ZEIT Campus: Herr Vaupel, haben Sie eigentlich Mitleid mit mir?

James W. Vaupel: Mitleid mit Ihnen? Warum denn?

ZEIT Campus: Ich bin 23 und bekomme fast täglich zu hören, welche großen Probleme auf meine Generation zukommen: Der Klimawandel ist kaum mehr zu stoppen, Europas Einheit bröckelt, und die sozialen Sicherungssysteme werden vom demografischen Wandel bedroht. Klingt nicht gerade nach einer leuchtenden Zukunft, oder?

Vaupel: Trotzdem habe ich doch kein Mitleid mit Ihnen. Im Gegenteil, ich beneide Sie und die heutigen Studenten sogar! Ihre Generation hat wahrscheinlich ein viel besseres Leben als meine oder die meiner Eltern oder Großeltern. Sie werden länger leben als jede Generation vor Ihnen, Sie haben – statistisch gesehen jedenfalls – etwa 15 Jahre mehr als ich. Und vor allem sind es 15 gesunde Jahre mehr.

ZEIT Campus: Wir sind mitten in einer Wirtschaftskrise...

Vaupel: ...aber langfristig gesehen steigt die Wirtschaftskraft. Sie werden also auch reicher sein als meine Generation. Sie sind besser gebildet als wir. Und Sie werden künftig nicht so hart arbeiten müssen.

ZEIT Campus: Warum nicht?

Vaupel: Weil Arbeitsabläufe effizienter werden, Maschinen anstrengende Arbeit schneller erledigen und so die Produktivität steigt. Sie werden wahrscheinlich mehr Jahre Ihres Lebens arbeiten müssen als ich heute, dafür aber weniger Stunden pro Woche.

ZEIT Campus: Sind Sie sicher? Viele meiner Freunde arbeiten neben dem Studium ziemlich viel. Und mein Mitbewohner legt regelmäßig Nachtschichten ein, um seine Aufgaben für die Uni zu schaffen.

Vaupel: Das sind Ausnahmen. Langfristig geht der Trend aber in die Richtung, dass immer mehr Frauen arbeiten und auch immer mehr Alte, weil sie später in Rente gehen. Dadurch sinkt die Belastung für den Einzelnen.

ZEIT Campus: Aber in den nächsten Jahren kommen einige Probleme auf uns zu.

Vaupel: Das stimmt, es gibt eine Reihe von ernsten Themen: Der Terrorismus wird im Laufe Ihres Lebens gefährlicher werden, weil zukünftige Terroristen biologische oder atomare Waffen benutzen können. Vielleicht haben Sie auch mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen. Das Weltwirtschaftswachstum könnte sich abschwächen, und neue Seuchen könnten auftreten und sich schnell in der ganzen Welt verbreiten.

ZEIT Campus: Trotzdem beneiden Sie uns?

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen. © ZEIT CAMPUS

Vaupel: Ja, natürlich! Denken Sie an mein Leben, an das Leben meiner Eltern, denken Sie an das 20. Jahrhundert: Erster Weltkrieg, Spanische Grippe, Weltwirtschaftskrise, Hitler, Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg. Als ich ein kleiner Junge war, haben wir geübt, uns unter dem Tisch vor einer Atombombe zu verstecken. Wir haben jeden Tag mit der Angst gelebt, dass die Welt morgen untergehen könnte. Vielleicht wird auch das 21. Jahrhundert schlimm. Aber es hat besser angefangen.

ZEIT Campus: Viele meiner Altersgenossen studieren, arbeiten, einige reisen für Praktika um die halbe Welt und beklagen sich, dass sie kaum Zeit für die Dinge haben, die ihnen wichtig sind. Warum nutzen wir die Zeit nicht besser?

Vaupel: Für mich hört sich das so an, als sei ihre Zeit ziemlich sinnvoll ausgefüllt. Beschäftigt zu sein ist allemal besser, als sich zu langweilen. In einem Punkt haben Sie recht: Es ergibt nicht besonders viel Sinn, wie wir unsere Lebenszeit im Moment aufteilen.

ZEIT Campus: Wie meinen Sie das?

Vaupel: Im Alter von 25 bis 45 Jahren arbeiten die Menschen sehr hart. Aber das sind genau die Jahre, in denen man Kinder bekommt und großzieht, in denen man heiraten kann, um die Welt reisen, neue Dinge lernen will.

ZEIT Campus: Und wenn man mit 45 genug Zeit hat, sind die eigenen Kinder erwachsen und wollen nichts mehr von einem wissen.

Vaupel: Genau. Und deshalb glaube ich, dass wir länger arbeiten sollten: mehr Jahre, aber weniger Stunden pro Woche. Die Hälfte aller Kinder in Deutschland werden wahrscheinlich ihren 100. Geburtstag feiern. Warum sollten sie mit 60 in Rente gehen wollen? Sie hätten noch Jahrzehnte gesunden Lebens vor sich.