ZEIT Campus: Herr Wagner, an keine europäische Universität kommen so viele deutsche Erasmus-Studenten wie zu Ihnen nach Sevilla. Nervt das manchmal?

Rafael Wagner: Nein, denn die meisten Austauschstudenten zeigen ein echtes Interesse an unserer Hochschule, der Stadt und ihrer Kultur. Die Deutschen ganz besonders.

ZEIT Campus: Ein Vorurteil ist: Erasmus-Studenten bleiben unter sich und denken nur an Partys, aber nicht an die Uni.

Wagner: Natürlich, sie sind jung, wollen feiern und was erleben! Aber sie benehmen sich deshalb nicht daneben, wir mussten noch niemanden von der Polizeistation abholen. Ich ärgere mich nur, wenn manche denken, dass sie ihre Credit-Points geschenkt bekommen. Bei uns besuchen Erasmus-Studenten dieselben Kurse wie alle anderen Studenten auch – und müssen dieselben Prüfungen bestehen.

ZEIT Campus: Wie finden es die Einheimischen, dass jedes Jahr rund 2000 fremde Studenten in ihre Stadt kommen?

Wagner: Vor zehn Jahren war das für viele gewöhnungsbedürftig. Sevilla ist keine Metropole wie Madrid oder Barcelona, hier fällt es auf, wenn Horden ausländischer Studenten durch die Fußgängerzone laufen, in den Cafés sitzen und den Einheimischen Fragen stellen. Inzwischen ist Erasmus jedem ein Begriff, die Leute sind offen und herzlich.

ZEIT Campus: Was verrät den Austauschstudenten, wenn er bei Ihnen durch die Stadt läuft?

Wagner: Früher erkannte man die Deutschen an den hochgezogenen Socken, die sie in ihren Sandalen tragen. Das sieht man heute kaum noch. Ein paar Unterschiede bleiben: Der gewöhnliche Spanier ist nicht blond. Und er trägt keine Flipflops und T-Shirts, bloß weil im März die Temperaturen langsam steigen. Wenn es für uns fast noch Winter ist, fragen einige unserer Austauschstudenten schon, wo es zum Strand geht.

ZEIT Campus: Was kann man tun, um im Erasmus- Semester schnell Anschluss an die Einheimischen zu finden?

Wagner: Viele Studenten kommen im vierten oder fünften Semester, da haben sich an der Uni natürlich längst Cliquen gebildet. Das Anquatschen müssen die Neuen übernehmen. Man kann in der Mensa den Tischnachbarn etwas fragen oder sich einer Lerngruppe anschließen. Der Rest ergibt sich dann schon. Am besten bleibt man locker und setzt auf gegenseitige Sympathie, statt sich zwanghaft mit jedem Spanier anfreunden zu wollen.

ZEIT Campus: Was sollte man auf keinen Fall tun?

Wagner: Das kommt ganz auf den Aufenthaltsort an. Hier in Spanien sollte man sich nicht darüber aufregen, dass die Geschäfte mittags schließen. Dafür haben sie ja abends länger geöffnet. Und auf der Straße sollte man die Leute auf Spanisch ansprechen. Selbst wenn man sich dabei einen abbricht, wird der andere geduldiger reagieren, als wenn man gleich auf Englisch fragt. An der Uni ist das aber anders: Dort freuen sich viele über eine Gelegenheit, ihr Englisch anzuwenden.