AlkoholkonsumMythos Rausch

Noch nie wurde so wenig Alkohol getrunken wie heute. Trotzdem heißt es, dass Studenten ständig besoffen sind. Auf den Spuren eines Klischees von Tin Fischer

Candy ist schon wieder breit. Ich weiß nicht, wie viele Bierdosen sie jetzt leer gesoffen hat. Oder wie oft sie sich schon den Schlauch in den Mund gesteckt hat, an dessen anderem Ende ein Trichter befestigt ist. "Schluck, schluck, schluck!", rufen Candys Freunde, während sie Schnaps in den Trichter kippen. Candy schluckt noch, da kotzen andere schon, schlafen auf den Badezimmerfliesen ein oder lassen sich von fremden Typen vögeln. Das ist nicht schön anzusehen, geht aber schon eine Weile so.

Candy ist eine der Hauptfiguren in Spring Breakers, einem Spielfilm, der im März in die Kinos kommt. Er zeigt Studentinnen, die in den Semesterferien nach Florida fahren und dann im Vollrausch die schiefe Bahn herunterschlittern. Erst saufen sie, dann kiffen sie, dann rauben sie Fast-Food-Läden aus, hängen mit Drogendealern rum, am Ende gibt es ein Massaker. Die Hauptrollen spielen Vanessa Hudgens (als Candy), Selena Gomez und der Hipsterliebling James Franco, der Soundtrack stammt von Sonny Moore alias Skrillex. Doch obwohl es um Studenten geht, habe ich selten einen Film gesehen, der weniger mit meinem Leben zu tun hat als dieser. Ich war noch nie beim Spring Break in Florida. Und ich kenne auch niemanden, der jemals bis zum Erbrechen aus einem Trichter gesoffen hat, obwohl längst auch deutsche Reisebüros Springbreak-Fahrten anbieten (meist nach Osteuropa) und deutsche Großraumdiscos Springbreak-Partys veranstalten (etwa in Erding, Rottweil oder Buxtehude).

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Nicht nur im Kino fühle ich mich in letzter Zeit vom Exzess bedrängt: Wenn ich morgens in die S-Bahn steige, sehe ich die Plakate der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die mich vor wilden WG-Partys warnen ("Kenn dein Limit"). Wenn ich abends den Rechner aufklappe, blinken dort die Banner von Pornoseiten wie Dare Dorm oder College Fuck Fest, bei denen jede Wohnheimfeier zur Sexorgie ausartet. Und in Buchhandlungen liegt stapelweise Ich guck mal, ob du in der Küche liegst, der dritte Bestseller von smsvongesternnacht.de, einer Website, die SMS-Dialoge sammelt wie diesen hier: "17:34: Magst mich morgen zur Uni mitnehmen? – 17:38: Wenn du aufmerksam wärst, würdest du merken, dass ich die Woche noch gar nicht in der Uni war und jeden Tag stockbreit daheim sitz."

Überall herrscht der studentische Vollrausch. Überall, beginne ich zu glauben, außer in der Realität. Bin ich der Einzige, der nicht unentwegt auf Partys geht, die völlig aus dem Ruder laufen? Wird unter echten Studenten auch nur annähernd so viel gesoffen wie im Kino, im Internet, in der Werbung? Ich will das herausfinden und fahre nach Hamburg-St. Pauli.

Die Zentralambulanz für Betrunkene liegt im Bermudadreieck des Suffs zwischen Reeperbahn, dem Hamburger Kirmesplatz und dem Stadion des FC St. Pauli und ist der Albtraum eines jeden Trinkers: Wer hier aufwacht, in einem kargen Raum, der leicht nach Desinfektionsmittel riecht, und auf einer Matratze, die in Plastikfolie eingeschweißt wurde, damit man sie leicht abspülen kann, der hat am Vorabend die Kontrolle verloren. Zuerst über seinen Durst, dann über den Verstand. Leute, die auf der Clubtoilette zusammenbrechen und nicht mehr allein nach Hause finden, schlafen sich hier unter medizinischer Aufsicht den Rausch aus.

"Wir bekommen Leute aus fast allen Schichten und Altersgruppen", sagt Kai "Haui" Hauerwaas, einer der beiden Sanitäter, die hier die Betrunkenen beaufsichtigen. Erst gestern sei ein promovierter Mathematiker eingeliefert worden, sagt sein Kollege Oliver "Olli" Wickbold. Der sei barfuß gewesen, trotz der niedrigen Temperaturen, und am ganzen Körper mit Fingerfarbe bemalt. Als ich Olli und Haui danach frage, wann zum letzten Mal ein Student gebracht wurde, müssen die beiden lange überlegen. Vor zwei Jahren, sagt Haui, bekamen sie mal einen etwa Zwanzigjährigen aus einem Club, weil er nicht mehr ansprechbar war. "Der war aber schnell wieder klar", sagt Olli. "Die haben ihm wohl K.-o.-Tropfen in den Drink getan. Er trinkt gar nicht viel Alkohol, hat er gesagt, denn er ist Jura-Student." Und seitdem? "Hm", sagt Olli, "keine Studenten."

Von der Zentralambulanz ist es nicht weit bis zu einem der Clubs, die in Hamburg mit Studentenpartys werben. Drinnen stehen die einen rum und klammern sich ans Bier, die anderen posen für die Handykamera, um später ihren Facebook-Freunden zu beweisen, dass echt richtig was los war. Nett. Aber den Exzess muss ich wohl anderswo suchen.

Leserkommentare
  1. 1. DANKE

    Endlich hat mal einer reinen Tisch gemacht

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    • 15thMD
    • 16. April 2013 22:25 Uhr

    Ja, schade eigentlich, dass im Artikel die Wahrheit steht. Unsere Gesellschaft scheint zwar gelernt zu haben, weniger zu trinken und zu rauchen, aber scheinbar hat sie auch den Sinn für Spaß verloren. Ich will damit nicht sagen, dass man ohne Alkohol keinen Spaß hat. Aber auch im Bezug auf andere Lebensbereiche traut sich der Durchschnitt nicht mehr aus dem Rahmen zu fallen, richtigen Mist zu machen und sich völlig gehen zu lassen. Ob mit oder ohne Drogen. Und andersrum wird solches Verhalten natürlich sofort verurteilt.

    Die Zahl der Patienten in Krakenhäusern Alkoholvergiftungen steigt, während die durchschnittliche Promillezahl der eingelieferten (wenn sie denn überhaupt gemessen wird, also eher bei den heftigeren Fällen) sinkt.

    Der Perfekte Tagesablauf scheint zu sein:
    Nicht Rauchen, kein Alkohol, 3 mal die Woche Sport (aber nicht Joggen, schlecht für die Knie, sondern Walking, am besten mit Stöcken, oder Radfahren, natürlich mit Helm) und 2 Liter trinken am Tag. Morgens einen Kaffee, aber nicht zu stark, sondern einen Latte mit fettarmer Sojamilch ohne Koffein und am Abend einen Tee, aber nicht zu viel, der entwässert. Dazu Musik, aber nur leise, sonst könnte der Nachbar gestört werden und um 11 Uhr ins Bett.

    Das schlimmste dabei ist: Ich erwische mich selbst immer wieder bei solchem Verhalten. Mitten im Semester merkt man dann, das man seit 4 Wochen abends nicht mehr "richtig" weg war.

    Wir (die Gesellschaft) sind wirklich langweilig geworden.

  2. ...bei mir und meinen Kommilitonen habe ich schon vor 15 Jahren festgestellt, dass der Mythos des immer volltrunkenen Studenten* nicht ganz stimmt. Wir hatten unsere wilde Zeit vor dem Studium, während der 3 besten Jahre im Leben: Oberstufe!

    Als Abiturienten haben wir gut gefeiert und gut getrunken, als es ins Studium ging, wurde nicht nur ich, sondern auch viele meiner Kommilitonen und ehemaligen Schulfreunde, deutlich ruhiger. Klar gingen wir noch auf Partys und hatten Spaß, aber ich würde schon sagen, dass der Alkoholkonsum merklich abnahm je weiter das Studium fort schritt.

    Wenn man Deutsche Studies mit US Amerikanischen vergleicht, dann kann man auch Unterschiede sehen. In den US dürfen die meisten erst mit 21 Bier und Alkohol kaufen und konsumieren. Dort haben die Studies dann ihre wilde Party/Sauf Zeit in den frühen 20er. In diesem Alter haben sich Deutsche Studies schon abgekühlt und den Trink-und-Sturm Drang schon hinter sich.

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  3. Ich bin Student in München und im Prinzip bedeutet das 5-Tage-Wochenende, jedes Wochenende WG-Partys, Disko & Co. - ich hätte nicht gedacht, dass man seine Zeit so unproduktiv verbringen kann, wie das im Moment passiert (und ich bin da noch ein positiver Ausreißer, weil ich mit meinem StartUp noch gefordert bin). Wie sagte letzt der Postbote, als er Mittwochs um 2 Uhr sturmklingeln musste und wir dann völlig verratzt die Tür aufgemacht haben: "Jungs Ihr müsst was ändern, es kann nicht sein, dass eure Wohnung bis 2 Uhr tot ist!".

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    Also in deinem Fall kommt es wohl auf das Studium an. Ich hatte keine Zeit für ein 5-Tage-Wochenende + Uni-Veranstaltungen und dann noch nen StartUp (also außernuniversitäres Engagement).

    Aber zum eigtl. Artikel:

    Wieso sollten eigtl. gerade Studenten die Alkohol-Vernichter sein? Und was unterscheidet denn den "App-Entwickler" von nem Informatik-Studenten kurz vorm Diplom? ...also in Sachen verfügbarer Zeit, Geld und Motivation/Grund zu saufen? Sehr komischer Artikel....

    Das scheint wohl nicht gerade ein Naturwissenschaftliches zu sein.

    Wir hatten eine schöne 50-Stunden Woche in der Uni. Wenn man dann um 6, oder auch mal 8, nach Hause kam, dann musste man ja noch nach- und vorbereiten. Die Semesterferien gab es Prüfungen und Praktika. Die maximale zusammenhängende 'Freizeit' hat sich in meinen 3 Jahren Bachelor auf 2 Wochen belaufen.
    Wir waren aber natürlich auch feiern. An den Wochenenden ist Zeit, nach Prüfungen, also alle halbe Jahre...

    Was haben Sie denn studiert, falls Sie das öffentlich mitteilen wollen?

    • ihcark
    • 16. April 2013 14:55 Uhr

    Schön, dass die deutschen Studenten anscheinend weniger "schlimm" sind als allgemein angenommen. Aber so ist das eben mit Klischees, Studenten arbeiten nix und saufen umso mehr, Politiker lügen und Frauen können nicht einparken.
    Ich als Student habe kein Problem mit dem Klischee. Aber wenn Sie als Aufhänger für einen Artikel über die deutsche Studierendenschaft einen Film über den amerikanischen Springbreak und ein paar, wohl ebenso dort beheimateten, Pornoseiten heranziehen müssen, habe wohl nicht nur ich den großen Aufschrei in der deutschen Öffentlichkeit verpasst. Und das (vermeintliche) Collegeleben in den USA auf hiesige Universitäten zu übertragen geht schlichtweg nicht.
    Im Übrigen möchte ich nicht wissen, auf welchen Seiten Sie sich abends so rumtreiben anstatt sich die Birne wegzuschießen. Zeit.de hatte diese Werbung meines Wissens nach noch nicht. ;)

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    • 15thMD
    • 16. April 2013 22:05 Uhr

    Zu der Zeit, als ich noch keinen Adblock hatte, sind mir da vor allem diverse Filehoster und kino.to (bzw. deren Ableger kinox.to etc.) aufgefallen. Nichts besonderes also.

    • deDude
    • 16. April 2013 14:55 Uhr

    ... deckt sich größtenteils auch mit meinen Beobachtungen. Ich für meinen Teil trinke wenn's hochkommt ein mal im Vierteljahr, nicht weil ich mehr für gefährlich halte oder mich außerstande sehe mich zu kontrollieren wenn ich mehr trinke, sondern um mir den "Genuss" zu erhalten.

    Wenn ich mal etwas trinke, dann 1-2 Glässchen guten Whisky, der darf dafür dann aber auch ruhig etwas teurer sein.

    Schön fand ich im Artikel übrigens den folgenden Satz;

    "Und der Minderheit der Alkoholiker hilft man auch nicht, indem man sie bloß aus der Öffentlichkeit verscheucht."

    Ist bezeichnend für "Hilfe" bzw. für das was die Politik dafür hält ;-)

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    Sie trinken wenn (oder bis?) es hochkommt, einmal im Vierteljahr? (Tut mir leid, die Bemerkung mußte jetzt einfach kommen, oder?)

    ...und nennen sich "Dude"??????

  4. ... auf den Klassenfahrten am hiesigen Gymnasium kreist gerne schon auf dem Hinweg die Schnapsflasche und es gab seit Jahren keine Freizeit der höheren Jahrgänge mehr ohne mindestens einen alkoholbedingten Zusammenbruch.

    Kann sein, dass die Älteren unter uns früher insgesamt mehr oder regelmäßiger getrunken haben. Aber ich kann mich aus meiner Schul- und Studienzeit nicht an echte Saufpartys erinnern.

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  5. Sie trinken wenn (oder bis?) es hochkommt, einmal im Vierteljahr? (Tut mir leid, die Bemerkung mußte jetzt einfach kommen, oder?)

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    Antwort auf "Schöner Artikel..."
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    • deDude
    • 16. April 2013 15:09 Uhr

    ... ist bei mir schon lange nix mehr (Steilvorlage für einen weiteren schmutzigen Witz, ich weiß :P)

  6. Zu meiner Studentenzeit (1978-1984) wohnte ich in Köln Sülz in der Nähe der Zülpicher Str. Im Umkreis von ca. 2.000 Metern waren ca. 15-20 Kneipen, Bistros, Cafes, Restaurant, Biergärten, usw. Die In-Kneipen waren die Säge und die Destille. War eine Superzeit in den Kneipen, in der Uni und in Köln und Umgebung.

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