Bafög-SystemPleite in den Master

Viele Studenten warten auf ihr Bafög, manchmal monatelang. Das Fördersystem ist überlastet und lückenhaft – und die Verantwortlichen tun nichts dagegen. von Antonia Bauer

Bisher war Laila Oudrey, 22, zielstrebig und diszipliniert. Dann war sie plötzlich auch pleite. Im Bachelorstudium hatte Laila monatlich 597 Euro Bafög bekommen, doch damit war Schluss, als sie ihren Master antrat. »Ich war entsetzt und fühlte mich im Stich gelassen«, sagt sie.

Viele Studenten haben in diesem Semester länger als bisher auf ihr Geld gewartet. Meist ist die Überlastung der Bafög-Ämter der Grund dafür. »Mit der Zahl der Studienanfänger und Studenten ist auch die Zahl der Bafög-Antragsteller erheblich gestiegen«, sagt Achim Meyer auf der Heyde, der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks und damit auch oberster Sprecher der Bafög-Ämter, die zu den regionalen Studentenwerken gehören. Der »Bearbeitungsstau«, sagt er, »ist ein durchgängiges Problem in den Ländern.« Gelöst werden könne es, indem die Landesregierungen mehr Geld für Personal in den Bafög-Ämtern freigeben.

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Es gibt aber noch ein zweites Problem und das betrifft Laila Oudrey: Weil sie keine Zeit verlieren wollte, bewarb sie sich schon vor dem Ende ihres Bachelorstudiums auf einen Masterplatz in Germanistik an der Uni Bonn. Im letzten September gab sie ihre Bachelorarbeit ab, und schon im Oktober konnte sie ihr Masterstudium anfangen – dank einer vorläufigen Zulassung. Weil diese Zulassung aber nicht verbindlich ist, ist Lailas Bafög-Anspruch erloschen.

An vielen Hochschulen ist eine vorläufige Zulassung möglich, an manchen ist sie sogar die Regel: An der Uni Hamburg zum Beispiel wurden im letzten Herbst rund 1600 der insgesamt 2500 Masterstudenten vorläufig zugelassen. Die Hochschulen reagieren so auf das Ziel der Bologna-Reform, das Studium effizienter zu machen. 60 Studenten betreut ein Professor im Schnitt – da vergehen oft Monate, bis alle Arbeiten korrigiert, benotet und an die Prüfungsämter weitergeleitet sind, die dann die Zeugnisse ausstellen.

Bafög-Vergabe wurde nie richtig angepasst

Doch ohne Bachelorzeugnis gibt es kein Geld mehr vom Staat, so steht es in dem Gesetz, das die Bafög-Vergabe regelt. »Eine Förderung für das Masterstudium kann erst nach endgültiger Zulassung für dieses Masterstudium durch die Hochschule beginnen«, sagt Katharina Koufen, Sprecherin des Bundesbildungsministeriums. Und Corinna Sell-Keiderling, die Leiterin des Bonner Bafög-Amtes, das für Laila Oudrey zuständig ist, sagt: »Uns sind die Hände gebunden. Wir haben Verständnis für sie, aber wir müssen uns an das Gesetz halten.«

ZEIT Campus 2/13
ZEIT Campus 2/13

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Laila erzählt, dass ihr im Bafög-Amt empfohlen wurde, das Masterstudium abzubrechen. Sie solle sich einen Job suchen, einige Monate in Vollzeit jobben und sich später, wenn die Korrektur ihrer Bachelorarbeit fertig ist, wieder neu bewerben. »Ich will studieren«, sagt Laila, »Abbrechen kommt nicht infrage.« Sie entschied sich, parallel zum Masterstudium zu arbeiten: Werktags ging sie nach der Uni ins Büro und jobbte auch am Wochenende.

Fleißige Studenten sollen sich voll auf ihr Studium konzentrieren können – auch dann, wenn sie keine wohlhabenden Eltern haben. Das war die Idee, als das Bafög 1971 eingeführt wurde. Wer gefördert werden will, stellt einen Antrag. Ob es Geld gibt, entscheidet das zuständige Bafög-Amt nach den Regeln des Bundesgesetzes. Mit der Abgabe der Diplom- oder Magisterarbeit endet der Bafög-Anspruch dann wieder.

Leserkommentare
    • Raygin
    • 21. Februar 2013 11:31 Uhr

    ...haperts am Bafög-System. Ich selbst, Student an der TU-BS, habe nie in meinem Leben einen Cent an Bafög bekommen, ganz ohne dass meine Eltern reich wären. Sie haben ein Haus gebaut, weil sie nicht in den Genuss kamen, etwas zu erben (tatsächlich haben sie Schulden geerbt...) und ich habe noch zwei Geschwister, die beide auch studiert haben, meine Schwester ist seit kurzem fertig, mein Bruder studiert noch. Mein Bruder wird demnächst wohl den Höchstsatz bekommen, weil er auf dem zweiten Bildungsweg nach einer Ausbildung sein Abitur gemacht hat und damit jetzt ein Studium beginnen konnte. Falsch beraten wurde er übrigens auch, in seinem ersten Semester hätte er schon Geld kriegen müssen, bekommt er aber nicht.
    Ich habe offenbar den Fehler gemacht, mein Abi auf dem direkten Wege zu machen, danach Bachelor, jetzt Master. Dann bekommt man nämlich, ganz genau, nichts. Angeblich hätte mein Vater auch rund 650€ für mich zur Verfügung (wo soll man das denn her nehmen, bei 3 Kindern, knapp 80.000 Brutto im Jahr und einem Kredit auf einem Haus, ohne selbst zum Mönch zu werden?). Bin mittlerweile 25, bald 26, weil ich praktisch STÄNDIG neben dem Studium gearbeitet habe und nicht nur übergangsweise mal zwischen Bachelor und Master. Kindergeld gibts also auch nicht mehr, Krankenkasse muss selbst bezahlt werden, Studiengebühren wurden eingeführt bevor ich angefangen habe und abgeschafft, nachdem ich aufhöre. Alle, die Bafög ÜBERHAUPT bekommen, sollten sich also glücklich schätzen.

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    • Sikasuu
    • 21. Februar 2013 11:38 Uhr

    Die, die sich Bildung und Ausbildung leisten können, brauchen das nicht!
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    Und die, die öffentliche Mittel dazu brauchen, sind doch nur unschöne Konkurrenz für die etablierten Gruppen.
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    Wer glaubt das Bildungspolitik von Mo-Fr. den Sonntagsreden entspricht, dem fehlt Bildung :)
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    Dreigliederiges Schulsystem, soziale Selektion beim Übergang zur weiterführenden Schule, Unterfinanzierung von Schule und UNI, Bafög auf dem Niveau eines dritten Welt Landes (wobei ich die dritte Welt nicht beleidigen will)
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    Also, Leistung muss sich wieder lohnen! Wenn man das Geld der Eltern dazu benutzen kann.
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    Brummige Gruesse
    Sikasuu
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    Ps Von wem war der Ausspruch: Wir müssen in Bildung investieren, das ist der Exportartikel der Zukunft!
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    Ich glaube die Dame ist noch bis 9.2013 im Amt!

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  1. Nicht nur die langen Wartezeiten, sondern auch die undurchsichtige Bürokratie ist ein Problem. Ich hatte meine mündliche Bachelorprüfung im Juli, da ich schnelle Prüfer hatte und früh angefangen habe. Da mein Masterstudium aber erst im Oktober begann, hatte ich über 2 Monate Pause und war aufgrund dessen in dieser Zeit (ohne das es mir mitgeteilt wurde) nicht BaföG berechtigt. Allerdings bekam ich weiterhin BaföG! Nachdem mein neuer Antrag bearbeitet war (im Februar!), wurde mir mitgeteilt, dass ich die 2 Monate zurückzahlen musste. Gnädigerweise konnte ich es in Raten bezahlen, die von meinem neuen BaföG-Satz abgezogen wurde.

    Ich wurde also erstens dafür bestraft, dass ich mein Bachelorstudium schnell abgeschlossen habe und zweitens wurde mir durch die Ratenzahlung mein BaföG-Satz gekürzt (der ja im Endeffekt den schon den Mindestbedarf eines Studenten darstellt).

    Nach meiner Beschwerde bekam ich nur zu hören, dass ich mich halt besser hätte informieren müssen...

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    Ganz klar, daran trägt das Bafög-Amt keine Schuld. Nach Abgabe der letzten Prüfung erlischt der Anspruch auf Bafög, das Ende muss dem Amt unverzüglich mitgeteilt werden. Soll das Amt riechen, dass Sie bereits fertig sind? In den zwei Monaten zwischendrin hätten Sie arbeiten gehen oder sich arbeitslos melden können.
    Man muss sich als Bafög-Empfänger eben nicht nur seiner Rechte sondern auch Pflichten bewusst sein.

  2. ... war das Zauberwort durch das sichergestellt werden sollte, dass die deutschen Abschlüsse - die man intern ja immer schon für sooooo viel besser hielt als alle anderen (Aussagen von Professoren und Verwaltungspersonal zwischen 1997 bis heute habe ich genug - international als gleichwertig anerkannt werden (darum umgetauft wurden), alles schneller effizienter gehen sollte, etc.... Dabei wurde übersehen, dass der Mangel an internationaler Vergleichbarkeit immer schon woanders steckte, nämlich im Paradox der Überverwaltung (Legitimation durch Verfahrens und der Annahme so prozedurale Gerechtigkeit zu erlangen) bei gleichzeitiger Etablierung lokaler Sonderformen an allen Unis. Das hat sich trotz Bologna nicht geändert. Zentralisierung und deutsches Mandarinat sowohl der Professoren als auch der verwaltungs-technisch-politischen Hoheiten, anstatt akademischer Mittelbau und studentenorientierung der Verwaltung: Das Prozedere zuerst, dann der Mensch. Es lebe das rosa Formular, und das blaue, un der Durchschlag,.....

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  3. Da haben sich die Schulen auf den Weg gemacht, nach vielfacher Kritik im Zuge von Vergleichstests wie PISA usw. die Auslese nach sozialen Kriterien zunehmend zu entschärfen, schwupps, da verschiebt sich das Problem lediglich an die Unis ...

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    • sinta
    • 21. Februar 2013 12:38 Uhr

    Ich habe auch alle 6 Monate das Vergnügen den Bafög-Antrag mit auszufüllen - was ich nicht verstehe: Es gibt Daten, die ändern sich nicht, man könnte die Anträge schon ein wenig personalisieren. Ich bleibe nunmal die Mutter meines Sohnes, auch mein Geburtstag/Geburtsort wird sich nicht ändern. Aber gut. Immerhin, in Rheinlandpfalz braucht es keine Bestätigung für den jüngeren Bruder, dass er noch zur Schule geht, was man auch gut am Geburtstdatum ersehen kann, da noch schulpflichtig - in Hessen wurde das gebraucht. Wenn gravierende Änderungen beim Studenten eintreten, müssen die doch so oder so mitgeteilt werden.

    Was ich auch nicht verstehe, sind die doch merkwürdigen Öffnungszeiten von den Bafög-Büros und ohne Termin schonmal gar nicht und was weiß ich. Vor zwei Jahren hatte ich eine Frage die mich betraf, und dachte mir so, rufst einfach mal an. Mache ich nie wieder. Es ist eine unglaubliche Rennerei, Hetzerei die auch noch sehr Zeitintensiv ist.
    Eventuell wären ja bei dem ein oder anderen Studenten Folgeanträge gar nicht so verkehrt, ich könnte mir vorstellen, dass das viel Zeit auf den Bafögstellen sparen würde.
    Aber was weiß ich schon von Bürokratie ...

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    "Ich habe auch alle 6 Monate das Vergnügen den Bafög-Antrag mit auszufüllen - was ich nicht verstehe: Es gibt Daten, die ändern sich nicht, man könnte die Anträge schon ein wenig personalisieren"

    Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Wenn man nicht bei jedem Antrag die Daten angeben müsste, die sich sowieso nicht ändern, würde den Bafög-Ämtern viel Arbeit erspart werden und die Wartezeiten wären möglicherweise nicht so lang.
    Das Problem mit der vorläufigen Zulassung würde sich so natürlich auch nicht lösen. Die Mühlen mahlen eben langsam.
    Aber wie Sikasuu schon angemerkt hat, ist das wahrscheinlich so gewollt.

    • Xarx
    • 21. Februar 2013 12:53 Uhr

    "Prüfungstermine sollten so gelegt werden, dass die Bachelornoten zu Beginn des Masterstudiums bekannt sind."

    Ein Beleg dafür, dass das Bafög-Amt keine Ahnung hat. Man kann eine Bachelor-Arbeit schlecht auf einen Termin festlegen, da es schließlich keine einheitliche Prüfung ist. In meinem Falle mussten wir die Bachelor-Arbeit in einem Betrieb oder Institut schreiben. Davor war ein 14 wöchiges Praktikum mit Praktikumsarbeit Pflicht. Aber jeder beginnt nun mal zu einem anderen Zeitpunkt für seine Arbeit und es kann auch gerne mal zu Verzögerungen kommen. Bei mir wäre es fast unmöglich gewesen rechtzeitig zum Wintersemester im Master das Zeugnis zu erhalten. Die schnellsten hatten Anfang Oktober ihre Verteidigung. Ich hatte meine im November.

  4. Ganz klar, daran trägt das Bafög-Amt keine Schuld. Nach Abgabe der letzten Prüfung erlischt der Anspruch auf Bafög, das Ende muss dem Amt unverzüglich mitgeteilt werden. Soll das Amt riechen, dass Sie bereits fertig sind? In den zwei Monaten zwischendrin hätten Sie arbeiten gehen oder sich arbeitslos melden können.
    Man muss sich als Bafög-Empfänger eben nicht nur seiner Rechte sondern auch Pflichten bewusst sein.

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    Natürlich hätte ich mich besser informieren müssen, allerdings lag dem BaföG-Amt mein Abschlusszeugnis auch vor (da ich es dort abgegeben habe). Was mich allerdings stört ist dieses Ungleichgewicht zwischen dem was gefordert wird und wie gefördert wird. Ich kann gerne 3 Monate auf mein Geld warten, aber wehe ich gebe irgendwas nicht innerhalb von 2 Wochen an. Gerade auf diese bürokratische Diskrepanz wollte ich aufmerksam machen. Die besagte Regelung wurde nämlich auch nicht im BaföG-Amt selber zugänglich gemacht (ist ja, wie im Artikel beschrieben, nicht für die Gesetze verantwortlich).
    Desweiteren finde ich es ein Unding, einen Betrag festzusetzen der ausdrücklich das Minimum darstellt und im Nachhinein diesen noch zu kürzen, also unter die Bedarfgrenze zu gehen.
    Eingeverantwortung muss natürlich erbracht werden, aber man muss es doch den Studenten nicht noch Steine in den Weg legen...

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