ZEIT Campus: Frau Winko, Sie betreuen Ihre Doktoranden besonders gut und haben dafür einen Preis als "Beste Doktormutter Deutschlands" bekommen. Was darf man als Doktorand von seinem Professor verlangen?

Simone Winko: Dass er mit dem Thema sehr gut vertraut ist und die Arbeit sonst gar nicht erst akzeptiert. Dass er sich genügend Zeit für Sie nimmt. Dass er sich gemeinsam mit Ihnen Gedanken macht, wer sich als Zweitbetreuer eignet. Und dass er sich regelmäßig von Ihnen auf den neuesten Stand bringen lässt. Sie können und sollten im ersten Gespräch offen fragen, was er darüber hinaus zu leisten bereit ist. Und im Zweifel jemanden suchen, der besser zu Ihnen und Ihren Bedürfnissen passt.

ZEIT Campus: Umgekehrte Frage: Wonach wählen Sie Ihre Doktoranden aus?

Winko: Mich interessiert immer als Erstes, warum jemand sich so ein Projekt wie eine Doktorarbeit überhaupt vornimmt. Manche haben es vor allem auf den Titel abgesehen. Das ist zwar nachvollziehbar, aber nicht sinnvoll. Ich empfehle nur denen zu promovieren, die für ihr Thema brennen und die sich darauf freuen, tiefer in die Materie einzudringen.

ZEIT Campus: Das behaupten doch wahrscheinlich alle.

Winko: Ja, aber einige überschätzen sich in diesem Punkt. Ich achte auch darauf, ob jemand fachlich sehr gut ist, neugierig und engagiert. Wichtig ist außerdem, dass man in der Lage ist, Durststrecken durchzustehen.

ZEIT Campus: Gibt es die denn zwangsläufig?

Winko: Meistens schon. Nicht zu Beginn natürlich. Da sind die meisten noch voller Elan, lesen viel, fertigen eifrig Skizzen an, sind hoch motiviert. Aber sobald es ans Schreiben geht und die Dinge ausformuliert werden müssen, werden doch viele unsicher. Sie merken, dass sie sich die Sache zu einfach vorgestellt haben.

ZEIT Campus: Was ist so schwer am Promovieren?

Winko: Man wird im Laufe der Arbeit immer mal wieder auf ein Problem stoßen, das man nicht vorhersehen konnte und das sich alleine nicht lösen lässt. Viele schotten sich dann ab. Das erlebe ich immer wieder. Oder sie verzweifeln an einer Fragestellung, die sich im Austausch mit anderen klären ließe. Ich kann nur jedem empfehlen, möglichst viele Kontakte zu knüpfen: auf Tagungen, an einer Graduiertenschule und natürlich im Kolloquium.

ZEIT Campus: Was macht man im Kolloquium?

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Winko: Man stellt dort sein Projekt vor, präsentiert Fortschritte, diskutiert über Methoden und vergleicht, wie andere so arbeiten. Meine Doktoranden treffen sich mindestens einmal im Semester dafür. Manchmal gehe ich mit ihnen auch für ein Wochenende in Klausur. Letztes Jahr waren wir zum Beispiel auf einer Burg. Da kriegt man den Kopf frei, ist konzentrierter, kann die Dinge aus der Distanz betrachten und vor allem viel mit Menschen in der gleichen Lage sprechen.

ZEIT Campus: Was hilft noch beim Durchhalten?

Winko: Selbstdisziplin und Ehrlichkeit mit sich selbst. Sich rechtzeitig an den Betreuer wenden, wenn Probleme auftauchen – bevor die Situation zu belastend oder gar lähmend wird. Man kann aber nicht erwarten, dass der Professor einem die Initiative abnimmt.

ZEIT Campus: Was kann man selber tun?

Winko: Man sollte feste Zeiten definieren, in denen man konzentriert am Schreibtisch sitzt. Selbst die Engagiertesten haben damit Probleme. Helfen können Kurse zur Arbeitsorganisation, die manche Universitäten anbieten.

ZEIT Campus: Heißt das, das restliche Leben liegt erst einmal auf Eis?

Winko: Überhaupt nicht! Mir hat mal ein Doktorand ganz stolz erzählt, er habe für seine Dissertation den Sport aufgegeben. Das ist völlig falsch. Man hält doch viel besser durch, wenn man sein Leben nicht nur nach der Arbeit ausrichtet. Klar muss man versuchen, die Zwischenziele, die man sich gesetzt hat, einzuhalten. Ich verlange zum Beispiel ab dem zweiten Jahr regelmäßige Kapitelabgaben. Aber ich habe mich auch sehr gefreut, als im letzten Jahr plötzlich eine meiner Doktorandinnen schwanger wurde.

ZEIT Campus: Dann wird es doch erst recht schwierig.

Winko: Das schon, aber man eignet sich einen gesunden Pragmatismus an und lernt, seine Zeit effektiver zu nutzen. Sie glauben ja nicht, wie viele Zweifel einige haben: Am Ende können sie kaum einen Schluss finden, weil sie an ihren eigenen Ansprüchen scheitern. Sie schreiben dies noch mal um oder prüfen jenes doppelt und dreifach. Dann lieber weniger Umwege gehen – und nebenbei noch leben.

ZEIT Campus: Auch wenn die Arbeit darunter leidet?

Winko: Das muss sich auf die Qualität ja nicht unbedingt negativ auswirken. Die Arbeit wird umgekehrt sogar oft besser, wenn man den Elfenbeinturm hin und wieder einmal verlässt und sich ein wenig Freizeit gönnt.

ZEIT Campus: Man kann ja auch parallel zu einem Beruf promovieren.

Winko: Das kann man. Ich würde Ihnen aber eher davon abraten. Eine Dissertation neben der Arbeit zu schreiben ist nach meiner Erfahrung der häufigste Grund fürs Scheitern: Schlicht und ergreifend, weil sie nie fertig wird.