebook-Bekanntenkreis schreibt bestimmt jemand, der Hartz IV bezieht, über seine akute Geldnot, und ich muss das nicht "liken", aber ich muss es doch zur Kenntnis nehmen. Genauso muss ich zur Kenntnis nehmen, dass es echte Menschen sind, die von Bombardements betroffen sind, deren Versicherung nicht für Hurricane-Schäden aufkommt, die durch Mobbing klinisch depressiv geworden sind.

    Dass diese Informationen uns heute auf Beziehungsebene erreichen und nicht nur auf Nachrichtenebene, verändert den Prozess unserer Meinungsbildung von Grund auf. Und genau dieser Prozess ist die Grundlage aller späteren Aktionen oder eben des Stillhaltens. Das hat der Artikel sehr gut erfasst.

    Sie bringen es sehr schön auf den Punkt: nur Sentmentalitäten und schlechtes Gewissen reichen nicht, vorallem wenn man sich als Journalist versteht. Ich erwarte eine leidenschaftliche und fundierte Recherche und einen begründeten eigenen Standpunkt.

    Auf mich wirkt der Artikel nicht sentimental, auch wenn er die Hilflosigkeit einer Einzelperson angesichts einer Bombardierung beschreibt.
    Der Artikel verdeutlicht, dass Meinungsbildung heute anders funktioniert als den meisten Politikern klar ist.

    "Reisen bildet", heißt es. Früher hat man von Reisen Fotos, Souvenirs und viele Eindrücke mitgebracht. Heute bringt man Kontakte mit, die über soziale Netzwerke auf sehr eigentümliche Weise zu losen Beziehungen werden. Jeden Moment kann man durch eine Statusmeldung aus seiner Alltagsperspektive gerissen werden. Schlaglichtartig erfahren wir etwas aus einem uns fremden Universum, und jemand hat offenbar gefunden, dass es uns etwas angeht.

    Auch wenn meine eigene Einkommensklasse noch so weit von Hartz IV entfernt ist - irgendwo im Facebook-Bekanntenkreis schreibt bestimmt jemand, der Hartz IV bezieht, über seine akute Geldnot, und ich muss das nicht "liken", aber ich muss es doch zur Kenntnis nehmen. Genauso muss ich zur Kenntnis nehmen, dass es echte Menschen sind, die von Bombardements betroffen sind, deren Versicherung nicht für Hurricane-Schäden aufkommt, die durch Mobbing klinisch depressiv geworden sind.

    Dass diese Informationen uns heute auf Beziehungsebene erreichen und nicht nur auf Nachrichtenebene, verändert den Prozess unserer Meinungsbildung von Grund auf. Und genau dieser Prozess ist die Grundlage aller späteren Aktionen oder eben des Stillhaltens. Das hat der Artikel sehr gut erfasst.

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